Auch in Sendenhorst muss gelten - Nie wieder Nazis!
Auch in Sendenhorst muss gelten - Nie wieder Nazis!
Heimatverein Sendenhorst 1925 e.V.
Heimatverein Sendenhorst 1925 e.V.

Lebendige Erinnerungskultur

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Ein wichtiger Bestandteil unseres Vereinslebens ist die Pflege der lebendigen Erinnerungskultur. Durch Bewusstsein der Vergangenheit wird man motiviert, Werte wie Freiheit, Einigkeit, Demokratie und Toleranz aktiv zu leben und unsere freiheitlich demokratische Ordnung zu wahren und gegen ewig Gestrige zu schützen, im Rahmen eines vereinten Deutschlands, aber auch eines vereinten Europas, dies ist unsere Zukunft! Wir stehen für ein weltoffenes Deutschland und tolerieren keine Nazis!

 

DIe Seit wird zz aufgebaut: Hier ein Thema von F.P. Martin, Erlangen

Zur Vorbereitung einer 5-tägigen Exkursion zu „unbequemen Erinnerungsstätten“ in Bayern (Nürnberg, Erlangen, München und Dachau) habe ich mich in der letzten Zeit mehrfach auf der Webseite des Sendenhorster Heimatvereins aufgehalten. Denn in Erlangen werden wir im September den Spuren des Ehepaars Johannes Laink-Vissing und seiner jüdischen Frau Hildegard, geb. Katz folgen. Teilnehmer werden  etwa 25 Personen sein, alles meine Cousins und Cousinen im Ersten und Zweiten Grad, die versuchen wollen, den Lebensweg  der mit uns weitläufig verwandten Familie nachzuvollziehen:  Ein Weg, der für die Frau in der Gaskammer, für den Mann nach der bereits 1939 durch (vermutlich) die „Nürnberger Rassegesetze erzwungenen Trennung im Selbstmord und für die gemeinsame Tochter 1944 bei einem Bombenangriff tödlich endete. 
Paul Kornelius Johannes Laink-Vissing – so sein vollständiger Name - ein Vetter meiner westfälischen Oma Clara Topp geb. Lainck-Vissing  wurde am 16. Januar 1888 als letztes Kind des Kornbrenners Johannes Joseph Laink-Vissing und seiner Frau Clara, geb. Böcker geboren. Clara starb am 6. 2. 1888 im Wochenbett, ihr Mann Johannes, dem sie 9 Kinder im Alter zwischen 13 Jahren und 3 Wochen hinterließ, heiratete am 3. Juli 1888, also 5 Monate später, die aus Oelde stammende Anna Göbel.
Johannes scheint das Elternhaus sehr früh verlassen zu haben, denn weitere ihn betreffende Vorgänge und Beurkundungen habe ich in Sendenhorst - auch mit tatkräftiger Hilfe des Heimatvereins und seines rührigen Webmasters - nicht ausfindig machen können, es gibt auch in Familienunterlagen wie z.B. der „Chronik des Wüllener Hofes „Vissing“ keine Hinweise auf ihn und sein Schicksal. Soweit mein eigenes Gedächtnis und das meiner ältesten Verwandten, die ich alle befragt habe, zurückreicht, kommen Auschwitz und Shoah in der Familiengeschichte nicht vor.  Erst aus dem Jahr 1915 liegt mir ein amtliches Dokument über diesen Vetter meiner Oma vor, denn da rückte er bei der Bayrischen Armee als „ungedienter Landsturmpflichtiger“ beim 19. Bayer. Infanterie-Regiment in (Erlangen) I Ersatzbataillion ein. Bis dahin war er in Nürnberg polizeilich gemeldet. An der Front scheint er nicht gewesen zu sein, aber mehrere längere Lazarettaufenthalte  in Erlangen wegen Herzbeschwerden sind dokumentiert.
Am 30. März 1916 heiratete er in Erlangen die Jüdin Hildegard Katz, Tochter des dort gewerbeansässigen  Fotografen Simon Katz. Die Trauung erfolgte nach katholischem Ritus, Hildegard Katz blieb aber weiterhin mit dem Bekenntnis „Israelitisch“ eingetragen. Die am 14. Dezember 1916 geborene gemeinsame Tochter Clara war, ebenso wie ihr Vater Johannes, katholisch.  Da an keiner Stelle ein Religionswechsel Hildegard Laink-Vissings geborene Katz erwähnt ist, scheint sie an ihrem jüdischen Glauben festgehalten zu haben. Dass sie trotzdem Taufpatin für (mindestens) zwei Kinder Ihrer Schwester Gottliebe Bénesi geb. Katz war, die ebenfalls in einer katholisch-jüdischen „Mischehe“ lebte, widerspricht zwar dem katholischen Kirchrecht, schien also  für den katholischen Pfarrer, der die Taufen vornahm, kein Problem gewesen zu sein. In der Sterbeurkunde des Johannes Laink-Vissing vom 12. Mai 1939 ist Hildegards  Konfession weiterhin mit „Isr“ angegeben.
