Heimatverein Sendenhorst e.V. *1925
Heimatverein Sendenhorst e.V.*1925

Zeitung in den 1960ern

1961: Von reizvoller Landschaft, Umweltsünden, Sehenswürdigkeiten und einem Schatz – Längs der Angel - von der Quelle bis zur Mündung

A. Stafflage, Heimatkalender 1961

Angel im Wolbecker Tiergarten 2015

„..Abgelagerter Faulschlamm zeigt, daß es ihr noch nicht gelungen ist, sich von den in Neubeckum aufgenommenen Abwässerstoffen zu reinigen…. An den Stauwehren tummeln sich trotz der abgelagerten Schmutzstoffe badelustige Kinder, die mit den seifigen Schaumflocken spielen..“ aber nicht nur von Umweltsünden ist hier zu lesen, sondern auch von reizvoller Landschaft mit intressanten Orten und Natur - und von einem Schatz in der Bauerschaft Rinkhöven - ist heute in der Serie zu lesen!

Es ist an der Zeit, sich einmal nach der Angel und ihrem Wassereinzugsgebiet umzusehen, bevor die Landschaft durch die sich anbahnenden Veränderungen ein Aussehen erhält, das ihren bisherigen Zustand nicht mehr erkennen lässt. Fragt man nach der Angelquelle, so bekommt man landläufig die Antwort: 
„Die Angel entspringt unter einem „Backs“ auf dem Hofe Meier Westhoff in Neubeckum.“ 
Es ist nun so, daß hier zwei Bäche, verdeckt durch Hainbuchen, Erlen und Weiden, hinter dem „Backs“ am Rande eines großen Appelhofes zusammenfließen, die fortan den Namen Angel führen.
Während der aus der Hoest kommende Zufluss Merschbach genannt wird, entspringt der zweite, namenlose Bach, der die Gewässer der nördlichen Abdachung des Hohen Hagens sammelt, auf einer Wiese des Bauern Theodor Tentrup. Diese Quelle könnte man demnach als die eigentliche Angelquelle bezeichnen.
Unmittelbar nach dem Zusammenfluss der beiden Bäche führt die Angel bereits so viel Wasser, daß sie mitunter über die Ufer tritt. Sie durchfließt eine wald- und wiesenreiche Landschaft und biegt hinter der Straße Neubeckum - Ennigerloh nach Norden um. Beschwerlich wird nun ihr Weg. Kalkbänke und felsiger Untergrund zwingen sie immer wieder zum Ausweichen oder zum Durchnagen des harten Gesteins.
Ober den Verlauf der Angel längs des Zementwerkes Elsa sind lange Verhandlungen geführt worden. An dem breiten Steinbruch, einem heutigen Fischteich, hat man sogar dem Wasser ein künstliches, unterirdisches Bett zugewiesen. Gebannt schauen wir auf klobige Bauten und hohe Schornsteine, aus denen dichte grauweiße Raumwolken emporsteigen. Einen Blick werfen wir auch hinauf zu den Buben, die in den mit der Waldrebe besetzten Uferbäumen wahre Kletterkünste zeigen. 
Nach ihrem Austritt aus der Steinkuhle begleitet die Germania-Schutthalde die Angel. Abgelagerter Faulschlamm zeigt, daß es ihr noch nicht gelungen ist, sich von den in Neubeckum aufgenommenen Abwässerstoffen zu reinigen. Freundlich erzählt uns Bauer Ohlmeier, dass noch vor dreißig Jahren die Wäsche in dem klaren Angelwasser nachgespült und der weiße Angelsand zum Bestreuen der Diele und der Stuben benutzt wurde. Uns überrascht der Wildreichtum in diesem Industriegelände. Zahlreime buntschimmernde Fasanenhähne und gestreifte Hennen flüchten in das Ufergehölz. 

Letzter Winter-schmuck der Angel vor der
Begradigung.


















Bild: Die Angel kurz vor dem begradigten Lauf an der Gemeinde-grenze
Enniger - Sendenhorst
.

 


Am Gehöft Schürkmann ist eine Eiche, die einen 1,5 m dicken Stamm und eine tief ansetzende und reichastige Krone aufweist, schon Jahrhunderte hindurch Freund und Nachbar der Familie. Drei bereits stattliche Eichen zeugen davon, daß auch Großvater, Vater und Sohn je einen Baum gepflanzt haben. 
Auf unserer weiteren Angelreise begegnen wir ausgedehnten Getreide- und Maisfeldern. Unverhofft steigt vor uns mit klatschenden Flügelschlägen ein Schof Wildenten auf und kehrt nach einem Geschwaderflug unter lautem Quaken wieder zur gewohnten Äsungsstelle zurück.
In gastlicher Weise zeigt uns Bauer Schulze Höckelmann in Enniger die Sehenswürdigkeiten seines Hofes : den uralten Speicher, der früher als Bierkeller diente, die über der Haustür angebrachten Wappen des Jesuitenordens und der Adelsgeschlechter Büren und Loe Horst, die Gräfte mit Tulpenbaum, mehrfarbigen Ahornarten, amerikanischen Eichen und Blutbuchten. Alte Akten künden von der ehrwürdigen Vergangenheit des Hofes. 
In der Nähe mündet der von Ennigerloh (Biesterbau) kommende Biesterbach, der seinen merkwürdigen Namen Augustin Wibbelt verdankt. Zur linken Hand grüßt uns der spitze Vorhelmer Kirchturm und zur rechten der behäbige Turm des Gotteshauses zu Enniger.
Nahe dem Bahnhof Enniger lohnt ein Abstecher zum "Haus Vorhelm", das malerisch zwischen großen Teichen am wunderlich gewundenen und tiefgefürchteten Hellbach, der auch am Hohen Hagen entspringt, gelegen ist. Eine alte Ölmühle erregt unsere Aufmerksamkeit. Von einer sehenswerten äquatorialen Sonnenuhr in Polyederform, auf der eine Wetterfahne angebro1cht ist, lesen wir die Zeit ab. Eine herrliche Kastanienallee führt auf verträumte Waldpfade. An den Kastanien fallen uns mächtige Geschwulste auf. In dem Wald lebt der Dachs einsiedlerisch im Bau.
Uns lockt wieder die Angel. Wir stehen vor Haus Neuengraben, einem früheren Rittergut. Es liegt im Schatten einer mächtigen Eiche, die für ewig Wache zu halten scheint. So mögen auch die Donareichen ausgesehen haben. Der trotzige, knorrige Saum sah die wechselvolle Gestalt des Rittergutes. Er ist wohl der einzige Zeuge dafür, wie vor 350 Jahren der Ritter Gerd von Beverförde-Werries in das Haus Neuengraben eindrang und die Gutsfrau Anna von Berg-Tork entführte. Nimmermüde springt die Angel an uns vorbei. Am Hof Schulze Brüning umrahmen seltene in- und ausländische Gehölze die Ufer. 

An einem idyllischen Platz lädt eine Bank zum freundlichen Verweilen ein. „Horch, wie das geigt und singt und pfeift und klingt im frischen, grünen Wald!“ Da - zur Linken ein interessantes Naturdenkmal! Stamm und Ast einer mächtigen Eiche bilden ein eigentümliches Tor, das wiederum den Rahmen abgibt für eine dunkle Eibe. Dieser Baum gehörte im Mittelalter zu jeder Burganlage. Bemerkenswert ist eine vogelkundliche Sammlung auf dem Brüningschen Hof.
Plötzlich ist es, als wenn das Tosen eines Wildbachs an unser Ohr tönt. Überrascht stehen wir vor einem Wasserfall. Rauschend und schäumend, glucksend und sprudelnd springt das Wasser kopfüber, kopfunter über Moos und Stein und regt plätschernd zum Weiterwandern an. Eichendorffs Lieder begleiten uns. Auf einem vorspringenden Ast entdecken wir einen blaugrünen Fischer. Es ist der Eisvogel, der fliegende Edelstein unserer Gewässer. Über „Amerika“, einem größeren Waldgebiet, gewahren wir das Flugbild der dort kreisenden Bussarde.
Auf der Sendenhorster Hardt tritt eine langgestreckte Bodenwelle auffällig in Erscheinung. Bei dieser Erhebung handelt es sich um eine Rinnenausfüllung mit eiszeitlichen Ablagerungen. Der Sand- und Kiesrücken ist etwa 6oo Meter breit und 18 Meter tief. Zuweilen bedeckt Geschiebelehm die an den Rändern befindlichen Sandbänke.

Bild: Mündung von Angel und Voßbach.

Im Kirchspiel Sendenhorst stehen wir vor Mündung von Angel und Voßbach. der regulierten Angel. Ihr Wasser war in trockenen Jahren für die Landwirtschaft ein Segen, in feuchten Jahren aber eine Gefahr. Darum gaben Bagger der Angel, deren Name von den Sprachforschern als die „Krummfließende“ gedeutet wird, die erforderliche Breite und Sohlentiefe. Mit frohem Herzen stellen wir fest, daß man dem Fluss kein langweiliges, kanalähnliches Bett aufgezwängt hat. Mit der Beseitigung der vielen Holzbrücken, die Zeugen von manchem „Stelldichein“ waren, schwand ein Stück Romantik dahin. Wasserläufer, Rot- und Grünschenkel, Rohrammer und Rohrsänger sind nun aus den bisher feuchten Angelwiesen abgewandert. Uferbewuchs und Wasserpflanzen geben aber bereits heute wieder dem heimischen Wild die notwendige Deckung.
In Suermanns Busch [Bauerschaft Rinkhöven] entdecken wir die immergrüne Stechpalme und den Märzenbecher. Bisher ist ein in der Nähe des Busches unter einem Erdhügel vermuteter reicher Schatz noch nicht gefunden worden. Die nahe Brüggenfeldstraße soll früher als Schmuggelweg gedient haben. An den Stauwehren tummeln sich trotz der abgelagerten Schmutzstoffe badelustige Kinder, die mit den seifigen Schaumflocken spielen. 
An der Straße Sendenhorst - Hoetmar fanden am Karsamstag 1945 am Angelufer zehn blutjunge deutsche Soldaten beim Angriff auf eine amerikanische Panzerspitze den Tod. Bei dem Kampf wurden vom Gegner vier Rinkhöver Bauernhöfe in Brand geschossen. Einige Monate vorher schlug eine Flakgranate in eine am Ufer weidende Schafherde.
Rechter Hand liegt der ausgedehnte Ketteler Horst. Dort verweilen wir in der Werkstatt des Holzschuhmachers Schwippe, der uns auf eine Fischreiherkolonie aufmerksam macht. Mit einem durchdringenden Geschrei umstreifen die stolzen Segler der Lüfte ihre in hohen Eichen- und Buchenwipfeln angelegten Horste. Auf den Waldwegen findet man das gefleckte, das breitblättrige Knabenkraut und die zweiblättrige Kuckucksblume. Als vierte Orchidee steht einzeln weiter, aber an verschiedenen Stellen, das "Rote Waldvöglein". Längs des Voßbaches bildet der seltene Wolfseisenhut ganze Bestände. Einbeere, Salomonsiegel und Aronstab sind reich vertreten.

Bild: Die begradigte Angel schlängelt sich durch die Landschaft.

An der Straße Sendenhorst - Alverskirchen verlässt die Angel den Kreis Beckum, nachdem sie kurz vorher den von Enniger kommenden Voßbach aufgenommen hat. Sein Wasser trieb in unserer Kinderzeit unsere selbstgebastelten Mühlräder. Unweit mündet der saubere Wieninger Bach, der von Hoetmar heraneilt Er trägt auf einer im Jahre 1807 auf Veranlassung von Napoleon angefertigten Karte den Namen Botter Bach. In diesem Niederungsland sind die Bachläufe von langen Kopfweidenreihen eingefasst. Stämmige Bullen bewachen die gemächlich auf den Wiesen grasenden rotweißen Rinder. Angler finden im Schilf ein beschauliches Plätzchen. 
Bei Haus Horst klapperte auch früher an einem alten Angelarm die „Mühle am rauschenden Bach“. Seit Jahren stehen die Räder still. Uns überrascht ein Kreuz, das sich durch eine künstlerische Gestaltung des Gekreuzigten auszeichnet. Sockel und Kreuzesstamm sind mit bemerkenswerten Reliefs und Symbolen geschmückt. Am Angelforsthaus künden Reste von den einst viel besuchten Mosaikgrotten und Kuppelbauten, die der Einsiedler Pater Bücker dort errichtet hatte.
Von weitem grüßt uns auf unserer Entdeckungsreise eine von breiten Gräfte umzogene Wasserburg, die der Frührenaissance entstammt. Es lohnt sich, einen Blick auf das Türmchen, auf die Toreinfahrt und auf die Statue der hl. Elisabeth zu werfen. Das Haus Brückhausen mit seinem 1.300 Morgen großen Grundbesitz gehört der Familie von Twickel. „Am Brüggekotten“ taucht plötzlich im dichten Ufergras Meister Reineke auf. Wir haben ihn bei der Jagd auf vorwitzige Entenkinder gestört. Weiterhin liegt eine erholsame Stille über der Landschaft.
Zahlreiche fischreiche Bäche und Rinnsale speisen die nun müde gewordene Angel, die uns an die Worte der Droste erinnert: „Du bist nicht mächtig, bist nicht wild, bist deines stillen Kindes Bild, das, ach, mit allen seinen Trieben gelernt vor allem, dich zu lieben.“
Bei Wolbeck berührt die Angel auf ihrem Lauf den Tiergarten, das bekannte Gut Frohnhof und das Blumen- und Baumparadies der Gartenbauschule. Ein letzter Blick gilt noch dem Hause der Fürstin Gallitzin in dem reizvollen Angelmodde. Dann verabschieden wir uns von der Angel, die von hier gemeinsam mit der Werse den 200 km weiten Weg ins Meer antritt.
Die Angel ist ein 38,2 km langer, orografisch rechter Nebenfluss der Werse in Nordrhein-WestfalenDeutschland.

Geographie

Die Angel entspringt etwa 2 km östlich von Neubeckum auf einer Höhe von 132 m ü. NN. Von hieraus fließt sie vorrangig Richtung Nordwesten, ändert dabei jedoch öfters die Richtung. Zuerst umfließt der Fluss das schon erwähnte Neubeckum im Norden, um dann nach Enniger zu fließen. Kurz vor Erreichen des Ortsrandes nimmt die Angel rechtsseitig den Biesterbach auf. Enniger wird am südlichen Ortsrand passiert. Einige Kilometer flussabwärts mündet links der Hellbach. Beim Weiler Watermann fließt ebenfalls linksseitig der Nienholtbach der Angel zu.

Östlich von Sendenhorst wendet sich der Lauf in eine nördliche Richtung, so dass die Ortschaft nicht tangiert wird. Beim Weiler Witte mündet rechtsseitig der Voßbach und wenig später der Wieninger Bach. Im folgenden Abschnitt bis Wolbeck ist der Fluss begradigt. Wolbeck selbst wird windungsreich durchflossen. Im Ort mündet der Piepenbach in die Angel, die wenig später selbst in Angelmodde auf 48 m ü. NN rechtsseitig in die Werse mündet.

Auf ihrem 38,2 km langen Weg überwindet die Angel einen Höhenunterschied von 84 m, was einem mittleren Sohlgefälle von 2,2 ‰ entspricht. Dabei entwässert sie ein Gebiet von 195,134 km².

