Inhaltsverzeichnis
1. 1683 – die erste sichere Spur
Jüdisches Leben lässt sich in Sendenhorst seit 1683 sicher nachweisen. In den HGF-/Fascies-Unterlagen erscheint für dieses Jahr ein „Jude Isaak“. Die wissenschaftliche Ortsgeschichte von Jürgen Gojny präzisiert den Zusammenhang: Isaak gehörte zu den Juden des Fürstbistums Münster, die nach dem Tod Fürstbischof Ferdinands von Fürstenberg um die Verlängerung ihres Geleits baten; im Geleit vom 18. Dezember 1683 ist er verzeichnet. Danach bleibt die Überlieferung zunächst lückenhaft. [2] [3]
Das sogenannte Geleit war keine Gleichberechtigung, sondern eine landesherrliche Duldung gegen Abgaben und unter festgelegten Bedingungen. 1720 nennt das münsterische Hauptgeleit die „Wittibe Abrahams“ in Sendenhorst ausdrücklich als geduldet, nicht als regulär vergeleitet. Auch in den folgenden Jahrzehnten erscheinen jüdische Einwohner in rechtlich unsicherer Stellung. [2] [3]
Deshalb sollte die Geschichte nicht mit der Behauptung beginnen, seit 1683 habe ohne Unterbrechung eine feste Gemeinde bestanden. Sicher ist vielmehr: 1683 ist der früheste bislang belastbare Nachweis jüdischer Anwesenheit in Sendenhorst; spätestens im 18. Jahrhundert entwickelte sich daraus eine dauerhaft ansässige jüdische Bevölkerung. [2] [3]
2. Schutz, Handel und sechs Familien
Im 18. Jahrhundert werden die Spuren dichter. Für 1763 sind drei jüdische Familien belegt: Alexander Abraham, Lazarus Jacob und Samuel beziehungsweise Salomon Lazarus. 1773 waren es fünf, 1795 sechs Familien. Damit bildete sich in der kleinen Ackerbürgerstadt eine sichtbarere jüdische Gemeinschaft. [2] [3]
Die Stadtrechnungen zeigen, wie eng ihre Geschäfte mit dem Sendenhorster Kirchspiel verbunden waren. Gehandelt wurde mit Fellen, Leinen- und Baumwollstoffen, Kupferwaren, Steingut, Holzfässern, Wolle, Vieh und landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Häufig hatten die Geschäfte Tauschcharakter. Zugleich bestanden Kreditbeziehungen zu Bauernhöfen wie Baggelmann, Jönsthövel, Joelmann und Gellern. [1] [2] [3]
Diese Quellen korrigieren ein zu einfaches Bild vom isolierten „jüdischen Händler“. Die jüdischen Familien waren wirtschaftlich mit Stadt und Bauerschaften verflochten. Das bedeutete aber nicht automatisch Wohlstand: Wenn Kunden ihre Schulden nicht bezahlten, konnten auch jüdische Händler selbst in Armut geraten. [2] [3]
3. 1780–1827 – Häuser und Familiennamen
Ein wichtiger Schritt zur dauerhaften Ansiedlung war der Erwerb eigener Häuser. Nach Petzmeyer und der wissenschaftlichen Darstellung Gojnys kaufte David Levi, später Leffmann, 1780 ein Haus am Beginn der Südstraße. Soweit die Quellen erkennen lassen, war dies der erste Immobilienerwerb einer jüdischen Familie in Sendenhorst. [1] [3]
1787 erwarb Selig Levi, der Stammvater der Familie Löwenstein, das stattliche Fachwerkhaus an der heutigen Weststraße 15. Das Gebäude ist erhalten und erinnert bis heute daran, dass jüdische Familien nicht nur vorübergehend in Sendenhorst lebten, sondern Häuser besaßen, Geschäfte führten und über Generationen zur Stadtgesellschaft gehörten. [1] [3]
Bei den Familiennamen ist die Quellenlage besonders interessant. Die lokalen HGF-/Petz-Unterlagen protokollieren bereits am 1. Juli 1821 die Annahme fester Namen: Reinhaus, Stern, Löwenstein, Rothschild und Alsberg. Eine weitere amtliche Abfrage erfolgte 1827; Gojny setzt die Namensannahme in seiner zusammenfassenden Darstellung auf 1827. Für die örtliche Seite ist deshalb die genauere Formulierung sinnvoll: 1821 sind die Namenerklärungen lokal protokolliert, 1827 wurden die Familiennamen erneut amtlich erfasst. [2] [3]
