Inhaltsverzeichnis
1. Die Westfront erreicht das Münsterland
Im März 1945 war der Zweite Weltkrieg für Deutschland militärisch verloren. Im Westen hatten amerikanische, britische und kanadische Truppen den Rhein überschritten. Im Osten stand die Rote Armee an der Oder. Dennoch befahl die nationalsozialistische Führung, Städte, Dörfer und Verkehrslinien bis zuletzt zu verteidigen. Alte Männer und Jugendliche wurden zum Volkssturm eingezogen, während Wehrmacht und Waffen-SS auf ihrem Rückzug immer wieder örtlichen Widerstand organisierten.
Nach dem Ausbruch aus dem amerikanischen Rhein-Brückenkopf stieß die 2. US-Panzerdivision, verstärkt durch motorisierte Infanterie, vom Raum Haltern und Dülmen schnell nach Osten vor. Am 31. März legten ihre Kampfgruppen innerhalb eines Tages 50 bis 55 Kilometer zurück. Der offizielle Bericht der 9. US-Armee nennt Sendenhorst, Enniger, Ahlen, Beckum und Wiedenbrück als an diesem Tag eingenommene beziehungsweise gesäuberte Orte. [1]
Die amerikanische Hauptabsicht war nicht, um jede Kleinstadt eine langwierige Schlacht zu führen. Die Panzerverbände sollten rasch nach Osten vorstoßen, den Ruhrkessel schließen und deutsche Verbände von ihren Rückzugswegen abschneiden. Jeder örtliche Widerstand konnte dennoch Artilleriefeuer, Panzerbeschuss und Tote auslösen. Genau darin lag die Gefahr für Sendenhorst.
2. Sendenhorst zwischen Bombenangst und Zusammenbruch
Sendenhorst war im Luftkrieg nicht so schwer zerstört worden wie Münster, Hamm oder das Ruhrgebiet. Ungefährlich war die Lage trotzdem nicht. Die Bahnstrecke, militärische Bewegungen und der Tarnflugplatz in der Bauerschaft Hardt machten die Umgebung für alliierte Flugzeuge interessant. Bombenalarm, einzelne Abwürfe und die Angst vor Tieffliegern gehörten zu den letzten Kriegsjahren. Der Tarnflugplatz und bekannte Bombenabwurfstellen zählen heute zu den örtlichen Erinnerungsorten. [2]
Das St.-Josef-Stift war längst überbelegt. Dort lagen Kranke und Verwundete; außerdem lebten Ausgebombte und weitere Schutzsuchende in Sendenhorst. Seit dem 14. Oktober 1944 hatte auch der aus dem zerstörten Münster ausgewichene Bischof Clemens August Graf von Galen zwei Räume im Stift bezogen. Teile des Generalvikariats arbeiteten von Sendenhorst und anderen Orten der Umgebung aus. [3]
In den letzten Märztagen kamen zur Bombenangst Artilleriedonner, durchziehende deutsche Soldaten und immer neue Gerüchte. Viele Familien versteckten Lebensmittel und Wertgegenstände. Aus Brennereien wurde Alkohol in Milchkannen auf Höfe oder in Privathäuser gebracht. Andere stellten Handwagen bereit, um bei Kämpfen kurzfristig fliehen zu können. Weiße Tücher lagen griffbereit – aber noch verborgen, weil zurückweichende SS-Leute angeblich auf Häuser mit Kapitulationszeichen schießen würden. [4]
3. Der Volkssturm soll die Stadt retten
Noch im Zusammenbruch versuchte die NS-Führung, aus den daheimgebliebenen Männern eine Kampftruppe zu bilden. Bei einer großen Versammlung im Hotel Bernhard Herweg wurde für den Volkssturm geworben. H. L. Vissing soll dort offen auf die Aussichtslosigkeit hingewiesen haben und vom Kampfkommandanten unter Androhung schwerer Strafen zurechtgewiesen worden sein. [5]
Der Volkssturm wurde dennoch aufgestellt. Gruppenführer und Einsatzorte wurden bestimmt, die Männer in der Mühlenkuhle vereidigt. In der alten Sandgrube im Westen übten sie mit Panzerfäusten. Doch Waffen und Nachschub fehlten, und viele Beteiligte nahmen den erzwungenen Dienst nicht mehr ernst. Bei der letzten Zusammenkunft am Gründonnerstag, dem 29. März, soll reichlich Alkohol ausgeschenkt worden sein. [5]
Die örtliche Parteileitung und die aus Münster nach Sendenhorst verlegte Gebietsleitung der Hitlerjugend wollten weiterkämpfen. Viele Sendenhorster Männer dagegen erkannten, dass eine Verteidigung nur die Zerstörung der Stadt und weitere Tote bringen würde. In dieser Weigerung lag keine militärische Heldentat, aber eine wichtige Form praktischer Vernunft.
