Inhaltsverzeichnis
1. Anfänge und Landschaft als Leitlinie
Wer nach dem Anfang Sendenhorsts fragt, erhält je nach
Blickwinkel unterschiedliche Antworten. Beschränkt man sich auf die heutige Kernstadt, setzen die sicher fassbaren archäologischen Zeugnisse mit den Urnenfriedhöfen an der Spithöverstraße und am
Martiniring ein. Sie werden in das 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. eingeordnet. Nimmt man dagegen das gesamte heutige Stadtgebiet einschließlich Albersloh in den Blick, reicht die Geschichte
menschlicher Anwesenheit wesentlich weiter zurück: bis zu mittelpaläolithischen Steingeräten und damit wahrscheinlich in die Zeit der Neandertaler. [2] [7] Diese Unterscheidung ist wichtig. Ein einzelnes Werkzeug beweist einen Aufenthalt, aber noch kein Dorf. Ein Gräberfeld belegt eine in der Nähe
lebende Gemeinschaft, verrät jedoch nicht automatisch den Standort ihrer Höfe. Erst wenn Hausgrundrisse, Pfostenspuren, Gruben, Keramik und andere Funde zusammenkommen, wird eine Siedlung im engeren
Sinn sichtbar. Die Frühgeschichte besteht deshalb nicht aus einer geraden Linie, sondern aus vielen unterschiedlich deutlichen Ausschnitten. Die Besiedlungsgeschichte ist eng mit dem Münsterländer
Kiessandzug verbunden. Der Geologische Dienst Nordrhein-Westfalen beschreibt ihn als eiszeitliche Schmelzwasserablagerung aus Sanden und Kiesen. Er entstand im Zusammenhang mit der Saale-Kaltzeit vor
mehr als 150.000 Jahren und quert das heutige Stadtgebiet. Von Nordwesten zieht er über Albersloh bis Sendenhorst; zugleich bildet er einen besonders ergiebigen Grundwasserleiter des Münsterlandes.
[1]
In einer von feuchten Niederungen, Bachläufen und staunassen Böden geprägten Umgebung boten die etwas höher gelegenen Sand- und Kiesflächen praktische Vorteile. Sie waren trockener, leichter begehbar
und für Lagerplätze sowie spätere Hofstellen günstiger als viele Flächen ringsum. Wasser blieb dennoch in erreichbarer Nähe. Der Höhenzug war damit weder eine scharfe Straße noch eine dauerhaft
besiedelte Linie, wohl aber ein natürlicher Geländekorridor, den Menschen verschiedener Epochen wiederholt nutzten. [1]
Die heutigen Böden zeigen noch immer diesen Gegensatz. Auf dem Kiessandzug finden sich trockene, eher nährstoffarme Braunerden und Podsol-Braunerden; in den Niederungen treten grundwasserbeeinflusste
Gleye auf. Für frühe Gemeinschaften bedeutete dies eine Landschaft mit unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten auf engem Raum: trockene Plätze für Aufenthalt und Bebauung, feuchtere Bereiche als
Weide- und Sammelgebiete sowie Bäche und Niederungen als Nahrungs- und Wasserquellen. [1]
2. Alt- und Mittelsteinzeit – Jäger und Sammler auf dem Höhenrücken
In der archäologischen Übersicht „Westfalen in der Alt- und Mittelsteinzeit“ werden Sendenhorst-Albersloh unter den mittelpaläolithischen Fundstellen Westfalens geführt. Gemeint sind Steingeräte aus
einer Zeit, in der Neandertaler das Gebiet des heutigen Westfalens durchstreiften. Solche Funde sind keine Reste fester Häuser. Die Menschen lebten als mobile Jäger und Sammler, folgten Wildbeständen
und suchten günstige Plätze nur vorübergehend oder wiederholt auf. [2]
Die Aussagekraft eines einzelnen Feuersteingerätes bleibt begrenzt. Es kann beim Herstellen oder Nachschärfen eines Werkzeugs zurückgeblieben, bei der Jagd verloren oder später durch natürliche
Vorgänge verlagert worden sein. Dennoch ist die Einordnung bedeutsam: Der Raum Sendenhorst-Albersloh war kein weißer Fleck. Er gehörte zu einer größeren westfälischen Fundlandschaft zwischen
Niederrhein, Ruhrgebiet, Weserbergland und nördlichem Niedersachsen. [2]
Nach dem Ende der letzten Kaltzeit, etwa ab 9600 v. Chr., wandelte sich die Umwelt grundlegend. Wälder breiteten sich aus, die offenen Kältesteppen verschwanden. Jagd auf Rothirsch, Reh und
Wildschwein, Fischfang sowie das Sammeln pflanzlicher Nahrung prägten nun die Lebensweise. Kleinere, bewegliche Gruppen nutzten Lagerplätze in der Nähe von Wasser und auf trockenen Geländepunkten.
