Wenn der Nebel über den Feldern liegt, die Bäume auf der Hardt rauschen und in den alten Straßen kaum noch ein Schritt zu hören ist, kehren sie zurück: die ruhelosen Toten, geheimnisvollen Gestalten und unheimlichen Erinnerungen aus der Sendenhorster Vergangenheit.
Viele dieser Geschichten wurden über Generationen weitererzählt. Manches mag sich tatsächlich so ähnlich ereignet haben, anderes wurde am Herdfeuer ausgeschmückt. Und gelegentlich ist kaum noch zu erkennen, wo die Geschichte endet und die Sage beginnt.
Johann Loißingh war in Sendenhorst kein unbeschriebenes Blatt. Schon als junger Mann war er mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Im Jahr 1631 stellte man ihn an den Pranger, peitschte ihn öffentlich aus und verwies ihn aus dem Land.
Viele Jahre blieb er verschwunden.
Dann kehrte er zurück.
Es war ein kalter, regnerischer Tag, als Johann wieder vor den Toren Sendenhorsts erschien. Sein Gesicht war eingefallen, seine Kleidung zerrissen und jeder Schritt bereitete ihm Mühe. Er war schwer krank und wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb.
Der Pastor wurde gerufen. Doch Johann wollte weder beichten noch die Kommunion empfangen.
„Ich brauche keinen Pfarrer“, soll er gesagt haben. „Und ich brauche auch keinen geweihten Boden.“
Kurze Zeit später starb er.
Weil er die kirchlichen Sakramente verweigert hatte, durfte er nicht auf dem Kirchhof bestattet werden. Man verscharrte ihn stattdessen in seinem eigenen Garten.
Noch in derselben Nacht brach ein gewaltiges Unwetter über Sendenhorst herein. Der Wind heulte durch die Straßen, Regen peitschte gegen die Häuser und Blitze zuckten über den Himmel. Dächer wurden beschädigt, Bäume stürzten um und die Menschen glaubten, das Ende der Welt sei gekommen.
Am nächsten Tag besserte sich das Wetter nicht. Auch am zweiten und dritten Tag tobte der Sturm weiter.
Bald flüsterten die Leute:
„Loißingh findet keine Ruhe.“
Schließlich wurde sein Leichnam wieder ausgegraben. Was danach genau geschah, ist nicht eindeutig überliefert. Einige erzählten, man habe den Toten an einem abgelegenen Ort verbrannt. Andere behaupteten, seine Überreste seien weit außerhalb der Stadt verscharrt worden.
Doch in dem Augenblick, als Johann Loißingh aus seinem Garten entfernt worden war, soll der Sturm nachgelassen haben.
Bis heute heißt es, dass man in besonders stürmischen Nächten manchmal Schritte auf nasser Erde hören könne – dort, wo der Tote einst begraben lag.
Vor langer Zeit lebten auf einem Hof bei Sendenhorst zwei Brüder. Als der Vater starb, sollte der ältere Bruder den Hof übernehmen. Doch der jüngere wollte sich damit nicht abfinden.
Mit falschen Aussagen, gefälschten Papieren und guten Beziehungen brachte er den Hof an sich. Der rechtmäßige Erbe wurde vertrieben.
Der ältere Bruder zog sich in ein dichtes Waldstück zurück. Dort errichtete er eine armselige Hütte und lebte fern von den Menschen. Viele Jahre lang sah man ihn kaum noch im Dorf.
Doch seinen Hof vergaß er nie.
„Was mir genommen wurde, hole ich mir zurück“, soll er gesagt haben. „Und wenn es länger dauert als ein Menschenleben.“
Als er starb, fand seine Seele keine Ruhe.
Seitdem, so erzählt man, umkreist sein Geist die Wälder und Wiesen. In jedem Jahr nähert er sich dem verlorenen Hof um genau einen Hahnenschritt.
Nicht mehr.
Aber auch nicht weniger.
Eines Winters gingen zwei Männer in den Wald, um eine Tanne zu schlagen. Es war bereits dunkel, als sie ein seltsames Geräusch hörten. Es klang wie ein schwerer Schritt im gefrorenen Laub.
Sie blieben stehen.
Das Geräusch verstummte.
Sie gingen weiter.
