Inhaltsverzeichnis
1. Eine Kleinstadt zwischen den Blöcken
Als 1945 der Zweite Weltkrieg endete, begann keine friedliche und spannungsfreie Epoche. Aus den früheren Verbündeten USA, Großbritannien und Sowjetunion wurden Gegner. Europa teilte sich in zwei Machtblöcke, Deutschland in Bundesrepublik und DDR. Seit 1955 gehörte die Bundesrepublik zur NATO; die DDR wurde im selben Jahr Mitglied des Warschauer Paktes.
Sendenhorst lag weit von der innerdeutschen Grenze entfernt. Militärisch unbedeutend war die Stadt deshalb nicht. Im Umkreis von nur wenigen Dutzend Kilometern befanden sich ein Korpshauptquartier, deutsche und britische Kasernen, ein großer Militärflugplatz, eine Nike-Flugabwehrraketenstellung und ein Sondermunitionslager mit Atomsprengköpfen. Im Ernstfall hätte die Region Aufmarschraum, Nachschubgebiet und Teil der Luftverteidigung zugleich sein können. [1] [7] [9]
Im Alltag zeigte sich dieser Krieg ohne offene Front vor allem durch Geräusche und Bewegung: Kolonnen auf Landstraßen, Kettenfahrzeuge im Morgengrauen, Hubschrauber, tief fliegende Kampfflugzeuge und Manöre, bei denen Felder, Wege und Straßen zu Übungsräumen wurden. Hinter diesem gewohnten Bild stand jedoch eine außergewöhnliche Drohung: Ein Krieg in Mitteleuropa sollte notfalls mit Atomwaffen geführt werden.
2. Sendenhorst im militärischen Ring
Das militärische Zentrum der Region war Münster. Dort wurde 1956 das I. Korps der Bundeswehr aufgestellt. Es führte im Verteidigungsfall einen großen Teil der westdeutschen Landstreitkräfte zwischen Nordsee, Weser und Rhein. Seine Truppen lagen in mehr als hundert Garnisonsorten. Der Korpsstab saß im ehemaligen Generalkommando am Schlossplatz. [1]
Seit 1971 kam das Lufttransportkommando der Luftwaffe hinzu. Sein Sitz lag am Hohenzollernring beziehungsweise an der Manfred-von-Richthofen-Straße. Es koordinierte die Transportflugzeuge und Hubschrauber der Luftwaffe und war damit Teil der militärischen Logistik, auf die ein schneller NATO-Aufmarsch angewiesen gewesen wäre. [2]
Daneben prägten britische Soldaten die Stadt Münster. York-Kaserne in Gremmendorf, Oxford-Kaserne in Gievenbeck und weitere militärische Flächen machten die britische Garnison zu einer Stadt in der Stadt. Umgangssprachlich blieben sie vielen als „Engländerkasernen“ in Erinnerung. Die britischen Verbände gehörten zur NATO-Heeresgruppe in Norddeutschland und wären im Kriegsfall unmittelbar eingesetzt worden. [3]
3. Ahlen und die Westfalenkaserne
Nur etwa zehn Kilometer südlich von Sendenhorst lag die Westfalenkaserne in Ahlen. Dort hatte die 1959 aufgestellte Panzergrenadierbrigade 19, später „Münsterland“ genannt, ihren wichtigsten Standort. Der Brigadestab war zunächst in Münster-Handorf untergebracht und verlegte noch 1959 nach Ahlen. Der Stationierungsraum der Brigade reichte zwischen Lippe und Ems. Seit 1962 war sie der NATO unterstellt. [4]
Panzergrenadiere sollten gemeinsam mit Kampfpanzern beweglich kämpfen. Zur Brigade gehörten daher nicht nur Schützenpanzer und Infanterie, sondern auch Panzer-, Artillerie-, Pionier-, Nachschub- und Instandsetzungskräfte. Bei Alarm wären Reservisten eingezogen, Fahrzeuge beladen und die Einheiten in ihre vorgesehenen Räume verlegt worden. Die Straßen zwischen Ahlen, Sendenhorst, Warendorf und Münster waren deshalb nicht bloße Verkehrswege, sondern Teile eines militärischen Netzes.