4. Die Panzersperre am Westtor
Mitte März ließ die örtliche Kommandantur am Westtor, ungefähr in Höhe des heutigen Sportplatzes, eine Panzersperre mit Verteidigungsgräben anlegen. Sie lag nur rund 200 Meter vor dem St.-Josef-Stift. Gerade das Krankenhaus mit seinen Kranken, Verwundeten und Schutzsuchenden geriet dadurch in Gefahr, bei einem amerikanischen Angriff in die Feuerlinie zu kommen. [4] [6]
Volkssturm und SA hatten die Sperre aufgebaut. Am Karsamstag verweigerten die Sendenhorster Volkssturmmänner jedoch ihre Verteidigung. Noch am Vormittag wurde die Sperre vollständig geräumt. Damit war die westliche Zufahrt frei; es gab dort kein militärisches Hindernis mehr, an dem die amerikanischen Panzer hätten aufgehalten werden können. Pfarrer Heinrich Westermann hielt später ausdrücklich fest, dass der Volkssturm den aussichtslosen Kampf verweigert und die Sperre rechtzeitig beseitigt habe. [13]
Im St.-Josef-Stift waren die Patienten vorsorglich in die Kellerräume gebracht worden. Diese Vorsicht blieb glücklicherweise unnötig: Als die amerikanische Spitze am Westtor erschien, traf sie weder auf eine geschlossene Sperre noch auf bewaffneten Widerstand.
5. Das zurückgelassene SS-Maschinengewehr
Ein Augenzeuge berichtete dem Verfasser persönlich: Am Westtor hatte eine SS-Einheit ein Maschinengewehr aufgestellt. Als die SS-Leute abzogen, ließen sie die Waffe einfach stehen – voll aufmunitioniert und einsatzbereit. Sie wurde jedoch nicht abgefeuert; am Westtor fiel kein Schuss.
Ein kleiner Sendenhorster Junge, den der Augenzeuge kannte, stahl das zurückgelassene Maschinengewehr und nahm es mit nach Hause. Dort zeigte er die voll aufmunitionierte Waffe stolz vor. Die Reaktion seiner Familie fiel eindeutig aus: Der Junge bezog eine Tracht Prügel. Noch in derselben Nacht wurde das gefährliche Beutestück in die Bauerschaft Hardt gebracht und dort versenkt.
Damit war auch diese letzte mögliche Gefahrenquelle beseitigt, bevor die amerikanischen Truppen die Stadt erreichten. Der Augenzeuge schilderte den Vorgang aus eigener Erinnerung; der Verfasser kennt ihn persönlich und hält seinen Bericht für uneingeschränkt glaubwürdig.