      

Sendenhorsts Schritt in die Zukunft - Wie das wirklich war mit Vorhelm, Enniger und Sendenhorst als einer Gemeinde

B. Fascies | Heimatkalendar 197X

Nach den Befreiungskriegen 1813 bis 1815 begann ein neue Zeit im Leben der Heimat und des Vaterlandes. Das Münsterland kam wieder zu Preußen, dem es bereits von 1802 bis 1806 angehört hatte. Freiherr von Vincke wurde als Zivilgouverneur eingesetzt und mit der Neuordnung der Verhältnisse beauftragt.

Sendenhorster Postkarte aus dem Jahr 1899 -115 Jahre alt... Einige Motive sind noch zu erkennen!

Es folgten neue Maßnahmen auf dem Gebiet der kommunalen Verwaltung und damit zu einer Neueinteilung der Kreise, die am 10. August 1816 in Kraft trat. Sie wies Sendenhorst dem Kreis Beckum zu.
Die politische Verwaltung der Stadt und des Kirchspiels blieb in den Händen des bisherigen "Maire", des Bürgermeisters Langen, Sohn des früheren Gerichtsschreibers Langen. Die von den Franzosen überkommene Munizipalverfassung blieb bis zur Einführung der Städte- und Landgemeindeordnung vom 31. Oktober 1841 bestehen.
Stadt und Kirchspiel Sendenhorst bildeten nun die Bürgermeisterei Sendenhorst. 

Auf Josef Langen folgten als Bürgermeister Regierungsreferendar von Westhofen (1820/22), Bürgermeister Heinrich Friedrich Röhr (1822/24) und Franz Markus (bis 1832). Beigeordneter war Dr. Stephan Foorstmann .
Aus unbekannten Gründen übernahm der Amtmann des Amtes Vorhelm, Heinrich Brüning, im Jahre 1832 die Bürgermeisterei Sendenhorst (Stadt und Kirchspiel). Diese Maßnahme hat offenbar der städtischen Bevölkerung Sendenhorsts nicht gefallen, umso mehr hingegen den Bauern.

Vier Jahre später legten die Gemeinderäte des Kirchspiels Sendenhorst eine Eingabe an den Landrat vor, nach der sie eine Trennung des Kirchspiels Sendenhorst von der Stadt wünschten. Sie fürchteten bei der Einführung der Städte- und Landgemeindeordnung den Amtmann Brüning zu verlieren, falls die Kirchspielgemeinde mit der Stadt verbunden bliebe. Die Bevölkerung des Kirchspiels sah wahrscheinlich ihre bäuerlichen Interessen bei dem aus einem Bauerngeschlecht stammenden Amtmann Brüning besser gewahrt. Vielleicht glaubte man auch, innerhalb des neuen Amtsverbandes weniger Steuern zahlen zu müssen. Im Jahre 1840 schied J. H. Brüning (geb. 1774, gest. 1850) aus der Verwaltung aus.
Sein Sohn Franz (geb. 1815, gest. 1895), der in Sendenhorst die Bürgermeisterei leitete, zog auf den elterlichen Hof, um gleichzeitig auch die Amtsverwaltung Vorhelm mit dem Sitz in Tönnishäuschen zu übernehmen.
Darüber teilt unter dem 23. April 1840 das Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Münster mit: "Die Verwaltung der Bürgermeisterei Sendenhorst und Vorhelm wird dem bisherigen Bureau-Gehilfen Franz Brüning kommissarisch übertragen." Beide Verwaltungsstellen befanden sich somit wieder in der Hand eines Brüning.
Mit der Einführung der Steinsehen Städte-und Landgemeindeordnung im Jahre 1841 wuchs die Selbständigkeit der Einzelgemeinden. An der Spitze der Stadt stand der Bürgermeister mit den nach dem Dreiklassenwahlrecht gewählten Stadtverordneten. Der Kirchspielgemeinde stand der Gemeindevorsteher vor, der zugleich die Gemeindevertretung führte.
Die Bevölkerung der Stadt war mit der Personalunion nicht einverstanden und suchte Mittel und Wege, sich vom Amt Vorhelm zu trennen. Aber es dauerte doch noch 12 Jahre, bis sich der Zustand änderte. 

1852 trat die Kirchspielgemeinde auf eigenen Wunsch aus dem Amtsverband Sendenhorst aus und schloss sich dem Amtsverband Vorhelm an. Die Stadt Sendenhorst erhielt in der Person des Gerichtsreferendars Kreutzhage in Everswinkel ihren eigenen Bürgermeister. Die Kirchspielgemeinde gehörte nunmehr dem Amtsverband Vorhelm unter der Leitung des Amtmanns Brüning und des Gemeindevorstehers Werring an. 

Die Verfügung der königlichen Regierung an den Landrat in Beckum, vom I5. Juli 1850, die diesem verwaltungspolitischen Ereignis zugrunde lag, hatte folgenden Wortlaut: Auf Euer Hochgeboren Bericht vom 6. d. M. sind wir damit einverstanden, dass Sie den Versuch machen, die Vertretungen der Gemeinden Vorhelm und Enniger, sowie Stadt und Landgemeinde Sendenhorst zu dem Beschlusse zu vereinigen, künftig eine Sammtgemeinde zu bilden, da sie bei einer fondauernden Trennung in zwei Ämter offenbar weder zwei Bürgermeister auskömmlich zu besolden noch den Anforderungen zu entsprechen im Stande sein werden, welche die Staatsregierung rücksichtlich einer ordnungsgemäßigen Polizeiverwaltung an sie zu machen gezwungen sein wird. Münster, den 15. Juli 1850, Königliche Regierung."
Nach der Städte- und Landgemeindeordnung vom 19. März 1856, die eine Fortentwicklung der bisherigen Verwaltungsordnung darstellte, wollte die Stadt anfänglich einen kollegialischen Gemeindevorstand (Magistrat). Sie drang aber mit ihrem Antrag nicht durch. So wurde nach § 72 der Städteordnung die städtische Verfassung eingeführt, d. h., alle Rechte und Pflichten, die dem Magistrat oblagen, gingen auf den Bürgermeister über, der im Behinderungsfalle von dem auf sechs Jahre gewählten Beigeordneten vertreten wurde. Organe der Selbstverwaltung waren damit dem Bürgermeister und die Stadtverordnetenversammlung, die aus neun Mitgliedern bestand. Den Vorsitz führte der Bürgermeister, der jeweils alle 12 Jahre von den Stadtverordnetenversammlung gewählt wurde. 

Die Stadt vermochte sich nur schwer mit dem Verlust des verwaltungsmäßigen Verbundes von Stadt und Kirchspiel abzufinden. Ihren Bemühungen, die Kirchspielgemeinde wiederzugewinnen, blieb aber ein Erfolg versagt. Kurz vor der Jahrhundertwende gab im Jahre 1899 Bürgermeister Hetkamp den ersten Anstoß. Ohne Zweifel hat das Erlebnis der Weltkriegsjahre 1914/18 das Zusammengehörigkeitsgefühl der beiden Gemeinden Stadt und Kirchspiel Sendenhorst gestärkt. Die Bindung an ein und dieselbe Pfarrgemeinde mir der neu erstandenen stattlichen Martinskirche legte außerdem den Zusammenschluss nahe. Die verwaltungspolitische Trennung blieb jedoch trotz allem vorerst noch bestehen.
Während der Novemberrevolution von 1918 versuchte auch in Sendenhorst ein am 9. November gebildeten Arbeiter- und Soldatenrat den bis dahin beim Besitzbürgertum verbliebenen maßgebenden Einfluss im kommunalpolitischen Leben an sich zu reißen. Durch einen Erlass der preußischen Regierung wurde dem Arbeiter- und Soldatenrat aber schon am 14. November die angemaßte Befehlsgewalt entzogen und lediglich eine Kontrollaufgabe zugewiesen.

Am 2. März 1919 fanden die Neuwahlen von zwölf Stadtverordneten statt. Das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht, das seit 1871 nur bei der Reichstagswahl Gültigkeit hatte, wurde nun auch für die Kommunalwahlen angewandt.

[Anmerkung der Redaktion 2014: Dieser Vergleich ist so nicht zutreffend: www.dhm.de/lemo/html/kaiserreich/innenpolitik/parteien/:
Exkurs: Auf Reichsebene waren alle Männer ab 25 Jahre wahlberechtigt, wobei das aktive Wahlrecht für Soldaten während des Wehrdienstes ruhte. Ausgeschlossen waren neben Frauen auch Personen, die Armenunterstützung aus öffentlichen Mitteln bezogen und unter Vormundschaft oder in Konkurs standen. Das Wahlrecht war formal gleich, praktisch aber infolge der unveränderlichen Wahlkreiseinteilung ungleich, da die großen Bevölkerungsverschiebungen nicht beachtet wurden: 1869 hatte jeder Wahlkreis eine Bevölkerung von etwa 100.000 Einwohnern, 1912 dagegen wählten in Schaumburg-Lippe zirka 12.000 und in Teltow-Charlottenburg etwa 300.000 Wähler einen Abgeordneten. Diese Wahlkreiseinteilung begünstigte Parteien, deren Wähler regional konzentriert waren und hauptsächlich auf dem Lande wohnten, wie die Konservativen, das Zentrum und die Nationalliberalen. Es benachteiligte kleinere Parteien und besonders solche mit hauptsächlich städtischer Anhängerschaft wie die Sozialdemokraten: 1871 benötigten die Konservativen für ein Mandat durchschnittlich 9.600, die Sozialdemokraten 62.000 Stimmen! Der Reichstag wurde anfangs für drei Jahre gewählt, 1888 wurde die Legislaturperiode auf fünf Jahre verlängert.
In der Weimarer Republik wurde im Verhältniswahlrecht gewählt und erstmals hatten Frauen das Wahlrecht!]

Als am 30. Januar 1933 die Schicksalsstunde der Weimarer Republik schlug, der Nationalsozialismus die Macht übernahm und die bisherige demokratische Republik zu einem zentralistischen Einparteienstaat umgebildet wurde, setzte sich innerhalb weniger Monate ohne nennenswerten Widerstand in allen Bereichen des öffentlichen Lebens auf dem Wege der "Gleichschaltung" das Führerprinzip durch. 
Am 1.Januar 1934 trat ein vorläufiges Gemeindeverfassungsgesetz in Kraft. Die Ortssatzung vom 21. Juli 1934 setzt die Zahl der Ratsherren auf 8 fest. Diese hatten die Aufgabe, dem Bürgermeister beratend zur Seite zu stehen, der alleinige Entscheidungsbefugnis besaß.
Das Kriegsende 1945 bedeutete mehr als nur einen äußeren Zusammenbruch. Im politischen Leben vollzog sich zum zweiten Male der Aufbau einer demokratischen Ordnung. Die Militärregierung  setzte im britischen Kontrollgebiet den aus Münster evakuierten und in Sendenhorst ansässigen Stadtoberinspektor a. D. Eugen Strothmann als Bürgermeister der Stadt ein. Laut Verordnung der Militärregierung erhielt nunmehr der Vorsitzende der Stadtvertretung den Titel Bürgermeister und der Leiter der Verwaltung die Bezeichnung Stadtdirektor bzw. Amtsdirektor.

Im Jahre 1951 erhob sich von neuem die Frage, ob nicht eine Zusammenlegung der beiden Gemeinden Stadt und Kirchspiel Sendenhorst sinnvoller und vor allem auch  wirtschaftlicher sei. Die beiden Weltkriege mit ihren Begleit- und Folgeerscheinungen brachten der Bevölkerung ein neues Verständnis für die örtlichen verwaltungspolitischen Fragen. 
Am 1. April 1955, also hundert Jahre nach der Trennung, trat die Kirchspielgemeinde Sendenhorst aus dem Amtsverband Vorhelm aus und bildete mit der Stadtgemeinde Sendenhorst einen neuen Amtsverband unter der Bezeichnung "Amt Sendenhorst". Die Stadt behielt den Bürgermeister H. Brandhove und die Kirchspielgemeinde den Bürgermeister Tonius Schulze Horstrup, Leiter der Verwaltung blieb Stadt- bzw. Amtsdirektor Esser. Der Vorsitzende des bisherigen Amtsverbandes Vorhelm, Tonius Schulze Horstrup, blieb auch im neuen Verband Amtsbürgermeister.

Im Zuge der kommunalen Neuordnung wurde 1967 die Kirchspielgemeinde, bestehend aus sieben Bauerschaften, aufgelöst und der Stadtgemeinde einverleibt. Damit sind die Grenzen zwischen der Kirchspielgemeinde und der Stadt endgültig gefallen.
Am 1. Januar 1968 wurde der Verwaltungsakt vollzogen. Die Neuwahl der Stadtvertretung am 3. März 1968 brachte folgendes Ergebnis: CDU: Heinrich Brandhove (bisheriger Bürgermeister), Heinz Schibill, Josef Horstmann, Theodor Suthoff-Jonsthövel, Anton Specht, Josef Heiringhoff, Josef Arens-Sommersell, Franz Keweloh, Fritz Lamche, Wilhelm Brinkmann, Heinrich Linnemann und Bernhard Stapel; SPD: Dieter Strasser, Wilhelm Ribhegge, Franz Westhoff und Thomas Leske; FDP: Karl Werring, Paul Kottenstein und Herben Stork.
Ein weiteres verwaltungspolitisches Ereignis am 1. Januar 1968 brachte die Auflösung des Amtes Vorhelm, bestehend aus den Gemeinden Vorhelm und Enniger. Es wurde der Stadtverwaltung Sendenhorst angeschlossen. Stadt Sendenhorst und das bisherige Amt Vorhelm bilden nun den neuen Amtsverband Sendenhorst mit dem Sitz in Sendenhorst; er führt die Bezeichnung: Amt Sendenhorst, Verband der Gemeinden Sendenhorst, Vorhelm, Enniger. Hier wurde die erste Großgemeinde des Kreises Beckum nach den Vorstellungen der Verwaltuf!gsreform verwirklicht.

      

In ihren Glocken tönt das Schicksal der Stadt

B. Fascies | Heimatkalendar 1967

Im Januar 1943 wurden 3 der 4 Glocken des Sendenhorster Geläuts beschlagnahmt und traten den Weg in die Kanonengießerei an. Unser Bild zeigt die große Glocke vor dem Abtransport nuch Lünen.

Als 1865 Sendenhorst zu Ehren des Stadt- und Kirchenpatrones die stattliche Martinikirche neu erbaute, übernahm man in dem Glockenstuhl das alte Geläut. Die Glocken waren freilich keineswegs Zeugen einer ehrwürdigen Vergangenheit, sondern waren damals gerade 30 Jahre alt geworden.