Eine große Kaserne mit gepanzerten Verbänden wäre in einem Krieg ein naheliegendes Ziel für konventionelle Angriffe gewesen. Ob Ahlen in einem bestimmten sowjetischen Angriffsplan ausdrücklich als Atomziel aufgeführt war, ist dagegen nicht öffentlich belegt. Die militärische Bedeutung ist nachweisbar; eine konkrete Zielzuweisung bleibt eine Schlussfolgerung, keine gesicherte Tatsache.
4. Handorf: Panzer, Hubschrauber und US-Soldaten
Auch Münster-Handorf war ein bedeutender Standort. In der Lützow-Kaserne lagen im Laufe der Jahrzehnte gepanzerte Verbände, Artillerie und Führungsstellen. Von 1970 bis 1984 war dort außerdem das Heeresfliegerkommando 1 stationiert. Hubschrauber gehörten deshalb ebenso zum militärischen Alltag der Region wie Panzer und Radfahrzeuge. [5]
Besonders wichtig war die Anwesenheit amerikanischer Atomwaffenspezialisten. Von 1964 bis 1992 hatte die 570th United States Army Artillery Group ihren Sitz in Handorf. Solche US-Gruppen waren für Bewachung, Wartung und Freigabeverfahren amerikanischer Nuklearmunition zuständig, die im Ernstfall von verbündeten Truppen eingesetzt worden wäre. [6]
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Sprengköpfe einfach in der Lützow-Kaserne oder auf dem alten Handorfer Flugplatz lagen. Der eigentliche Lagerort befand sich weiter nordöstlich in Ostbevern-Schirlheide. Handorf war vor allem Führungs- und Unterstützungsstandort des amerikanischen Sicherungssystems.
5. Das Atomwaffenlager Ostbevern-Schirlheide
Etwa 18 Kilometer nördlich von Sendenhorst lag von 1964 bis 1991 das Sondermunitionslager Ostbevern-Schirlheide. Hinter mehrfachen Zäunen, Wachtürmen und gesicherten Schleusen standen neun erdüberdeckte Lagerhäuser. Dort wurde keine gewöhnliche Munition verwahrt, sondern amerikanische Atomsprengköpfe für britische Trägersysteme. [7] [8]
Zum Bestand konnten Gefechtsköpfe für Honest-John- und später Lance-Raketen sowie nukleare Artilleriemunition der Kaliber 155 und 203 Millimeter gehören. Die Sprengkraft reichte je nach Typ von kleinen taktischen Ladungen bis in die Größenordnung von etwa 100 Kilotonnen TNT. Zum Vergleich: Die Bombe von Hiroshima hatte eine Sprengkraft von ungefähr 15 Kilotonnen. Die amerikanische Seite behielt die Verfügungsgewalt; die britischen Verbände stellten die Trägersysteme. Dieses Verfahren wurde als nukleare Teilhabe oder Zwei-Schlüssel-System bezeichnet. [8]
Die Munition konnte auch auf dem Luftweg bewegt werden. Für Schirlheide sind Transporte mit schweren CH-47-Chinook-Hubschraubern in den inneren Sicherungsbereich beschrieben. Damit wird die Verbindung zwischen Lager, britischen Verbänden und amerikanischem Führungsstandort Handorf sichtbar. Die Antwort auf die Frage, ob in der Umgebung von Handorf Atomsprengköpfe vorhanden waren, lautet daher: ja – der konkrete Lagerort war Schirlheide.
