Heimatverein Sendenhorst 1925 e.V.
Heimatverein Sendenhorst 1925 e.V.

Der Landkreis Beckum im Spiegel der Vor- und Frühgeschichte

Wilhelm Winkelmann, Münster, Heimatkalendar 1955

Mal ein wenig über den Tellerrand hinweg geschaut... Das älteste und einzig erhaltene Denkmal aus jener dunklen Vorzeit des Kreises Beckum, über die uns keine schriftliche Urkunde berichtet, ist die große, aus Findlingen erbaute, langgestreckte Grabkammer auf dem Hiärwestkamp, südlich Beckum, in der Bauerschaft Dalmer.
vor 1970

Funde auf Sendenhorster Boden

Über 120 Jahre sind vergangen, seitdem dieses Grabmal zusammen mit den ähnlichen, aber inzwischen zerstörten, bei den Höfen Westerschulte und Wintergalen die Aufmerksamkeit und das Interesse der Altertumsforschung fanden.

Der münstersche Historiker Dr. Erhard schrieb in einer in den 30er Jahren des vergangenen Jahr­hunderts erschienenen Schrift: „Nachricht von den bei Beckum entdeckten alten Gräbern“: „Sie können nicht aus vorchristlicher Zeit herstammen, sondern müssen erst nach 803 entstanden sein, wo Karl d. Gr. das Verbrennen der Leichen bei Todesstrafe verboten hatte; so daß sie also die älteste Form christlicher Begräbnisse in hiesiger Gegend darstellen.“ Ihm antwortete der um die westfälische Altertumsforschung hochverdiente Pfarrer Niesert in einer kleinen Abhandlung im Jahre 1836 unter dem Titel: „Versuch eines archäologischen Beweises, daß die bei Beckum entdeckten alten Gräber die älteste Form christlicher Begräbnisse nicht darstellen.“ Er stellte die Erhard’sche Ausdeutung richtig und wies die Gräber den „Hünenbetten“ zu, d. h. jenen in weiteren Räumen Nordwesteuropas aus Findlingen erbauten Grabkammern der Steinzeit.

Schließlich veröffentlichte im Jahre 1875 der bekannte Baurat F. A. Borggreve in der „Westfälischen Zeitschrift“, Bd. 33., einen Aufsatz über „Die drei Gräber bei Westerschulte und Wintergalen in der Gegend von Beckum“, in dem er nähere Einzelheiten, auch über inzwischen durchgeführte Ausgrabungen mitteilte.

Von diesen drei Gräbern ist heute nur noch die auf dem Hiärwestkamp beim Landwirt Kulke erhalten und gerade vor einem Jahr auf Anregung und mit Unterstützung der Kreisverwaltung Beckum soweit freigelegt worden, daß ihre Umrisse und einstige Gestalt wieder sichtbar sind. Die beiden etwa in O-W-Richtung sichtbaren Steinreihen von etwa 27 m Länge bildeten einmal die Wandsteine einer großen, in den Boden eingegrabenen Grabkammer, auf denen einst große Steine lagen, die diese Grabkammer oben abdeckten.

Als Borggreve vor 80 Jahren seinen Bericht schrieb, war diese steinerne Grabkammer noch 29 m lang, 1,5 m bereit und 1,5 m hoch erhalten. Sie wurde im Jahre 1875 weitgehend zerstört, als man versuchte, die Steine zu sprengen, um Material zum Straßenbau zu gewinnen. Sie waren aber schon 1860 vom Staat angekauft, so daß ihre völlige Vernichtung noch einmal aufgehalten werden konnte.

Diese lange Grabkammer ist in der Mitte etwas gebogen; hier zeigen heute noch 4 Steine, ursprünglich waren es 5, den Rest des Eingangs an, der in die eigentliche Kammer führte.

Das zweite Grabmal ähnlicher Art lag etwa 700 m entfernt auf dem gegenüberliegenden Hang am Kieslingskamp, beim Hofe Westerschulte, und ein drittes beim Hofe Rentrup-Wintergalen in der Gemeinde Lippborg. Beide Anlagen wurden im vergangenen Jahrhundert zerstört, um Straßensteine und Prellsteine in Beckum und Hamm zu gewinnen. Sie waren ähnlich gebaut wie die in der Bauerschaft Dalmer und etwa gleich groß, die eine 26 m, die andere 28 m lang. In beiden Kammern konnten aber von Borggreve und anderen noch vor der Zerstörung Grabungen durchgeführt werden, die uns wenigstens in etwa ein Bild ihrer Einrichtung vermitteln. Sie enthielten sehr viele menschliche Knochen, die Reste der einmal hier Bestatteten. Der Boden der Kammer war mit einer Steinlage gepflastert, auf der die Toten niedergelegt worden waren. Als Beigaben wurden kleine Steinbeile, Messer und Speerspitzen aus Feuerstein, durchlochte Tierzähne, ursprünglich als Kette getragen, Bernsteinstücke, ein Kupferblechstreifen, verzierte Scherben und ein vollständiges Tongefäß gefunden. Dies Gefäß ist in einer Art, nämlich mit eingestochenen Linien verziert, die vor allem aus den gleichzeitigen sogen. Megalithgräbern des nördlichen Westfalen und Nordwesteuropas bekannt sind. Die Menge der Bestattungsreste, oft in mehreren Lagen übereinander liegend, kennzeichnet diese Kammern als Sippengräber, in denen die Bewohner der Umgegend ihre Toten bestatteten. Es handelt sich schon um eine seßhafte Bevölkerung, die in festen Häusern wohnte und Ackerbau und Viehzucht betrieb. Die Beckumer Steinkisten, wie sie gern genannt werden, gehören zu einer Gruppe, hauptsächlich im südwestfälischen und hessischen Raum verbreiteter Anlagen. Sie wurden um 2000 v. Chr. angelegt und sind eine landschaftliche Ausprägung der im gesamten west- und nordwesteuro­päischen Raum verbreiteten Großsteingräber.

