2. Pichetta (Ober-) + Peuker (Nieder-Schlesien)
2.1 Pichetta, Krol, Meißner & Synowietz Oberschlesien, Kattowitz, Breslau, Eisenach
Am 24. Dezember 1940 heirateten Alfred Pichetta und Martha Peuker in Breslau. Alfred stammte aus der Kattowitzer Pichetta-Linie, Martha aus Groß Döbern im Kreis Brieg in Niederschlesien.
Bis zum Krieg lebten die Großeltern in Breslau. Die wichtigsten Orte der Pichetta-Linie waren Kattowitz, Königshütte, Laurahütte, Schönheide im Kreis Grottkau, Myslowitz, Chelm, Siemianowitz, Schoppinitz und Neu-Berun / Beesdorf. Die Peuker-Linie führt nach Breslau und Groß Döbern; dazu gehören auch Ackermann, Müller und Andres.
Nach 1945 flüchtete die Familie unter anderem nach Köln, Eisenach, Bayreuth und Moers. Die Eltern des Opas gingen nach Eisenach. Alfred Josef Pichetta starb dort am 5. November 1955, Berta Pichetta, geborene Synowietz, am 27. Mai 1958.
Alfred kam nach sowjetischer Kriegsgefangenschaft nach Wermelskirchen. Martha, ihre Mutter Anna Peuker, geborene Ackermann, Tante Gustel, Hans und Christel waren 1945
dorthin geflohen. Später ging die Familie nach Köln, Alfred wurde als Beamter der LZB nach Münster versetzt. 1971 zogen die Großeltern nach Sendenhorst, wo sie auch begraben sind. Opa Alfred starb
1980, Oma Martha 1996. Meine Mutter Christine war Einzelkind, somit ist nach deren Tod 2021 die Pichetta-Linie in Sendenhorst erloschen, es bleiben noch die Linien Reutlingen und Moers, Kinder &
Kindeskinder von Opas Bruder Kurt.
Bei meinen Großeltern habe ich eine wunderbare Kindheit verbracht, Danke!
Alfred Pichetta war über viele Jahrzehnte ein leidenschaftlicher Amateurfunker. In der Welt des Amateurfunks taucht sein Name immer wieder auf. Besonders aussagekräftig sind seine Funkbestätigungskarten, die sogenannten QSL-Karten. Sie sind zunächst technische Belege für Funkverbindungen, zugleich aber auch kleine historische Dokumente. Denn sie nennen Orte, Zeiten und Rufzeichen und machen damit einzelne Stationen eines bewegten Lebens sichtbar.
Alfred stammte ursprünglich aus Kattowitz in Schlesien. Später lebte die Familie in Breslau. Ob er bereits dort, also noch vor 1937, als Funkamateur aktiv war, lässt sich bislang nicht belegen. Denkbar wäre es durchaus, denn die späteren Karten zeigen, dass er schon früh mit dem Funkwesen vertraut gewesen sein muss. Gesichert greifbar wird Alfred als Funker erstmals im Jahr 1937.
Vermutlich stand diese Phase bereits im Zusammenhang mit seiner späteren militärischen Laufbahn. Im Zweiten Weltkrieg war Alfred unter anderem bei den Fernmeldern eingesetzt. Längere Zeit soll er in Paris stationiert gewesen sein, bevor er an die Ostfront versetzt wurde. Auch hier passt seine Nähe zur Funktechnik ins Bild: Der Umgang mit Nachrichtenverbindungen, Funk und technischer Kommunikation war offenbar ein roter Faden in seinem Leben.
Nach Kriegsende geriet Alfred in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Rückkehr kam er nach Wermelskirchen. Dort hatten Martha, ihre Mutter Anna Peuker, geborene Ackermann, Tante Gustel sowie Hans und Christel bereits Zuflucht gefunden. Wermelskirchen wurde damit zu einem ersten wichtigen Ankerpunkt nach Krieg, Gefangenschaft, Flucht und Verlust der alten Heimat. In einer Zeit, in der vieles neu aufgebaut werden musste, griff Alfred offenbar auch wieder zum Funkgerät.
1954 war Alfred gerade von Wermelskirchen nach Köln umgezogen. Zwischen 1957 und 1959 verwendete er von Köln-Weidenpesch aus eine QSL-Karte mit Lufthansa-Motiv. Ob dies auf eine berufliche Verbindung zur Fluglinie hindeutet, lässt sich bislang nicht sicher sagen. Es bleibt aber eine interessante Spur.