6. Karsamstag: Die 2. US-Panzerdivision kommt
Am Karfreitagabend und in der Nacht zum Karsamstag war Geschützdonner aus der Ferne zu hören. Die amerikanischen Verbände rückten aus Richtung Drensteinfurt auf Sendenhorst vor. Gegen 14 Uhr erschien nach einem späteren Pressebericht ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug über der Stadt. Eine frühe Sendenhorster Darstellung nennt bereits kurz nach 13 Uhr die ersten Panzerspähwagen. Beide Angaben widersprechen sich nicht zwingend: Leichte Aufklärungsfahrzeuge konnten vor den schweren Panzern eintreffen. [4] [5]
Pater Franz-Josef Boesch, Augenzeuge im St.-Josef-Stift, hielt fest, dass um Punkt 14 Uhr der erste schwere amerikanische Panzer langsam an der Front des Krankenhauses vorbeigerollt sei. Die geräumte Sperre, das entfernte Maschinengewehr und die weißen Fahnen machten den Weg frei: Die amerikanische Spitze rückte ohne Kampf in Sendenhorst ein. Für die Menschen an Türen und Fenstern war dies der sichtbare Zusammenbruch der bisherigen Herrschaft. Im Keller warteten die Kranken; auf dem Vorplatz und in den Fenstern standen Menschen zwischen Erleichterung und Angst. [6] [13]
Die amerikanischen Soldaten gehörten zur 2. US-Panzerdivision, der „Hell on Wheels“ Division. Ihr Auftrag war der schnelle Vorstoß nach Osten. Sendenhorst war deshalb weniger Endziel als Durchgangsstation einer gewaltigen gepanzerten Bewegung. Die Geschwindigkeit des Vormarsches erklärt, warum der Einmarsch oft als Durchmarsch erinnert wurde. [1]
7. Kampflos durch das Westtor
Am Westtor wurde nicht geschossen. Kurz nach 13 Uhr erreichten die ersten amerikanischen Panzerspähwagen die Stadt; gegen 14 Uhr folgten die schweren Panzer. Weil die Panzersperre geräumt, das Maschinengewehr fortgeschafft und kein Verteidiger mehr in Stellung war, konnten die Amerikaner ungehindert einrücken. Die weißen Tücher an den Häusern und die weißen Fähnchen der Kinder unterstrichen den Willen der Bevölkerung, keinen Widerstand zu leisten. [13]
Vom Westtor aus erreichte die amerikanische Spitze als Nächstes das unmittelbar an der Einmarschstraße liegende St.-Josef-Stift. Die Stadt selbst war damit kampflos besetzt. Am Stift traten Pater Boesch und Bischof von Galen den Amerikanern entgegen.
8. Pater Boesch und Bischof von Galen treten den Amerikanern entgegen
Nachdem die amerikanische Spitze das geräumte Westtor passiert hatte, erreichte sie unmittelbar danach das St.-Josef-Stift. Hier kam es zum ersten Zusammentreffen mit zwei weithin bekannten Persönlichkeiten des Ortes: Pater Franz-Josef Boesch und Bischof Clemens August Graf von Galen traten den Amerikanern am Stift entgegen. Boesch konnte als Dolmetscher vermitteln; der Bischof war den Alliierten als öffentlicher Gegner nationalsozialistischer Verbrechen bekannt. [5] [6]
Eine förmliche militärische Kapitulation war dieses Zusammentreffen nicht mehr. Die Panzersperre war beseitigt, die weißen Fahnen hingen bereits aus den Fenstern und in Sendenhorst wurde nicht gekämpft. Auch der genaue Augenblick des Gesprächs wird in den Erinnerungen unterschiedlich geschildert: Boeschs Aufzeichnungen berichten, dass von Galen beim Vorbeiziehen der ersten Panzer zunächst in der Stiftskapelle betete. Unstrittig ist jedoch, dass die Amerikaner am Stift auf Boesch und von Galen trafen und die Stadt ohne Widerstand durchquerten.
Nach dem kurzen Aufenthalt am Stift rollten die Panzer weiter durch die Stadt. Am Ehrenmal bog ein Teil der Kolonne auf die Straße nach Hoetmar und Warendorf ab. Damit verließen die Fahrzeuge die geschlossene Stadt. Unmittelbar dahinter begann die Bauerschaft Rinkhöven – und dort wartete der bewaffnete Widerstand, dem Sendenhorst selbst entgangen war.