6. Westkirchen: Nike-Raketen mit Atomsprengköpfen
Noch näher lag die Flugabwehrraketenstellung Westkirchen, etwa acht Kilometer südlich von Warendorf und rund 13 Kilometer von Sendenhorst entfernt. Dort war die 1. Batterie des Flugabwehrraketenbataillons 21 stationiert. Die Stellung bestand aus drei getrennten Bereichen: Unterkunft, Radar- und Feuerleitbereich sowie Abschussbereich mit Raketenstellungen und Bunkern. [9]
Die dort eingesetzte Nike Hercules war etwa zwölf Meter lang, wog rund fünf Tonnen und erreichte ein Mehrfaches der Schallgeschwindigkeit. Sie sollte hoch fliegende sowjetische Bomber und Verbände abfangen. Dafür konnte sie konventionelle oder nukleare Gefechtsköpfe tragen. In Westkirchen lagen bis 1987 amerikanische Atomsprengköpfe. Genannt werden kleinere Sprengköpfe von etwa zwei Kilotonnen sowie größere mit zunächst 40, später 20 Kilotonnen. Die höchste vorgesehene Ausstattung einer Stellung lag bei acht kleinen und zwei großen Sprengköpfen; daraus folgt jedoch nicht, dass jederzeit genau zehn vorhanden waren. [9] [10]
Die deutschen Soldaten bedienten Raketen, Radar und Feuerleitung. Die nuklearen Gefechtsköpfe blieben unter amerikanischer Verwahrung; in Westkirchen war dafür eine Abteilung der 66th United States Army Artillery Detachment eingesetzt. Erst nach Freigabe durch beide Seiten hätte eine nuklear bestückte Rakete eingesetzt werden können.
Die Vorstellung hinter dem System war bedrückend: Ein Atomsprengkopf sollte in großer Höhe mitten in einem anfliegenden Bomberverband explodieren. Die Druck- und Hitzewirkung sollte mehrere Flugzeuge zugleich vernichten. Die Explosion hätte zwar über dem Zielraum stattgefunden, ihre Folgen wären aber nicht sauber auf den Himmel begrenzt geblieben. Für einen Unfall oder einen unbeabsichtigten Start mit Atomsprengkopf in Westkirchen fand sich bislang kein öffentlich zugänglicher Beleg.
7. Wäre Sendenhorst selbst ein Atomziel gewesen?
Ein freigegebener sowjetischer Zielplan, in dem Sendenhorst ausdrücklich genannt wird, ist nicht bekannt. Die Stadt besaß weder einen strategischen Flugplatz noch ein großes Hauptquartier oder einen eigenen Atomwaffenstandort. Als selbständiges strategisches Atomziel ist Sendenhorst daher eher unwahrscheinlich.
Anders sah es in der Umgebung aus. Die Westfalenkaserne in Ahlen lag etwa zehn Kilometer entfernt, die Nike-Stellung Westkirchen rund 13 Kilometer, das Sondermunitionslager Schirlheide etwa 18 Kilometer. Hinzu kamen die Kasernen und Führungsstellen in Handorf und Münster sowie RAF Gütersloh in ungefähr 35 Kilometern Entfernung. Diese Orte hatten unterschiedliche Aufgaben und wären nicht zwangsläufig mit Atomwaffen angegriffen worden. Doch sie waren militärische Ziele, deren Ausschaltung für einen Gegner von Interesse sein konnte.
Die Frage „Wäre hier ein Sprengkopf angekommen?“ lässt sich deshalb nur abgestuft beantworten: Ein direkter Treffer auf Sendenhorst ist nicht belegt. Ein Atomwaffeneinsatz im nahen Umfeld war im Rahmen der damaligen Kriegsplanung jedoch keineswegs undenkbar. Auch ohne direkten Treffer hätten Druckwellen, Brände, radioaktiver Niederschlag, zerstörte Straßen und der Zusammenbruch von Strom-, Wasser- und Lebensmittelversorgung die Bevölkerung getroffen. Richtung und Stärke des radioaktiven Niederschlags hätten von Sprengkraft, Explosionshöhe, Wind und Wetter abgehangen.
Hinzu kam ein Widerspruch der nuklearen Abschreckung: Die Atomwaffen sollten einen Angriff verhindern. Ihre Standorte machten die Region im Fall eines Angriffs zugleich militärisch wichtiger und damit gefährdeter.