Später führte Alfreds beruflicher Weg weiter nach Münster. Er wurde als Beamter der Landeszentralbank dorthin versetzt. 1971 zogen Alfred und Martha schließlich nach Sendenhorst, wo sie ihren letzten gemeinsamen Lebensmittelpunkt fanden und später auch begraben wurden.
Auch in Sendenhorst blieb Alfred dem Amateurfunk verbunden. Noch 1975 ist er von dort aus als Funkamateur aktiv nachweisbar. Damit spannt sich der Bogen seiner Funkgeschichte von den 1930er Jahren bis weit in die Nachkriegszeit hinein.
Alfred der Funker ist deshalb mehr als nur ein Beiname. Es ist ein Stück Familiengeschichte, ein Stück Technikgeschichte und zugleich ein leiser Hinweis darauf, wie Menschen nach den Brüchen des 20. Jahrhunderts wieder Anschluss suchten: an Orte, an Menschen und an die Welt.
Die Familie Pichetta ist in den gesicherten Quellen fest mit Oberschlesien verbunden. Wichtige Orte sind Kattowitz, Königshütte, Laurahütte, Siemianowitz, Schoppinitz, Myslowitz, Chelm, Neu-Berun / Beesdorf und Schönheide im Kreis Grottkau.
Zur Herkunft des Namens Pichetta gibt es eine mündliche Überlieferung: Ein erster deutscher Urahn sei aus einem Tal in den italienischen Alpen gekommen und habe bei der Einbürgerung in Preußen den Namen Pichetta angenommen. Dieser Name solle mit einem Halbedelstein zusammenhängen, der in seiner früheren Heimat abgebaut worden sei.
Diese Erzählung bleibt unsicher. Der angebliche Edelstein ließ sich bislang nicht nachweisen. Realistischer erscheint eine Herkunft aus dem ostmitteleuropäischen Raum oder eine Geschichte im Zusammenhang mit Migration, Militär, Grenzverschiebungen oder der frühen Industrialisierung.
Ein neuerer Hinweis führt eher Richtung Włodowice in Polen. Danach könnten die Pichettas erst mit der dritten Polnischen Teilung 1795 zu Preußen gekommen sein. In polnischen Datenbanken und Kirchenbüchern finden sich inzwischen zahlreiche Pichetta-Spuren.
Mathias Pichetta ist der früheste sicher greifbare Stammvater der Familie Pichetta. Am Anfang der bisher greifbaren Pichetta-Linie steht nicht sofort der Name
Pichetta, sondern zunächst die Krol-Linie im Raum Tarnowitz. Valentin Krol,auch Król oder Kroll geschrieben, war Hüttenarbeiter im oberschlesischen Industriegebiet, vermutlich im Umfeld von Tarnowitz
und Brzeziny Śląskie.
Seine Ehefrau ist namentlich nicht sicher bekannt. NN Kuchta. Damit verbinden sich die frühen Spuren der Linie mit zwei typisch oberschlesischen Familiennamen: Krol/Król und Kuchta.
Beide passen gut in den katholischen, polnisch-oberschlesischen Raum um Tarnowitz.
Die Tochter von Valentin Krol und der Frau NN Kuchta war
Franziska Krol. Sie wurde wahrscheinlich zwischen 1800 und 1810 geboren und starb am 8. April 1883 in Strzelnitz. Franziska heiratete Mathias Pichetta, dem frühesten bislang sicher greifbaren
Stammvater der Pichetta-Linie.
Mathias Pichetta wurde etwa 1801/1802 geboren. Sein genauer Geburtsort ist noch nicht gesichert; im Sterbeeintrag wird nur „Polen“ als Herkunft genannt. Später lebte und arbeitete er im
oberschlesischen Industrierevier, vor allem im Raum Laurahütte / Huta Laura. Er starb am 24. März 1885 in Laurahütte.
Der genealogische Einstieg lautet damit: Valentin Krol aus dem Raum Tarnowitz und eine Frau aus der Familie Kuchta → Franziska Krol → Mathias Pichetta. Die Pichetta-Linie beginnt quellenmäßig also in
enger Verbindung mit den oberschlesischen Familien Krol/Król und Kuchta.