4. Die Synagoge am Schlabberpohl
Um 1800 hatte sich in Sendenhorst eine eigene jüdische Gemeinde gebildet. Schon 1806/07 erscheint in den örtlichen Unterlagen ein Synagogengebäude mit einem Versicherungswert von 300 Talern; 1809 spricht ein Verwaltungsbericht von einer „Judenkirche“. 1810 wird ausdrücklich erwähnt, dass Bekanntmachungen in der Sendenhorster Synagoge verlesen wurden. [1] [2] [3]
1815 ließ David Leffmann die spätere Synagoge mit rund 40 Quadratmetern Grundfläche im Hinterhof seines Hauses an der Südstraße, zum Schlabberpohl hin, errichten. Ein Bericht von 1816 beschreibt das Gotteshaus als ordnungsgemäß eingerichtet und baulich gut; Männer und Frauen nahmen getrennt am Gottesdienst teil. Zeitgenössische Erinnerungen beschreiben schmale, spitzbogige Fenster, durch die das kleine Gebäude wie eine Kapelle wirkte. [1] [3]
Die heute am Schlabberpohl stehende Stele von Bernhard Kleinhans nennt die Jahre 1809–1904. Das ist als Erinnerungsdatum gut nachvollziehbar; die archivalische Überlieferung zeigt jedoch, dass bereits vor 1809 ein jüdischer Betraum beziehungsweise ein Synagogengebäude bestand und 1815 das spätere Gebäude errichtet wurde. 1904 wurde die Synagoge verkauft und anschließend abgebrochen. Einige Betbänke sollen danach als sogenannte Abendbänke vor Sendenhorster Häusern weiterverwendet worden sein. [3] [4] [7]
5. Die jüdische Schule – Bildung und Religion
Bereits 1808 ist eine jüdische Schule in Sendenhorst nachweisbar. Sechs Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren wurden von dem 32-jährigen Levi Michel unterrichtet. Er erhielt ein Jahresgehalt von 40 Talern und war zugleich Lehrer, Vorsänger und Schächter. Der Unterricht fand zunächst wechselweise in den Häusern jüdischer Familien statt. [1] [2] [3]
Die Lehrersuche blieb über Jahrzehnte schwierig. Es gab häufige Wechsel, zeitweise besuchten die jüdischen Kinder deshalb die christliche Schule. 1838 bestand Koppel Gutheim sein Lehrerexamen; von da an fand der Unterricht in einem gemieteten Raum beim Kleidermacher Debbelt an der Weststraße statt. Die Gemeinde stellte auch eine Lehrerwohnung und trug Kost, Wäsche und Gehalt. [1] [2] [3]
Der überlieferte Stundenplan von 1853/54 ist ein ungewöhnlich anschauliches Stück Sendenhorster Alltagsgeschichte. Unterrichtet wurden unter anderem Religion, Hebräisch, Lesen, Schreiben, Rechnen, deutsche Sprache, biblische Geschichte, Geographie und Gesang. Am Sabbat fand selbstverständlich kein Unterricht statt. [1] [3]
1874 konnte die klein gewordene Gemeinde wegen der niedrigen Bezüge keinen neuen Lehrer mehr gewinnen. Die sieben noch schulpflichtigen jüdischen Kinder besuchten fortan die katholische Schule. Damit endete nach ungefähr sieben Jahrzehnten die eigenständige jüdische Schultradition in Sendenhorst. [1] [3]
6. Die Gemeinde auf ihrem zahlenmäßigen Höhepunkt
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erreichte die jüdische Bevölkerung Sendenhorsts ihre größte Stärke. Die einzelnen Zählungen weichen etwas voneinander ab: Die HGF-/Petz-Unterlagen nennen für 1831 58 jüdische Einwohner, Gojny für 1834 ebenfalls 58; für 1843 werden 71 und für 1846 73 Personen genannt. Unstrittig ist damit: In den 1830er und 1840er Jahren lebten zeitweise rund 70 bis 75 jüdische Menschen in Sendenhorst. [2] [3]