Der in Sendenhorst noch unvergessene und durch seine schriftstellerische Tätigkeit bekannte Pfarrer und Landdechant Darup hatte im Jahre 1834 den Guß der Glocken veranlaßt. Das Glocken-Quartett" war dem Kirchen- und Stadtpatron St. Martin, dem ersten Bischof der Diözese. St. Ludger, der Patronin der Vikarie, der St. Katharina gewidmet, während die vierte als Messglocke namenlos blieb.Im Namen sämtlicher vier Glocken verkündete die große Glocke die aduidn ihrer Entstehung.
Die Inschrift lautet: 
Latein: „Nos quartuor hic fundit Petrus Boitel Francia anno 1834 in honorum sancti Martini episcopi ac patroni ecclcsiae Sandanhorstensis.“
Deutsch: Uns vier hat hier am Orte gegossen Peter Boitel aus Frankreich im Jahre 1834 zu Ehren des heiligen Bischofs Martini und Patrons der Kirche von Sendenhorst.
Die zweite Glocke trägt die Inschrift: 
Latein: „In honorem sancti Ludgeri primi episcopi eclesiae Monasterianae anno 1834
Deutsch: Zu Ehren des heiligen Ludgerus des ersten Bischofs zu Münster.
Die dritte Glo />Latein: „In honorem sanctae Catharina patronae huius vicariae anno 1834.“
Deutsch: Zu Ehren der heiligen Catharina, der Patronin der hiesigen Vikarie anno 1834.
Das Meßglöckchen schließlich kündet durch seine lakonische Inschrift gleichzeitig seinen Zweck an: 
Latein: „Venite missa est!
Deutsch: Kommet, die Messe beginnt!
Die Töne aller Glocken waren auf D. E. Fis, G gestimmt.

1806 starb nach 48-jähriger Dienst7eit Landdechant Darup. Ihm folgte Pfarrer Lorenbeck, der es sich schon bald zur Aufgabe machte, der Kirchengemeinde ein neues Gotteshaus zu geben. Die bisherige alte Kreuzkirche war vom Verfall bedroht und entsprach nicht mehr den Bedürfnissen der Zeit.

Im Jahre 1854 konnte mit den Abbrucharbeiten begonnen werden. Die vier Glocken mußten wieder hinabsteigen und fanden eine provisorische Aufstellung bei der Notkirche, die in Meyers Hof (Weststraße) stand. Ein Glockenstuhl soll nach mündlichen Überlieferungen südöstlich auf dem Kirchplatz gewesen sein. 1868 siedelte das Geläut in den Glockenstuhl des neuen Westturmes über.

Im Jahre 1913 erhielt Pfarrer Beckmann aus Anlaß seines goldenen Priesterjubiläums von seinen Pfarrkindern ein elektrisches Glockengeläute. Bis dahin war es von Menschenhand betrieben worden.

1914 brach der große Krieg aus, der auch in das pfarrliche Leben eingriff. Nachdem bereits das Meßglöckchen vom hohen Gestühl niedergeholt war, mußte im September 1918 auch die kleinste Glocke (Catharinenglocke) den schweren Gang herab zur Erde antreten. Sie wog 900 Kilo. Das Geläut war jetzt nur noch ein Stückwerk.

Der Wunsch nach dem alten Geläute blieb in der Bevölkerung lebendig. Trotz wirtschaftlicher Not und Inflation wurde 1923 von der Kirchengemeinde eine neue Catharinenglocke bei der Glockengießerei Edelbrock und Petit in Auftrag gegeben mit der Auflage, zu den Zwei vorhandenen Glocken eine höhere Glocke auf den Ton Fis zu gießen. Am 23. August 1923 wurde sie fertiggestellt. Jede wog 900 Kilo.
Die Catharinenglocke wurde dem Pfarrer Tecklenborg zum silbernen Priesterjubiläum zum Geschenk gemacht. Die kirchliche Weihe fand im November 1923 auf dem Linden umkränzten Kirchplatz statt, an dem die Gutsbesitzer Wilhelm Geilern und Josef Halene Pate standen. Domkapitular und Domprediger Suermann hielt in der Kirche die Glockenpredigt. Einige Tage später nahm dann in luftiger Glockenstube die Catharinenglocke zwischen den großen Schwestern Platz.
Geschmückt mit dem Bilde der hl. Catharina trug sie zur Erinnerung für spätere Geschlechter die folgende Inschrift:
„Als Catharinenglocke zog ich hinaus ins Feld ach fünf Jahren kam ich von neuem zur Welt / Des Pfarrer Silbertag  Für mich die Zeit der Trennung brach / Ich hoffe auf immer“Bald schon, 16 Jahre später 1939 brach der zweite Weltkrieg aus. Anfang Oktober 1939 kam es zu einem Läuteverbot mit der Begründung, daß das Glockengeläute die Luftwaffe an ihren Horchgeräten störe. Das Verbot galt einen Monat lang.
An einem grauen Wintertag im Januar 1942 wurden die alten Glocken - die große, die mittlere und die kleine- vom Glockenstuhl geholt, um den Weg in die Kanonengießerei an zu treten. Erst nach Ausbrechen der Turmöffnungen schwebten sie langsam zur Erde nieder. Dem Lastwagen, der sie wenige Tage später nach Lünen brachte, galten die wehmutigen Blicke der Menschen. Jedem Einsichtigen war es damals klar, daß auch die Glocken keine Wendung des Kriegsgeschehens mehr herbeiführen konnten. Die sofort nach Kriegsende angestellten Nachforschungen über den Verbleib der Sendenhorster Glocken blieben ohne Erfolg.

Dem Einsatz von Pfarrer Westermann und Vikar Dresjan ist es zu danken, daß 1948 für die wahrscheinlich zerschlagenen Glocken drei neue bei der westfälischen Glockengießerei Edelbrock und Petit in Gescher für die Kirchengemeinde Sendenhorst bestellt werden konnten. Da eine Geldentwertung drohte, wurde von den bisher gesammelten Geldern Glockenmaterial gekauft. Die Sammlung reichte für den Guß der Glocken aber nicht aus. So war man nach der Währungsreform von neuem auf die finanzielle Hilfe der Bürger angewiesen. Auf Vorschlag des Kirchenvorstandes wurde im Januar 1949 ein Glockenverein gegründet, deren Mitglieder einen Mindestbeitrag von 1 DM monatlich zahlten. Die Gemeinde wünschte sich zu Weihnachten ein neues Glockengeläute. 
Am 6. 8. 1949, um 15 Uhr erlebten zahlreiche Sendenhorster Bürger in der Glockenwerkstatt in Gescher den Guß. Als der Meister die Stimmgabel ansetzte, stellte er fest, daß bei zwei Glocken der Guß gelungen war. Bei der dritten aber stimmten Hauptton und Nebentöne im Vollklang und Wohllaute mit den anderen Glocken nicht überein. Die Pfarrgemeinde beschloss nun, zwei weitere Glocken anzuschaffen.
So konnten im Dezember 1949 wieder einige Sendenhorster die alte Kunst der Glockengießerei erleben. Kurz vor Weihnachten wurden die vier Glocken in festlicher Weise eingeholt. Sie bilden ein gemischtes Geläut und erklingen in den Tönen C, Es, Fis und G.

Die größte Glocke C, die zur Kriegergedächtnisglocke bestimmt wurde, hat ein Gewicht von 55 Ztr. und in Höhe und Breite ein Maß von 1 ,60 Meter. Die zweite Glocke wiegt 30 Ztr., die dritte 20 Ztr. und die vierte 12 Ztr. 

Die erste Glocke trägt die Inschrift: 
"Regina pacis, ora pro nobis" (Königin des Friedens, bitte für uns). Sie ist dem Gedächtnis der Gefallenen gewidmet. 
Die zweite Glocke (Ludgerusglocke) ist beschriftet:
Latein:  „In honorem ancti Ludgeri primi episcopi diversis Monateriensis“ 
Deutsch: Zu Ehren des hl. Ludgerus, des ersten Bischofs des Bistums Münster.)
Die dritte Glocke (Catharinenglocke) berichtet in deutscher Sprache von ihrem Geschick:
1834 entstand ich als Catharinenglocke
1918 zog ich ins Feld
1923 kam ich wieder zur Welt
1942 man mich zerschlug
1949 von neuem mich schuf

Die vierte Glocke ist dem Gedächtnis des verstorbenen Kardinals von Galen gewidmet, den zu beherbergen Sendenhorst in den letzten Kriegsmonaten die Ehre hatte. Sie trägt seinen Wahlspruch: 
Latein: "ec laudibus nec timore" 
Deutsch: Weder durch Lob noch durch Furcht. 
Die Kardinalglocke ist ein sinnvolles lokales zeitgeschichtliches Denkmal geworden.

      

Sendenhorster Söhne im Priestergewand (1968)

B. Fascies | Beilage „Glocke“ – Nummer 197 – (1968)

Aus dem Bistumsarchiv Münster: Kartei des Sendenhorster Pfarrer Heinrich Hölscher

Es gehört zu den Themen der örtlichen Heimatgeschichte, dem Wirken unserer Landsleute draußen in der Welt nachzugehen. In einer bestimmten Richtung hat vor Jahren Pfarrer Heinrich Westermann aus Sendenhorst einen verdienstvollen ersten Beitrag zu diesem Thema geleistet, als er in die Pfarrchronik als Ergebnis umfangreicher Nachforschungen Namen, wichtige Daten und sonstige Nachrichten von Söhnen unserer Gemeinde eintrug, die das Priestertum zu besonders verantwortungsvollem Dienst daheim und draußen berufen hat.

Bis in den Beginn des 17. Jahrhunderts reichen seine Feststellungen zurück, und wir sind dankbar, daß damit zweieinhalb Jahrhunderte für unsere Tage beantwortet sind. Hier gilt es anzuknüpfen und das Thema „Alte Sendenhorster“ auszuweiten, zeitlich zunächst auf die bewegten Jahrhunderte von Gegenreformation und Reformation,  aber auch auf jene verdienten Männer und Frauen unseres Heimatstädtchens, deren Name durch Verdienst und besondere Leistung auf allen anderen Lebensgebieten draußen Rang und Klang gewonnen hat, als deren hervorragendsten Vertreter Joseph Spithöver.

Wir veröffentlichen im folgenden die Namen der Priester, die aus der Pfarrgemeinde Sendenhorst hervorgegangen sind. Der erste Priester aus Sendenhorst, dessen Name uns bekannt ist, heißt

Holscher, Henricus: Wurde zu Köln im Jahre 1580 zum Priester geweiht und starb im Jahre 1623 als Pfarrer in Sendenhorst. Von seiner Tätigkeit ist uns weiter nichts bekannt. Sein Elternhaus stand an der Stelle, wo heute Sattlermeister Anton Hölscher seine Besitzung hat.
[Anmerkung der Redaktion: So nicht richtig:
Aus Heinrich Petzmeyer: Sendenhorst. Geschichte einer Kleinstadt im Mittelalter 1993, Hrg. Stadt Sendenhorst, ISBN 3-923166-43-5 - Mit Heinrich Hölscher beginnt 1584 die lückenlose Liste der Pfarrgeistlichen. Heinrich Hölscher war nach dem Urteil der Visitatoren katholisch, keiner Häresie verdächtigt. 1602, bei der ersten Visitation, wurde festgestellt, dass Pastor Hölscher die katholischen Sakramente nach der Agende spendete, mit Wasser taufte, die Taufformel richtig gebrauchte. In der Kirche brannte vor dem Allerheiligsten das Ewige Licht zum Unterhalt waren einige Äcker bereitgestellt. Allerdings, so tadelten die Visitatoren, hatte der Pastor den Beschluss über heimliche Ehen nicht bekannt gegeben, er lehrte selten den Katechismus und hatte eine "Konkubine". [Absolut üblich zu dieser Zeit] Die Visitatoren verfügten: "Pastor Hölscher hat innerhalb von 15 Tagen seine Konkubine zu entlassen, bei Androhung einer Amtsenthebung solle er sich nie wieder in den Verdacht eines unerlaubten Verhältnises begeben." Pastor Hölscher sah sich, anders als seine Visitatoren, als rechtmäßig verheiratet an. Die Familie Hölscher hatte 2 Söhne, die 1604 die Universität in Köln besuchten. Fußnote Nr. 32: Keussen, Matrikel-Nr.: 721 und 726: Johan Hulsgher u Andreas Hölscher, Sindenhorstanus. Die nächste Visitation fand 1613 statt. In der Pfarrgemeinde Sendenhorst war längst noch nicht alles so, wie es das tridentinische Konzil angeordnet hatte. Aber der Pfarrer bemühte sich, seinen Vorgestzten genüge zu tun. Nach der Kirche lehrte er den Katechismus..... Der Lebenswandel ... gab keinen Anlass zur Klage. Er war jetzt unverheiratet... Seine Tochter wohnte bei ihm [Hallo Cousinchen] Er hatte keinen Streit mit den Pfarrkindern, war selten in Wirtschaften, betrieb keinen Handel...Pastor Hölscher war mehr als 40 Jahre Pastor in Sendenhorst. Als er 1623 starb, erlebten seine Pfarrkinder gerade den den ersten Höhepunkt des 30-jährigen Krieges. Pafrrer Hölscher hatte in seinen letzten Lebensjahren einen Assistenten zur Seite gestellt bekommen. den münsterischen Fraterherr Johannes Engelberting. Dieser wurde 1624 der Nachfolger Heinrich Hölschers.]