8. RAF Gütersloh und der militärische Himmel
Rund 35 Kilometer östlich von Sendenhorst lag RAF Gütersloh, einer der wichtigsten britischen Militärflugplätze in Nordwestdeutschland. Von 1965 bis 1977 standen dort Lightning-Abfangjäger in ständiger Alarmbereitschaft. Später folgten senkrecht startende Harrier-Kampfflugzeuge. Dazu kamen Wessex-, Puma- und Chinook-Hubschrauber. [11]
Im Ernstfall sollten die Harrier nicht auf dem bekannten Flugplatz bleiben. Sie konnten auf vorbereitete Ausweichplätze, Straßenabschnitte und Feldflugplätze verteilt werden. Dadurch sollte ein sowjetischer Erstschlag nicht die gesamte Einheit am Boden vernichten. Die militärische Nutzung des Luftraums reichte weit über die Platzgrenzen hinaus.
Nicht jedes Flugzeug über Sendenhorst kam aus Gütersloh. Britische, deutsche, niederländische, belgische und amerikanische Maschinen übten über der Bundesrepublik. Für die Menschen am Boden war die Herkunft meist ohnehin nicht zu erkennen. Was blieb, waren Lärm, erschreckte Tiere, vibrierende Fensterscheiben und die Sorge, dass bei den hohen Geschwindigkeiten etwas geschehen könnte.
9. Der Kampfflugzeugabsturz bei Horstmann
Am 28. April 1964 wurde der Kalte Krieg in Sendenhorst plötzlich greifbar. Eine Lockheed T-33A des Jagdgeschwaders 71 „Richthofen“ war auf dem Flug von Oldenburg nach Fürstenfeldbruck, als das Triebwerk ausfiel. Beide Besatzungsmitglieder retteten sich mit dem Schleudersitz. Das Flugzeug stürzte bei Sendenhorst ab und wurde zerstört. [12]
Nach der örtlichen Überlieferung schlug die Maschine gegenüber der Brennerei Horstmann ein, im Bereich zwischen Schörmelgraben und der heutigen Justus-von-Liebig-Straße. Die Piloten gingen getrennt am Südendamm und am Ahlener Damm nieder. Ein damaliges Schulkind beobachtete das Geschehen und erinnerte sich noch Jahrzehnte später daran. [13]
Die T-33 war ein zweisitziges Schul- und Verbindungsflugzeug. Der Absturz war kein Tiefflugunfall und es gibt keinen Hinweis auf eine nukleare Bewaffnung. Gerade deshalb ist er aufschlussreich: Auch ein routinemäßiger Überführungsflug konnte innerhalb weniger Minuten zu einem Unfall über bewohntem Gebiet werden.
Ein weiterer Unfall ereignete sich am 24. Januar 1973 im weiteren Umfeld von RAF Gütersloh. Eine britische Buccaneer geriet bei einem Tiefflug-Ausweichmanöver außer Kontrolle; beide Besatzungsmitglieder konnten sich retten. Solche Fälle erklären, warum Tiefflugbetrieb nicht nur als Lärm, sondern als tatsächliches Risiko wahrgenommen wurde. [11]
10. „Ewig diese Tiefflieger“
Die Erinnerung trifft einen charakteristischen Teil des Kalten Krieges. Der Ausdruck „Tieffliegerschneise“ war umgangssprachlich. Tatsächlich gab es Tieffluggebiete und geplante Strecken, die aus Sicherheits- und Ausbildungsgründen verändert werden konnten. Der allgemeine militärische Tiefflug durfte bis etwa 150 Meter über Grund reichen, in besonderen Tieffluggebieten zeitweise bis etwa 75 Meter. Ziel war, unter dem gegnerischen Radar zu bleiben und den Anflug auf Bodenziele zu üben. [14]
Das Ausmaß war erheblich. Nach einer Antwort der Bundesregierung wurden 1984 rund 48.000 und 1985 etwa 43.000 Tiefflugbewegungen der Bundeswehr erfasst. Hinzu kamen in diesen Jahren ungefähr 60.000 beziehungsweise 63.000 Tiefflüge verbündeter Luftstreitkräfte. Die Wahrnehmung, der Himmel sei dauernd voller Militärflugzeuge gewesen, war daher keine bloße Übertreibung. [15]
Die Belastung bestand aus mehr als Dezibelwerten. Plötzlicher Lärm störte Schlaf, Unterricht und Arbeit. Tiere scheuten, Fensterscheiben klirrten, und jede Maschine erinnerte daran, dass hier nicht für eine Flugschau, sondern für einen möglichen Krieg geübt wurde.