Am Abend, als am östlichen Himmel die Höfe von Rinkhöven brannten, fasste von Galen die Lage in die Worte: „Eine Wende, aber kein Ende!“ Am Ostersonntag feierte er in der Pfarrkirche ein Pontifikalamt. Am folgenden Tag bat Pater Boesch bei der amerikanischen Kommandantur um Schutz vor Gewalttaten. Am 3. April erschienen australische Journalisten im Stift; von Galen blieb bis zum 18. Dezember 1945 in Sendenhorst. [3] [6]
9. Weiße Fahnen und endlose Panzerkolonnen
Als klar war, dass kein organisierter Widerstand mehr bevorstand, erschienen die vorbereiteten weißen Tücher in den Fenstern. Frauen sollen bereits beim Erscheinen des Aufklärungsflugzeugs weiße Laken geschwenkt haben. Die Fahnen waren ein eindeutiges Signal: Von den Häusern und der Bevölkerung sollte kein Kampf ausgehen. [4]
Ein Teil der Panzer bog am Ehrenmal in Richtung Hoetmar und Warendorf ab; andere Verbände zogen über Tönnishäuschen, Vorhelm und Beckum weiter. Mit dem Karsamstag endete diese Bewegung nicht. Pater Boesch beschrieb einen scheinbar unaufhörlichen Strom von Raupenfahrzeugen. Noch am 3. April rollten nach seiner Erinnerung Tag und Nacht Panzermassen ostwärts, während um Münster und Hamm weiterhin gekämpft wurde. [5] [6]
Für die US-Armee war Sendenhorst auf der Karte ein Ort in einem schnellen Vormarsch. Für die Einwohner war jeder einzelne Panzer ein Zeichen dafür, dass die alte Gewaltordnung zusammengebrochen war. Zugleich blieb unklar, was nun folgen würde.
10. Das Gefecht von Rinkhöven
Hinter dem Ehrenmal und dem damaligen Stadtrand begann die Bauerschaft Rinkhöven. Der nach Hoetmar und Warendorf abgebogene Teil der amerikanischen Panzerkolonne fuhr damit unmittelbar auf die Stellungen eines militärisch ausgebildeten HJ-Aufgebots aus dem Raum Recklinghausen zu. Die dort eingesetzten Jugendlichen kamen nicht aus Sendenhorst.
Die Vorgeschichte begann im November 1944 auf der Jugendburg Gemen. Rund 1.000 Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren wurden dort unter anderem an Vierlingsflak und Infanteriewaffen ausgebildet und in Anwesenheit des Gauleiters Alfred Meyer vereidigt. Im Februar 1945 kam ein Teil von ihnen in die Jugendherberge Haltern; Schießübungen fanden in der Westruper Heide statt. Am 29. März erhielten etwa 80 Jugendliche den Befehl, feldmarschmäßig ausgerüstet nach Münster zu ziehen und die Stadt zu verteidigen. Zu ihrer Bewaffnung sollen 60 bis 70 Panzerfäuste, vier Maschinengewehre und mehrere Pistolen gehört haben. [13]
Weil die amerikanische Front schneller als erwartet vorrückte, wurde die Marschrichtung geändert. Von Albachten zog die Gruppe nach Südosten. Ihr Oberleutnant, ein ehemaliger HJ-Bannführer, setzte sich während des nächtlichen Marsches mit einem Fahrrad ab. Ein fronterfahrener Unteroffizier übernahm die Führung. Gegen 6 Uhr morgens erreichten die Jugendlichen Rinkhöven. Die Bauern nahmen sie zunächst auf und versorgten sie. Viele Bewohner hofften, auch hier werde der Krieg ohne Kampf vorübergehen.
Doch die Gruppe bezog zwischen den Höfen, an der Straße und an der Angel Gefechtsstellungen. Nach dem späteren Bericht eines Überlebenden feuerte ein Soldat mit einem Maschinengewehr auf ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug. Als der von Sendenhorst kommende Teil der Panzerkolonne heranrollte, galt bereits „höchste Gefechtsstufe“. Rund 30 Sherman-Panzer trafen auf die Stellungen der Jugendlichen. [13]
Das eigentliche Feuergefecht dauerte nach dieser Darstellung nur etwa zehn Minuten. Ein aus einer Deckung an der Angel emporgehaltener Stab mit weißer Fahne konnte den bereits laufenden Angriff nicht mehr stoppen. Acht Jugendliche kamen ums Leben. Die Rinkhövener Höfe Ringhoff, Middrup-Vornholz, Greiwe-Fels und Kalthoff sowie der benachbarte Hof Drees auf Hoetmarer Gebiet wurden durch den Beschuss bis auf die Grundmauern zerstört. Die Pfarrchronik nennt nur die vier auf Sendenhorster Gebiet gelegenen Höfe; daraus erklärt sich die unterschiedliche Angabe von vier oder fünf abgebrannten Hofstellen. [5] [13]
Nach etwa einer halben Stunde war das Gelände mit seinen brennenden Gebäuden ein Gefangenenlager. Die Überlebenden mussten auf amerikanischen Panzern aufsitzen. Anschließend wurden sie über Gütersloh und Lüdinghausen in das große Gefangenenlager Rheinberg gebracht. Ein Überlebender aus Recklinghausen kehrte Jahrzehnte später zur Rinkhöven-Kapelle zurück und gedachte dort seiner acht getöteten Kameraden. [13] [14]
Vom St.-Josef-Stift aus war am Nachmittag der Feuerschein der
brennenden Höfe zu sehen. Die Jugendlichen waren bewaffnete Gegner, zugleich aber Opfer eines Regimes, das Schüler und Lehrlinge noch in den letzten Kriegstagen zum vermeintlichen „Heldentod“
schickte. Ihr Einsatz konnte den Vormarsch nicht aufhalten. Er kostete Menschenleben, zerstörte fünf Hofstellen und machte Rinkhöven zum blutigsten Schauplatz des Kriegsendes im Sendenhorster
Raum.