Holscher, Joannes: 
Wurde am 20. September 1602 in Münster geweiht. Auch von ihm ist uns weiter nichts bekannt. Er wird ein Neffe des Henricus Holscher gewesen sein.
Kleykamp, Joannes:
Wurde am 4. April 1654 zu Münster zum Priester geweiht und stammte von dem alten Bauernhofe Kleikamp in Ringhöven. Im Jahre 1654 wurde er Vicarius in Münster St. Martini und im Jahre 1660 Pfarrer von Sendenhorst. Er starb am 24. Mai 1682 zu Sendenhorst. Unter ihm erhielt Sendenhorst im Jahre 1673 die erste Orgel. Er ist der Oheim des Vikars Bernhard Kleikamp. Auch besaß er das Recht, den Vikar für die Vikarie Halstendorf in Münster St. Lamberti zu präsentieren. Von ihm stammen auch die ältesten Eintragungen in unseren Kirchenbüchern.
Kleykamp, Bernardus:
Wurde am 19. Dezember 1643 in Münster zum Priester geweiht, wurde im selben Jahr Vikar der St.-Katharinen-Vikarie zu Sendenhorst. Im Jahre 1662 wurde er Kanonikus in Beckum, wo er aber nicht wohnte. Er starb am 15. Oktober 1680 in Sendenhorst. Er war wohl ein Bruder des Pfarrers Johannes Kleykamp.
Kleykamp, Bernadus:
Wurde im Jahre 1680 Vikarius der St.-Katharinen-Vikarie und starb mit 76 Jahren im Jahre 1728. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er auf dem hochadeligen Gut „Zu Hove“. Im Jahre 1727 verzichtete er auf seine Vikarie zugunsten des Johann Theodor Kinnebrock.
Hugen, Vinzenzius: Empfing am 22. Dezember 1652 die hl. Weihen. Weiteres ist von ihm nicht bekannt. Die Familie kommt später unter dem Namen Hugemann vor, ist aber heute in Sendenhorst nicht mehr ansässig.
Hugen, Johannes:
War wohl ein Bruder des Vinzenzius und wurde im Jahre 1669 geweiht. Auch von ihm ist weiter nichts bekannt.
Niesert (Niestert), Joannes Bernardus: 
Wurde zu Sendenhorst in der Bauerschaft Brock auf dem Hofe Niestert geboren, am 22. Juli 1699. Seine Eltern waren Joes Bernhard Niesert und Katharina, gen. Sutthoff. Die Subdiakonatsweihe empfing er am 28. April 1723 in Paderborn und die hl. Priesterweihe am 18. Dezember in Münster. Im selben Jahr fand er Anstellung an der Mauritzkirche zu Münster, und im Jahre 1734 finden wir ihn als Domvikar daselbst.
Isfordingk, Bernardus:
Wurde am 28. März 1656 zum Priester geweiht. Auch von ihm wissen wir weiter nichts. Sein Bruder war Johann Isfordingk, der mit Maria Zurgeist verheiratet war. Mit dem 16. Jahrhundert verschwindet der Name aus den Kirchenbüchern zu Sendenhorst.
Lolemann, Georgius:
Geweiht zum Priester am 24. September 1667 in Münster. Da der Name Lolemann sonst nicht in den Kirchenbüchern vorkommt, wird wohl ein Schreibfehler vorliegen. Statt Lolemann wird es Jolemann heißen müssen. Dann stammt er von dem Bauernhofe Jolemann ab, der sich heute Halene nennt. Sein Bruder war dann Thomas Jolemann, der mit Gertrud Reckers verheiratet war.
Berning, Christopherus:
Wurde im Jahre 1667 geweiht.
Beering, Bernardus Henricus:
Wurde am 30. Mai 1711 zum Priester geweiht und erhielt seine Anstellung in Sendenhorst am 13. Februar 1713. Christopherus und Bernhard Henricus stammen von dem Hofe Schulze Beering in Jönsthövel, der heute im Besitz des Bauern Gößlinghoff ist. Der Vater des Bernhardus war Johann Schulze Beerendt oder Beering, der mit Klara Linnemann verheiratet war.
Bispinck, Hermann Antonius: 
Wurde zu Sendenhorst im Jahre 1695 geboren als Sohn des Richters Joes Christoph Bernhard Bispinck und Katharina Elisabeth Osthoff. Zum Priester geweiht wurde er am 17. Dezember 1718 zu Münster. Im Jahre 1738 war er Vikarius an der alten Paulskirche zu Münster. 1743 wurde er Kanonikus an St. Ludgeri Münster.
Bispinck, Paul Mathias Joseph,
Bruder des obigen Hermann Anton, wurde zu Sendenhorst am 21. Januar 1703 geboten und zum Priester geweiht am ?? 1727 in Münster. Nach seiner Weihe übernahm er eine Anstellung als Vikar in Marienfeld.
Linnemann, Bernardus Henricus:
Geboren zu Sendenhorst am 10. März 1806. Die Eltern waren Bernardus Hermann Linnemann, Tuchmacher, und Anna-Maria geb. Lütkehues. Sie wohnten auf der Armenstraße, heute Schulstraße (Jönsthövels Scheune). Zum Priester geweiht wurde er zu Münster am 16. Juni 1832. Am 30. August 1833 wurde er angestellt als Schulrektor in Horst. Dort verblieb er bis zum Jahre 1853. In diesem Jahr wurde er zum Pfarrer von Henrichenburg ernannt, und zwar am 28. September 1853. Er starb schon am 2. Dezember 1860. Sein Testamentsvollstrecker wurde sein Bruder.
Linnemann, Joan Bernhard: 
Wurde geboren zu Sendenhorst am 5. März 1801, zum Priester geweiht am 14. März 1829 in Münster. Seine erste Anstellung fand er als Vikarieverwalter in Stadtlohn. Dort verblieb er bis zum Jahre 1861 und wurde der Testamentsvollstrecker und Nachfolger seines jüngeren Bruders als Pfarrer von Henrichenburg. Sein Todesjahr ist nicht angegeben.
Sulzer, Joseph: 
Geboren am 18. Dezember 1800. Seine Eltern waren Joan Valentin Sulzer und Elisabeth geb. Lindsmeier. Der Vater war Arzt und wohnte am Kirchplatz (heute Dünnewald). Er ist wohl zwischen 1800 und 1804 nach Sendenhorst gekommen. Am 20. Januar 1804 wurde ihm ein Sohn geboren, der sich Joannes Wilhelmus nannte. Später wurden noch andere Kinder geboren. Joseph Sulzer wurde am 14. April 1827 in der St.-Klemens-Kirche zum Priester geweiht. Im Jahre 1834 finden wir ihn als Kaplan in Holthausen bei Laer. Von dort wurde er versetzt als Kaplan in Heessen, wo er bis zum 11. August 1845 tätig blieb. Am 8. Oktober 1845 wurde r als Pfarrer in Holthausen eingeführt. Dort scheint er auch gestorben zu sein.
Vinnewald, Tennewald Bernhard: 
Geboren zu Sendenhorst am 20. Januar 1815. Seine Eltern waren Balthasar Vinnewald und Elisabeth geb. Kötters. Sein Vater war Schneider und wohnte auf dem Nordgraben. Bernhard Vinnewald wurde am 13. Juni 1840 im Dom zu Münster zum Priester geweiht und erhielt seine erste Anstellung als Kooperator in Altlünen. Dann wurde er Pfarrverwalter in Eggerode (Wallfahrtsort bei Horstmar, Krs. Steinfurt). Danach kam er als 1. Kaplan nach Aldekerk im Rheinland und wurde wiederum zur Aushilfe nach Altlünen gesandt. Am 1. März 1842 ist er 2. Kaplan in Horstmar, und dort verblieb er bis zum Jahre 1848. In diesem Jahr scheint er Pfarrer in Duisburg geworden zu sein.
Brocks, Bernardus Henricus: 
Zu Sendenhorst wurde er am 18. Dezember 1813 geboren. Seine Eltern waren Bernard Henrich Brocks und Klara geb. Vogel. Sein Vater war Schuhmacher und wohnte auf der Neustraße (heute Schlautmann). Zum Priester wurde er geweiht am 13. Juni 1840 im Dom zu Münster. Zuerst fand er eine Betätigung als Informator beim Fürsten Löwenstein zu Heuben bei Aschaffenburg in Bayern. In der gleichen Anstellung war er auch tätig beim Rentmeister Kall in Velen. Im Jahre 1842 ist er Kooperator  zu Dornick bei Kleve. Am 20. Oktober wurde er zum Kaplan in Marl ernannt. Dort war er noch im Jahre 1843 tätig. Weiteres ist uns von ihm nicht bekannt.
Wöstmann, Theodor Henrich: 
Wurde zu Sendenhorst am 25. Oktober 1810 geboren und zum Priester geweiht am 25. Mai 1839 im Dom zu Münster. Seine Eltern waren Bernhard Wöstmann und Katharina geb. Jungmann. Der Vater war Weber und wohnte auf der Nordstraße (heute Pälmke). Der Neupriester war zuerst Kooperator in Olfen und wurde im Jahre 1848 Vikar in Ibbebüren. Dort starb er als Kaplan im Ruhestand am 1. April 1901.
Frey, Johann Theodor:
Wurde am 24. Juni 1822 zu Sendenhorst auf dem Hofe Zur Wiese in der Bracht geboren und am 14. Juni 1851 zum Priester geweiht. Seine Eltern waren Johannes Frey und Katharina Osterhoff und wohnten in der Bauerschaft Beumer (heute Bracht). Dort besaßen sie den Gutshof „Haus zur Wiese“. Der Neupriester erhielt als erste Anstellung die Kaplanei in Heessen im Jahre 1851. Er starb als Kaplan in Hommersum am 30. Dezember 1889.
Spithöver, Bernhard Christoph Theodor: 
Am 10. Oktober 1839 wurde er zu Sendenhorst als Sohn des Bernhard Spithöver und Elisabeth geb. Lange geboren. Sein Vater war Schuhmacher und ein Vetter von Bernhard Josef Spithöver, dem Stifter des St.-Josef-Stiftes. Die Mutter stammte von dem Bauernhof Lange in Jönsthövel. Bernhard Theodor Spithöver wurde zu Münster am 12. März 1864 zum Priester geweiht. Im Jahre 1873 ist er als Kaplan in Werne tätig. Er starb als Pfarrer von Milte am 27. Juni 1894.
Drees, Bernhard Johann: 
Geboren war er zu Sendenhorst am 9. März 1856. Seine Eltern waren Schullehrer Heinrich Drees und Maria Anna geb. Bennemann. Diese wohnten am Kirchplatz. Der Vater kam von Ostbevern, und die Mutter stammte aus Sendenhorst, wo der Vater Bernhard Bennemann Weber war. Bernhard Johann Drees wurde zum Priester in Münster geweiht am 20. Juli 1879. Er starb als Pfarrer und Definitor zu Emsdetten am1. April 1926.
Everke, Bernhard Heinrich: 
Wurde zu Sendenhorst am 1. Februar 1864 geboren. Seine Eltern waren Bernhard Heinrich Everke, Kaufmann zu Sendenhorst, und Helene geb. Ashölter. Sein Elternhaus stand dort, wo heute die Brennerei Everke liegt. Zum Priester wurde er zu Münster am 26. Mai 1888 geweiht. Eine Anstellung hat er wegen Krankheit wohl nicht gehabt. Er starb als Diözesanpriester am 13. Juni 1899.
Panning, Franz Hermann: 
Wurde am 21. November 1867 zu Sendenhorst geboren. Seine Eltern waren Hermann Panning, der am Kirchplatz eine Branntweinbrennerei besaß, und Elisabeth geb. Datmann. Da diese im Jahre 1873 starb, heiratete sein Vater in zweiter Ehe am 15. April 1874 Sophie Silling. Franz Hermann wurde am 2. April 1892 zu Münster zum Priester geweiht und wurde im selben Jahr zum Kaplan in Merfeld ernannt. Im Jahre 1893 war er Kaplan in Rhede und wurde im Jahre 1894 Direktor der Marienburg in Coesfeld, wo er bis zum Jahre 1937 verblieb. Im selben Jahr bekam er die Auszeichnung als Päpstlicher Geheimkämmerer und verbrachte die folgenden Jahre im Ruhestand auf der Marienburg. Er starb im 87. Lebensjahr und im 63. Jahr seines Priestertums, wovon er 60 Jahre auf der Marienburg verbrachte, am 28. Mai 1954 in Coesfeld. Die Kinder auf der Marienburg waren dem Verstorbenen sehr ans Herz gewachsen. Der Jugend galt sein ganzes Arbeiten, Schaffen und Beten. Für sie gestaltete er die Marienburg um zu einer sonnigen Heimstatt der Erziehung und der Ausbildung. Unter dem großen Kreuz auf dem St.-Lamberti-Friedhof in Coesfeld fand Prälat Panning seine letzte Ruhestätte.
Horstmann, Anton Heinrich: 
Geboren am 29. Juni 1878 zu Sendenhorst-Ringhöfen. Seine Eltern waren der Gutsbesitzer Theodor Horstmann und Josefine geb. Mertens aus dem Kirchspiel Ahlen. Zum Priester wurde er am 6. Juni 1903 zu Münster geweiht. Im selben Jahr wurde er zum Kaplan von Darfeld ernannt, wo er bis zum Jahre 1908 verblieb. In diesem Jahr berief ihn das Vertrauen seines Bischofs zum Präses der Erziehungsanstalt in Haus Hall bei Gescher. Im Jahre 1910 wurde er zuerst Kaplan in Gladbeck St. Marien und vier Jahre später Rektor daselbst. Im Jahre 1917 ernannte ihn sein Bischof zum Rektor in Duisburg Hl. Kreuz und 1920 zum Vikar in Nordkirchen. Zum Pfarrer von Haffen am Niederrhein wurde er ernannt im Jahre 1927, wo er segensreich wirkte. 25 Jahre war er der Priester, Hirt und Lehrer der ihm ans Herz gewachsenen St.-Lambertus-Pfarrgemeinde. Die stark zerstörte Haffener Kirche wurde dank seiner Tatkraft wiederhergestellt. Die Pfarrgemeinde rüstete sich schon, sein silbernes Ortsjubiläum festlich zu begehen, als er am 7. Juni 1952 im 74. Lebensjahr und im 50. Jahre seines Priestertums starb. Er war ein Vater der Armen und Notleidenden.
Suermann, Caspar Adolf: 
Wurde zu Sendenhorst am Kirchplatz am 20. August 1883 geboren. Seine Eltern waren Gastwirt Adolf Suermann und Gertrud geb. Roxel aus Beckum. Diese waren am 16. Januar 1878 zu Sendenhorst kirchlich getraut worden. Von den acht Kindern war Caspar Adolf das vierte Kind. Er studierte in Münster und wurde dort am 10. Juni 1911 zum Priester geweiht. Schon bald nach der Weihe wurde er als Kaplan in Wulfen angestellt, wo er bis zu seinem frühen Tod am 12. Juli 1918 eifrig tätig war. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Friedhof zu Sendenhorst.
Happe, August Jakob: 
Geboren zu Sendenhorst am 6. Mai 1860 und zum Priester geweiht in Amerika im Jahre 1887. Wegen des Kulturkampfes hatte er Deutschland, wie so viele andere Priesteramtskandidaten, verlassen müssen. Viele Jahre wirkte er als Pfarrer in den Vereinigten Staaten von Nordamerika sehr segensreich. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in San Remo in Italien, von wo er mit seiner Heimat in Verbindung stand und regen Anteil nahm an den Geschehnissen in Deutschland. Sein Vater war ein Kupferschmied, Franz Friedrich Happe aus Beckum, der sich in Sendenhorst ansässig machte und daselbst am 31. August 1859 die Gertrud Hasse aus Herbern ehelichte. Neun Kinder entstammten dieser Ehe, von denen August Jakob der älteste Sohn war. Wie er, so wurde auch sein jüngerer Bruder Franz Engelbert Priester. 67jährig schied er aus der Seelsorge aus und kehrte 1927 in seine Heimat zurück. Jedoch keineswegs müde, unternahm er von hier längere Reisen nach Aegypten und in das Heilige Land. Dem feuchten Klima des Münsterlandes entwöhnt, verbrachte er über Baden bei Wien und Meran seine letzten Jahre in San Remo. 1927 konnte er sein 50. Priesterjubiläum begehen. Wegen seiner Verdienste um den Wiederaufbau eines italienischen Priesterseminars wurde er vom Bischof von Genua zum Ehrendomherrn ernannt, nachdem er einige Jahre zuvor die Würde eines Prälaten erhalten hatte. 1951 starb Prälat August Jakob Happe in Remo.
Happe, Franz Engelbert: 
Bruder des August Jakob Happe. Er wurde am 11. Juni 1863 zu Sendenhorst geboren und am 17. Dezember 1887 zum Priester geweiht. Er fand seine Anstellung in Südkirchen, wo er mit 34 Jahren am 11. September 1897 starb. Während der Zeit des Studiums in Münster widmete er sich in jeder freien Stunde mit Liebe der Dichtkunst. An den besten Vorbildern schulte er sich und brachte es zu der überraschenden Sprachgewandtheit , die wir in seinen Schöpfungen bewundern. „Er ordnete und wählte, feilte und meißelte, lernte Zucht und Ordnung.“ Er wurde ein Dichter. Aus dieser Zeit stammen die nach Form und Inhalt gleichschönen lyrischen Gedichte wie „Nur ein Gruß“, „Gruß an die Heimat“, „Der Lenz ist da“, „Marienzauber und Mädchenlist“, „Herbstgefühl“, „O Mutter sind das holde Lied“, „Maiandacht“ und viele andere. Sein Schaffensdrang hatte erst dann seine Grenzen, als er, aufs äußerste erschöpft, zusammenbrach. Noch war es ihm gelungen, unter Anspruch aller seiner Kräfte die zweite Auflage seiner „Stimmungen und Gestalten“ druckfertig zu stellen. Langsam nahmen seine Kräfte ab. Eine Krankenschwester aus dem Nachbarort, der er in Füchtorf den Weg zum Kloster geebnet hatte, stand ihm in den letzten schweren Stunden zur Seite und drückte ihm am Morgen des 11. September 1897 die Augen zu. Er ruht auf dem idyllischen Dorffriedhof Südkirchen, wo der Erlöser vom Kreuz auf sein Grab herniederschaut.
Happe, Albert Martin: 
Neffe der beiden vorgenannten Priester, am 17. April 1908 zu Sendenhorst geboren. Seine Eltern waren der Kupferschmied Johann Happe und seine Ehefrau Katharina geb. Wulf aus Herzfeld. Er ist das sechste von elf Kindern. Zum Priester wurde er geweiht zu Münster im Dezember 1932. Nach seiner Weihe wurde er als Kaplan zu Münster St. Elisabeth angestellt, wo er acht Jahre tätig war. Im Jahre 1940 berief ihn sein Bischof als Vikar nach Neuenkirchen bei Rheine. Nicht lange Zeit konnte er dort tätig sein, da er im Jahre 1943 als Sanitätssoldat eingezogen und an der Ostfront eingesetzt wurde. Seit 1945 ist er vermißt.
Dünnewald, Joseph Valentin: 
Geboren zu Sendenhorst am 23. April 1841 als Sohn des Kaufmanns Ferdinand Dünnewald und Franziska geb. Sülzer, der Tochter des Dr. Sülzer aus Sendenhorst. Seine Theologiestudien machte er zu Münster, wo er am 29. Juni 1866 zum Priester geweiht wurde. Seine erste Tätigkeit verbrachte der Kaplan in der Diözese Münster. Wegen des Kulturkampfes mußte er seine Heimat verlassen, ging nach Oesterreich und wurde Pfarrer in Hallstadt bei Bad Ischl. Vom Jahre 1877 bis zu seinem Tode am 27. Januar 1926 war er dort segensreich tätig. Seine Gemeinde ehrte ihn mit dem Ehrenbürgerrecht der Gemeinde Hallstadt.
Bartmann, Theodor Alwin: 
Zu Sendenhorst wurde er am 3. September 1878 geboren. Sein Vater war der Schreinermeister Josef Bartmann und seine Mutter Anna geb. Fuest. Er trat in den Orden der Kapuziner ein und empfing die Priesterweihe im August 1905 zu Münster. Als Ordenspriester hieß er Pater Cäsarius Bartmann. In den verschiedenen Klöstern war er tätig als Exerzitienmeister und Ordensoberer. Nach einer segensreichen Tätigkeit verstarb er am 11. Juni 1928 nach einer Operation im Clemenskrankenhaus zu Münster.
Wilking, Bernhard: 
Am 25. März 1874 in Sendenhorst geboren. Seine Geburtsstätte war das heutige Linnemannsche Haus auf der Nordstraße 11. Nach Abschluß seiner Studien wurde er am 28. März 1898 im Hohen Dom zu Münster zum Priester geweiht. Zwei Jahre war er Kaplan in Lünen, leitete zehn Jahre lang als Rektor die höhere Knabenschule zu Haltern und wurde am 30. September 1911 als Direktor der Genossenschaft berufen. Mehr als 23 Jahre war er ihr treuer Hüter und Förderer. Den ausgezeichneten Geist, der von dem hochseligen Bekennerbischof Clemens August in Köln der Genossenschaft als kostbares Geschenk hinterlassen, war er zu erhalten und zu fördern mit ganzer Hingabe bestrebt. Durch unermüdliche Belehrung, durch Wort, Beispiel und Schrift hat er dazu wesentlich beigetragen. Davon zeugen auch die zwei Bände von Briefen, die er alljährlich an die Schwesternhäuser geschrieben hat. Aber nicht nur der geistliche Fortschritt der Schwestern lag ihm sehr am Herzen, sondern auch ihre gründliche allseitige Berufsausbildung in der Krankenpflege, so daß die Arbeit überall, auch bei den weltlichen Stellen und bei der staatlichen Aufsichtsbehörde, volle Anerkennung fand. Unter seiner Leitung ist die Genossenschaft mächtig gewachsen. Da die Gesundheit der Schwestern in der aufreibenden Krankenpflege häufig leidet, errichtete er ein Erholungsheim für sie in Cleve und Meschede. Im Jahre 1918 gründete er das Gertrudenstift bei Rheine für Rekonvaleszenten aus Laienkreisen, dem er 1925 das schöne Exerzitienhaus als Segensstätte für Priester und Laien angegliedert hat. Seine größte Sorge galt der leidenden Menschheit. Davon zeugen die Altersheime in Recklinghausen, Wulfen und Lippborg, der Ausbau der Raphaelsklinik, auch für Wöchnerinnen und Kinderpflege, der Bau des Clemens-August-Hospitals zu Bitburg in der Eifel, der Ankauf des wirtschaftlich von der Kirchengemeinde nicht aufrechtzuerhaltenden Krankenhauses von Orsoy und das große Hospital zu Meschede. Da die Not der Zeit ihm am Herzen lag, förderte er die Speisung von vielen hunderten Bedürftigen. Er starb am 24. Januar 1935 zu Münster.