11. Panzerkolonnen vor Tagesanbruch
Großmanöver sollten den Aufmarsch ganzer Verbände unter möglichst realistischen Bedingungen erproben. Deshalb fuhren Kolonnen nicht nur auf Truppenübungsplätzen, sondern über öffentliche Straßen. Nacht und früher Morgen waren günstig: Der zivile Verkehr war schwächer, und zugleich ließ sich Bewegung bei Dunkelheit üben.
Die Erinnerung an ungefähr vierzig Panzer gegen fünf Uhr morgens passt zu solchen Verlegungen. Welches Manöver es genau war, lässt sich ohne Datum, Foto oder Zeitungsbericht nicht sicher sagen. Das Großmanöver „Großer Bär 76“ ist ein möglicher Zusammenhang, aber kein Beweis. An dieser Übung nahmen rund 62.000 Soldaten mit etwa 15.000 Rad- und 3.200 Kettenfahrzeugen teil. In einem solchen Aufmarsch waren lange Kolonnen kein außergewöhnlicher Anblick. [16]
Für Anwohner bedeutete dies Motorenlärm, Abgase, stockenden Verkehr und manchmal stundenlanges Warten. Kettenfahrzeuge wurden oft auf Tiefladern transportiert, konnten in Übungsräumen aber auch selbst über Straßen und Wege fahren. Besonders an schmalen Fahrbahnen waren ausgebrochene Straßenränder und beschädigte Bankette eine typische Folge.
12. Das US-Feldlager am Südendamm und Ahlener Damm
Mitte der 1980er-Jahre kamen amerikanische Soldaten nicht nur durch Sendenhorst hindurch. Nach örtlicher Erinnerung richteten sie im Bereich Südendamm beziehungsweise Ahlener Damm ein größeres Feldlager ein und blieben mehrere Tage. Fahrzeuge standen in Gruppen, Soldaten biwakierten und der Platz diente vermutlich als Sammel-, Rast- oder Bereitstellungsraum vor der Weiterfahrt in Richtung Ahlen.
Das genaue Jahr ist noch nicht zweifelsfrei geklärt. In der Erinnerung werden 1985 und besonders 1986 genannt. Als Zusammenhang kommen „Trutzige Sachsen 85“ und „Crossed Swords 86“ infrage. Für „Crossed Swords 86“ sind rund 24.500 Soldaten nachgewiesen, darunter etwa 3.000 Amerikaner und 3.000 Briten. Der eigentliche Übungsraum lag weiter östlich und südöstlich im Raum Warburg, Höxter, Holzminden und Kassel. Eine Verlegung über das Straßennetz bei Sendenhorst und Ahlen wäre daher plausibel. Plausibel ist aber nicht dasselbe wie bewiesen. [17] [18]
Um das Feldlager sicher zuzuordnen, wären lokale Fotos, Berichte der Tagespresse, Polizeimeldungen oder Unterlagen zu Flur- und Straßenschäden besonders wertvoll. Gerade solche lokalen Quellen können aus einer allgemeinen Manögeschichte ein genau datiertes Sendenhorster Ereignis machen.
13. Unfälle und Manöverschäden
Manöver hinterließen Spuren. Zu den typischen Schäden gehörten tiefe Fahrspuren in Äckern und Wiesen, verdichteter Boden, Ernteausfälle, beschädigte Gräben, Durchlässe, Zäune und Bäume sowie abgebrochene Straßenränder. Hinzu kamen ausgelaufenes Öl oder Treibstoff, beschädigte parkende Fahrzeuge und Verkehrsunfälle mit Militärfahrzeugen.