1830 waren nach einem Bevölkerungsnachweis mehrere Häuser der Stadt von jüdischen Familien bewohnt. Zu den prägenden Namen gehörten Alsberg, Leffmann, Löwenstein, Reinhaus, Rothschild, Stern, Humberg und Steinberg. Die Familien waren Kaufleute, Vieh- und Produktenhändler, Metzger, zeitweise auch Handwerker; sie wohnten nicht in einem abgeschlossenen „Judenviertel“, sondern in verschiedenen Bereichen der kleinen Stadt. [1] [2] [3]
Seit der gesetzlichen Neuordnung von 1847 wurde Sendenhorst Hauptgemeinde eines Synagogenbezirks. Enniger wurde als Untergemeinde angeschlossen. 1865 gehörte Sendenhorst zu den offiziell bestehenden Synagogenbezirken des Regierungsbezirks Münster. [2] [3]
7. Zwischen Anerkennung und Ausgrenzung
Das Zusammenleben war keineswegs konfliktfrei. 1804 klagte Levi David vor dem Königlich-Preußischen Gericht über nächtliche Übergriffe. Mit Steinen wurde gegen sein Haus geworfen, die Haustür bedroht, Dienstboten fürchteten um ihre Sicherheit. Erst nach wiederholter Beschwerde wurde angeordnet, dass Stadtpförtner und Bürger nachts patrouillieren sollten. [1] [2] [3]
Auch Behörden konnten offen diskriminierend handeln. Als sich der jüdische Sattler Salomon Mastbaum 1837 in Sendenhorst niederlassen wollte, widersetzte sich Bürgermeister Brüning mit einer ausdrücklich judenfeindlichen Begründung. Bemerkenswert ist, dass Mastbaum später tatsächlich in Sendenhorst als Sattler arbeitete – die höhere Genehmigung setzte sich also gegen den örtlichen Widerstand durch. [2]
Bei der Aufteilung der Ostheide in den 1830er Jahren wurden jüdische Hausbesitzer nicht selbstverständlich wie christliche Bürger behandelt und zu besonderen Konzessionen gedrängt. 1848 eskalierte die Lage erneut. Eine spätere Sendenhorster Überlieferung berichtet von einer allgemeinen Judenverfolgung, bei der Eigentum jüdischer Einwohner demoliert wurde; eine Wache im Rathaus sollte weitere Übergriffe verhindern. Nach der Überlieferung verlief die Gewalt ohne Todesopfer. [2] [3]
Damit zeigt die Ortsgeschichte beides gleichzeitig: zunehmende rechtliche Gleichstellung und gesellschaftliche Integration – aber ebenso alte religiöse Vorurteile, wirtschaftliche Konkurrenz und wiederkehrende Ausgrenzung. [1] [3]
8. Sendenhorster Bürger – Vereine und Familie Alsberg
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren jüdische Einwohner sichtbar im Sendenhorster Vereinsleben vertreten. Salomon Alsberg gehörte 1864 zu den Gründungsmitgliedern des Allgemeinen Schützenvereins St. Martinus. Louis Leffmann, Levi Stern und Jacob Löwenstein waren 1885 unter den Gründungsmitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr. Angehörige der Familien Stern, Leffmann und Löwenstein wirkten im Vaterländischen Frauenverein; Löwenstein und Leffmann gehörten 1888 zu den ersten Mitgliedern des örtlichen Roten Kreuzes. [2] [3]
Besonders bemerkenswert ist die Familie Alsberg. Salomon Alsberg unternahm in den 1850er Jahren Geschäftsreisen unter anderem nach Leipzig, Braunschweig, Minden, Köln und Aachen und wurde wiederholt zum Vorsteher der Sendenhorster Synagogengemeinde gewählt. Seine Söhne Siegfried und Louis gingen nach Bielefeld und legten dort um 1870 mit einem Manufakturwarengeschäft den Grundstein der späteren Warenhausgruppe Gebrüder Alsberg. [1] [2] [3]
Aus einer Sendenhorster Kaufmannsfamilie entwickelte sich damit eine Unternehmensgeschichte, die weit über die Stadt hinausreichte. Die späteren Alsberg-Warenhäuser gehörten in mehreren deutschen Großstädten zum modernen Einzelhandel. Gerade diese Biografie zeigt, wie stark Sendenhorst über seine jüdischen Familien mit den wirtschaftlichen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts verbunden war. [1] [3]