Bekannte Kinder von Mathias Pichetta und Franziska Krol sind Agnes, Apolonia, Rosalia, Johann, Johanna, Caroline, Jakob und Josef Pichetta. Mehrere Kinder starben früh in Laurahütte. Die Stammfolge wird durch Josef Pichetta fortgesetzt, geboren am 12. März 1847 in Laurahütte und gestorben am 21. April 1923 in Kattowitz.
Josef Pichetta wurde am 12. März 1847 in Laurahütte geboren und starb am 21. April 1923 in Kattowitz. Er war Bergmann und später Steiger a. D. Am 21. April 1872 heiratete er in Siemianowice / Wandacolonie Luise Meißner.
Luise Meißner wurde am 22. Juli 1849 in Schönheide im Kreis Grottkau geboren und starb am 20. Oktober 1939 in Schoppnitz. Ihre Eltern waren Johann Meißner und Johanna Günther. Die zuständige katholische Pfarrei für Schönheide war St. Michael Erzengel in Grottkau, heute Grodków.
Die Meißner-Familie ist niederschlesisch geprägt. Mit Luise Meißner erfolgt der Zuzug beziehungsweise die Verbindung ins oberschlesische Industriegebiet, wo sich die Linie mit Pichetta verbindet.
Nach 1890 kam die Familie nach Kattowitz. 1911 wohnte sie in der Grundmannstraße 38 im Haus des Metzgers Scharf. Josef war damals bereits 63 Jahre alt und Steiger a. D.
Transkription: 1. Festungs-Pionier-Compagnie, 6. Armee-Corps. Wegnahme der Lünette Nr. 53 am 20. und 21. Sept. 1870. Gefreiter Joseph Pichetta aus Laurahütte, Kreis Beuthen, Ober-Schlesien. Leicht verwundet durch Streifschuss an der linken Brust. Bei der Compagnie geblieben.
Joseph Pichetta aus Laurahütte, Kreis Beuthen in Oberschlesien, diente 1870 als Gefreiter in der 1. Festungs-Pionier-Compagnie des 6. Armee-Corps. Bei der Wegnahme der Lünette Nr. 53 am 20. und 21. September 1870 wurde er durch einen Streifschuss an der linken Brust leicht verwundet, blieb jedoch bei seiner Compagnie.
Eine Lünette war ein vorgelagertes kleines Festungswerk, also eine Schanze vor der eigentlichen Festung. Die „Wegnahme“ bedeutete die Einnahme oder Erstürmung eines solchen Außenwerks. Hier geht es sehr wahrscheinlich um die Kämpfe bei der Belagerung von Straßburg 1870.
Alfred Josef Pichetta wurde am 2. Dezember 1880 in Königshütte-Colonie geboren und starb am 5. November 1955 in Eisenach. Er war der Sohn von Josef Pichetta und Luise Meißner.
Am 5. Februar 1908 heiratete Alfred Josef in Kattowitz Berta Augusta Synowietz. Berta wurde am 23. August 1889 in Kattowitz geboren und starb am 27. Mai 1958 in Eisenach.
Alfred Josef und Berta hatten zwei Söhne: Kurt, geboren 1913, und Alfred Eberhard, geboren am 10. April 1915 in Kattowitz. Eine weitere Schwester verstarb früh an Diphtherie.
Die Übersicht der Ahnen von Alfred Josef lautet: Vater Josef Pichetta, Mutter Luise Meißner; Großeltern Mathias Pichetta und Franziska Krol sowie Johann Meißner und Johanna Günther.
Die Familie Synowi(e)tz stammt aus der Gegend um Neu-Berun, Chelm und Myslowitz. Bertas Vater Karl Synowietz wurde am 27. Oktober 1862 in Chelm bei Myslowitz geboren und starb am 11. Oktober 1913 in Kattowitz.
Karl Synowietz heiratete am 4. Juni 1888 in Kattowitz Franziska Prorok. Sie wurde am 26. Februar 1870 in Beesdorf / Neu-Berun geboren und starb am 25. Februar 1939 in Breslau.
Die Eltern von Karl Synowietz waren Jakob Synowietz und Maria Madas. Die Eltern von Franziska Prorok waren Mathias Prorok und Maria Beyer.