Die Summen zeigen die Größenordnung. Nach „Großer Bär 76“ wurden rund 1,5 Millionen DM für Manöverschäden veranschlagt; außerdem kam es zu zahlreichen Verkehrsunfällen mit Toten und Verletzten. Für „Starke Wehr 82“ werden etwa zwei Millionen DM genannt. Bei „Trutzige Sachsen 85“ stellte man vorsorglich 5,5 Millionen DM für Schäden bereit. [16] [17] [19]
Wie unmittelbar das werden konnte, zeigt ein Beispiel aus dem Manöverjahr 1986: Ein britischer Centurion fuhr gegen vier geparkte Autos; der Schaden wurde mit rund 30.000 DM angegeben. Wegen der hohen Flur- und Straßenschäden vorheriger Übungen wurde beim Manöver „Eternal Triangle 86“ die Zahl der eingesetzten Kampfpanzer bereits verringert. Dessen nördliche Begrenzung lag im Raum Ahlen und Beckum. [20]
Diese Beispiele belegen die allgemeine Belastung der Region, aber nicht automatisch einen bestimmten Schaden am Ahlener Damm. Für einen belastbaren lokalen Nachweis müssten Akten der Stadt Sendenhorst und des Kreises Warendorf, Rechnungen des Bauamtes, Polizeiberichte oder Entschädigungsanträge ausgewertet werden. Ersatzansprüche für Schäden durch ausländische NATO-Truppen wurden nach dem NATO-Truppenstatut und seinen Zusatzabkommen bearbeitet. [21]
Auch für Soldaten war der vermeintliche Frieden gefährlich. Seit 1955 starben mehr als 3.400 Bundeswehrangehörige in Ausübung ihres Dienstes. Davon entfielen 720 Todesfälle auf die 1970er- und 425 auf die 1980er-Jahre. Nicht alle ereigneten sich bei Manövern, doch die Zahlen zeigen, dass Ausbildung, Straßenmärsche, Flugbetrieb und Umgang mit schwerem Gerät einen hohen Preis hatten. [22]
14. Das Ende einer militärischen Epoche
Mit dem Fall der Berliner Mauer 1989, der deutschen Einheit 1990 und der Auflösung des Warschauer Paktes 1991 verlor die alte Konfrontation ihre Grundlage. In erstaunlich kurzer Zeit verschwanden Einrichtungen, die Jahrzehnte lang selbstverständlich gewirkt hatten.
Das Sondermunitionslager Schirlheide wurde 1991 aufgegeben, die 570th US Army Artillery Group in Handorf 1992 aufgelöst. RAF Gütersloh schloss 1993. Das I. Korps ging 1995 im deutsch-niederländischen Korps auf. Die Panzergrenadierbrigade 19 in Ahlen wurde 2002 aufgelöst; die letzten britischen Kasernen in Münster wurden 2012 und 2013 geräumt. In Westkirchen endete die Nike-Zeit bereits 1987; zeitweise folgte das Patriot-System, nun ohne die alten nuklearen Nike-Gefechtsköpfe.
Sendenhorst war keine Frontstadt und wahrscheinlich kein eigenständiges strategisches Atomziel. Dennoch lag die Stadt mitten in einer Landschaft, die für den Krieg vorbereitet war. Die Westfalenkaserne in Ahlen, die Stäbe und Kasernen in Münster und Handorf, RAF Gütersloh sowie die nachweislich nuklearen Standorte Westkirchen und Schirlheide bildeten einen engen Ring. Die Panzerkolonnen, Tiefflieger und Feldlager waren dessen sichtbare Seite. Die unsichtbare Seite lag hinter Zäunen und Bunkertoren: Atomsprengköpfe, die im Ernstfall eingesetzt werden sollten.