Seit der Entdeckung dieser Gräber sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten weitere Fundplätze und Funde aus den Jahrtausenden vor Christi Geburt bis zur Zeit Karl d. Gr. um 800 n. Chr. beobachtet worden, dank der Tatsache, daß sich in jeder Generation einige Männer fanden, die diesen unscheinbaren Zeugnissen der Geschichte des Beckumer Landes, den Steingeräten, Waffen, Gefäßresten und Gräbern alter Zeit Interesse und Liebe bekundeten, so daß sich heute die Geschichte des Menschen in diesem Raum immer klarer übersehen läßt.

Gewiß ist es nicht gerade übermäßig viel, was inzwischen gesammelt und beobachtet worden ist. Das hat in diesem Land seine besonderen Gründe: denn weite Teile des Kreises bestehen an der Oberfläche aus schweren lehmigen und tonigen Böden, die nicht nur in alter Zeit ungünstig für eine dauerhafte Besiedlung waren, sondern die  auch die möglichen unscheinbaren Bodenfunde derart fest umklammern, daß sie vielfach unerkannt bleiben. Nur in einigen eingestreuten, – vor allem im Nordwesten, Nordosten und Süden des Kreisgebietes – langgestreckten sandigen Inseln liegen bessere und günstigere Bodenarten vor, die von dem Menschen schon früh besiedelt wurden, aber auch heute noch die Reste ihrer Siedlungen und Gräber leichter erkennen lassen.

Siedlungen aus dieser ältesten Zeit sind bisher nicht gefunden worden. Doch liegen aus dem ganzen Kreisgebiet neben einigen durchbohrten Geweihhacken, die bei Baggerarbeiten an der Lippe in den Gemeinden Liesborn und Lippborg gefunden wurden, 24 Steinbeile und -Äxte vor, die erkennen lassen, daß der Raum besiedelt war. Es handelt sich – wie zu erwarten – um Stücke aus Feldgestein, aber auch Feuerstein, deren verschiedene Formen anzeigen, wie hier schon in früher Zeit Einflüsse aus westlich, nördlich, südlich und östlich benachbarten Kulturen zusammenkamen.

Aus der folgenden Bronzezeit gibt es aus deren älteren Abschnitten bisher nur aus einem Urnenfriedhof von Liesborn den Rest einer bronzenen Schmucknadel, deren oberes Ende zu einer flachen Spiralscheibe zusammengerollt ist.

Für die ausgehende Bronzezeit und die nachfolgende Eisenzeit liegen nun eine ganze Reihe größerer Grabfelder und auch einiger Siedlungen vor. Aus den Urnenfriedhöfen in Neuahlen, Heessen, Liesborn, Lippborg (in der Polmerheide und bei Lütke Uentrup), Oelde und Sendenhorst gibt es, trotz der vielen unbeobachteten Zerstörungen, eine ganze Reihe von charakteristischen Grabgefäßen, in denen die verbrannten Überreste der Toten beigesetzt waren: sorgfältig gearbeitete doppelkonische und schalenförmige Urnen, z. T. mit reichen Verzierungen geschmückt, weitmündige Schüsseln mit schräggestellten Rändern und sogenannte Rauhtöpfe (s. Heimatkal. Kreis Beckum 1954). Sie zeigen, wie schon für die Steinbeile der ausgehenden Steinzeit festgestellt, auch hier vielfache Verbindungen und Einwirkungen aus nördlich und westlich benachbarten Kulturen, die entlang der alten natürlichen Völker- und Handelsstraße der Lippe sich hier auswirken konnten. Im Jahre 1955 haben Grabungen des Landesmuseums in Oelde neben einer ganzen Reihe von Urnen auch erstmalig Spuren jener schon auf vielen Grabfeldern Westfalens, der Rheinlande und der Niederlande festgestellten merkwürdigen Anlagen beobachten lassen; es handelt sich um langgestreckte, von ehedem flachen Gräbchen umhegte Anlagen, die innerhalb der Friedhöfe besonders geweihte Plätze zur Durchführung von Totenfeiern oderähnlichem zeigen. Reste von Opferfeuern, erschlagenen Gefäßen, wiederholt beobachtet, lassen solche Bestimmung vermuten.

Besondere Beigaben, bronzene Rasiermesser, Spangen, Pinzetten, Beile und Speerspitzen sind in den Urnen bisher nicht gefunden worden. Nur ein Einzelfund, der im Jahre 1937 in der Gemeinde Wadersloh zutage kam, ein großer bronzener Halsring, vermag auch hier zu bestätigen, daß solche großen Schmuckstücke, die aus den benachbarten west-, mittel- und süddeutschen Landschaften reichlich bekannt sind, auch hier geschätzt und getragen wurden. Neben diesen Friedhöfen sind nun aus der Gemeinde Sünninghausen seit Jahren Siedlungsstellen der letzten Jahrhunderte vor Christi Geburt bekannt geworden. Die letzten im Jahre 1952 durchgeführten Grabungen erbrachten aus einer Reihe alter, glockenförmiger, bis zu 2 m tiefen Vorratsgruben sehr viele Bruchstücke von ebenfalls schalenförmigen und schlüsselförmigen, aber auch hohen topfförmigen, gerauhten Gefäßen. Sie gehören dem 3. und 2. Jahrhundert vor Chr. Geb. an.