Interessant ist die Schreibweise des Namens: In der Familie wurde erzählt, Synowietz werde ohne „e“ geschrieben. In den Quellen begegnet aber auch die Form Synowietz.
Der Raum Myslowitz, Chelm und Neu-Berun verbindet diese Linie mit dem oberschlesischen Grenz- und Industrieraum.
Synowietz / Prorok: aus dem alten Raum Chelm, Neu-Berun und Myslowitz
Die Linie Synowietz / Prorok führt nicht einfach nur nach Kattowitz. Sie verweist tiefer in den südöstlichen oberschlesischen Raum um Chelm, Neu-Berun / Beesdorf und Myslowitz. Das ist wichtig, denn dieser Raum war älter als die spätere Industriestadt Kattowitz und lange von katholischen, oberschlesischen Dorf- und Grenzgemeinden geprägt.
Karl Synowietz wurde am 27. Oktober 1862 in Chelm bei Myslowitz geboren. Seine spätere Frau Franziska Prorok stammte aus Beesdorf / Neu-Berun. Damit gehört diese Familienlinie in einen Raum, der schon vor dem großen Aufstieg Kattowitz’ eine eigene Geschichte hatte: alte Dörfer, Kirchspiele, Wege, Grenzen, Handel, Landwirtschaft, später auch Bergbau, Industrie und Verkehr.
Bierun / Berun war bereits seit dem Mittelalter ein wichtiger Ort an Verkehrswegen. Neu-Berun entstand im 19. Jahrhundert an einer neuen Straßen- und Grenzlage und zog Zollbeamte,
Postleute, Handwerker, Bahnleute und Arbeiter an. In dieser Landschaft zwischen Chelm, Myslowitz, Neu-Berun und Kattowitz bewegten sich Familien wie Synowietz, Prorok, Madas und Beyer.
Der Raum Chelm, Neu-Berun / Beesdorf und Myslowitz war kein eindeutig deutscher oder polnischer Raum, sondern ein typisch oberschlesischer Mischraum. Polnische Sprache und
katholische Dorfkultur, deutsche Verwaltung, Schule, Militär und Industrie, eine eigene schlesische Alltagsidentität sowie jüdisches Leben in Handel, Handwerk und den wachsenden Städten bestanden
nebeneinander.
Familiennamen wie Synowietz, Prorok, Madas oder Beyer zeigen diese Verflechtung gut. Manche Namen wirken polnisch oder slawisch, andere deutsch, doch im Alltag gehörten sie oft zur selben oberschlesischen Lebenswelt. Menschen wechselten Sprachen, Schreibweisen und Zugehörigkeiten je nach Amt, Kirche, Schule, Beruf und politischer Lage. Aus Synowietz konnte in der Familie oder in deutschen Zusammenhängen auch Synowitz werden, ohne dass damit zwingend eine völlig andere Herkunft gemeint war.
Kattowitz wurde für diese Familien erst im 19. Jahrhundert zum neuen Mittelpunkt. Die junge Industriestadt wuchs durch Eisenbahn, Bergbau, Hüttenwesen, Verwaltung und Handel rasant. Wer aus Chelm, Neu-Berun oder Myslowitz nach Kattowitz kam, wechselte also nicht einfach den Wohnort, sondern kam aus einem älteren oberschlesischen Milieu in eine moderne, schnell wachsende Industriestadt.
Erst Nationalstaat, Grenzziehungen, Volksabstimmung und die Teilung Oberschlesiens machten aus dieser gewachsenen Mischung zunehmend politische Gegensätze. Für die Familiengeschichte ist deshalb
wichtig: Die Synowietz-Linie steht nicht nur für einen Namen, sondern für eine ganze oberschlesische Übergangslandschaft zwischen Dorf und Industrie, Polen und Deutschland, schlesischer Eigenart und
städtischer Moderne.
Die Synowietz-Linie gehört damit in den alten südöstlichen oberschlesischen Raum Chelm – Neu-Berun / Beesdorf – Myslowitz. Kattowitz ist in dieser Geschichte eher der spätere industrielle
Sammelpunkt, nicht der eigentliche Ursprungsraum.
Eberhard Pichetta war ein Bruder von Alfred Josef Pichetta. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Teilung Oberschlesiens 1922 verschlug es ihn nach Militsch, ebenso wie seine Schwester Kläre, die später Pfeiffer hieß.