[2]
Für Albersloh sind verschiedene Bodenfunde aus dem Bereich des eiszeitlichen Höhenrückens überliefert. Die ältere Ortsgeschichte ordnete sie der Mittelsteinzeit zu und ließ ausdrücklich offen, ob
hier nur zeitweise jagende und fischende Gruppen lagerten oder Plätze regelmäßig genutzt wurden. Diese Vorsicht ist weiterhin richtig: Oberflächenfunde zeigen menschliche Anwesenheit, aber nicht
automatisch dauerhafte Ansiedlung. [7]
3. Jungsteinzeit – der Übergang zur bäuerlichen Lebensweise Mit der
Jungsteinzeit setzte sich langfristig eine neue Wirtschaftsweise durch. Ackerbau und Viehzucht ermöglichten beständigere Wohnplätze; Wald wurde gerodet, Getreide angebaut und Tiere wurden gehalten.
Im nordwestdeutschen Tiefland verlief dieser Wandel schrittweise und später als in den fruchtbaren Lössgebieten weiter südlich. Jagd, Fischfang und Sammeln verschwanden nicht, sondern ergänzten die
neue bäuerliche Lebensweise. [2]
Aus dem Raum Sendenhorst-Albersloh sind jungsteinzeitliche Geräte und andere Bodenfunde bekannt. Die Funddichte auf den höher gelegenen Flächen spricht dafür, dass diese Landschaft nun regelmäßiger
genutzt wurde. Eine lückenlose Folge derselben Höfe über Jahrtausende lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Vorgeschichtliche Gehöfte konnten aufgegeben, verlegt und an anderer Stelle neu
errichtet werden; selbst innerhalb einer über Generationen genutzten Siedlungslandschaft wechselten die konkreten Wohnplätze. [2] [7]
4. Bronzezeit – Grabhügel, Urnen und weiträumige Verbindungen In
Westfalen beginnt die Bronzezeit ungefähr um 2000 bis 1900 v. Chr. Kupfer und Zinn, die Ausgangsstoffe der Bronze, kamen im Münsterland nicht natürlich vor. Metallgegenstände belegen deshalb nicht
nur technische Neuerungen, sondern auch weiträumige Austauschbeziehungen. Trotz des neuen Werkstoffes blieben Geräte aus Stein, Holz, Knochen und Geweih weiterhin alltäglich.