Die Frage nach dem Namen der Menschen und ihrem Volkstum, Germanen oder Nichtgermanen, können wir auf Grund der keramischen Funde dahin beantworten, daß es sich hier wohl um germanische Stämme gehandelt hat, müssen aber dabei bedenken, daß in den letzten Jahrhunderten vor Christi Geburt aus dem nordwesteuropäischen Raum, bedingt durch klimatische Veränderungen, ganze Gruppen in die linksrheinischen Gebiete abgewandert sind, mit dem Ziel, hier neues Siedlungsland zu suchen. Diese Ereignisse werden uns in den Berichten der römischen Schriftsteller noch angezeigt. Da aber an der ganzen Südflanke des Kreises Beckum jene alte Völkerstraße führt, dem Verlauf der Lippe entlang, müssen wird durchaus damit rechnen, daß hier nicht nur ganze Gruppen seßhaft waren, sondern auch ein stetes Hinzuziehen und Abwandern stattgefunden hat. Erst für die Zeit um Christi Geburt und den Beginn der Römerkriege werden uns Namen überliefert. Es sind die Brukterer, die hier eingewandert sind und als Bewohner des östlichen Münsterlandes für die Zeit der Römerkriege wiederholt bezeugt sind. Spuren ihrer Siedlung oder Grabfelder sind bisher noch kaum gefunden. Hier läßt sich einmal deutlich erkennen, wie viel noch zu tun ist, um zu den schwachen schriftlichen Nachrichten all die Siedlungsplätze und Grabfelder wiederzufinden, in denen sie wohnten oder ihre Toten bestatteten. Wenn die Römer in den Kriegszügen von Drusus bis Germanicus, d. h. von 11 vor bis 14 nach Chr. in einzelnen Jahren mit 2 bis 4 Legionen im rechtsrheinischen Raum operierten, das sind 10- bis 20.000 Mann, muß dieses Land verhältnismäßig dicht bevölkert gewesen sein, um diesen Aufwand der römischen Angriffskriege überhaupt zu verstehen. Zeugnisse dieser Kriegszüge sind bisher im Kreisgebiet nicht zutage getreten. Doch ist es auf Grund der schriftlichen Quellen sicher, daß sie diesen Raum wiederholt durchzogen und die Siedlungen der einheimischen Bevölkerung verwüstet haben. Bis jetzt gibt es an römischen Funden nur eine kupferne Münze des Kaisers Augustus. Sie wurde im Jahre 1955 von Schulkindern auf der nördlichen Lippeterrasse in Heessen gefunden. Nicht weit entfernt sollen vor 120 Jahren schon römische Gefäße gefunden worden sein. Eine zweite römische Münze, von Marc Aurel, wurde zu Beginn dieses Jahrhunderts beim Brückenbau über den Quabbenbach in Lippborg aufgelesen.

Germanische Siedlungsreste dieser Zeit werden seit Jahren in der Sandgrube in der Bauerschaft Hoest, Gem. Ennigerloh, beobachtet und wurden auch vor wenigen Jahren bei einer kleineren Untersuchung durch das Landesmuseum in Münster wieder angetroffen. Die ausgegrabenen Siedlungsgruben und Herdstellen mit den Fundstücken, den Resten zerbrochener Gefäße, Holzkohlen- und Eisenschlacken, lassen sicher einen einheimischen Siedlungsplatz aus der Zeit Christi Geburt vermuten (s. Heimatkal. Kreis Beckum 1953). Ähnliche Fundstücke, die ebenfalls auf Siedlungsplätze dieser Zeit verweisen, sind von Neuahlen und Oelde bekannt geworden. Der letztere lieferte außerdem ein Bruchstück einer sogenannten Armbrustfibel, die dem ausgehenden 2. Jh. angehört. 

Aus den historischen Quellen wissen wir, daß kurz vor 100 n. Chr. die Chamaver im nordwestlichen Münsterland zusammen mit den Angrivariern die Brukterer in einer großen Schlacht besiegten und die Angrivarier sich nun im östlichen Münsterland und östlichen Westfalen ansiedelten. Große Teile der Brukterer sind damals in den Raum südlich der Lippe übergesiedelt, wo wir sie nicht nur im 4. Jh., sondern noch zur Zeit der Sachsenkriege und in den frühen Quellen des Mittelalters antreffen. Für das 3. bis 5. Jh. liegen mit Ausnahme einer Siedlungsstelle bei Lütke Uentrup keinerlei Funde vor. Doch besitzen wir aus den römischen schriftlichen Quellen genügend Angaben, um wenigstens das große historische Geschehen kurz skizzieren zu können.

In diesen Jahren begann im gesamten mitteleuropäischen Raum jene große Völkerwanderung, die von rund 200 n. Chr. ab in immer wiederholten Vorstößen sich vor allem gegen die Grenzen des römischen Staates richtete, um in den südlicheren und westlicheren Teilen Europas neues Siedlungsland zu gewinnen. Einzelne Teile der Bevölkerung in Westfalen und den angrenzenden Niederlanden nahmen unter dem Namen der Franken an diesen Zügen teil. Andererseits schlossen sie aber gegen hohe römische Tributzahlungen auch wiederholt Verträge mit den Römern ab, in denen sie sich zu Bundesgenossen der Römer machten und die Grenzen des römischen Reiches gegen die aus dem innergermanischen Raum nachdrängenden Scharen verteidigten. Wir müssen auf Grund der schriftlichen Quellen annehmen, daß in dieser Zeit auch im Inneren Westfalens mehrere kleine, von Königen regierte Völkerschaftsgaue bestanden, von denen die Chamaver und Brukterer die mächtigsten waren, während uns für die Angrivarier kaum Nachrichten überliefert sind. So entstanden zwischen dem linksrheinisch-römischen Gebiet und dem mittleren und westlichen Westfalen sehr enge Verbindungen, die ihren Niederschlag in vielen Funden römischer Herkunft gefunden haben.