Er kam über Berlin und durch Vermittlung seiner Schwester Kläre nach Militsch. Kläre Pfeiffer betrieb dort eine Fleischerei. Eberhard war in Militsch bei Martha Berisch zunächst als Elektro-Volontär und Gastwirt tätig. Später betrieben sie nur noch die Gastwirtschaft.
Die Gastwirtschaft hieß „Deutsche Eiche“. Eberhard war der Patenonkel von Alfred Eberhard Pichetta, der seinen Zweitnamen von ihm erhielt. In der Familienüberlieferung blieb außerdem die Geschichte einer versprochenen goldenen Uhr erhalten.
Alfred Eberhard Pichetta wurde am 10. April 1915 in Kattowitz geboren. Wenn die goldene Uhr zur Erstkommunion versprochen war und man dafür grob ein Alter von 6 bis 8 Jahren ansetzt, liegt diese Geschichte ungefähr in den Jahren 1921 bis 1923. Vom Jahr 2026 aus gerechnet sind das rund 103 bis 105 Jahre. Die alte Formulierung „dann wäre das Ganze ja erst 100 Jahre her“ ist damit überholt. Treffender ist heute: Die Geschichte um die goldene Uhr liegt mehr als ein Jahrhundert zurück.
Die Uhr soll Alfred Eberhard zur Kommunion versprochen worden sein. Nach dem Krieg meldeten sich Anverwandte der Familie Scharf aus dem westfälischen Raum, doch ein Kontakt kam nicht zustande. Eberhard selbst flüchtete nach dem Krieg mit unbekanntem Ziel; der Briefkontakt mit Martha Berisch riss ab. So blieb die goldene Uhr weniger als Gegenstand erhalten, sondern als offene Familiengeschichte: eine Spur zwischen Kattowitz, Militsch, Scharf, Eberhard und dem Patenkind Alfred Eberhard.
Die oberschlesische Teilung von 1922 war das Ergebnis eines langen und konfliktreichen Prozesses nach dem Ersten Weltkrieg. Sie entschied, wie Oberschlesien zwischen Deutschland und dem neu entstandenen Polen aufgeteilt wurde. Für die Familie Pichetta bildete diese Entwicklung eine tiefe historische Zäsur, auch wenn innerhalb der Familie dazu offenbar nur wenig schriftlich dokumentiert ist.
Gerade die Lebensdaten zeigen, wie unmittelbar die Familie von dieser Grenzverschiebung berührt wurde: Josef Pichetta starb 1923 in Kattowitz, das seit 1922 zu Polen gehörte. Seine Frau Luise Pichetta, geborene Meißner, starb 1939 in Schoppnitz, das ebenfalls in den polnischen Teil Oberschlesiens gefallen war.
Oberschlesien war einer der wichtigsten Industrie- und Rohstoffräume Mitteleuropas. Kohle, Stahl, Zink, Hüttenwerke und Bergbau machten die Region wirtschaftlich außerordentlich bedeutend. Zugleich war Oberschlesien sprachlich, kulturell und national gemischt. Gerade diese Mischung machte eine einfache Grenzziehung nach dem Ersten Weltkrieg fast unmöglich.
Der Versailler Vertrag sah für Oberschlesien eine Volksabstimmung vor. Am 20. März 1921 stimmten rund 59,6 Prozent für Deutschland und rund 40,4 Prozent für Polen. Das Gesamtergebnis löste das Problem jedoch nicht, denn die Ergebnisse unterschieden sich stark von Ort zu Ort: Städte und Industriezentren stimmten häufiger deutsch, ländliche Gebiete eher polnisch.
Zwischen 1919 und 1921 kam es zu drei oberschlesischen Aufständen. Sabotage, Streiks, Gefechte und paramilitärische Kämpfe prägten die Region. Zeitweise drohte ein offener Konflikt zwischen Deutschland und Polen. Internationale Truppen, vor allem aus Frankreich, Großbritannien und Italien, versuchten die Lage zu stabilisieren.
Da Deutschland und Polen keine Einigung fanden, entschied der Völkerbund. 1922 wurde Oberschlesien geteilt. Deutschland erhielt zwar den größeren Flächenanteil, Polen bekam aber den wirtschaftlich besonders wertvollen Teil: nur etwa ein Drittel der Fläche, aber den Großteil der Industrie, darunter etwa drei Viertel der Kohleförderung und wichtige Hüttenwerke.