[3]
Aus dem Raum Albersloh werden Hügelgräber, Urnen, Waffen und Geräte genannt. Besonders bekannt wurde das sagenumwobene „Königsgrab“ in der Hohen Ward nahe Schulte Dernebockholt. Der volkstümliche
Name ist kein Nachweis für die Bestattung eines Königs. Er zeigt vielmehr, wie auffällige Grabhügel in der späteren Erinnerung gedeutet wurden. [7]
Seit der jüngeren Bronzezeit, ungefähr ab 1200 v. Chr., setzte sich in Westfalen die Brandbestattung zunehmend durch. Der sorgfältig ausgelesene Leichenbrand wurde in Urnen oder in vergänglichen
Behältnissen beigesetzt. Kreis- und schlüssellochförmige Grabeinfassungen sind besonders für Westfalen und das südwestliche Niedersachsen kennzeichnend und werden mit der Ems-Gruppe verbunden. Das
große Gräberfeld von Warendorf-Neuwarendorf mit mehr als 3.000 Gräbern ist hierfür das herausragende Vergleichsbeispiel in der Region. [3]
5. Eisenzeit in der Kernstadt – Urnenfriedhöfe und Wohnplätze Die
ersten besonders deutlich fassbaren vorgeschichtlichen Fundplätze in der Sendenhorster Kernstadt sind die Urnenfriedhöfe an der Spithöverstraße und am Martiniring. Die Entdeckungen erfolgten in den
1930er-Jahren beziehungsweise bei Ausschachtungsarbeiten am Martiniring 1949. In lokalen Darstellungen wird für den zweiten Fund häufig auch das Jahr 1950 genannt; die zeitgenössische Rückschau zur
650-Jahr-Feier nennt 1949. Die Urnen werden ungefähr in das 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. datiert. [8]
Nach heutiger westfälischer Chronologie gehört dieser Zeitraum bereits zur älteren vorrömischen Eisenzeit. Die Bestattungssitte steht jedoch in der Tradition der jüngeren Bronzezeit. Deshalb wurden
die Gräber in älteren Texten teilweise noch als bronzezeitlich bezeichnet. Ebenso begegnen ältere Benennungen wie „keltisch“ oder „frühgermanisch“. Solche ethnischen Zuordnungen sind zu bestimmt: Aus
Form und Verzierung einer Urne lässt sich nicht zuverlässig ablesen, welchem Volk sich die Bestatteten zugehörig fühlten. [3] [4]
[8]
Die Friedhöfe zeigen, dass in der Nähe Familien und Hofgemeinschaften lebten. Sie beweisen aber weder eine geschlossene Ortschaft noch eine seit damals ununterbrochen bestehende Stadt. Die
zugehörigen Höfe werden auf trockeneren Flächen im Umfeld gelegen haben, konnten den Gräberfeldern bislang jedoch nicht eindeutig zugeordnet werden. Präzise formuliert beginnt hier also nicht „die
Stadt Sendenhorst“, sondern ein besonders gut belegter Abschnitt der Nutzung und Besiedlung ihrer Landschaft.
Dass im Sendenhorster Raum nicht nur bestattet, sondern auch gewohnt und gewirtschaftet wurde, bestätigte ein Fund aus dem Jahr 2005. Michael Rüthers entdeckte auf dem Aushub eines Leitungsgrabens
entlang der Kreisstraße 4 zahlreiche eisenzeitliche Scherben. Die Meldung erreichte die Außenstelle Münster der LWL-Archäologie rechtzeitig vor der geplanten Straßenverbreiterung. Dadurch konnte eine
baubegleitende Dokumentation der eisenzeitlichen Siedlung organisiert werden. [5]
Die Fundstelle ergänzt die Urnenfriedhöfe entscheidend. Wo Gräber nur indirekt auf nahe Wohnplätze verweisen, liegen hier unmittelbare Siedlungsspuren vor. In der Eisenzeit bestand die typische