Wieder folgte ein Schritt.
Als die Männer in Richtung des Geräusches liefen, entfernte es sich. Kehrten sie um, folgte es ihnen erneut.
Schließlich ließen sie die Tanne liegen und rannten nach Hause.
Seit dieser Nacht soll niemand mehr genau wissen, wie weit der Geist noch von seinem Hof entfernt ist. Vielleicht fehlen ihm noch hundert Jahre.
Vielleicht aber auch nur noch wenige Hahnenschritte.
Früher erzählten sich die alten Leute in Sendenhorst eine düstere Prophezeiung.
Eines Tages, so hieß es, werde ein Hauptmann durch das Südtor in die Stadt reiten. Er werde weder grüßen noch anhalten. Sein Pferd werde schweißbedeckt sein, und sein Mantel werde im Wind flattern.
Sobald dieser Hauptmann erscheine, müssten die Bewohner Sendenhorsts alles stehen und liegen lassen.
„Nehmt Brot und Wasser für drei Tage“, lautete die Warnung. „Geht nach Fiehens Büschken und verlasst das Versteck nicht, bevor der dritte Tag vergangen ist.“
Denn östlich und südlich der Stadt würden feindliche Heere ihre Geschütze aufstellen. Von dort sollten sie über Sendenhorst hinweg auf Münster feuern.
Tag und Nacht würde der Himmel von den Kanonen erleuchtet. Das Donnern sei bis weit in das Münsterland zu hören. Münster selbst werde am Ende nur noch ein großer Haufen aus Steinen und rauchenden Trümmern sein.
Sendenhorst aber solle verschont bleiben – sofern die Menschen rechtzeitig nach Fiehens Büschken flüchteten.
Über viele Generationen achteten deshalb besonders die älteren Einwohner darauf, wer durch die Stadt ritt. Und wenn irgendwo in der Ferne Kanonendonner oder ein schweres Gewitter zu hören war, fragten manche besorgt:
„Ist der Hauptmann schon gekommen?“
Bis heute ist er nicht erschienen.
Oder vielleicht hat ihn nur niemand erkannt.
Die Hardt war früher ein stiller und einsamer Ort. Besonders in der Nähe der Teiche lag nachts dichter Nebel über dem Wasser. Das Schilf raschelte, obwohl kein Wind wehte, und aus dem Wald drangen Geräusche, die sich nicht erklären ließen.
Dort soll ein schwarzer Hund umgegangen sein.
Es war kein gewöhnliches Tier.
Er war größer als ein Kalb, hatte einen gewaltigen Kopf und Augen, die rot glühten. Manche sagten, seine Augen seien so groß wie Zinnteller gewesen. Andere behaupteten, aus seinem Maul sei Rauch aufgestiegen.
Ein Bauer begegnete ihm eines Nachts auf dem Heimweg. Zunächst glaubte er, am Wegrand liege ein schwarzer Baumstumpf. Doch als er näher kam, hob das Wesen langsam den Kopf.
Zwei rote Augen öffneten sich.
Der Bauer blieb wie angewurzelt stehen.
Der Hund erhob sich lautlos und trat auf den Weg. Kein Knurren war zu hören, kein Bellen. Nur das leise Tropfen des Wassers aus seinem schwarzen Fell.
Der Bauer machte einen Schritt zurück.
Der Hund folgte ihm.
Da bekreuzigte sich der Mann und rief:
„Im Namen Gottes, weiche von mir!“
Im selben Augenblick erloschen die roten Augen. Der Hund verschwand, als wäre er im Nebel versunken.
Am nächsten Morgen fand man an der Stelle große Pfotenabdrücke. Sie führten bis an das Ufer des Teiches.
Doch aus dem Wasser kamen keine Spuren wieder heraus.
Das Brökerfeld konnte nachts unheimlich still sein. Kein Licht war zu sehen, kein Haus in der Nähe. Nur die schmalen Wege zogen sich durch Felder, Wiesen und feuchte Niederungen.
Eines Abends kehrte ein Bauer spät nach Hause zurück. Nebel lag über dem Weg. In einiger Entfernung erkannte er eine dunkle Gestalt.
Der Mann trug ein langes schwarzes Gewand.
„Guten Abend, Herr Kaplan“, rief der Bauer.