Für Polen war dies ein enormer wirtschaftlicher Gewinn. Für Deutschland bedeutete die Teilung den Verlust eines Schlüsselindustrieraums. Zugleich blieben auf beiden Seiten der neuen Grenze Minderheiten zurück. Viele Familien mussten sich neu orientieren, wanderten ab oder lebten fortan in einem anderen Staat, ohne ihre Heimat eigentlich verlassen zu haben.
| Stadt | Zugehörigkeit ab 1922 | Wirkung |
|---|---|---|
| Kattowitz | Polen | Politischer und wirtschaftlicher Gewinner; Hauptstadt der autonomen Woiwodschaft Schlesien |
| Königshütte | Polen | Wichtige Industrie- und Hüttenstadt; zentral für die polnische Schwerindustrie |
| Gleiwitz | Deutschland | Industriell wichtig, aber vom polnischen Teil des Reviers getrennt |
| Oppeln | Deutschland | Verwaltungszentrum des verbliebenen deutschen Oberschlesiens |
| Beuthen | Deutschland | Grenz- und Industriestadt mit schwieriger wirtschaftlicher Lage |
Für die Familie Pichetta bedeutete die Teilung nicht nur eine politische Veränderung, sondern eine Verschiebung des gesamten Lebensraums. Kattowitz, Königshütte, Laurahütte, Siemianowitz und Schoppnitz waren nicht einfach Ortsnamen, sondern Familienorte. Nach 1922 lagen zentrale Stationen der Familie plötzlich im polnischen Staat.
Damit erklärt sich auch, warum die späteren Wege nach Militsch, Wüstendorf bei Breslau, Eisenach und weiter nach Westdeutschland nicht isoliert betrachtet werden sollten. Sie stehen in einer Reihe großer Umbrüche: Erster Weltkrieg, oberschlesische Teilung, Grenzverschiebungen, Zweiter Weltkrieg, Flucht und Neubeginn.
Teile Oberschlesiens kamen 1922 trotz Volksabstimmung infolge des Ersten Weltkrieges an Polen. In dieser Zeit verlieren sich die Spuren der Familie für eine Weile. Später ist die Familie nach Wüstendorf bei Breslau übergesiedelt.
Josef Pichetta starb 1923 in Kattowitz. Seine Frau Luise Pichetta, geborene Meißner, starb 1939 in Schoppnitz, das ebenfalls 1922 an Polen übergegangen war.
Nach mündlicher Überlieferung hatten die Urgroßeltern nach der Übersiedlung nach Niederschlesien eine Gastwirtschaft, möglicherweise nicht in Wüstendorf selbst, sondern im Raum Militsch. Hier schließt sich die Frage nach der Deutschen Eiche und Eberhard Pichetta an.
Alfred Eberhard Pichetta ging zur Armee und kam nach Breslau. Dort heiratete er Martha Peuker. Als Oberstabswachtmeister einer Funkereinheit kam er während des Zweiten Weltkrieges weit herum, unter anderem nach Paris und später nach Russland, wo er in Gefangenschaft geriet. Zu Breslau habe ich die Geschichte unter Pichetta & Peuker gemeinsam weitergeührt
Den Namen Pichetta gibt es in Deutschland, in den USA und in Italien, unter anderem in der Region Piemont und Genua. In Deutschland scheinen viele Pichetta-Spuren auf Mathias Pichetta zurückzuführen zu sein.
Da Christine Pichetta den Namen Hölscher annahm, ist dieser Familienname in dieser direkten Linie nicht weitergeführt worden. Über andere Linien besteht der Name Pichetta aber fort, unter anderem in Reutlingen und Moers.
Weitere Spuren betreffen einen Johann Pichetta, der in Militärlisten zum Feldzug von 1866 erscheint, sowie einen Max Pichetta, geboren 1897 in Rosdzin bei Kattowitz. Sein Vater hieß Franz Pichetta. Diese Namen sind bislang nicht sicher in die eigene Linie eingeordnet, könnten aber wegen Zeit, Ort und Namenshäufung verwandt sein.
Seit 2018 sind viele polnische Kirchenbücher online zugänglich. Dadurch sind zahlreiche weitere Pichetta-Einträge auffindbar geworden, insbesondere über genealogische Datenbanken wie Geneteka.