Aus diesen Wirren löste sich in der zweiten Hälfte des 4. Jh. jener Stamm der Salfranken aus dem rechtsrheinisch-niederländischen Gebiet, die im Laufe des 5. Jh. zunächst als Bundesgenossen der Römer nach Süden zogen und am Ende des 5. Jh. nach dem Zusammenbruch der römischen Macht, einen eigenen Staat errichteten, der bald die führende Rolle im Abendland übernahm.

Aufbauend auf dem Reichtum alter römischer Zivilisation im linksrheinischen Raum, unter Hinzunahme alter Kunstfertigkeiten, die die Goten aus dem Schwarzmeergebiet auf ihren Zügen nach Gallien mitgebracht hatten, entstand hier im Laufe des 5. und 6. Jh. die reiche, sogen. fränkische Kultur, die bald weite Teile Westeuropas überstrahlte. Ihre bedeutenden Zeugnisse sind auch aus den Gräbern des fränkischen Friedhofs bei Beckum bekanntgeworden. Sie wurden in den Jahren 1860 – 63 ausgegraben und im Jahre 1865 durch Baurat F. A. Borggreve vorbildlich veröffentlicht. Insgesamt wurden 86 Gräber freigelegt, eine ganze Reihe weiterer war schon bei Steinbrucharbeiten zerstört worden. Die Toten waren unverbrannt, im allgemeinen in Nord-Südrichtung beigesetzt, der alten heidnischen Grabrichtung. Ihnen waren als Beigabe Gefäße aus Ton und Glas, den Frauen zahlreiche Schmuckstücke, Perlen und Gewandspangen, den Männern meist Waffen, Schwerter Schilder und Pfeile mitgegeben. Außerdem wurden 17 Pferdebestattungen angetroffen. Die erhaltenen Funde reichen etwa von 500 - 700 n. Chr., d. h. in dieser Zeit hat in nicht allzu weiter Entfernung von den Gräbern eine größere Siedlung gelegen. Ob schon in Beckum selbst oder in „Altenbeckum“ (Flurbezeichnung), ist noch unklar.  

Die Frage, ob der Abbruch dieses Grabfeldes um 700 mit den historisch bezeugten Vorstößen der Sachsen zusammenhängt, die in jenen Jahren die Brukterer südlich der Lippe unterwarfen und den westfälischen Raum eroberten, kann noch nicht beantwortet werden. Vermutlich wird sich auf Grund gewisser älterer Fundnachrichten eines Tages feststellen lassen, daß an anderer Stelle im Gebiet der Stadt Beckum auch der Friedhof der sächsischen Zeit gelegen hat und damit auch hier Anschluß an die ersten historischen Quellen aus der Zeit Karls d. Gr. gewonnen werden. Bisher liegt nur ein einzelnes Tongefäß aus dieser Zeit von Sendenhorst vor. Im Jahre 772 begannen, nach vielen vereinzelten früheren Vorstößen der fränkischen Könige, die Angriffskriege Karls d. Gr. gegen das westfälische Sachsenland, um dieses Land zu unterwerfen und die Bevölkerung dem Christentum zuzuführen. Das Ende war die sächsische Niederlage mit der Unterwerfung Widukinds. Es begann, im Anschluß an die auf dem Reichstag zu Paderborn erlassenen Kapitularien, die Neuordnung des Landes, die Einrichtung der Missionsbezirke und die Gründung von Pfarreien und Kirchen. Die überaus große Anzahl der schon in der Zeit von 780 bis 830 gegründeten Urpfarreien, zunächst Beckum und Ahlen, wenig später Herzfeld, Liesborn und Oelde, lassen für diese Zeit eine ziemlich dichte Bevölkerung erschließen. Ein großer Teil der alten Bauernhöfe im Kreise Beckum dürfte sicher in diese Zeit zurückzuführen sein. Die ersten vorläufigen Arbeitsergebnisse hierüber, die wir Anton Schulte, Beckum, verdanken, sind so vielversprechend, daß wir ihrer endgültigen Veröffentlichung hier nicht vorgreifen, sondern in 1 bis 2 Jahren an dieser Stelle besonders darüber berichten wollen.

Daß dieser Übergang, vom Ende der Sachsenkriege bis zur neuen karolingisch-christlichen Zeit mit der Errichtung der ältesten Kirchen, sich nicht in wenigen Jahren vollzog, sondern wohl 1 bis 2 Generationen dauerte, vermögen auch hier, wie an vielen anderen Stellen Westfalens, einige Grabfelder anzudeuten, von denen eines in Sünninghausen sicher dieser Übergangszeit angehört; denn in einem der Gräber fand sich noch ein großes eisernes Schwert aus der Zeit um 800 n. Chr. Andere in Ennigerloh und auf dem Mackenberg mit ebenfalls ost-westlich angelegten beigabenlosen Gräbern müssen wahrscheinlich ebenfalls dieser Zeit zugeordnet werden (s. Heimatkal. Kreis Beckum 1952).

Mit der Anlage der Kirchen beginnt nun auch für den Kreis Beckum das schriftliche Urkundenmaterial reicher zu fließen, so daß hier die älteren unscheinbaren Bodenurkunden nicht mehr allein die Geschichte des Beckumer Landes zu schreiben brauchen.