Die Gestalt antwortete nicht.
Der Bauer beschleunigte seinen Schritt. Doch je näher er kam, desto langsamer ging der Fremde. Schließlich war er nur noch wenige Meter entfernt.
Da bemerkte der Bauer, dass über dem weißen Priesterkragen kein Kopf zu sehen war.
Wo ein Gesicht hätte sein müssen, war nur Nebel.
Der Bauer ließ seine Laterne fallen und rannte quer über das Feld davon. Hinter sich hörte er das Rascheln des langen Gewandes. Die Gestalt schien ihm zu folgen, ohne einen einzigen Schritt zu machen.
Erst als die ersten Häuser Sendenhorsts sichtbar wurden, verstummte das Geräusch.
Warum der Kaplan ohne Kopf durch das Brökerfeld wandern muss, weiß heute niemand mehr. Vielleicht hatte er ein schweres Vergehen begangen. Vielleicht wurde er selbst Opfer eines Verbrechens.
Die alten Leute warnten jedenfalls:
Wer nachts im Brökerfeld einen Geistlichen sieht, sollte nicht versuchen, sein Gesicht zu erkennen.
Steltenkämper galt als ein Mann, der mehr wusste als andere. Er kannte Kräuter, konnte Krankheiten behandeln und sagte manchmal Dinge voraus, die später tatsächlich eintrafen.
Doch ihm genügte dieses Wissen nicht.
Er wollte Macht.
In einer mondlosen Nacht ging er zum Witten Paohl, einem einsamen und verrufenen Ort. Dort stellte er sich ans Wasser und rief dreimal nach dem Herrn der Finsternis.
Zunächst geschah nichts.
Dann wurde das Wasser schwarz.
Aus dem Nebel trat ein vornehmer Herr mit dunklem Mantel und glänzenden Stiefeln. Nur seine Füße verrieten ihn: Unter dem Mantel waren keine menschlichen Schuhe, sondern gespaltene Hufe zu erkennen.
„Du hast mich gerufen“, sagte der Fremde.
Steltenkämper verlangte einen Zauberstab, mit dem er Menschen und Tiere beherrschen könne.
Der Teufel lächelte.
„Du bekommst, was du verlangst. Doch nach deinem Tod gehörst du mir.“
Steltenkämper zögerte. Dann setzte er seinen Namen unter den Vertrag.
Der Teufel reichte ihm einen schwarzen Stab und verschwand.
Von diesem Tag an soll Steltenkämper Dinge vollbracht haben, die kein gewöhnlicher Mensch vermochte. Er heilte Tiere, ließ verschlossene Türen aufspringen und brachte Diebe dazu, ihr Diebesgut zurückzugeben.
Doch mit jedem Jahr wurde er stiller. Oft sah man ihn nachts zum Witten Paohl gehen, als müsse er dort Rechenschaft ablegen.
Als Steltenkämper schließlich starb, zog ein schwarzes Gewitter über Sendenhorst. In seinem Haus fand man weder den Zauberstab noch seinen Leichnam.
Nur auf dem Boden waren zwei tiefe, eingebrannte Hufspuren zu sehen.
Südlich der Stadt lebte, so erzählte man sich, das Spinnmöderken.
Es erschien meist als kleine, alte Frau mit einem dunklen Kopftuch. Neben ihr stand ein Spinnrad, das sich manchmal ganz von allein drehte. Niemand wusste, woher sie kam oder wo sie wohnte.
Eigentlich galt das Spinnmöderken nicht als böse. Zu den Menschen aus dem Kirchspiel soll es meist freundlich gewesen sein. Es half verirrten Wanderern und warnte gelegentlich vor Unwettern.
Trotzdem gingen Kinder nur ungern an seinem Aufenthaltsort vorbei.
Eines Morgens musste ein Junge allein zur Schule. Dichter Nebel lag über dem Weg. Plötzlich hörte er das Surren eines Spinnrades.
Am Rand des Weges saß eine alte Frau.
„Komm einmal her“, sagte sie. „Hilf mir, den Faden zu halten.“
Der Junge erinnerte sich an die Warnungen seiner Mutter und wollte weiterlaufen.
Da riss der Faden.
Das Spinnmöderken sah ihn ernst an.