      

Die Sendenhorster Johannisbruderschaft

 B. Fascies | Heimatkalendar 1964 |

Traditionsbewußtsein | Sendenhorster Johannisbruderschaft | im Jahr 1906 300jähriges Bestehen | Enthüllung der neuen Fahne 1906


SENDENHORST Das Traditionsbewußtsein der Sendenhorster Johannisbruderschaft nährt sich aus einer Jahrhunderte alten Vergangenheit. Über ihre Anfänge sind unmittelbare Zeugnisse, die über das Geburtsjahr einwandfrei Auskunft geben könnten, nicht vorhanden. Doch wurde im Jahr 1906 das 300jährige Bestehen feierlich begangen und aus diesem Anlaß eine Fahne enthüllt vor 1970

vor 1970Bild: Joannisbrüder-Schützenfest 1926 im Saal Werring

Der Hinweis auf das Jahr 1606 findet sich ferner in einem gedruckten Liederheft der Johannisbruderschaft aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts und solange nicht die überlieferte Auffassung in Zweifel gezogen bzw. widerlegt wird, dürfte sie ihr gutes Recht für sich haben.

So verfolgen die Sendenhorster Johannisbrüder ihre Tradition über mehr als dreieinhalb Jahrhunderte zurück bis in die Zeit vor dem 30jährigen Krieg. Seine schicksalsvollen Ereignisse haben die früheren Jugendjahre dieser Bruderschaft überschattet. Ständige Wehrbereitschaft und die Bewährung in schwerer Notzeit kennzeichnen das Gesetz, nach dem die Johannisbruderschaft angetreten ist, wie es bei zahlreichen ähnlichen bürgerlichen Zusammenschlüssen bereits im Mittelalter der Fall war. Die Unruhen der Zeiten verlangten Schutzmaßnahmen, die das Leben der Bürger vor Überfällen, Plünderungen, Mordtaten durch verantwortliche Selbsthilfe sicherten.

Die Mitglieder der Bruderschaft stellten sich, wie ihr Name erkennen läßt, unter den Schutz des hl. Johannes, der in Sendenhorst schon früh verehrt wurde. In der dem hl. Martin geweihten Stadtkirche gab es einen Johannes-Altar. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts (1447) wurde die Vikarie St. Johannes, dem „Täufer“ zu Ehren auch St. Baptist genannt, gegründet. Unter dem bekannten Fürstbischof Christoph Bernard von Galen (1651 – 1678) gestalteten sich im Zeitalter der Glaubenserneuerung die Beziehungen zwischen Bruderschaften und Kirche besonders eng. Zwar liegen schriftliche Zeugnisse über diese Entwicklung für Sendenhorst speziell nicht vor, doch darf man annehmen, daß sich die Johannisbrüder dem kirchlichen Leben gleichfalls wieder eng verbanden und daß sie in Sitte und Brauch wieder Gewohnheiten pflegen, wie sie vor der Reformationszeit in dem an religiösem Brauchtum so reichen Mittelalter bestanden hatten.
An kirchlichen Festen wie an Brandprozessionen nahmen die Johannisbrüder mit ihrer Fahne teil, bei Prozessionen begleiteten sie als Ehrenwache das Sanktissimum. Je mehr jedoch sich die Macht des Landesfürsten festigte, der Ruhe und Ordnung energisch in seine Obhut nahm, desto mehr verlor die Bruderschaft ihre ursprüngliche Zweckbestimmung als bürgerliche Wehrgemeinschaft. Ihr Zusammenschluß war jedoch so fest und innig, daß eine Auflösung nicht in Betracht kam, und so fanden sich alljährlich um die Sommersonnenwende die Johannisbrüder im friedlichen Wettstreit bei Musik, Gesang und Becherklang zu einem Volksfest zusammen, bei dem wahre Freude aus echter Volksgemeinschaft quoll, und die Sorgen für ein paar Tage und Stunden vergessen wurden. Geschichtliche Quellen berichten aus dem Jahre 1811, daß die Feier drei Tage dauerte. Sie bestand in einem festlichen Umzug durch die Stadt, Scheibenschießen auf der Stadtheide (Ostheide) und gemütlichem Zusammensein mit Tanz auf dem Rathause, das eben nicht nur wie heute nüchternes Verwaltungsgebäude, sondern der eigentliche Festsaal der Bürgerschaft war. Das Bier wurde eigens zu diesem Feste gebraut. Der damalige Bürgermeister Langen machte in Anbetracht der Lebensmittelknappheit den Versuch, die Feier des Festes auf zwei Tage zu beschränken. Er wies darauf hin, daß mancher Handwerker nicht nur allein einen Tagelohn verliere, sondern „nebst dem noch Kostenaufwand und Kleidung macht“. Aber mit diesem Versuch kam der Bürgermeister nicht durch. Die Johannisbrüder setzten sich energisch zur Wehr, und es gelang ihnen, für 1813 einen Erlaubnisschein zu erwirken, der ihnen den für 1812 offenbar untersagten dritten Festtag wiedergab. Darüber gibt ein Dokument Auskunft, das sich im Protokollbuch der Johannisbrüder befindet und folgenden Wortlaut hat: „L. S. Sendenhorst, den 28. Juni 1813.
Der Maire an den Vorsteher der Johanni Bruderschaft, dahier
Die edele Gesinnungen, welche die Johanni Bruderschaft gegen den allergrössten Monarchen von Eurapa, unsern Beschützer, durch Ihre Vorstellung vom 18ten d. ! M. an Tag gelegt haben, sind von der Art, daß ich nicht nur allein die Erlaubnis zu einer 3tägigen Lustbarkeit und einem Scheibenschiessen am 27. d. M. erteile, sondern ich werde auch höheren Orts den Patrotismus der Sendenhorster Johanni Brüder an Tag legen … Übrigens gestatte ich nur 3 Tage zu dieser Lustbarkeit und jeden Tag nur bis des Nachts ein Uhr. Zur Armen-Casse werden für dieses mal 4 rthl. gleich bey Insiunation dieses gezahlt. Meine Gebühren und Stempel werden aus Regarde für die Bruderschaft niedergeschlagen. Die Herren Vorsteher bleiben nur für all-allenfallstigen Unglücksfälle beym Scheibenschießen und für jede Unruhe und sonstiges Vergehen verantwortlich und keine Kinder dürfen unter 15 Jahren in der Nähe zugelassen werden. Gegeben auf Mairei Burau am Tage wie oben. Der Maire: gez. Langen“
Bis auf den heutigen Tag hat sich das Johannisbrüderschützenfest erhalten. Unsere Vorfahren haben es verstanden, ihre Feste zu feiern. Das Schützenfest nahm am Samstagabend mit der Aufnahme neuer Mitglieder und einer Wein- und Bierprobe seinen Anfang. Der Sonntag war frei, und der Montagvormittag begann nach einem Gottesdienst mit anschießendem Töttchenessen und Kampf um die Königswürde. In bestem Staat (Gehrock und Zylinder), die Gewehrspitze mit einer Blume bekrönt, marschierten die Johannisbrüder unter Begleitung einer Musikkapelle mit Fahne zur Mühlenkuhle. Dort wurde dann auf Scheiben geschossen. War der beste Schütze ermittelt, so wurde er zum König der Johannisbrüder proklamiert. Dieser wählte sich seine Königin, in der Regel seine Frau. Ein kleiner Umzug durch die Stadt beschloß die Veranstaltungen des Vormittags. Der Nachmittag war bei Kaffee und Kuchen den Damen gewidmet. Gegen 6 Uhr wurden sie von den Männern abgeholt. Der stattliche Zug führte dann zum Hause des Königspaares, von dort setzte sich ein Festzug in Bewegung. Gegen 8 Uhr begann der Festball. Jung und alt saßen an getrennten Tischen, doch galt die Aufmerksamkeit der Alten im Verlauf des Abends ihren „Jungen“, insbesondere dann, wenn der perlende Wein fröhliche Stimmung aufließ. Die Jungen tanzten ohne Unterlaß. Wenn aber die Debbeltsche Musikkapelle aus Drensteinfurt die Königsquadrille intonierte, dann wurden auch die Alten lebendig und drehten sich mt der ergrauten Ehehälfte im Kreise. Humoristische Vorträge und gemeinschaftliche Lieder wechselten sich ab. Im Morgengrauen nahm das Fest sein Ende. Mit Musik wurde das Königspaar nach Hause begleitet, dort bildete sich auf der Straße ein Kreis, und der Kehraus wurde getanzt. Ein letztes Hoch, ein Fahnenschwenken und heimwärts zog die Schar. Dienstagabend fand eine Zusammenkunft statt, bei der die Reste verabreicht wurden. So ist es im großen und ganzen heute noch.

Einen alten Brauch haben die Johannisbrüder in ihren Aufnahmebedingungen festgelegt: Wer in die Bruderschaft aufgenommen werden will, hat sich am Vorabend des Festes (SONN-abend) einer Abstimmung mit schwarzen und weißen Bohnen zu unterwerfen, die schwarzen entscheiden gegen, die weißen Bohnen für die Aufnahme. In einer Prüfung muß er seine Trinkfestigkeit unter Beweis stellen. Sind dem Anmeldenden mehr weiße Bohnen zugefallen, dann hat er den bekränzten historischen Becher, mit edlem Naß gefüllt, in einem Zuge zu leeren.
Ein weiterer alter Brauch ist noch, daß die ältesten Mitglieder der Bruderschaftsversammlung vier Kürgenossen angeben, die den Vorstand wählen. Dieser besteht aus dem Obersten und seinem Stellvertreter, dem Leutnant und seinem Stellvertreter und dem Schriftführer. Außerdem werden Sachverständige für die Bier- und Weinprobe gewählt.

Wie jede bruderschaftliche Gemeinschaft beim Tode ihrer Mitglieder bestimmte Formen pflegt, so tun es auch die „Jansbrüörs“. Der Verstorbene wird von den Angehörigen der Bruderschaft getragen, alle „Brüder“ geben ihm das Ehrengeleit. Das Gleiche trifft auch auf die Witwen zu, wenn sie die Mitgliedschaft aufrecht gehalten haben.

Die Schützenfeste der Johannisbrüder hatten es in sich, und nicht immer hat der eifrige Alkoholzuspruch mit seinen sichtbaren und hörbaren Folgen die Zustimmung des Pfarrers Kuipers gefunden. Daß die Johannisbrüder freilich nicht nur „Saufbrüder“ waren, wie es in einem kirchlichen Buch gesagt sein soll, zeigt sich u. a. darin, daß sie für die neu erbaute Pfarrkirche einen Altar stifteten, den sie dem Stadtpatron zur Ehren St. Martin nannten.