Zum Schluß ist eine besondere Gruppe von Bodendenkmälern noch zu erwähnen, die auch im Kreise Beckum in einigen schönen Zeugnissen vorhanden sind: die kleinen und großen Wallburgen, die hier z. T. nahe bei alten Höfen, z. T. aber auch tief in den Wäldern versteckt seit Jahrhunderten ruhen. In der Gemeinde Dolberg liegt am Südhang der Beckumer Berge eine kleine Befestigung, die „Hünenknäppe“ genannt. Sie stammt, wie Grabungen im vergangenen Jahrhundert erwiesen haben, aus der Zeit Karls d. Gr. Ihre historische Bedeutung, ob sie von Karl selbst angelegt ist oder nur einen befestigten Herrensitz dieser Zeit darstellt, wie er auch von anderen Stellen bekannt ist, bleibt noch zu klären. Die größte, in ihrer gesamten Lage schönste und durch die Mächtigkeit ihrer alten Wälle eindrucksvollste Burg ist das sogenannte „Germanenlage“ in den Buchenwäldern im Havixbrock. Ihre Bedeutung und zeitliche Stellung ist noch völlig ungeklärt; wahrscheinlich gehört sie schon dem 10. Und 11. Jh. an. Auch die Wallanlage „Altes Lager“ in der Gemeinde Liesborn, auf dem Ostufer der Glenne, ist in ihrer historischen Bedeutung und zeitlichen Stellung bisher noch nicht erforscht. Aus dem 12. bis 14. Jh. dürfte die sogenannte „Burg im Bröggel“ in der Gemeinde Lippborg stammen, ein typischer mittelalterlicher Turmhügel mit zwei umlaufenden Wällen. Eine ähnliche Anlage, die aber fast vollständig zerstört ist, lag ebenfalls in der Gemeinde Lippborg beim Landwirt Günnewig. Wir müssen in diesen kleinen Turmhügeln wohl die Sitze kleinerer Herrengeschlechter des hohen Mittelalters sehen.

Mit der hier gegebenen kurzen Darstellung der vor- und frühgeschichtlichen Funde und Denkmäler im Kreise Beckum ist nicht nur zu erkennen, welchen Wert diese Bodenfunde als historische Quellen besitzen und welches allgemeine Bild der Geschichte dieses Raumes sich mit ihnen zusammenfügen läßt, sondern eindringlicher noch erwächst daraus die Einsicht, wie viel noch zu tun ist, um wirklich ein volles Bild jener vergangenen Jahrhunderte und Jahrtausende zu gewinnen. Hier kann jeder helfen, dem die Heimat und ihre Geschichte noch lieb und wert sind. In den Sandgruben und den Feldern, bei jeder Erdausschachtung können die kleinsten Beobachtungen wertvollste Hinweise geben und unscheinbare Funde den Schlüssel zu größten Entdeckungen bieten. Vor allem aber den Bauern und Landwirten, denen die Geschichte ihrer Höfe etwas gilt, erwächst hier eine neue Möglichkeit, Jahrtausende alte Quellen aufzuschließen und zu gewinnen.

Zeugen der Kreidezeit aus dem Kreise Beckum

Im Heimatkalender .erstellt von Dr. Paul Siegfried, im Heimatkalendar 1957

 

Im Geologisch-Paläontologischen Institut der Universität Münster befinden sich als versteinerte Reste von Meerestieren der Kreidezeit die "Sendenhorster Fische". Mit besonderer Freude bringen wir den folgenden Kalenderbeitrag aus der Feder von Kustos Dozent Dr. Siegfried über diese für die Wissenschaft wie für die Heimatkunde gleich bedeutenden Funde.

Ein prachtvoll erhaltenes Exemplar stellt einen starken Raubfisch von 45 cm Länge mit großen Flossen dar, seine Kiefer sind mit langen, spitzen Zähnen bewehrt (Enchodus gracilis). Abb. 7 Raubfisch Enchodus gracilis, gefunden bei Sendenhorst. 

Im Geologisch-Paläontologischen Institut der Universität Münster befinden sich als versteinerte Reste von Meerestieren der Kreidezeit die "Sendenhorster Fische". Mit besonderer Freude bringen wir den folgenden Kalenderbeitrag aus der Feder von Kustos Dozent Dr. Siegfried über diese für die Wissenschaft wie für die Heimatkunde gleich bedeutenden Funde.
Zum heutigen Landschaftsbild des Kreises Beckum gehören seine zahlreichen Steinbrüche, die mit den Zement- und Kalkwerken der Steinindustrie in Verbindung stehen. In über 60 großen Brüchen kann man die wohl geschichteten Bänke von Mergelkalkstein mit den Zwischenlagen von grauem Mergel in großer Regelmäßigkeit viele Kilometer weit verfolgen. Sie gewähren uns einen Einblick in eine weit zurückliegende Zeit aus der Geschichte der Erde. 

Abb. 1.a: Rostrum des Belemniten Belemnitella mucronata. b: Rekonstruktion eines Belemniten-Tieres nach 0. Abel. 

Im Vergleich mit dem Alter des Menschengeschlechts hat unsere Erde ein ungleich höheres Alter, das nach Hunderten von Millionen Jahren zählt. Im Laufe dieser langen Erdgeschichte wechselten auch im westfälischen Raum Zeiten ausgedehnter Meeresbedeckung mit Zeiten vorwiegenden Festlandes, wie auch Zeiten intensiver Gebirgsbildung mit Zeiten verhältnismäßiger Ruhe der Erdkruste. 