9. 1890–1892 – organisierter Antisemitismus
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verschärfte sich das antisemitische Klima. Die Quellen datieren die örtliche Mobilisierung nicht vollkommen einheitlich. Gojny ordnet zwei große antisemitische Versammlungen und die Gründung eines Antisemitenvereins in das Jahr 1891 ein. Eine HGF-/Petz-Zusammenstellung verzeichnet dagegen eine antisemitische Versammlung im Oktober 1890 und nennt für 1892 einen „Antisemitischen Verein“. Sicher ist deshalb vor allem der Zeitraum um 1890 bis 1892. [2] [3]
Als Redner traten der antisemitische Agitator Adolf König aus Witten und später Max Liebermann von Sonnenberg auf. Ein Verein unter dem Vorsitz des Schornsteinfegermeisters J. Quante entstand. Gojny berichtet, gestützt auf die örtliche Überlieferung, von jeweils etwa 1.000 Besuchern und einem anschließenden Boykott jüdischer Geschäfte. [3]
Hier ist Quellenkritik besonders wichtig. Der 1936 veröffentlichte Heimatarchiv-Text „Warum die Juden Sendenhorst verließen“ erklärt die Eskalation mit einer angeblichen Äußerung eines Mitglieds der Familie Leffmann über die Marienverehrung. Der Text ist selbst deutlich von antisemitischen Vorstellungen seiner Entstehungszeit geprägt und darf nicht unkritisch als Tatsachenbericht verwendet werden. Zugleich zeichnet ein zeitgenössischer Bürgermeisterbericht über eine antisemitische Versammlung ein differenzierteres Bild und behauptet, die Bewegung finde örtlich nur noch wenig Interesse. Teilnehmerzahlen, Auslöser und exakte Abfolge bleiben deshalb teilweise widersprüchlich. [2] [5]
Unabhängig von diesen Detailfragen ist der Kern sicher: Antisemitismus war um 1890 in Sendenhorst organisiert und öffentlich wirksam. Er verschlechterte die Lebens- und Geschäftsbedingungen der noch verbliebenen jüdischen Familien. [2] [3]
10. 1889–1914 – das Ende der Gemeinde
Parallel zum Antisemitismus wirkte ein zweiter, langfristiger Prozess: die Abwanderung in größere Städte. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts boten Münster, Bielefeld und das rheinisch-westfälische Industriegebiet bessere wirtschaftliche Chancen als die kleine Landstadt. Pinkus Rothschild zog 1860 fort, Salomon Alsberg zwischen 1880 und 1883 nach Barmen, Ephraim Steinberg 1885 nach Münster, Abraham Stern 1890 nach Recklinghausen. [1] [3]
1888/89 war die Sendenhorster Synagogengemeinde so stark geschrumpft, dass ein vorgeschriebenes Repräsentantenkollegium nicht mehr gebildet werden konnte. 1889 erfolgte der Zusammenschluss mit Drensteinfurt; ab 1909 gehörte Sendenhorst zum Synagogenbezirk Ahlen. [2] [3]
1904 wurde die Synagoge verkauft und abgebrochen. 1905 lebten nach einer überregionalen Statistik noch sieben Juden in Sendenhorst. Gojny nennt 1912 als Jahr, in dem mit Leopold Löwenstein die letzten jüdischen Einwohner fortzogen. Die 1990 errichtete Gedenkstele spricht dagegen von jüdischen Familien in Sendenhorst bis 1914; auch Petzmeyer berichtet, dass Cäcilia Leffmann bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs im elterlichen Haus lebte. Historisch sauber ist daher die Formulierung: Zwischen 1912 und 1914 endete jüdisches Leben als dauerhaft ansässige Gemeinschaft in Sendenhorst. [1] [3] [4] [7]
11. NS-Zeit – Verfolgung ohne ansässige Gemeinde
Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, bestand in Sendenhorst bereits keine dauerhaft ansässige jüdische Gemeinde mehr. Das ist für die Darstellung entscheidend: Für Sendenhorst ist weder eine örtliche Pogromnacht gegen ansässige jüdische Familien noch eine Deportation aus der Stadt selbst belegt. Auf einen Gestapo-Fernspruch zur Deportation noch ansässiger Juden notierte Bürgermeister Austrup im Juli 1942 ausdrücklich: „Juden sind hier nicht wohnhaft.“ [2] [3]