Als Zeugen der geschichtlichen Vergangenheit der Bruderschaft haben sich die Königskette und der Becher erhalten. Manch stattliche Schützenbrust hat die Kette in all den Jahrhunderten geschmückt, manche Schicksale hat sie über die Bruderschaft und die Gemeinde kommen und gehen sehen. Die 119 angebrachten Schilder künden von Freundschaft und Brudertreue, von guten und trüben Zeiten, von Freude und Trauer und sprechen von dem Gemeinschaftsleben der Bruderschaft. Die alte Kette soll eine große Bürde für den Würdenträger gewesen sein, da sie bis zu den Knien herab hing. Bei einer Feuersbrunst im Jahre 1806 fielen die Insignien, die während der Regentschaft im Haus des Königs bei Heinrich Feiling, heute Th. Linnemann (Nordstraße), aufbewahrt wurden, dem wütenden Element zum Opfer und schmolzen. Aus den Überresten des Silbers wurde ein ovales Brustbild in Größe von 19 mal 23 cm mit dem Bild des hl. Johannes und dem Lamm Gottes angefertigt. Die Umschrift lautet: „Ich bin eine Stimme des Rufenden in der Wüste. St. Johannis Baptista Patronus noster 1810.“ Von dieser Zeit an stammen auch die Schilder, die den Namen des Königs mit ihrer Jahreszahl und einen sinnreichen Spruch tragen.

Aus der Vielzahl der Königsschilder können aus Raumgründen nur einige wenige angeführt werden:
1812: Vivat Amandus Johannes Wiegers, Schützenkönig 1812. Die Inschrift ist umgeben von folgendem Spruch: Der Amandus hat befohlen, man soll das Brot vom Bäcker holen.
1820: Adolphus Stapel, König Sendenhorst
1820, Rückseite mit Bild vom Einzug Christi in Jerusalem und Spruch: Siehe, Dein König kommt zu Dir, der ist gerecht und Dein Helfer. Zach 9 e 9 a.
1923: Anton Brandhove, König der Johannisbrüder 1923, Zirkel und Winkel, Rücks. Milliard und Billion Sah ich auf dem Königsthron, doch die Rentenmark bald darauf, brachte einen anderen Lauf.
1920: Laurenz Kock, König der Joahnnisbrüder 1927. Rückseite zeigte den Spruch: So sehr wie dieses Jahr Noch nie der Thron belastet war, Denn das Königspaar gesund und rund Es wog beinah 500 Pfund.
1931: Eberh. Haselman, König der Johannisbrüder 1931. Rückseite: Vom Küster ward zum König ich In Deutschlands schwerster Zeit, Drum regierte auch zwei Jahre ich Ohne jede Festlichkeit

So reden die Sinnsprüche eine beredte Sprache von bedeutungsvollen Geschehnissen vergangener Zeiten. Stets ist die Johannisbruderschaft bemüht, einen gesunden und fröhlichen Geist zu erhalten, Gottesfurcht und Freundschaft zu pflegen und Liebe und Eintracht zu fördern, getreu dem Wort des Dichters:„Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.

      

Sendenhorst – Stadt lebendiger Brauchtumspflege (1960)

 Beilage zur „Glocke“ – Nummer 103 – (1960) | Bernhard Fascies |

Freundliche Landstadt - im alten münsterländischen Dreingau- 5000 Einwohner - tausend Jahre alte Siedlung - Kleinstadtzauber. Ackerbau, Viehzucht, Handwerk, Handel, Gewerbe -  starkes Gemeinwesen


SENDENHORST  Die freundliche Landstadt Sendenhorst liegt im alten münsterländischen Dreingau, im nordwestlichen Teil des Kreises Beckum. Sie hat mit ihren sieben Bauerschaften rund 5000 Einwohner. Ihrer Abgeschiedenheit von den Hauptverkehrsstraßen und dem beharrenden Sinn ihrer Ackerbürger verdankt die über tausend Jahre alte Siedlung ihren Kleinstadtzauber. Neben Ackerbau und Viehzucht haben sich Handwerk, Handel und Gewerbe entwickelt und mit ihnen ein starkes Gemeinwesen.

Bild:
Lambertusfeier des Heimatvereins am 17.09.1964, im Vordergrund: Bernhard Fascies, sen.


Wenn auch in den Jahrhunderten Kriegswirren, Feuersbrünste und Pest allzu oft Not und Elend in die Mauern unserer Stadt gebracht haben, so waren doch immer wieder Fleiß, Strebsamkeit und frommer Sinn Quellen neuer Kraft. Das Gefühl innerer Verbundenheit und der Wille, dem einzelnen zu helfen, sind tief im Volksempfinden verwurzelt. Das Gemeinschaftsleben hatte in einem reich entwickelten Brauchtum Stütze und Glanz. In einer Zeit wie der unseren mit den tiefgreifenden Veränderungen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens ist das Erbe vieler Generationen bedroht wie die Gemeinschaft selbst. Wir sollten aber eine Aufgabe darin sehen, mit treuem Sinn das Ueberkommene zu pflegen.

Wie es in einem tief in die Tradition der Geschichte und Landschaft eingebetteten Gemeinwesen des Münsterlandes nicht anders sein kann, ist das Brauchtum vom Rhythmus des Kirchenjahres wesentlich bestimmt. Vom Frühjahr bis Herbstbeginn erlebt Sendenhorst bedeutungsvolle Höhepunkte seines religiösen und bürgerschaftlichen Gemeinschaftslebens. Am Palmsonntag begleitet man den Einzug des Herrn in die große stille Woche. In Prozession werden die Kinder mit den buchsbaumgeschmückten, weiß geschabten Weidenzweigen des jungen Frühlings vom Schulhof nach der Kirche geholt. Eine alte Wetterregel sagt: „Wird der Palmstock trocken von der Weihe heimgebracht, dann auch die Ernte“.
Vom Gründonnerstag, wenn die Glocken verstummen, und die Jugend in der Zeit des Angelusläutens mit dem Radebraken durch die Straßen der Stadt zieht, bis zum frohen Auferstehungssingen am frühen Ostermorgen lebt die Stadt im Banne der stillen Tage. In der Stadtprozession am Karfreitag, einer 1721 beurkundeten Stiftung, hat sich die alte, 1839 aufgehobene Kreuztracht erhalten. Die feierlich entzündete Osterkerze des Gotteshauses hat in den Lichtern der Hausfenster rund um den Kirchplatz ihren vielhundertfachen Widerschein. Vor dem Ehrenmal der Gefallenen an der Chorseite setzen sich um die Mitternachtsstunde zwei Gruppen, mit Laternen ausgestattet, in Bewegung zu dem Umgang um die Wälle und künden, altem Brauch gemäß, das Lob des Auferstandenen.
Wie die Struwen zum Karfreitag, so gehören die bunten Eier zu Ostern, sie suchen und finden, ist die große Festfreude der Kinder.
Der schöne alte Brauch des Osterfeuers, zu dem jung und alt, groß und klein abends hinauswanderten, bedarf, wenn er in unseren Tagen nicht erlöschen soll, zupackender Hände und einsatzfroher Herzen, vor allem der Jugend. Sie sollte helfen, die alten und sinnvollen Osterfeuer der Heimat zu bewahren. An diesem Brauchtum zu Beginn der österlichen Zeit nehmen sie alle teil, die Sendenhorster im engeren und im weiteren Sinne.

Wenn aber der Sommer ins Land zieht und die Johannisfeuer der Sommersonnenwende brennen, heben die „Jansbrüörs“ zu ihrem Schützenfest an, eine Bruderschaft mit alten bürgereigenen Aufgaben. Am Vorabend des Johannistages wählen sie durch die Ballotage ihre neuen „Brüder“, die aber vor ihrer endgültigen Aufnahme noch eine Trinkfestigkeit unter Beweis zu stellen und einen Liter Bier aus dem Bruderschaftspokal zu trinken haben. Das geschieht nun schon seit über 350 Jahren. Im Jahre 1806 ging eine große Feuersbrunst über Sendenhorst nieder und legte 154 Wohnhäuser in Asche. Als auch die wertvolle Königskette, die gesprächige Zeugin alter Vergangenheit, dem wütenden Element zum Opfer fiel, wurde aus den Ueberresten des geschmolzenen Silbers in Barock und Oval vor gerade 150 Jahren ein Brustbild mit Johannes dem Täufer und dem Lamm Gottes angefertigt, das die Umschrift trägt: „Ich bin eine Stimme des Rufenden in der Wüste, St. Johannes Baptista Patronus noster 1810.“ Seit dieser Zeit berichten die silbergetriebenen Schilder der Kette und die Sinnsprüche vom Leben und Gemeinschaftssinn der Bruderschaft.

Noch einmal begehrt die ganze Stadt an der Schwelle zum Herbst, und wieder unmittelbar vor der Sonnenwende, ein Fest im Freien, das jung und alt vereint: die Lambertusfeier. Die Pyramide auf dem Marktplatz, aus langen, grün umflochtenen Stäben mit lichtflackernden, ausgehöhlten Rüben und bunten Lampions behängt, ist der Mittelpunkt eines abendlichen volkstümlichen Singens und Spielens. Wenn längst die Lichter ausgebrannt sind und groß und klein sich verlaufen haben, summt es durch die Straßen der Stadt: „O Buer, wat kost dien Hei?“ So schließt sich die gliederreiche Kette kirchlichen und weltlichen Brauchtums in unserer kleinen Stadt.

      

Von Sendenhorst nach Haus Vorhelm

 August Stafflage, Anfang 1950er Jahre - Auch im StadtLand-Magazin |

Wer seine Heimat kennenlernen will, der muss sie sich erwandern. – Darum auf, und los, mit Wind und Wolken der Sonne entgegen. Das Städtchen Sendenhorst hinter uns, geht es mit Singsang und leichtem Wanderschritt an der Ostheide in Richtung Vorhelm!


SENDENHORST Wer die Schönheiten und Eigenarten der Heimat richtig kennenlernen will, der muss sie sich erwandern. – Darum auf, den Rucksack gepackt, und los, mit Wind und Wolken der Sonne entgegen.
Bild:
Abbau des Sandes auf der Hardt - Abtransprt mit der Schmalspurbahn

Das Städtchen Sendenhorst hinter uns, geht es mit Singsang und leichtem Wanderschritt an der Ostheide, der früheren Stadtweide für Kühe und Schweine, vorbei. Heute wollen wir nicht daran denken, daß hier genau vor 600 Jahren der letzte Übeltäter am Galgen aufgeknüpft wurde. Durch fruchttragende Ackerfelder führt der Weg. Ein Lindenbaum, der Lieblingsbaum unserer Ahnen, steht einsam in der Flur. In seiner Krone summend brummen emsig suchende Bienen. Nach kurzer Wegstrecke grüßt uns die Hardt. Noch vor einem Menschenalter standen hier auf dem sandigen Boden weite Kiefern- und Fichtenwälder. Jung und Alt pilgerte früher hier durch eine herrliche Birkenallee zur „Waldmutter“, um inmitten der Waldungen den Alltag und seine Nöte zu vergessen.

Bild: Waldmutter Anfang der 1960er Jahre
Nur noch ein paar Kiefern erinnern an den einstigen Waldbestand. Heute gleicht die Hardt einem Seen- und Dünengebiet. Überall leuchten die Zeugen der Eiszeit, die tiefen und hellen Sandbänke, auf. Durch die Endmoräne erhielt die Hardt ihre Geländeform und der Boden seine letzte Gestaltung. Die weiteren Zeugen der Eiszeit, die in der Endmoränenhügelkette vorgefundenen skandinavischen Gesteine, sind zum großen Teil verschleppt und zu Straßenbauten verwendet worden. Wie auf der Hardt und in ihrer Nähe gemachte Funde beweisen, standen auf dem später eisfreien Land die großen Wildarten, Mammut und wollhaariges Nashorn, Riesenhirsch und Auerochs. Der Sandrücken selbst wird wegen seiner Unfruchtbarkeit erst spät zum Ackerbau und zur Besiedlung gereizt haben. Doch werden die am Rande der Hardt gelegenen Bauernhöfe bereits in den ältesten Urkunden der Klöster erwähnt. Sie hatten vornehmlich Roggen und Hafer abzugeben. Der in den Sandmassen sich mitunter findende Bernstein stammt von der Meeresküste.
Täglich greift heute der Mensch in die Naturlandschaft der Hardt ein. Fleißige Hände sehen wir an der Arbeit, um die tiefen Sande an die Baustellen zu schaffen. Überall sind Schienen gelegt, auf denen mit feinstem Bausand beladene Kippwagen nach den an den Rampen haltenden Lastzügen befördert werden. Schwere Baggermaschinen mit mächtigen Eisenketten sorgen dafür, daß auch die unteren Sandschichten ausgebeutet werden. Infolgedessen gähnen an vielen Stellen tiefe Löcher. Auch zur Herstellung von Kalksteinen eignen sich die Hardtsande vorzüglich. Mitten zwischen Roggenfeldern liegt das Kalksandsteinwerk Fischer, auf dem jeden Tag zehntausende von Steinen hergestellt und verfrachtet werden. Gegenüber befindet sich das Wasserwerk der Stadt Ahlen, die einen großen Teil des Wassers von hier bezieht.

Bild: Der rotrückige Würger
Weite Sandstriche sind heute bereits abgebaut. Gerade sie sind in ihrem Pflanzen- und Tierbestand von besonderem Reiz. Da sind große ehemalige Sandbrüche, in denen Laubwald- und Nadelwaldpartien miteinander abwechseln. Die vielen Büsche haben hier den rotrückigen Würger angelockt, der kleine Tiere, wie Frösche und Käfer, auf Dornen spießt. Während einige Sandgruben beinahe kahl daliegen, sind wieder andere fast ganz dem Ackerbau erschlossen. Hier finden wir Hafer-, Roggen- und Kartoffelfelder. An anderen Stellen hat eine Ortsteinschicht die Sande verkittet und die Sumpf- und Bruchbildung begünstigt. Schilf, Röhricht und Binsen mit ihrem dichten Wurzelgeflecht bilden die Pflanzendecke. Das wegen seiner „Kanonenputzer“ bekannte und von der Jugend geschätzte Kolbenrohr ist weit verbreitet. An manchen Stellen geht die Bruchflora in eine Heideflora über. Farnkräuter, Besenginster und Weidenröschen finden sich in großen Beständen. Zahlreiche Sandlaufkäfer huschen über die im Sommer von der Sonne durchglühten Wege. Besonders anziehend wirken die ausgebaggerten Sandteiche, die großen Seen gleichen.

Bild: Arbeiter beim Sandabbau
In ihnen tummeln sich Hechte und Karpfen. Still und steif, wie ein tiefdenkender Philosoph, steht am Uferrand der Fischreiher und späht mit scharfen Augen das Wasser nach Nahrung ab. Selbst der Fischotter lauert bisweilen im Weidengestrüpp auf Beute. Auch der Star hat in einem am Bagger angebrachten Nistkasten seine Wohnung aufgeschlagen und ist hier ebenso heimisch geworden wie das Teichhuhn, das zwar im Schilf Schutz und Obdach gefunden hat, aber beim Untertauchen oft den Hechten zum Opfer fällt. In den weißen Sandbänken ließen sich die immer seltener werdenden Uferschwalben nieder, schufen in den Wänden lange Röhren und bauten darin ihre seltsamen Nester.