Eine Zeit weiter Meeresbedeckung war die Kreidezeit, vor rund 60 - 100 Millionen Jahren, so benannt nach dem auffallendsten Gestein, das sich damals gebildet hat, der Schreibkreide, wie sie heute noch z. B. auf der Insel Rügen anzutreffen ist. Zu den Ablagerungen der Kreidezeit zählen aber auch die Kalke und Mergel des Münstersehen Beckens, zu denen im besonderen auch das Gestein im Kreise Beckum gehört. Die Schichtung und horizontale Lagerung des Gesteins läßt uns erkennen, daß wir es hier mit Absätzen eines Meeres zu tun haben. Ein toniger, zu Zeiten auch kalkreicher Schlamm am Meeresgrunde erhärtete und wurde nach Rückzug des Meeres am Ende der Kreidezeit zum festen Gestein. Zeugen dafür, daß es sich hierbei tatsächlich um eine einstige Meeresbildung handelt, sind die im Gestein erhalten gebliebenen, versteinerten Reste von Meerestieren. Sie zeigen uns aber auch, daß im Kreidemeer eine andersartige Tierwelt vertreten war, als wir sie aus den heutigen Meeren kennen. Vielerlei Familien, Gattungen und Arten der Tiere der damaligen Zeit sind heute ausgestorben, und wir können nur aus den wenigen versteinert erhalten gebliebenen Hartteilen ihres Körpers ihr einstiges Lebensbild wiederherstellen. 

Da finden wir zunächst rund 10 cm lange, an einem Ende zugespitzte, fingerförmige Gebilde aus kristallinem Kalk, im Volksmund als "Donnerkeile" bekannt, die als Bestandteile des Körpers eines Tintenfisches zu deuten sind. Diese im allgemeinen als Belemniten bezeichneten Tiere besaßen einen langgestreckten Körper, der in einem Hautsack die inneren Organe einschließlich eines Tintenbeutels barg und an seinem Kopf sechs mit Haken besetzte Fangarme stehen hatte. Als Stützskelett lag im Inneren des Hautsacks eine kalkige Scheide, die nach hinten in einen soliden Sporn (Rostrum) ausgezogen war. Dieser Teil ist es, der meistenteils allein als Versteinerung erhalten bleibt. (Abb. 1.) Die Belemniten sind aus allen Formationen des Erdmittelalters in einer großen Anzahl verschiedenartiger Formen bekannt. Die in den Kreidekalken von Beckum vorkommende Art Belemnitella mucronata) ist kennzeichnend für die jüngeren Schichten der Oberkreide (Ober-Campan). 

Abb. 2 – oben Ammonit Hoplitoplacenticeras dolbergense, gefunden in Beckum. 

Abb. 3 – unten Muschel Inoceramus balticus, gefunden in Ennigerloh.

Andere Meeresbewohner jener Zeit, die zur gleichen Tierklasse der Kopffüßler gehören, waren die Ammoniten. Ihr in der Regel in eine enge Spirale eingerolltes Gehäuse erinnert im äußeren Bild an flache Schneckengehäuse, besteht aber aus einer Anzahl von luftgefüllten Kammern, die dem Weichtier, das die letzte Kammer bewohnte, die Möglichkeit gaben, in allen Tiefenlagen schwimmend, sich leicht in der Schwebe zu halten. Über die Weichteile der Ammoniten ist uns nichts bekannt. Wir dürfen aber annehmen, daß sie entsprechend dem ähnlich organisierten "Schiffsboot" (Nautilus), der heute noch im Indischen Ozean lebt, mit Fangarmen am Kopf und einem muskulösen Hauttrichter als Schwimmorgan aus Lebens gerüstet waren. Das erhaltungsfähige Gehäuse der Ammoniten war in vielfältiger Weise durch Rippen, Streifen oder Knoten verziert, die den Formen der einzelnen Zeitabschnitte ihr charakteristisches Gepräge gaben. 
Die Ammoniten des Kreidemeeres erreichten häufig beträchtliche Größen. In den Kalken des Beckumer Raumes sind sie nicht sehr häufig vertreten, jeder Fund eines Ammoniten ist daher von besonderem Interesse. (Abb. 2.) 

Eine große Muschel (Inoceramus balticus) kennzeichnet fernerhin die Lebewelt des Meeres der jüngeren Kreidezeit. Resten ihrer Schalen kann man häufig in den Kalkplatten begegnen. Erhalten geblieben sind allerdings meist nur Abdrücke im Stein, die zarten Schalen selbst zerfallen schnell aus durch die Witterungseinflüsse. (Abb. 3.) 

Die festen Gehäuse von Seeigeln und Meeresschnecken, aber auch das zarte Gewebenetz von Schwämmen sind immer wieder im Kalkstein versteinert erhalten und beweisen uns, daß das Meer der Kreidezeit ähnliche Lebensbedingungen bot, wie man sie heute in einem flachen, küstennahen Meer vorfindet. 

Abb. 4 Heringartiger Fisch (Histiothrissa macrodactyla), gefunden bei Sendenhorst. 

Jedoch nicht für alle Meerestiere waren die Erhaltungsbedingungen gleich günstig. Die  Fische, die zweifellos auch im Kreidemeer in großer Zahl verbreitet waren, fehlen dem heutigen Kreidegestein weitgehend. Nur in einzelnen Lagen finden sich kleine spitze Zähne zusammengeschwemmt, die sich dank dem festen Zahnschmelz im Gestein erhalten haben und Kunde davon geben, daß zur Kreidezeit auch mehrere Arten von Haien im Meere lebten. Und besonders günstigen Umständen ist es zu verdanken, daß wir in der Gegend von Sendenhorst in beträchtlicher Anzahl vollständige Fischskelette in bester Erhaltung im Gestein finden können.
Schon vor über hundert Jahren wurde in der Umgebung von Sendenhorst, in den Bauerschaften Bracht, Ahrenhorst und Rinkhöven, in mehreren Steinbrüchen der Kalkstein gewonnen. Hierbei kamen teils vereinzelt, teils nesterweise gehäuft Abdrücke von Fischen zutage, wie sie in den Kreideablagerungen sonst äußerst selten anzutreffen sind. Die Steinbrüche bei Sendenhorst sind heute aufgelassen, bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts aber wurden hier wie auch in den gleichen Schichten in den Baumbergen westlich von Münster zahlreiche Funde von Fischen gemacht, die uns eine gute Übersicht über die Fischfauna der Kreidezeit vermitteln. Die Mannigfaltigkeit der Formen ist groß. Da gibt es heringartige Fische mit schlankem Körper und großen Flossen, die wohl auch schon zur Kreidezeit in Schwärmen das Meer durchzogen. Abb. 4 zeigt eine Gesteinsplatte mit 1.wei wohlerhaltenen Exemplaren der Art (Histiothrissa macrodactyla). Zu den Stachelflossern gehören Fische mit hohem, gedrungenem Körper, die als langsame Schwimmer ruhige Meeresbereiche aufsuchten.