Die NS-Verfolgung erreichte Sendenhorst dennoch über die Verwaltung und über Menschen, die hier geboren worden waren. 1936 lagen die alten Geburts-, Heirats- und Sterberegister der jüdischen Bevölkerung im Rathaus für den Vollzug der rassistischen Nürnberger Gesetze bereit. 1938/39 wurden bei den in Sendenhorst geborenen Adele Alsberg und Johanna Löwenstein die nationalsozialistisch erzwungenen Zusatzvornamen in den Registern vermerkt. [2] [3]
Mindestens drei in Sendenhorst geborene Menschen sind als Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung namentlich belegt: Hedwig Baum geb. Stern, Jahrgang 1898, wurde 1942 über Dortmund nach Riga deportiert und kam im Konzentrationslager Stutthof um. Siegfried Steinberg, 1875 in Sendenhorst geboren, wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort 1944. Hulda Frankenstein geb. Alsberg, Jahrgang 1865, wurde 1943 von Berlin nach Theresienstadt verschleppt und starb dort. [3]
Damit gehört der Holocaust sehr wohl zur Sendenhorster Geschichte – nur anders, als es eine vereinfachte Erzählung nahelegen würde. Die Verfolgten lebten zum Zeitpunkt ihrer Deportation nicht mehr in Sendenhorst; ihre Herkunft, ihre Familien und ein Teil ihrer Lebensgeschichte waren jedoch Sendenhorster Geschichte. [3]
12. Der jüdische Friedhof und die Erinnerung
Das wichtigste erhaltene Zeugnis jüdischen Lebens ist der Friedhof auf dem alten Stadtwall an der Ostenpromenade, dem sogenannten Wibbsenwall. 1780 überließ die Stadt den ortsansässigen Juden den zwischen Rundeill und Osttor erhalten gebliebenen Wallabschnitt als Begräbnisplatz. Über etwa 120 Jahre wurden dort Verstorbene bestattet. Der älteste noch erhaltene Grabstein erinnert an Rosalie Rothschild, gestorben 1834; die letzte Beisetzung war Leser Löwenstein am 9. September 1900. [1] [2] [3]
Während der NS-Zeit geriet auch dieser Ort in Gefahr. 1942 beantragten Anwohner seine Beseitigung; zugleich liefen unter Druck der nationalsozialistischen Behörden Verkaufsverhandlungen mit der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“. Bürgermeister Austrup wollte das Grundstück zunächst kostenlos übernehmen. 1944 bot die Stadt schließlich 150 Reichsmark für den 556 Quadratmeter großen Friedhof. Weil der Verkauf bis Kriegsende nicht mehr vollzogen wurde, blieb das Grundstück erhalten. [2] [3]
Im Januar 1946 wurde der Friedhof auf Anordnung der Nachkriegsbehörden wieder in Ordnung gebracht; dabei wurden ehemalige SA-Mitglieder zu den Arbeiten herangezogen. 1990 stellte die Stadt am Standort der ehemaligen Synagoge die von Bernhard Kleinhans geschaffene Gedenkstele auf. 1994 besuchte der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, Sendenhorst und die Gedenkstele. Im selben Jahr wurde der jüdische Friedhof in die Denkmalliste der Stadt eingetragen. [2] [3] [4] [8]
2015 wurde der jüdische Friedhof wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Damit wurde aus dem lange weitgehend abgeschlossenen Erinnerungsort wieder ein unmittelbar erfahrbares Stück Sendenhorster Stadtgeschichte. Die Öffnung kann rückblickend als Erfolg gelten: Der Friedhof wird als historischer und würdiger Ort angenommen, und Vandalismus ist dort bislang nicht bekannt geworden. Gerade angesichts früherer Befürchtungen zeigt dies, dass ein offener Zugang und ein respektvoller Umgang miteinander vereinbar sind.