Dann nimmt uns das liebliche Angeltal mit seinen saftigen Wiesen und Weiden auf. Breit lagern sich die Bauernhöfe an den Flußufern. Schwarzbunte Rinder und braune Pferde waten in dem schwellenden Grün. Wie ein silbernes Band windet sich die Angel durch die Landschaft. In jahrtausendlanger Arbeit hat sie sich ein tiefes Bett gegraben. Murmelnd gleiten die leichtgekräuselten Wasser dahin, als wollen sie in raschem Lauf Zwiesprache halten mit Bäumen und Blumen. Selbst die hohen Pappeln, die das ganze Flußbett umfassen, neigen sich, als wollten sie gnädig Anteil nehmen an der Plauderei. Leider ist bereits die Axt an ihre Wurzeln gelegt. Gefällten Riesen gleich, liegen schon viele Stämme wie ausgerichtet am Uferrand. Auf einem vorspringenden Ast entdecken wir einen blaugrünen Fischer. Es ist der fliegende Edelstein unserer Gewässer, der Eisvogel. Kaum hat er uns gesehen, schießt er, schillernd im Sonnenschein, in schwirrendem Fluge niedrig über die Wasserfläche dahin. Dem an der Angel gelegenen Reiherbusch statten wir einen kurzen Besuch ab. Mit einem durchdringenden Geschrei durchstreifen die stolzen Segler der Lüfte ihre in hohen Eichen- und Tannenwipfeln angelegten Horste. Bald sich nähernd, bald sich entfernend, flattern sie mit mächtigem Flügelschlag hin und her. Das plärrende Keckekeck der erwachsenen Jungen, die wenig mit der Grazie ihrer Eltern gemein haben, verstummt, wenn wir in die Nähe des Nestes kommen. Nahrungsabfälle, wie ganze Fische, Frösche und Wasserratten finden sich unter den Horstbäumen. Über „Amerika“, einem schon zu Enniger gehörenden Waldgebiet, hören wir den kurz ausgestoßenen, dem Miauen der Katze ähnlichen, „Hiöch“-Ruf des Mäusebussards. Zugleich gewahren wir das schöne Flugbild der dort kreisenden Bussarde, die sich in Spiralen immer höher schrauben, kaum die Schwingen bewegend.

Plötzlich ist es, als wenn das Tosen eines Wildbachs an unser Ohr tönt. Überrascht stehen wir vor einem Wasserfall. Rauschend und schäumend, glucksend und sprudelnd springt das Angelwasser kopfüber, kopfunter über Moos und Stein und lädt plätschernd zum Weiterwandern ein. Eichendorffs Lieder begleiten uns. An der Seite kündet weißer, abgelagerter Flußsand, daß die Angel mitunter ihr Bett verläßt. Nur hundert Meter weiter lädt an einem idyllischer Platz eine Bank zu freundlichem Verweilen ein. Horch, wie das geigt und singt, pfeift und klingt im frischen grünen Wald! Da – zur Linken ein interessantes Naturdenkmal, eine stattliche Eiche hat einen starken Ast zur Erde geschickt, der dann in den Boden wuchs, gleichzeitig aber neue Ausschläge zeigt. Stamm und Ast bilden ein eigentümliches Tor, das wiederum den Rahmen abgibt für eine alte Eibe. Dieser heute leider aussterbende Baum ist kein Fremdling auf deutschem Boden, für den er oft gehalten wird. Ehemals stellte er in den Urwäldern das Unterholz dar, in dem sich Wisent, Bär, Wolf und Luchs versteckten. Im Mittelalter gehörte zu jeder Burganlage auch die Eibe. Aus dem biegsamen und elastischen Holz fertigten die Ritter Lanzenschäfte, Armbrüste und Bogen an. Auch wurde das Eibenholz oftmals zur heiligen Schwelle des Hauses benutzt. Aus den Sträuchern flochten die Bräute ihren Brautkranz. Doch galt er auch als Totenbaum, denn unsere Vorfahren legten den Verstorbenen Eibenzweige ins Grab.

Nimmermüd springt die Angel weiter an uns vorbei. Über uns bilden die Bäume ein dichtes Zelt. Auf dem Boden spielt die Sonne. Aus einer lichten Birke vernimmt man das sehnsuchtsvolle Lied des rucksenden Taubers. Auf der Brünningschen Brücke erinnert uns ein gestürzter, aber im Sturz von den Nachbarn aufgefangener Baum an Kellers Worte: „Wenn ein Stamm im Sturme bricht, halten ihn die Brüder.“ In einem alten Schafstall trippeln und trappeln die weißen Schafe. Ihre stete Begleitung, die prachtvolle gelbe Schafstelze, schaukelt sich zutraulich an einer Staude. Der mächtige Stumpf einer kalifornischen Riesentanne ragt in den Parkanlagen des Schulzen Brüning, umrahmt von Kastanien, Silbertannen, Trompetenbäumen und Lebensbäumen, obeliskartig in die Luft. Gelegentlich eines schweren Gewitters erwies er sich als ein treuer „Wächter an des Hofes Saum“ und bewahrte Haus und Hof vor Schaden. Dichtes Farnkraut steht zu unsern Füßen. Durch verträumte Wiesenauen schlängelt sich die Angel. Weidenbüsche umsäumen stellenweise ihre Ufer.
Bild: Schloß Vorhelm 1861 (Wikipedia)
Wir stehen vor Haus Neuengraben, einem früheren Rittergut. Es liegt im Schatten einer mächtigen Eiche, die für ewig Wache zu halten scheint. So mögen auch die Donareichen ausgesehen haben, die bei Einführung des Christentums gefällt wurden. Der trotzige, knorrige Baum sah die wechselnde Geschichte des Rittergutes. Er ist wohl der einzige Zeuge dafür, wie vor 350 Jahren der Ritter Gerd von Beverförde-Werries in das Haus Neuengraben eindrang und die Gutsfrau Anna von Berge-? gewaltsam entführte. Grüßend wird er auch seine Wipfel geschwenkt haben, als diese, nachdem der Entführer nach heißem Kampfe überwunden und getötet worden war, wieder ihren Einzug auf Neuengraben halten konnte. Heute haben wir nur den Wunsch, dass die Eiche weiterhin liebend gehütet werde. Das Haus selbst lugt mit seinem hellen Anstrich und seinem roten Dach weit in die Landschaft hinaus. Nicht wenig erschrocken sehen wir aus der Gräfte im Steilflug ein paar Wildenten hochgehen. Im nahen Gebüsch steht der rote Bock, der hier genauso gehegt wird wie Star und Meise, die auf Neuengraben keine Wohnungsnot kennen, da überall Nistkästen aufgehängt sind.

Über das Schloß Vorhelm wandern wir zurück. Malerisch liegt es zwischen großen Teichen, deren Ufer hohe, efeuberankte Bäume umkränzen. Eine alte Ölmühle erregt unsere Aufmerksamkeit. Von einer sehenswerten äquatorialen Sonnenuhr in ?-Form auf dem sich eine Wetterfahne befindet, lesen wir die Zeit ab. Eine herrliche Kastanienallee führt auf einen Waldweg. An den alten Kastanien fallen uns mächtige Geschwulste auf. Auf einmal ? der Fuß. Vor uns liegt eine Waldwiese, wie sie kaum schöner sein kann. Wie ausgesät stehen Weidenröschen neben Weidenröschen, die von bunten Schmetterlingen in …........ Fluge geküßt werden. Ein rosenroter Schimmer liegt über dem wunderbaren Blumenfeld. Weiße Sommerwölkchen ziehen hoch oben über die dunklen Fichten. Tief atmend baden sich die Lungen in der reinen, erfrischenden Luft. Bald haben wir das gastliche Tönnishäuschen erreicht, das uns nach froher Wanderung zu erquickender Rast einlädt. Wahrlich, schön ist auch unsere nahe Heimat und es wert, sie kennenzulernen.

      

Amt Vorhelm & Kirchspiel Sendenhorst - Erinnerungen aus alter Zeit

 Johanna Wulff | Die Glocke | Ostern 1951|

Vorhelm - Enniger - Tönnishäuschen - Kirchspiel Sendenhorst - Sendenhorst-Stadt


Vorhelm - Sendenhorst-Kirchspiel  Der Artikel in der Nr. 53 der „Glocke“, der sich mit der Zweckmäßigkeit einer Wiedervereinigung von Stadt und Kirchspiel Sendenhorst beschäftigt, veranlaßte mich, mir den Zustand zu vergegenwärtigen, ...

"Mule" - Wappen des Kirchspiels - in Anhlehnung an das Wappen der Familie Schorlemer, die ihren Ursprung in Sendenhorst hat.
... wie er in meiner Jugendzeit war, die ich auf dem Gut meiner Eltern, dem Hof Richter zu Enniger verlebte, der direkt an der Grenze des Kirchspiels Sendenhorst liegt. Die Grenze bildet ein Bach, an dem der sog. Kirchspielshagen entlang führte, ein schätzungsweise 4 – 5 m breiter Wall, auf dem an beiden Seiten eine alte verwilderte Hecke stand.
Doch nun zu der Sache selbst: In der Jugend fragt man nicht nach dem „Woher“, man nimmt hin, was man vorfindet, und das war, daß das Kirchspiel Sendenhorst zum Amte Vorhelm gehörte, das von Brünings Hof aus durch den Amtmann (späteren Ehrenamtmann) Franz Brüning regiert wurde und in dem mein Vater der unbesoldete Beigeordnete war, der oft einspringen mußte. Doch erinnere ich mich, daß meine Tante Brüning in Sendenhorst, die Großmutter des Herrn Roetering, mir mal gesagt hat, daß Franz Brüning früher Bürgermeister der Stadt Sendenhorst gewesen sei und dann (unter Uebernahme der Verwaltung des neugebildeten Amtes Vorhelm) seinen Wohnsitz nach seinem Hofe in Enniger verlegt habe. Ich nehme an, daß damals sein Vater (geb. Richter, der sich bei Brünings einheiratete und seitdem den Namen Brüning führte) gestorben ist, der schon unter französischer Herrschaft als maire (Bürgermeister) und später unter preußischer Herrschaft als Bürgermeister die Stadt Sendenhorst verwaltete. Franz Brüning siedelte deshalb nach Enniger über, um nebenher die Bewirtschaftung des väterlichen Gutes zu übernehmen.
Tönnishäuschen, der Sitz des Amtes Vorhelm, ist niemals eine Gemeinde gewesen, sondern ein „Platz“ (wie Möhler, Kaunitz und Schloß Holte). Der Hof Brüning gehört nach Enniger, der Nachbarhof Ketteler-Rieping nach Vorhelm. An der Wegekreuzung stehen die kleine Kapelle zum hl. Antonius (daher der Name Tönnishäuschen) und das Wirtshaus Samson-Köching, zugleich Postagentur. Die Molkerei in Tönnishäuschen wurde um 1880 errichtet, und zu der Zeit baute sich auch der Schmied Beckmann dort an. Die „Barriere“ (ein schwarz-weißer Schlagbaum), von der jedes Fuhrwerk respektvoll halten und Chausseegeld zahlen mußte, wurde von dem Wirtshause aus bedient, und wenn man zur Nachtzeit die Barriere herabgelassen antraf, war man gezwungen, den Wirt aus dem Bett zu klingeln, um ihm für jedes Pferd, das vor dem Wagen ging, einen Silbergroschen für den Gemeindesäckel einzuhändigen.

Man nahm die Unbequemlichkeiten, die durch die Zusammenlegung der Gemeinden entstanden waren, ruhig hin, und mein Vater, den sie am meisten trafen, gewöhnte sich mit den Jahrzehnten daran. Wohl schüttelte eine Familie den Kopf darüber, daß er als Amtsbeigeordneter keinerlei Diäten oder Auslagenersatz bekam, wenn er den Amtmann vertrat, der seinerseits doch ein Gehalt und später als Ehrenamtmann eine Aufwandsentschädigung von jährlich 1.000 Talern bezog. Arg wurde dieses Mißverhältnis in einem Fall fühlbar, in welchem der Polizeidiener meldete, daß im Kirchspiel Sendenhorst an der Grenze von Drensteinfurt eine Leiche gefunden sei. Da der Amtmann verreist sei, müsse Vater (als Polizeiverwalter) den Befund aufnehmen. Da mußten Pferde und Kutscher eilends vom Felde geholt, der geschlossene Wagen angespannt, schnell ein Imbiß bereitet werden und mein Bruder mitfahren, um beim Aufsuchen des richtigen Weges dem unkundigen Fahrer behilflich zu sein. Nacht war es, als die Karawane ermüdet heimkehrte, und das Chausseegeld am Sendenhorster Osttore hatte Vater auch noch aus seiner Tasche zulegen müssen. Ersetzt wurde garnichts. (Die ehrenamtlichen Amtsbeigeordneten ebenso wie die stellvertr. Gemeindevorsteher bekamen nirgendwo eine Aufwandsentschädigung, auch keinen Ersatz für bare Auslagen. Die Red.)
Das Kirchspiel Sendenhorst hatte einen eigenen ehrenamtlichen Vorsteher, die Stadt Sendenhorst einen hauptamtlich tätigen Bürgermeister; als dieser nach Coesfeld kam, wurde es Albring (der einige Jahre Sekretär beim Amtmann Brüning und Hauslehrer für dessen jüngere Töchter gewesen war). Man sagte, Bürgermeister Albring beziehe nur ein Jahresgehalt von 400 Talern und kleide sich besonders schlecht, um seine Bedürftigkeit zu demonstrieren, wenn der Landrat von Beckum dienstlich nach Sendenhorst käme. Albring soll sich bei solchem Anlaß sogar die beiden Knöpfe von seinem Schoßrock („Schniepel“ oder „Schwalbenschwanz“) geschnitten haben. Er starb früh, doch glaube ich, daß er die reiche Zuwendung Spithövers: Stiftung des großartigen Krankenhauses, noch erlebt hat.

Das freundliche Städtchen Sendenhorst, wo wir wie zu Hause waren, hat wohl von jeher gute Beziehungen zum Kirchspiel und den Nachbargemeinden unterhalten. Mein im Jahre 1800 geborener Vater und sein älterer Bruder sind nach Sendenhorst zur Schule gegangen, und diese muß damals schon auf der Höhe gewesen sein, denn Vater war ausgezeichnet unterrichtet, was sich in seinem hohen Alter noch erkennen ließ. Dagegen hatte sein Vorfahr Schulze Bering von dem Hofe Bering (jetzt Gößlinghoff) im Kirchspiel Sendenhorst, die Schule in Vorhelm besucht, was sich ergibt aus einem Dokument, das er dort schwungvoll geschrieben hat, auf Pergament mit großen farbigen Initialen. Die „Glocke am Sonntag“ hat dieses Dokument schon vor Jahrzehnten der Veröffentlichung für wert befunden. Meines Erachtens würde die Wiedervereinigung von Stadt und Kirchspiel Sendenhorst, wie sie in der „Glocke“ (Nr. 53) angeregt wurde, beiden Gemeinden zum Nutzen gereichen und alle, die daran interessiert sind, nachhaltig befriedigen.