Gerade die lokalen Erinnerungen geben dieser Geschichte ihren Maßstab. Der Kalte Krieg bestand in Sendenhorst nicht nur aus Gipfeltreffen, Raketenkrisen und Weltpolitik. Er bestand auch aus dem Dröhnen einer Kolonne um fünf Uhr morgens, aus einem abstürzenden Flugzeug bei Horstmann, aus tagelangem Biwak am Ahlener Damm und aus der Frage, welche Schäden nach dem Abzug der Soldaten zurückblieben.
| Zeit | Ereignis in Sendenhorst und Umgebung |
|---|---|
| 1945 | Ende des Zweiten Weltkrieges; Beginn der Ost-West-Konfrontation. |
| 1955 | Bundesrepublik tritt der NATO bei; Gründung der Bundeswehr. |
| 1956 | Aufstellung des I. Korps in Münster. |
| 1959 | Panzergrenadierbrigade 19 verlegt mit ihrem Stab von Handorf nach Ahlen. |
| 1964 | Beginn der nuklearen Lagerung in Schirlheide; 570th USAAG in Handorf. Am 28. April stürzt eine T-33A bei Horstmann in Sendenhorst ab. |
| 1960er–1987 | Nike-Hercules-Stellung Westkirchen mit amerikanischen Atomsprengköpfen. |
| 1965–1993 | RAF Gütersloh als bedeutender britischer Flugplatz mit Lightning, Harrier und Hubschraubern. |
| 1970er-Jahre | Erinnerungen an lange Panzerkolonnen vor Tagesanbruch und sehr häufigen Tiefflug. |
| 1971 | Lufttransportkommando nimmt seinen Sitz in Münster. |
| 1976 | Großmanöver „Großer Bär 76“ mit 62.000 Soldaten und schweren Manöverschäden. |
| 1985/1986 | US-Feldlager am Südendamm/Ahlener Damm; genaue Zuordnung noch offen. |
| 1987 | Ende der nuklearen Nike-Zeit in Westkirchen. |
| 1989/1990 | Fall der Mauer und deutsche Einheit. |
| 1991–1993 | Schirlheide, die US-Atomwaffenorganisation in Handorf und RAF Gütersloh werden aufgegeben. |
Hinweis: Wo lokale Erinnerungen noch nicht durch Akten oder zeitgenössische Presseberichte bestätigt sind, wird dies im Text ausdrücklich kenntlich gemacht. Entfernungen sind gerundete Luftlinien- beziehungsweise Ortsangaben.
[1] Bundesarchiv / Deutsche Digitale Bibliothek: I. Korps der Bundeswehr
[2] Bundesministerium der Verteidigung: Bundeswehrstandorte in Münster
[3] Stadt Münster: Britische Garnison 1955–2013
[4] Bundesarchiv / Archivportal-D: Panzergrenadierbrigade 19
[5] Zentrum für Militärgeschichte: Lützow-Kaserne Münster-Handorf
[6] US Army Germany: 570th U.S. Army Artillery Group
[7] Sondermunitionslager Ostbevern-Schirlheide – Übersicht und Literaturhinweise
[8] Atomwaffen A–Z: Ostbevern-Schirlheide
[9] Atomwaffen A–Z: Ennigerloh-Westkirchen
[10] Relikte.com: Nukleare Bewaffnung der Nike-Flugabwehr
[11] Royal Air Force Museum: Harrier und RAF Gütersloh
[12] Aviation Safety Network: Unfall der T-33A am 28. April 1964
[13] Heimatverein Sendenhorst: Presse-Archiv 2025 – örtliche Erinnerung an den Absturz
[14] Bundeswehr: Regeln und Hintergründe des militärischen Tiefflugs
[15] Deutscher Bundestag, Drucksache 11/558: Tiefflugbewegungen 1984/1985
[16] M136: Großer Bär 76 – Teilnehmer, Fahrzeuge, Unfälle und Schäden
[17] M136: Trutzige Sachsen 85
[19] M136: Starke Wehr 82
[20] M136: Eternal Triangle 86 – Raum Ahlen/Beckum und Manöverschäden
[21] Bundesportal: Entschädigung für Schäden durch ausländische Streitkräfte
[22] Bundeswehr: Todesfälle in Ausübung des Dienstes seit 1955