Offenbar gab Johannes seinen Beruf als Bankbeamter nach der Hochzeit auf und arbeitete im Fotogeschäft Katz, das nach dem Tod von Hildegards Vater Simon Katz ab 1927 von dessen beiden Töchtern gemeinsam geführt wurde. Seine Berufsbezeichnung wird von da an mit „Kaufmann“ angegeben, neben der Tätigkeit im Fotogeschäft ist er als Vertreter  für diverse Firmen tätig, darunter Textilien, Werkzeuge, Maschinen sowie Reklame- und Zugabeartikel.
Bei den Pogromen vom November 1938, die in Erlangen ihren Höhepunkt in den Morgenstunden des 10. November erreichten, wurde auch das Fotogeschäft geplündert. Hildegard Laink-Vissing und die inzwischen 18jährige Tochter Clara  wurden mit anderen Erlanger Juden in „Schutzhaft“ genommen, derweil „im hohen Bogen aus dem Foto- und Zigarrengeschäft Katz/Bénesi/Laink-Vißing“ Fotoartikel, Zigaretten Zigarren und Zubehör (flogen)“. 1950 wurde in einem Prozess der ziemlich misslungene Versuch gemacht,  die Schuldigen der Pogrome  zu belangen.  Von 26 Angeklagten wurden 19 freigesprochen – weil sie „Opfer eines politischen Irrtums“ geworden seien. Die übrigen 7 Angeklagten erhielten Freiheitsstrafen  von maximal 11 Monaten, die aber keiner der Angeklagten antraten musste. 
Ab  November 1937 lebte Hildegard Laink-Vissing mit Ihrem Mann Johannes und Tochter Clara in dem Mehrfamilienhaus Bayreuther Straße 17½ in Erlangen, wo sich seit 2006 auch ein „Stolperstein“ mit ihrem Namen befindet. Denn das war ihre „letzte selbst gewählte Wohnung“.  Aus dieser gemeinsamen Wohnung zogen Vater und Tochter am 1. April 1939 aus und meldeten sich 4 Tage später in Nürnberg, Bruckerstraße 86 an, wo Johannes am 11. Mai 1939 gemäß der vom zuständigen Oberstaatsanwalt erstatteten Sterbefallanzeige  tot aufgefunden wurde. Die Todesursache „Selbstmord“ findet sich nicht in der Sterbefallanzeige, wohl aber in seiner Gewerbekarte. 
Die mit 43 Jahren Witwe gewordene Hildegard Laink-Vissing behielt zunächst die bisherige Wohnung, am 25. Juni 1940 wurde ihr in Erlangen im „Judenhaus“ Raumerstraße 11 eine neue Wohnung zugewiesen, wo  seit März 1939 bereits Hildegards Mutter Wilma und Schwester Gottliebe mit ihrer fünfköpfigen Familie lebte. Vermutlich aufgrund Ihres Status‘ als Witwe eines „Ariers“ blieb sie bis August 1943 von den Nazis weitgehend unbehelligt und musste auch keinen Judenstern tragen. Am 3. August 1943 traf aber auch sie das Schicksal von 6 Million jüdischen Leidensgenossen: Sie wurde verhaftet und über Heidelberg und Nürnberg am 20. Oktober 1943 nach Auschwitz deportiert. Als Todestag ist der 4. Dezember 1943 amtlich protokolliert. Danach berühmte sich Erlangen, „judenfrei“ zu sein.
Tochter Clara heiratete am 24. Dezember 1940 in Nürnberg den Heitersheimer Kaufmann Franz August Heinrich Brück und zog mit ihm nach Freiburg. Am 27. November 1944 kam sie dort bei einem schweren Luftangriff ums Leben.
Mit diesem Gästebucheintrag möchte ich zweierlei bezwecken:
1. Die Sendenhorster auf das bislang offensichtlich Schicksal eines ehemaligen Mitbürgers und seiner Familie aufmerksam machen,
2. Um Hilfe bei der Erforschung des Lebenswegs von  Paul Kornelius Johannes Laink-Vissing bitten, insbesondere der Zeit bis zu seinem Wegzug aus Sendenhorst. Jeder Hinweis ist willkommen!
Den Lesern dieses Eintrags danke ich für ihre Geduld und dem Heimatverein für seine vielfältigen Aktivitäten bei der Erforschung der lokalen Geschichte und der Menschen, welche diese Geschichte erlebt und geprägt haben.  Für einen auswärtigen Interessenten ist die Homepage eine perfekte Anlaufstelle, um von da aus weitere Informationsquellen zu erschließen. Ad multos annos!
Franz Peter Martin
St. Georgenstraße 7
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Tel. +49 (0) 6434 4566
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