„Wer den Faden des Lebens zerreißt, muss ihn auch wieder verbinden.“
Der Junge bekam große Angst. Dennoch hob er das Ende des Fadens auf und reichte es der alten Frau.
Sofort lächelte sie.
„Du hast ein gutes Herz.“
Sie gab ihm ein kleines Stück Brot und schickte ihn weiter. Als er sich nach wenigen Schritten umdrehte, waren die Frau und das Spinnrad verschwunden.
Das Brot aber soll niemals kleiner geworden sein, ganz gleich, wie viel die Familie davon aß.
Vor vielen Jahrhunderten führte eine alte Handelsstraße durch die Gegend von Sendenhorst. Kaufleute transportierten dort Stoffe, Salz, Werkzeuge und Münzen.
Eines Tages verlor ein Händler einen schweren Ledersack. Er enthielt Silber- und Goldmünzen und war beinahe sein gesamtes Vermögen.
Verzweifelt kehrte der Kaufmann um und fragte auf den umliegenden Höfen nach seinem Besitz.
Ein Bauer hatte den Sack beim Pflügen gefunden.
Doch er schwieg.
„Ich habe nichts gesehen“, behauptete er.
Der Kaufmann blickte ihn lange an. Dann sagte er:
„Wenn du den Sack gefunden hast und ihn mir vorenthältst, soll das Geld weder dir noch deinen Kindern Glück bringen.“
In der folgenden Nacht hörte der Bauer aus der Truhe ein leises Klirren. Als er sie öffnete, lagen die Münzen darin, obwohl er sie zuvor an einem anderen Ort versteckt hatte.
Am nächsten Abend begann das Klirren erneut. Bald wurden die Tiere krank, die Ernte verdarb und im Haus waren nachts schwere Schritte zu hören.
Aus Angst legte der Bauer die Münzen wieder in den Ledersack. Er brachte ihn zu einer alten Steinkuhle und vergrub ihn tief in der Erde. „Dort sollst du bleiben, bis dich ein ehrlicher Mensch findet“, sagte er.
Viele Generationen später, im Jahr 1932, wurde auf dem Steinkühlerfeld tatsächlich ein gewaltiger mittelalterlicher Münzschatz entdeckt.
War es derselbe Schatz?
Oder entstand die Sage erst, nachdem die Münzen gefunden worden waren? Das weiß niemand.
Sicher ist nur: Ein großer Teil des Schatzes verschwand nach seiner Entdeckung erneut.
Vielleicht lastete der Fluch noch immer auf ihm.
Zeitzungsbericht vom Fund 1932
Schatzgräber in Sendenhorst.
Am Mittwoch der vergangenen Woche stießen Arbeiter bei Kultivierungsarbeiten in der Steinfuhle des Gutsbesitzers Große-Kogge, Sendenhorst, Bauerschaft Bracht, in einer Tiefe von ¾ Meter auf eine alte, steinerne Urne, die aber leider beim Hacken zerbrach. Der wertvolle Inhalt, bestehend aus 382 stark mit Grünspan überzogenen Kupfer-, Silber- und einzelnen Goldmünzen, konnte aber geborgen werden. Der Wert und das Alter der Münzen lassen sich im Augenblick noch nicht feststellen. — Die beiden Schatzgräber (rechts Heinrich Schmalz, Sendenhorst, links August Krimphove, Sendenhorst, im Hintergrund (Mitte) Straßenbaumeister Timmes (unter dessen Leitung die Arbeiten ausgeführt werden)) mit der zerbrochenen Urne und den gefundenen Münzen.
Photo: K. Tigger
Auf dem Hof Schulze Horstrup wurde einst eine große Hochzeit gefeiert. Unter den Gästen befanden sich mehrere Männer, die als Schöffen einem geheimen Femegericht angehörten.
Während Wein und Bier ausgeschenkt wurden, zogen sich die Männer in eine Ecke zurück. Sie sprachen über Angeklagte, Urteile und bevorstehende Verfahren. Dabei benutzten sie geheime Worte, die nur Mitglieder der Feme verstehen sollten.
Doch ein Hochzeitsgast namens Hesso hörte ihnen zu.