Synagogenstele und Friedhof erinnern heute an mehr als Verfolgung. Sie stehen für über zwei Jahrhunderte jüdischer Sendenhorster Geschichte: für Händler und Handwerker, Kinder und Lehrer, Nachbarn und Vereinsmitglieder, wirtschaftlichen Erfolg und Armut, Anerkennung und Ausgrenzung. Jüdische Geschichte ist ein Teil der Stadtgeschichte – nicht nur ihre tragische Fußnote. [1] [3] [4]
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Zeit |
Ereignis und Bedeutung |
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1683 |
Erster sicherer Nachweis: Jude Isaak im münsterischen Geleit. |
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1720 |
Die Witwe Abrahams wird in Sendenhorst als geduldete, nicht regulär vergeleitete Jüdin geführt. |
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1763 |
Drei jüdische Familien sind belegt; Handel und Kreditbeziehungen mit Höfen des Kirchspiels sind nachweisbar. |
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1780 |
David Levi, später Leffmann, erwirbt nach Petzmeyer/Gojny als erster jüdischer Einwohner ein Haus; zugleich wird der Wallabschnitt am Osttor als jüdischer Begräbnisplatz genutzt. |
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1787 |
Selig Levi, Stammvater der Löwensteins, erwirbt das Haus Weststraße 15. |
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1804 |
Levi David klagt wegen nächtlicher Übergriffe; das Gericht ordnet Patrouillen an. |
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1808 |
45 Juden in Sendenhorst; frühester sicherer Nachweis der jüdischen Schule mit Lehrer Levi Michel. |
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1809–1815 |
Synagoge/„Judenkirche“ belegt; 1815 errichtet David Leffmann das spätere Synagogengebäude am Schlabberpohl. |
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1821/1827 |
Feste Familiennamen werden lokal protokolliert und später erneut amtlich erfasst: u. a. Reinhaus, Stern, Löwenstein, Rothschild, Alsberg. |
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1837 |
Bürgermeister Brüning versucht mit judenfeindlicher Begründung, die Niederlassung des Sattlers Salomon Mastbaum zu verhindern. |
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1838 |
Jüdischer Schulraum und Lehrerwohnung bei Debbelt an der Weststraße. |
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1843/1846 |
Mit 71 beziehungsweise 73 Personen erreicht die jüdische Bevölkerung ihren zahlenmäßigen Höhepunkt. |
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1848 |
Überlieferte Judenverfolgung mit Beschädigung jüdischen Eigentums; Wache im Rathaus. |
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1854–1867 |
Salomon Alsberg wird wiederholt zum Vorsteher der Synagogengemeinde gewählt. |
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1864–1888 |
Jüdische Bürger wirken als Mitgründer und Mitglieder von Schützenverein, Feuerwehr, Frauenverein und Rotem Kreuz. |
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1889 |
Zusammenschluss der stark geschrumpften Sendenhorster Gemeinde mit Drensteinfurt. |
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ca. 1890–1892 |
Antisemitische Versammlungen und organisierter Antisemitismus; Quellen weichen bei Datierung und Resonanz im Detail voneinander ab. |
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1900 |
Letzte Beisetzung auf dem jüdischen Friedhof: Leser Löwenstein. |
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1904 |