Siedlungsform des nordwestdeutschen Tieflandes nicht aus einer städtischen Ansammlung, sondern aus Einzelgehöften oder lockeren Hofgruppen. Wohn- und Stallbereiche, Speicher, Arbeitsplätze und
Vorratsgruben bildeten zusammen einen bäuerlichen Betrieb. [4] [5]
6. Albersloh um Christi Geburt – Häuser, Brukterer und römische
Kontakte Ein besonders anschauliches Bild liefert die Rettungsgrabung von 1971 in einer Kiesgrube der Bauerschaft Alst bei Albersloh. Auf rund 4.000 Quadratmetern dokumentierten die
Archäologen die Grundrisse von fünf ebenerdigen Pfostenhäusern, sieben eingetieften Zweipfostengrubenhäusern und zwei Vierpfostenspeichern. Die großen Häuser waren zwischen 12 und 20 Meter lang und
etwa fünf bis sechs Meter breit. Ihre Innenräume waren durch Pfostenstellungen zwei- oder dreischiffig gegliedert. [6]
Die Keramik aus den aufgelassenen Hütten gehört in die ältere römische Kaiserzeit. Zugleich fanden sich ältere Befunde der vorrömischen Eisenzeit. Der Platz war also nicht nur für eine kurze Bauphase
interessant, sondern wurde in mehreren vor- und frühgeschichtlichen Abschnitten genutzt. Erosion, moderner Kiesabbau und Zeitdruck begrenzten allerdings die Untersuchung; ein großer Teil des
siedlungsgünstigen Rückens war bereits zerstört. [6]
Außergewöhnlich war ein 4,42 Kilogramm schwerer Bleiring mit rund 16 Zentimetern Durchmesser. Er kam aus einer flachen Verfärbung mit Keramik der römischen Kaiserzeit und wurde am ehesten als Barren
gedeutet. Der Fund zeigt eine Verbindung zum Werkstoff Blei und damit möglicherweise zu überregionalen Wirtschaftsbeziehungen. Er beweist jedoch weder eine römische Niederlassung noch die Anwesenheit
römischer Soldaten in Albersloh. [6]
Antike Autoren nennen die Brukterer im weiten Raum zwischen Lippe und Ems. Deshalb wird auch das heutige Münsterland häufig ihrem weiteren Einflussgebiet zugerechnet. Für Sendenhorst bleibt eine
direkte Stammeszuordnung dennoch unsicher. Hausformen, Keramik und Bestattungssitten zeigen regionale Verbindungen, aber keine scharf gezogenen politischen oder ethnischen Grenzen. Die Bewohner eines
einzelnen Hofes lassen sich archäologisch nicht zuverlässig als „Brukterer“ identifizieren. [4]
Sendenhorst und Albersloh lagen außerhalb des Römischen Reiches in der sogenannten Germania magna. Die wichtigsten römischen Lager und Nachschubwege dieser Region befanden sich weiter südlich entlang
der Lippe, unter anderem bei Oberaden, Haltern und Anreppen. Kontakte über Handel, Tausch, Dienstleistungen oder kriegerische Begegnungen sind für das weitere Umfeld selbstverständlich denkbar. Für
einen Marsch des Varus durch Sendenhorst oder einen römischen Stützpunkt im heutigen Stadtgebiet gibt es bislang jedoch keinen archäologischen Nachweis.
Auch die Beteiligung einzelner Menschen aus dem Sendenhorster Raum an der Varusschlacht von 9 n. Chr. lässt sich nicht belegen. Die Schlacht wird heute im Umfeld von Kalkriese lokalisiert, und antike
Quellen bringen verschiedene Gruppen mit dem Aufstand gegen Rom in Verbindung. Daraus folgt aber keine sichere Biografie für die Bewohner der Albersloher Höfe. Historisch sauber ist daher die
Aussage: Sie lebten in einer einheimischen bäuerlichen Kulturlandschaft außerhalb des Imperiums, standen aber nicht völlig außerhalb seiner wirtschaftlichen und politischen Wirkung.