      

Bilder der Heimat - SENDENHORST

 von Franz Predeek 1950er - über Sendenhorst - Es ist immer ratsam und lehrreich, ein altes Siedlungsgebilde vor der Besichtigung zunächst einmal zu umlaufen, zumal, wenn dieses dem Besucher auf den Spuren alter Mauern, Wälle und Gräben einen bequemen und in sich geschlossenen Rundgang gestattet, wie dies auch in Westfalen u. a. bei Münster, Coesfeld, Warendorf, Wiedenbrück, Rietberg, Soest, Paderborn und Rüthen der Fall ist.

Der also umgangene alte Stadtkern bietet sich so in Gesamtbildern dar, deren malerischer und kompositorischer Wert durch die stets wechselnde Art der Gruppierung, des Aufbaues und der Beleuchtung durch die Sonne ungemein gesteigert wird. Oft genug vermag dann der historisch und städtebaulich geschulte Besucher schon aus der Eigenart der Silhouette, die bei alten Stadtkernen fast stets durch turmreiche Kirchenbauten, Steildächer und Burgen ihre markante Note erhält, auf das "innere Gesicht" der zu besichtigenden Stadt zu schließen bzw. ihren Organismus und Charakter annähernd zu erraten. So ersetzt der "wissenschaftlich angehauchte" Rundgang um die Stadt den Blick aus der Vogelschau, der wohl Herz und Nieren einer Ortschaft restlos offenlegen würde. den zu tun aber nur wenigen Menschen beschieden ist.

Auf Sendenhorst angewendet, vermittelt ein solcher Rundgang über die nach den Himmelsrichtungen benannten "Gräben" und "Wälle" dem ahnungslosen Besucher zunächst die Tatsache, daß die Stadt ehedem stark befestigt war. Es war Bischof Ludwig von Münster (1310-1357), der das damalige, rund 20 Kilometer von der westfälischen Hauptstadt entfernte Dorf Sendinhurst oder auch Seondonhurst mit einem Wall und zwei Gräben umgab, noch während das "Dorf" im Jahre 1323 zur Würde einer Stadt aufrückte, welche Anlagen aber von 1780 an geschleift bzw. eingeebnet wurden. 1848 folgte der Abbruch der Stadttorhäuser.
[C. Hölscher, siehe H. Petzmeyer: Datum ist obsolet, Gründung der Stadt vor 11-8-1315, = erste urkundliche Erwähnung "oppidum Sendenhorst" = offizieller Geburtstag der Stadt]

Kurze Vorstöße vom Rundgang aus in die Kleinwelt der "Gräben" lassen bereits den Charakter Sendenhorsts als ursprüngliche Ackerbürgerstadt klar erkennen. Eine beglückende Lärmlosigkeit säumt noch heute in Straßen und Gassen, eine Folge der jahrhundertelangen Abgeschiedenheit der Stadt von den Hauptschlagadern des Verkehrs. Nur bukolische Geräusche und die lang gezogenen melodischen Ausrufe des Ausschellers füllen die wohltuende Stille. Man schmunzelt über die volksnahe Bezeichnung der Örtlichkeiten wie Placken, Schlabberpohl und Liebesgasse. Ein Kranz blühender Gartenherrlichkeit, in die hie und da anheimelnde Gartenhäuschen getaucht sind, umgibt die Stadt. Winterastern verglühen hier in allen Farbtönen. Nach außen hin geht der Blick in die flache Unendlichkeit der münsterischen Tiefebene. Am Südtor. wo die Straße nach dem industriereichen Ahlen sich aus dem Häusergewirr herausquetscht, erblickt man auf einem weiten, noch baumlosen Platz das neue Schulgebäude, das vorbildliche Bauformen aufweist und dem Lichte des Tages reichlichen Zutritt gewährt, das man sich aber noch straffer gegliedert denken könnte. Weiter westlich bildet die Gruppe des St.-Joseph-Stiftes, eine Schenkung des Sendenhorster Landsmannes und römischen Buchhändlers Joseph Spithöver aus dem Jahre 1889, einbesonderes Blickfeld. 

Ein Gang um die Stadt offenbart auch deren Grundriß: Ein Quadrat mit im Westenabgerundeten Ecken. dessen kompositorischer und architektonischer Mittelpunkt die hochgereckte, 3-türmige. unter dem verdienstvollen Pfarrer Lorenbeck · (+ 1865) von 1854 bis 1865 in landesüblichem Backstein erbaute gotische St.-Martins-Pfarrkirche ist, die man als das strahlende Wahrzeichen Sendenhorsts ansprechen kann.

Was die Münsterländer Bucht dem Siedlungsgebilde Sendenhorst von Anfang an mitgab. waren außer der Weiträumigkeit der Ebene die Schätze der diluvialen Bodenablagerung: Kiese. Sande, Lehm. Ton und zahlreiche granitene Findlinge nordarktischer Herkunft. Die ersteren bestimmten bei dem völligen Fehlen von Bausandstein als Baumaterial von jeher die Herstellung des verschiedenfarbig getönten Ziegelsteins und der Dachpfanne, während die gerundeten Findlinge als Prellböcke an den Häuser- und Straßenecken ein beschauliches Dasein fristen. So bewahrheitet sich bei Sendenhorst wieder einmal die Richtigkeit des Grundsatzes, beim Aufbau der Städte und Dörfer in erster Linie das regional vorherrschende Material, also hier Sande, Ton und Lehm, zu benutzen. Verwenden die Orte an der Weser den bekannten Wesersandstein für ihre sakralen und profanen Monumentalbauten.

(Hameln: Hochzeits-, Rattenfängerhaus, HämeIschenburg), die der Paderborner Gegend den Pläner-Kalkstein (Paderborn: Rathaus, Dom, Gau- und Busdorfkirche), die Orte der Soester Börde und den nahen Rüthener und Anröchter Sandstein (Soest: Patrokli-Dom und die übrigen Kirchen), die Münsteranerden Baumberge-Sandstein (Münster: Prinzipalmarkt), die Orte an der Ems und am Wesereck die Eiche (Wiedenbrück, Hannoversch Münden), deckten die Sauerländer bei dem reichen Schiefervorkommen (Nuttlar, Antfeld, Fredeburg) ihre Häuser mit Schiefer, so bauten die Sendenhorster folgerichtig ihre Siedlung aus Ziegelsteinen und weniger aus Fachwerk auf und bewahrten so den Charakter unmittelbarer Bodenständigkeit. Es wäre für manchen Architekten, so beispielsweise für die "Erbauer" der stil fremden Häusergebilde am Ostertor, heilsam, sich diesen Grundsätze zu eigen zu machen. 

Wie sich die Sendenhorster beim Bau ihrer Behausungen von den Gegebenheiten von Landschaft und Boden leiten ließen, so gingen und gehen sie in der Hauptsache auch Berufen und Tätigkeiten nach, die sich eng an die Fingerzeige der Mutter Natur halten. Ackerbau und Viehzucht, bodenständiges Handwerk. Gewerbe und Handelsetzen Jahrhunderte alte Traditionen froh und freudig fort. Aus der alt gepflegten Kunst der zünftigen Leineweber gingen Webereien hervor; Mühlen und Brennereien. verarbeiten der Felder reife Frucht. Die neuere Zeit brachte Maschinenfabriken, Steinindustrie und ein Sauerstoffwerk, bei dessen Anlage die guten Sendenhorster durchaus nicht so ängstlich waren wie die Benninghauser an der Lippe, die einst befürchteten, dass das dort im Jahre 1924 angelegte Sauerstoffwerk die Luft sauerstoffarm mache. Den Bedürfnissen von Handel und Verkehr kommt die im Jahre 1903 eröffnete Strecke der Westfälischen Landeseisenbahn entgegen, die Sendenhorst sowohl mit der Provinzialhauptstadt Münster als auch mit der Kalksteinindustrie von Beckum-Neubeckum verbindet.

      

1929 - Drei Schützenfeste in einer Woche

 von NN - 1929

Sendenhorst, 3. Juli. Drei Schützenfeste in einer Woche. Da kann sich keiner beklagen, daß ihm keine Gelegenheit geboten wird, fröhlich zu sein.

Schützenfest in den 1920ern - Festumzug, Westtor Einzug Stadt, Zuschauer und Begleitung
Den Reigen dieser schönen Volksfeste eröffnete am Montag die altehrwürdige Johannesbruderschaft. Es scheinst fast sprichwörtlich geworden zu sein, daß die „Jansbröers“ mit dem Regen beglückt werden, wenn sie nach dem Gottesdienste und dem Frühstück zum Festplatz marschieren.

Nichtsdestoweniger war das Leben und Treiben in der Mühlenkuhle frei von Griesgram und Sorgen des Alltags. Und auch der Himmel machte bald ein freundliches Gesicht. Den Königsschuß tat der Schützenbruder Karl Saerbeck, der sich nach alter Sitte seine Ehefrau zur Königin wählte. Des Nachmittags kämpften die Damen in einer lebhaften Kaffeeschlacht. Der Fahnenschlag ist bei den Jansbröers nicht üblich. Der neue Fähnrich, der sich darin üben wollte, hatte aber das Mißgeschick, daß ihm dabei die Stange zerbrach. In den Abendstunden fanden sich die Schützenfamilien wiederum im Festsaale zusammen, um nach alter schöner Art Stunden des Frohsinns und der Gemütlichkeit zu verleben.

Daß die Freude die beste Medizin ist, weiß auch der Hausarzt des hiesigen Krankenhauses. Und so sollte auch allen Kranken durch ein Schützenfest diese Medizin gereicht werden. Am Dienstag feierte nun das ganze Krankenhaus mit seinen über 300 Bewohnern sein erstes Schützenfest in seinem 40jährigen Bestehen. Mancher mag über diese Idee den Kopf geschüttelt haben. Aber, wenn der Stifter des Hauses, der selige Spithöver, noch lebte, würde er sicher von Rom herübergekommen sein, hätte an dem Feste teilgenommen und Fahne und Königskette gestiftet. Die Anlagen des St. Joseph-Stiftes waren festlich geschmückt. Nach dem Gottesdienst gab es auch hier Töttchen. Ein langer Festzug mit dem berittenen Obersten an der Spitze bewegte sich wiederholt durch die prächtigen Anlagen. Die nicht marschfähigen Kranken schauten vom Bette aus dem frohen Treiben zu, bewunderten den Fahnenschlag von Meister Börger, lauschten auf die Klänge der Musik und die launigen Worte der Festredner. Ein junger Mann aus Sende schoß den Vogel ab und verdiente sich dadurch als Andenken ein Sparkassenbuch mit einer Einlage von 50 M, das ihm der Bürgermeister der Stadt Sendenhorst aushändigte. Die Sterne kamen schon an den Himmel, als allmählich die Freudenklänge verstummten. Als am folgenden Morgen die Großen und Kleinen die Augen öffneten, fragten sich viele, ob es Traum oder Wirklichkeit gewesen sei, was sie gesehen und mitgemacht. Alle fühlten sich gestärkt und gebessert von der vortrefflichen Medizin, die ihnen der fachkundige Hausarzt verschrieben.

Am Sonntag und Montag feiert nun der Allgemeine Schützenverein sein diesjähriges Fest. Nach den Vorbereitungen zu rechnen, wird auch dieses Fest unter seinem neuen Präses unter allgemeiner Teilnahme wieder schön verlaufen.

+ Sendenhorst, 4. Juli. Gestern nachmittag wurde der Arbeiter Fritz Obernostheide in seinem Bette erhängt aufgefunden. Der Unglückliche litt seit langer Zeit an Schwermut. Er glaubte, das Erdendasein nicht mehr ertragen zu können.

      

Findlinge – wertvolle Denkmale der Erdgeschichte

 Aus WN|

Aufdeckung eines neuen schweren Wanderblocks bei Sendenhorst

SENDENHORST. Das Naturschutzgesetz, das dem Schutze der heimatlichen natur in allen ihren Erscheinungen dient, erstreckt sich auf Pflanzen und nicht jagdbare Tiere, auf Naturdenkmale und ihre Umgebung und auf Naturschutzgebiete. Dieser Findling, der vor wenigen Jahren in der Bauerschaft Bracht aufgedeckt wurde, liegt nun in einem Garten in der Stadt.

Foto: A. Stafflage

Zu den Naturdenkmalen, deren Erhaltung wegen ihrer wissenschaftlichen, geschichtlichen, heimat- und volkskundlichen Bedeutung im öffentlichen Interesse liegt, zählen Felsen, Wanderblöcke, Gletscherspuren, Quellen, Wasserläufe, Wasserfälle und alte oder seltene Bäume. Wie die Erfahrung der letzten Jahrzehnte gezeigt hat, ist die Erhaltung der Wanderblöcke noch nicht in dem Maße sichergestellt, wie der wissenschaftliche-volkskundliche Wert und die Einmaligkeit dieser eiszeitlichen Naturdenkmale beanspruchen müssen. Diese erratischen Blöcke oder Irrblöcke, die hier als „Kieselinge“ oder Findlinge bezeichnet werden, liegen weit von ihrem Ursprungsort entfernt. Eingebettet in einen riesigen Eisstrom, wurden sie bis gegen 1000 Kilometer bis an den Rand der deutschen Mittelgebirge verfrachtet. Nach den bisherigen Forschungen war in den Eiszeiten die Hälfte Europas mit einer Eisschicht bedeckt. Manche Findlinge tragen deutliche Schleif- und Auswaschungsspuren. Zum Teil sind sie abgeschleppt und zu Straßenbauten verwendet worden.

Eine solche aus Kieselingen gepflasterte Buckelstraße findet sich in Sendenhorst in der Mauritzstraße. Vielfach haben die Wanderblöcke als Grenz- und Prellsteine Verwendung gefunden. Viele Bauern haben in den letzten Jahrzehnten die Findlinge sprengen lassen, um das Pflügen des Feldes zu ermöglichen. Während die Irrblöcke in vorgeschichtlicher Zeit bereits bei den Hünengräbern Verwendung fanden, werden sie in neuerer Zeit oft zur Errichtung von Grab- und Ehrenmalen benutzt. Dabei werden Sie meist in einer künstlerisch wenig befriedigenden Weise bearbeitet und mit Tafeln versehen. Die Gedenksteine stehen dann in keinem rechten Größenverhältnis zu ihrer Umgebung und wirken dann, halb Architektur, halb urwüchsige Natur, wenig sinnvoll. Nach dem Naturschutzgesetz sollen die Findlinge als erdgeschichtlich wertvolle Denkmale an ihrem naturgemäßen Standort belassen werden.. Nur dort, wo etwa ein Block aus Gründen des Verkehrs nicht an seiner natürlichen Lagerstätte verbleiben kann, ist seine Ueberführung an eine geeignete Stelle berechtigt.

Erfreulicherweise wurde in den letzten Tagen ein großer Wanderblock auf der Hardt in der zur Gastwirtschaft „Waldmutter“ gehörenden Sandgrube aufgedeckt. Wenn er auch nicht die Ausmaße des „Holtwicker Eies“ oder des „Dicken Steines“ in Ahlen aufweist, so ist doch seine über zwei Meter breite und über zwei Meter lange Oberfläche beachtenswert. Das Gewicht des“alten Knaben“ kann erst ermittelt werden, wenn durch weitere Grabungen seine Dicke festgestellt ist. Ueber dem Stein befand sich eine Sandschicht von vier Meter Tiefe. Der Findling, der den weiteren Sandabbau hindert, soll gehoben werden. Wie die Untersuchung des Gesteins ergab, stammt er von den Fjorden Skandinaviens. Mehr als bisher gebührt den vielleicht hunderttausend Jahre alten Findlingen in unserer heimischen Landschaft unser Schutz.

      
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