Synagoge wird verkauft und abgebrochen. |
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1912–1914 |
Ende jüdischen Lebens als dauerhaft ansässige Gemeinschaft; die Quellen nennen 1912 beziehungsweise den Beginn des Ersten Weltkriegs. |
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1936–1939 |
Alte jüdische Personenstandsregister werden für die nationalsozialistische Rassenpolitik ausgewertet. |
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1942 |
Für Sendenhorst vermerkt Bürgermeister Austrup: „Juden sind hier nicht wohnhaft“; zugleich laufen Verkaufsverhandlungen um den jüdischen Friedhof. |
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1942–1944 |
In Sendenhorst geborene jüdische Menschen werden deportiert und ermordet, darunter Hedwig Baum geb. Stern, Siegfried Steinberg und Hulda Frankenstein geb. Alsberg. |
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1946 |
Der jüdische Friedhof wird unter Heranziehung ehemaliger SA-Mitglieder instand gesetzt. |
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1990 |
Gedenkstele von Bernhard Kleinhans am Standort der ehemaligen Synagoge. |
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1994 |
Ignatz Bubis besucht Sendenhorst; der jüdische Friedhof wird in die Denkmalliste eingetragen. |
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2015 |
Der jüdische Friedhof wird wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Öffnung erweist sich als Erfolg; Vandalismus ist dort bislang nicht bekannt geworden. |
[1] Heinrich Petzmeyer: Sendenhorst. Geschichte einer Kleinstadt im Münsterland. Stadt Sendenhorst, 1993. Besonders die Abschnitte zur jüdischen Gemeinde, Schule, Familien und zum Friedhof.
[2] Petz-/HGF-/Fascies-Arbeitsbestand „Juden“ im Stadt-Heimatarchiv / Heimatverein Sendenhorst. Enthält u. a. Auszüge aus Stadtarchivakten, Personenstandsunterlagen, Schul-, Synagogen- und Friedhofsakten sowie chronologische Arbeitsnotizen.
[3] Jürgen Gojny: „Sendenhorst“, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Regierungsbezirk Münster. Historische Kommission für Westfalen / LWL, S. 631–641. Wissenschaftliche Hauptvergleichsquelle.
[4] Heimatverein Sendenhorst: Kleinhans-Pfad – Gedenkstele der ehemaligen Synagoge am Schlabberpohl.
[5] Heimatarchiv / Heimatverein Sendenhorst: „Warum die Juden Sendenhorst verließen“, 1936. Nur quellenkritisch verwenden: Der Text ist selbst von antisemitischen Vorstellungen seiner Zeit geprägt und ist keine neutrale Tatsachendarstellung.
[6] Stadtarchiv Sendenhorst, historische Judensachen und Kultusangelegenheiten, in den Petz-/HGF-Arbeitsunterlagen u. a. A 1154–1163, A 1410 sowie B 280 überliefert beziehungsweise ausgewertet.
[7] Heimatverein Sendenhorst: ältere Zeitungschronik. Unter anderem Nachricht zum Verkauf der Synagoge 1904.
Redaktioneller Hinweis: Die Darstellung gewichtet die lokalen Kernquellen Petzmeyer sowie den Petz-/HGF-/Fascies-Bestand besonders hoch und gleicht sie mit der wissenschaftlichen Darstellung Jürgen Gojnys für die Historische Kommission für Westfalen ab. Abweichende Angaben werden nicht stillschweigend geglättet: Dies betrifft insbesondere die Namensannahme 1821/1827, Einzelzahlen zur jüdischen Bevölkerung, die Datierung der antisemitischen Mobilisierung um 1890–1892 sowie das Ende der dauerhaft ansässigen Gemeinde 1912/1914. Der 1936 veröffentlichte Text „Warum die Juden Sendenhorst verließen“ wird ausschließlich quellenkritisch als Zeugnis seiner Entstehungszeit verwendet.