7. Völkerwanderungszeit und die Entstehung neuer Zugehörigkeiten Für
die Jahrhunderte nach der römischen Kaiserzeit wird das örtliche Fundbild dünner. Ein schwächerer archäologischer Nachweis darf jedoch nicht automatisch als vollständige Entvölkerung verstanden
werden. Siedlungen konnten verlegt werden, Hofstellen verschwinden und politische Zugehörigkeiten wechseln, ohne dass jede Veränderung deutliche Spuren hinterließ. Ältere Ortsgeschichten beschrieben
diesen Wandel häufig als klare Abfolge: Zuerst hätten Brukterer das Land verlassen, dann seien Sachsen aus Jütland eingewandert und hätten das Münsterland neu besiedelt. Die neuere Forschung urteilt
zurückhaltender. Stammesnamen bezeichnen keine über Jahrhunderte unveränderten Bevölkerungsblöcke. Wahrscheinlicher ist ein längerer Prozess aus Mobilität, Vermischung, Machtwechseln und der
allmählichen Ausbildung fränkischer und sächsischer Identitäten. [7]
Auch die Begriffe Westfalen, Engern und Ostfalen sind nicht einfach mit modernen Ländern oder geschlossenen Einwanderergruppen gleichzusetzen. Der Name Sachsen wanderte im Lauf der Geschichte zudem
weit nach Osten und wurde später auf Territorien übertragen, die nicht dem ursprünglichen altsächsischen Kernraum entsprachen. Für Sendenhorst lässt sich deshalb weder eine rein „sächsische“ noch
eine rein „fränkische“ Gründung beweisen.
8. Sachsenkriege und Christianisierung Im späten 8. Jahrhundert
geriet Westfalen in die fränkisch-sächsischen Auseinandersetzungen. Die Sachsenkriege Karls des Großen werden gewöhnlich von 772 bis 804 datiert. Sie verliefen in mehreren Phasen und waren kein
ununterbrochener Dreißigjähriger Krieg. Auf erste Unterwerfungen folgten Aufstände, Friedenszeiten und erneute Feldzüge. Der sächsische Anführer Widukind ließ sich 785 in Attigny taufen; trotzdem
dauerten Kämpfe und politische Neuordnungen noch an. [11]
Die Eingliederung in das Frankenreich ging mit der Ausbreitung kirchlicher Strukturen einher. Liudger wurde am 30. März 805 zum ersten Bischof von Münster geweiht. Von Münster aus entwickelte sich
ein Netz aus Kirchen, Haupthöfen und späteren Pfarreien. Ahlen, Beckum und Warendorf gehörten zu den frühen kirchlichen Mittelpunkten der Region; für Sendenhorst und Albersloh ist eine ebenso frühe
Urpfarreigründung dagegen nicht sicher belegt, bzw. auszuschließen. [12]
9. „Seondonhurst“ – der Schritt in die Schriftgeschichte Mit den
Güter- und Abgabenverzeichnissen geistlicher Grundherren beginnt die Geschichte Sendenhorsts schriftlich fassbar zu werden. In den Werdener Überlieferungen erscheint der Ort um 890 beziehungsweise um
900 als „Seondonhurst“; weitere überlieferte Formen sind Sendonhurst, Sindenhurst und Sendinhurst. Die unterschiedlichen Schreibweisen sind für mittelalterliche Quellen normal und spiegeln keine
amtlich festgelegte Rechtschreibung. [8]
[10]