Als einer der Schöffen eine Bemerkung machte, musste Hesso lachen. Damit verriet er, dass er die geheime Sprache verstanden hatte.
Die Männer verstummten.
„Woher kennst du diese Worte?“, fragte einer.
Hesso versuchte, die Sache herunterzuspielen. Doch die Femeschöffen fürchteten, er könne ihre Geheimnisse verraten.
Später verließen sie unbemerkt das Fest. Aus jungen Weidenzweigen flochten sie einen festen Strick und warteten am Wegesrand.
Als Hesso in der Dunkelheit nach Hause ging, traten sie aus dem Gebüsch.
Am nächsten Morgen fand man ihn an einem Baum.
Niemand wollte etwas gesehen haben. Niemand stellte Fragen. Die Macht und das Schweigegebot der Feme waren zu groß.
Ein Kreuz am Weg soll noch lange an Hessos gewaltsamen Tod erinnert haben. Und wenn in der Nacht der Wind durch die Weiden fährt, hört es sich manchmal an, als würden unsichtbare Hände wieder einen Strick flechten.
Im 15. Jahrhundert sollen Fraterherren in Sendenhorst gelebt haben. Ihr Fraterherrenhaus wird in dem Bereich vermutet, in dem sich heute der Parkplatz hinter der Nordstraße befindet.
Von diesem Haus, so erzählt man, habe ein unterirdischer Gang bis in die Nähe der Kirche geführt.
Der Eingang soll hinter einer schweren Holztür verborgen gewesen sein. Eine schmale Treppe führte tief hinab in einen gemauerten Gang. Er war so niedrig, dass selbst ein kleiner Mann gebückt gehen musste.
Warum der Gang angelegt wurde, ist unbekannt.
Vielleicht konnten die Fraterherren dadurch unbemerkt zur Kirche gelangen. Vielleicht diente er als Fluchtweg in Kriegszeiten. Andere glaubten, dort seien Bücher, Kirchenschätze oder verbotene Schriften verborgen worden.
Ein alter Handwerker soll den Gang viele Jahre später zufällig entdeckt haben. Bei Arbeiten hinter der Nordstraße gab der Boden unter ihm nach. Unter einer dünnen Erdschicht kam ein gemauertes Gewölbe zum Vorschein.
Mit einer Laterne stieg er hinab.
Der Gang führte in Richtung Kirche. An den Wänden befanden sich kleine Nischen, in denen längst verloschene Kerzen standen. Nach einigen Metern hörte der Handwerker aus der Dunkelheit das leise Murmeln mehrerer Männer.
Er rief hinein.
Das Murmeln verstummte.
Dann antwortete eine Stimme:
„Schließe den Weg. Seine Zeit ist noch nicht gekommen.“
Der Handwerker lief davon und ließ den Eingang am nächsten Tag zumauern. Später wollte er niemandem mehr zeigen, wo er sich befunden hatte.
Ob es diesen Geheimgang wirklich gab, ist bis heute nicht bewiesen. Doch gelegentlich soll der Boden hinter der Nordstraße hohl klingen.
Und wer dort nachts genau hinhört, kann vielleicht tief unter sich langsame Schritte hören – Schritte, die sich von dem ehemaligen Fraterherrenhaus in Richtung Kirche bewegen.
Die Sendenhorster Sagen sind nicht nur erfundene Gruselgeschichten. Viele knüpfen an wirkliche Orte, Personen oder historische Ereignisse an.
Den großen Münzschatz vom Steinkühlerfeld gab es tatsächlich. Auch die Gerichtsbarkeit der Feme gehört zur örtlichen Geschichte. Über Johann Loißingh existieren alte Berichte, und die Fraterherren haben in Sendenhorst ihre Spuren hinterlassen.
Doch die Sage fragt nicht nur danach, was geschehen ist.
Sie fragt auch, was geschehen sein könnte.
Vielleicht streift der schwarze Hund noch immer durch die Hardt. Vielleicht nähert sich der vertriebene Hoferbe jedes Jahr um einen Hahnenschritt seinem Hof. Und vielleicht wartet unter der Nordstraße noch immer ein zugemauerter Gang darauf, wiederentdeckt zu werden.
Denn alte Geschichten verschwinden nicht.
Sie warten nur darauf, erneut erzählt zu werden.