Die in Abb. 5 (links) abgebildete Art (Platycormus germanus) ist nur aus den Kreideablagerungen Westfalens bekannt. Dagegen zeigt ein anderer seltener Fund von Sendenhorst (Abb. 6 - rechts) einen kleinen, schlanken Fisch mit übermäßig verlängerten, fein bezahnten Kiefern, die einer Stoßlanze vergleichbar sind. Er ist als schneller Schwimmer und Räuber der Hochsee anzusehen (Rhinellus furcatus). Noch mehrere Raubfische sind unter den Funden von Sendenhorst vertreten. 

Abb. 5 Stachelflosser Platycormus germanus, gefunden bei Sendenhorst 

Abb. 6 Raubfisch Rhinellus furcatus, gefunden bei Sendenhorst 

Ein prachtvoll erhaltenes Exemplar stellt einen starken Raubfisch von 45 cm Länge mit großen Flossen dar, seine Kiefer sind mit langen, spitzen Zähnen bewehrt (Enchodus gracilis). 

Ein anderer Raubfisch, von dem nur zwei Exemplare bekannt sind, die in 
Sendenhorst gefunden wurden, hatte einen aalförmig langgestreckten Körper und einen gedrungenen Kopf mit starkem Gebiß (Palaeolycus dreginensis). 

Im Magenraum des in Abb. 8 abgebildeten Exemplars ist die Wirbelsäule eines kleinen Beutefisches erhalten geblieben, wodurch die räuberische Art seiner Lebensweise bestätigt wird. Diese Fische der Kreidezeit gehören durchweg heute nicht mehr lebenden Gattungen an. Bei ihrem Vergleich mit den heutigen Meeresfischen fällt auf, daß der größte Teil von ihnen in ihrem Körperbau und ihrer Organisation heutigen Tiefseefischen nahesteht. 

Die Kalksandsteine von Sendenhorst, in denen sie gefunden wurden, sind jedoch typische Bildungen eines flachen, küstennahen Meeres. Wir müssen daher annehmen, daß die Fische einen anderen Lebensraum hatten und hier im Flachmeer nur ihren Begräbnisort fanden. Ihr seltenes Vorkommen spricht ebenfalls dafür. Man kann sich wohl vorstellen, daß die Fische durch veränderte Meeresströmungen und durch Stürme aus ihrem eigentlichem Lebensbereich in der Hochsee gerissen wurden und ins Flachmeer verschlagen wurden, wo sie zugrunde gehen mußten. Hier wurden sie dank einem schnellen Absatz von lockerem Sand- und Tonmaterial, wie er aus den Wattenmeeren bekannt ist, ohne Zerstörung auf dem Meeresgrunde eingebettet und liegen uns dadurch heute in so schöner Erhaltung im Gestein vor. In mehreren Veröffentlichungen hat W. von der Marck in den .Jahren 1858 - 1894 die Fische von Sendenhorst beschrieben. Die Originale zu den hier abgebildeten Stücken werden in den Sammlungen des Geologisch-Paläontologischen Instituts der Universität Münster aufbewahrt.

Die Hardt bei Sendenhorst

Im Heimatkalender .erstellt von von A. Stafflage, im Heimatkalendar 1959

 

Die Entstehung und Bildung des Kiessandrückens, der sich von Ennigerloh über Sendenhorst, Albersloh, Hiltrup, Münster, Sprakel bis über Neuenkirchen hinaus erstreckt, ist noch nicht restlos geklärt. Fest steht, daß ...

Damals noch Sandkuhle - heute kleine Paradiese!

... es sich bei der zwar langen, aber schmalen Schuttbedeckung um eiszeitliche Ablagerungen handelt, die noch heute der Landschaft ein eigenes Gepräge geben. Durch die Gletscher mit ihren Schmelzwassern und ihren Schuttmassen erhielten auch die Sendenborster Hardt ihre wellige Geländeform und der Boden seine letzte Gestaltung. Darum unterscheidet sich diese Bauerschaft wesentlich von den benachbarten Ackerbau- und Wiesenlandschaften.

Noch vor einem Menschenalter standen auf dem sandigen und trockenen Boden weite Kiefern- und Fichtenwälder. Jung und alt pilgerte durch eine herrliche Birkenallee zur "Waldmutter", um hier, inmitten der Wälder, den Alltag zu vergessen. 