Die Nennung bezeichnet noch keine Stadt. Gemeint war eine ländliche Siedlung oder Bauerschaft mit Höfen, Abgabenpflichten und Besitzbeziehungen. Heinrich Petzmeyer vermutete den Kern dieser frühen
Siedlung im Bereich der Geist, ungefähr 400 Meter westlich der heutigen Stadtmitte. Der genaue Standort und die Zahl der zugehörigen Höfe sind jedoch nicht archäologisch abschließend bestimmt. Die
Lokalisierung bleibt daher eine begründete Hypothese, keine gesicherte Parzellenangabe. [8]
Grabungen im Südosten der Altstadt lieferten 2022 zahlreiche Spuren des 12. und 13. Jahrhunderts, darunter Gräben und Pfostenlöcher. Die Gräben können Grundstücksgrenzen markiert oder der
Entwässerung gedient haben. Bemerkenswert ist, dass sich solche hochmittelalterlichen Spuren trotz der jahrhundertelangen dichten Bebauung erhalten hatten. Sie schlagen eine archäologische Brücke
zwischen dem frühen Hofverband und dem späteren Kirchdorf. [10]
10. Der „Große Hof“ – adelige Lebenswelt am Stadtrand Bei Grabungen
2003 und 2004 in der Flur „Großer Hof“ am östlichen Rand Sendenhorsts untersuchte die LWL-Archäologie rund 5.000 Quadratmeter. Freigelegt wurde ein Adelshof des 11. bis 12. Jahrhunderts. Zu der
Anlage gehörten ein ungefähr zehn Meter breites und mindestens 30 Meter langes Holzhaus, eine Viehkoppel, ein Grubenhaus und mehrere Speicher. [9]
Besondere Aufmerksamkeit fanden zwei Schachfiguren – eine Dame und ein Bauer – sowie zwei aufwendig gefertigte Backgammon-Steine. Die Stücke bestehen aus Tierknochen; bei der Dame konnte
Pferdeknochen bestimmt werden. Die Backgammon-Steine waren aus mehreren Lagen aufgebaut und mit Metall beziehungsweise textilen Einlagen verziert. Nach Einschätzung des LWL gehörten sie zu den
ältesten und aufwendigsten Funden ihrer Art in Europa. Zusammen mit Pferdegeschirrteilen aus Bronze, einem goldverzierten Bronzeanhänger, einer Knochenflöte und wenigen Scherben eines dunkelblauen
Glasbechers weisen sie auf eine gehobene Lebensweise. [9]
Die Flur und die Grabungsfläche tragen eine Verbindung zum Namen Schorlemer. Deshalb wird erwogen, dass hier frühe Mitglieder dieser später bedeutenden Adelsfamilie lebten. Der LWL formuliert dies
bewusst als Möglichkeit, nicht als endgültigen Nachweis. Der Fundplatz macht dennoch deutlich, dass das hochmittelalterliche Sendenhorst nicht nur aus einfachen Bauernhöfen bestand, sondern auch in
adelige Herrschafts- und Wirtschaftsstrukturen eingebunden war. [9]
Lokale Forschungen verweisen außerdem auf mehrere Mühlenplätze an der Angel, deren Anfänge in die Zeit nach 1000 zurückgeführt werden. Sie zeigen, dass Wasserläufe für Verarbeitung und Versorgung
wichtig waren. Ob an der Angel ein alternativer Siedlungsschwerpunkt mit städtischer Entwicklung hätte entstehen können, bleibt jedoch eine nachträgliche Überlegung; tatsächlich verdichtete sich der
Ort um die Kirche.
11. Vom Hofverband zum Kirchdorf 1175 wird Sendenhorst erstmals als
Kirchdorf erwähnt. Im 12. Jahrhundert bestand ein romanischer Vorgängerbau der heutigen Pfarrkirche St. Martin. Die Kirche lag auf dem Kiessandzug und ungefähr im Mittelpunkt der umliegenden
Bauerschaften. Um sie konnten sich Gottesdienst, Begräbnis, Abgaben, Handel und handwerkliche Dienstleistungen bündeln. So entstand ein neuer Siedlungskern, der sich von den älteren, lockerer
verteilten Hofgruppen unterschied. [10]
[13]
Die Vorstellung einer planmäßigen Entwicklung „von außen nach innen“ ist als Deutung hilfreich, darf aber nicht mit einem erhaltenen Gründungsplan verwechselt werden. Sicher ist: Die Kirche wurde zum
Mittelpunkt einer dichteren Bebauung. Archäologische Spuren des 12. und 13. Jahrhunderts im Altstadtkern bestätigen, dass sich dort bereits vor der formalen Stadtwerdung Grundstücke, Gebäude und
Entwässerungsstrukturen ausbildeten. [10]
12. Stadtwerdung und historische Einordnung Ein genaues
Gründungsdatum ist nicht überliefert. Die Häufung städtischer Zeugnisse nach 1310 und die erste bekannte Bezeichnung als „oppidum“ im Jahr 1315 sprechen dafür, dass Sendenhorst während der
Regierungszeit des münsterschen Fürstbischofs Ludwig II., Landgraf von Hessen, zur Stadt erhoben wurde. Ludwig regierte das Hochstift Münster von 1310 bis 1357. Die Stadt erhielt Wall und Graben;
vier Tore erschlossen den befestigten Siedlungskern. [8] [13]
Der 11. August 1315 gilt heute als Stadtgeburtstag, weil eine an diesem Tag ausgestellte Urkunde Sendenhorst als Stadt bezeichnet. Gegenstand war ein Grundstücksgeschäft innerhalb Sendenhorsts; die
Formulierung „infra oppidum Sendenhorst“ belegt, dass der städtische Rechts- und Siedlungscharakter zu diesem Zeitpunkt bereits bestand. Der Tag markiert daher nicht zwingend die feierliche
Verleihung der Stadtrechte, sondern den ältesten bislang bekannten schriftlichen Nachweis. [8] [13]
Die Erhebung ist im Zusammenhang mit den territorialen Konflikten zwischen dem Fürstbistum Münster und der Grafschaft Mark zu sehen. Eine befestigte Stadt stärkte den bischöflichen Einfluss im
Grenzraum und band die Bürger enger an ihren Landesherrn. Die örtliche Überlieferung berichtet, Sendenhorst sei 1323 im Zuge der Fehde durch Truppen des Grafen Engelbert II. von der Mark
niedergebrannt worden. Andere lokale Texte sprechen vorsichtiger von einer Brandkatastrophe, deren nähere Umstände nicht mehr bekannt seien. Deshalb sollte der Zusammenhang als überlieferte, aber
nicht in allen Einzelheiten gesicherte Darstellung gekennzeichnet bleiben. [14]
Die Geschichte Sendenhorsts begann nicht an einem einzigen Tag. Ihre ältesten Spuren sind Werkzeuge mobiler Jäger und Sammler. Später folgen Hinweise auf bäuerliche Nutzung, Grabhügel und
Urnenfriedhöfe. Mit den Siedlungsbefunden von Albersloh und der Kreisstraße 4 werden Hausplätze und Wirtschaftsbereiche fassbar. Im frühen Mittelalter treten Hofverbände, kirchliche Strukturen und
schriftliche Abgabenverzeichnisse hinzu. Der Adelshof am „Großen Hof“, das Kirchdorf und schließlich das „oppidum“ von 1315 markieren weitere Stufen der Verdichtung.
Für die Kernstadt lässt sich mit den Urnenfriedhöfen eine rund 2.600 bis 2.700 Jahre alte vorgeschichtliche Siedlungslandschaft sicher erkennen. Für das heutige Gesamtgebiet reichen einzelne
menschliche Spuren noch sehr viel weiter zurück. Beides darf nicht zu der Behauptung verkürzt werden, dieselbe Ortschaft bestehe seit der Steinzeit oder seit 650 v. Chr. ununterbrochen am gleichen
Platz.