Ausgebaggerte Sandkuhle auf der Hardt

Heute gleicht die Hardt einem Seen und Dünengebiet überall leuchten die Zeugen der Eiszeit, die tiefen und hellen Sandbänke, auf. Die von schmalen schwarzen Streifen unterbrochenen Sandschichten schimmern in den verschiedensten Farben, von dunkelbraun über hellgelb bis weiß. Ihre stark wechselnde Abbauwürdigkeit reicht von nur vier Meter bis über zwölf Meter Tiefe. Mitunter überdeckt Geschiebelehm die an den Rändern der schmalen Kiesrandzone befindlichen Sandbänke. Bunt gemischt und wirr durcheinander liegen große und kleine skandinavische Blöcke, die das Gletschereis auf seinem Rücken mitführte, in dem Sand. Manche von den Gesteinen sind glatt und rund gehobelt worden, manche von ihnen tragen deutliche Schleif- und Auswaschungsspuren. 

Ein vor kurzem aufgedeckter riesiger Irrblock, der vorzugsweise aus Gneis besteht, zieht täglich die Aufmerksamkeit der Besucher der Gaststätte" Waldmutter" auf sich. Der von der Bernsteinkiefer als Harz ausgeschiedene Bernstein, den man hin und wieder in dem Sand findet, wurde gleichfalls mit den Eismassen nach hier verfrachtet. Wie auf der Hardt gemachte Funde beweisen, belebten große Wildarten, darunter das Mammut und das wollhaarige Nashorn, das eisfreie Land. Für die frühe Besiedlung der Hardt war die trockene und höhere Lage ausschlaggebend. Zudem ließ sich der Sandboden mit den primitiven Geräten leichter bearbeiten.
Nach dem Werdener Einkünfteverzeichnis hatte um 1150 der Hof Folcmar auf der Hardt 20 Scheffel Hafer, 10 Scheffel Gerste, 2 Scheffel Roggen und der Hof Buchard daselbst 2 Scheffel Roggen und 2 Widder abzuliefern. 
Täglich greift heute der Mensch in die Naturlandschaft der Hardt ein und zwingt ihr seinen Formwillen auf.
Wegen der kiesigen und grobsandigen Zusammensetzung des Bodens sind Tag für Tag fleißige Hände an der Arbeit, um die Sande an die Baustellen zu schaffen. Schwere Bagger sorgen dafür, daß auch die tiefsten Sandschichten ausgebeutet werden. Infolgedessen gähnen an vielen Baustellen tiefe Löcher. Auch zur Herstellung von Kalksandsteinen eignen sich die Hardtsande vorzüglich. Täglich werden Zehntausende von ihnen hergestellt und verfrachtet. Aus dem sauberen Grundwasser der Hardt fördert ein Pumpwerk der Stadt Ahlen einen Teil des Wasserbedarfs für Ahlen. Seit einigen Jahren bezieht auch Sendenhorst das Wasser von der Ahlener Pumpstation. Heute sind große Sandstriche bereits abgebaut. Gerade sie sind in ihrem Pflanzen- und Tierbestand von besonderem Reiz. Da sind breite ehemalige Sandteiche, in denen Laub- und Nadelwaldpartien miteinander abwechseln. Andere sind fast ganz dem Ackerbau erschlossen. Hier wechseln Kartoffel- Roggen- und Maisfelder miteinander ab. An manchen Stellen hat eine Ortsteinschicht die Sande verschüttet und die Sumpf- und Bruchbildung begünstigt. In den schwammartigen und nährstoffreichen Gewässern siedelten sich Binsen, Schilfrohr, Froschlöffel, Pfeilkraut, Schachtelhalm und Hahnenfuß an. Zahlreiche Frösche und Kröten finden in dem Pflanzengürtel günstige Lebensbedingungen. Di ese wiederum locken den grauen Fischreiher und die kleine und große Wildente herbei. Aus dem Ufergebüsch ertönen die halbpfeifenden "Kirket"-Rufe des Wasserhühnchens. Waldkauz und Arbeiter, die er in der Morgenfrühe mit dumpfen "Huhuhu"-Rufen begrüßt, sind gute Freunde geworden.

Bild: Arbeiter beim Sandabbau

An manchen Stellen geht die Bruchflora in eine Heideflora über. Seltsame Naturkinder bevölkern die trockenen Sandhügel. Hier wuchern der flammende Ginster, der dunkelgelbe Rainfarn, die stolze Königskerze, der azurblaue Natterkopf, das rosafarbene Weidenröschen, der silberweiße Hasenklee und der blaue Teufelsabbiß. Seltene Moose und Flechten und von Amerika eingewanderte Gräser bedecken den trockenen Boden. Katzenartig beschleicht die Eidechse auf den Sandhügeln Heuschrecken und Grashüpfer. In den weißen Sandwänden schufen die Uferschwalben ihre langen Röhren und bauten darin ihre seltsamen Nester. Die gesellig lebenden Wildkaninchen wohnen in dem leichten Sandboden in umfangreichen Kolonien. Kaum noch lassen sich die Jungen durch das Warnzeichen der Alten, das Klopfen mit den Hinterläufen auf den Boden, stören. Vor kurzem gewahrte beim Sandaufladen ein Arbeiter ein Nest mit vier halbwüchsigen Jungen auf seiner Schippe. 

Besonders anziehend wirken die ausgebaggerten Sandteiche, die großen Seen gleichen. Erlen, Birken und Pappeln spiegeln sich in dem Uferwasser. In den Seen tummeln sich Hechte, Karpfen, Schleien und Weißfische. Gefiederte Gäste aus dem Norden bei eben mitunter die stillen Teiche. Die tiefen Baggerlöcher bilden für Badende eine ernste Gefahr. In den letzten zwanzig Jahren forderte in ihnen der nasse Tod mehrere Opfer. So gestaltet sich das Landschaftsbild der Hardt sehr abwechslungsreich. Mit dem Geologen, dem Zoologen und dem Botaniker bewundert hier der heimatgebundene Mensch die Geheimnisse der Erdgeschichte und erfreut sich an den Wundern einer reichen Tier- und Pflanzenwelt.

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