Gerade die Unterbrechungen, Verlagerungen und Unsicherheiten machen den historischen Befund glaubwürdig. Sendenhorst war zu keiner Zeit völlig isoliert: Seine Funde verbinden den Raum mit dem
Niederrhein, den Niederlanden, der Ems, der Weser und der Lippe. Die Stadtwerdung des frühen 14. Jahrhunderts war deshalb nicht der Anfang menschlicher Geschichte, sondern der Abschluss eines langen
Weges von wiederholt genutzten Landschaften über Hofgruppen und Kirchdorf zu einer befestigten kleinen Stadt.
|
Zeit |
Nachweis / Entwicklung |
|---|---|
|
Mittel-paläolithikum |
Steingeräte belegen Aufenthalte im Raum Sendenhorst-Albersloh; wahrscheinlich Zeit der Neandertaler. |
|
ab ca. 9600 v. Chr. |
Mittelsteinzeitliche Jäger, Fischer und Sammler nutzen den eiszeitlichen Höhenrücken. |
|
Jungsteinzeit |
Bäuerliche Lebensweise setzt sich schrittweise durch; Geräte und Bodenfunde belegen regelmäßige Nutzung. |
|
ca. 2000/1900–800 v. Chr. |
Bronzezeit in Westfalen; Grabhügel, Urnen und Geräte im Raum Albersloh. |
|
7./6. Jh. v. Chr. |
Urnenfriedhöfe an Spithöverstraße und Martiniring; ältere vorrömische Eisenzeit. |
|
Eisenzeit |
Siedlungsplatz an der Kreisstraße 4; 2005 baubegleitend dokumentiert. |
|
um Christi Geburt |
Mehrphasiger Siedlungsplatz in der Alst mit fünf großen Pfostenhäusern und Speichern. |
|
772–804 |
Sachsenkriege Karls des Großen; 785 Taufe Widukinds. |
|
805 |
Liudger wird erster Bischof von Münster. |
|
um 890/900 |
Erste schriftliche Nennung von „Seondonhurst“ in Werdener Überlieferungen. |
|
11./12. Jh. |
Adelshof am „Großen Hof“ mit Schach- und Backgammonsteinen. |
|
1175 |
Erste Nennung Sendenhorsts als Kirchdorf. |
|
11. August 1315 |
Ältester bekannter Nachweis als „oppidum“; heutiger Stadtgeburtstag. |
|
1323 |
Örtliche Überlieferung eines Stadtbrandes im Zusammenhang mit der märkisch-münsterschen Fehde. |
[1] Geologischer Dienst NRW: Geowissenschaftliche Gemeindebeschreibung Sendenhorst
[2] LWL-Archäologie für Westfalen: Westfalen in der Alt- und Mittelsteinzeit
[4] LWL-Archäologie für Westfalen: Westfalen in der Eisenzeit
[5] LWL-Archäologie für Westfalen: Neujahrsgruß 2006, S. 102–103 – eisenzeitlicher Fundplatz an der K 4
[6] LWL-Archäologie für Westfalen: Neujahrsgruß 1972, S. 17–20 – Siedlung in Albersloh-Alst
[7] Heimatverein Sendenhorst: Albersloh 1976 – frühe Siedlungsgeschichte
[8] Heimatverein Sendenhorst: 1965 – 650 Jahre Sendenhorst
[9] LWL-Newsroom: Spielfreudiger Kleinadel in Sendenhorst – Adelshof und Spielsteine
[10] LWL-Newsroom: Ausgrabungen in Sendenhorst enthüllen 800 Jahre Stadtgeschichte
[11] LWL / Internet-Portal Westfälische Geschichte: Widukind, Sachsenkriege 772–804 und Taufe 785
[12] Bistum Münster: Liudger, erster Bischof von Münster seit 30. März 805
[13] Stadt Sendenhorst: Geschichte von Sendenhorst und Albersloh
[14] Heimatverein Sendenhorst: Archivgeschichte zum überlieferten Stadtbrand von 1323
Redaktioneller Hinweis: Die Darstellung verbindet archäologische Fachquellen mit örtlicher Geschichtsschreibung. Wo ältere Deutungen heute nicht mehr als gesichert gelten, wird dies im Text kenntlich gemacht. Datierungen sind – soweit die Quellen Spielräume lassen – bewusst als Näherungen formuliert.