2007 meldete sich ein Überlebender telefonisch und schilderte noch einmal seine traumatischen Erlebnisse dieses Gefechtest. Es war das erste Mal, dass er davon offen sprach und brach in Tränen aus.
Er entschuldigte sich zigmal bei den Bauern. Dieses Telefonat hat den Verfasser ebenfalls tief berührt.
11. Besatzung, Ausgangssperre und ein neuer Bürgermeister
Amerikanische Soldaten besetzten das Rathaus. Als der Verwaltungsangestellte Eberhard Haselmann noch am Karsamstag dorthin gerufen wurde, fand er aufgebrochene Schränke und mit Akten bedeckte Fußböden vor. Ein amerikanischer Ortskommandant setzte zunächst Dr. Schwermann als Bürgermeister ein. Kurz darauf suchte die Kommandantur gemeinsam mit Pfarrer Westermann nach einer dauerhafteren Lösung. Mehrere Vorgeschlagene lehnten ab; schließlich übernahm der pensionierte Oberinspektor Eugen Strothmann das Amt. [5] [8]
Bekanntmachungen regelten nun den Alltag: Waffen waren abzuliefern, Kraftfahrzeuge durften nicht benutzt werden und zwischen 18 Uhr und 6 Uhr galt eine Ausgangssperre. Eine Dolmetscherin unterstützte den neuen Bürgermeister; eine zivile Polizei wurde aufgebaut. Häuser und Räume mussten teilweise für Besatzungstruppen oder Unterkünfte geräumt werden.
Der Krieg war örtlich beendet, die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht folgte aber erst am 8. Mai 1945. Bis dahin blieb Sendenhorst Teil eines rückwärtigen amerikanischen Militärraums, durch den Soldaten, Fahrzeuge, Gefangene und Nachschub bewegt wurden.
12. Befreite Zwangsarbeiter und neue Gewalt
Mit den amerikanischen Truppen endete auch die Gefangenschaft zahlreicher ausländischer Zwangsarbeiter, Kriegsgefangener und verschleppter Menschen. In und um Sendenhorst hielten sich Russen, Polen und Menschen anderer Nationalitäten auf. Einige waren im Arbeitsdienstlager bei Niestert, im alten Rathaus oder zeitweise in der Fabrik Dünnewald untergebracht worden. Sie waren zuvor entrechtet und zur Arbeit gezwungen worden.
Im Machtvakuum der ersten Tage kam es zu Plünderungen, Raub und Gewalttaten. Bauern verließen nachts ihre Höfe, Wege galten als unsicher. Auch Übergriffe durch einzelne amerikanische Soldaten auf Frauen werden in den Quellen berichtet. Frauen aus den Bauerschaften und vom Stadtrand suchten deshalb nachts auf dem Dachboden des St.-Josef-Stifts Schutz. Pater Boesch wandte sich auf Bitte von Galens als Dolmetscher an die amerikanischen Stellen. [5] [6]
Es gab daher nicht die eine Erfahrung des Kriegsendes. Für Verfolgte und Zwangsarbeiter bedeutete es Befreiung. Für viele Sendenhorster war es zugleich das Ende der Diktatur, die Erfahrung militärischer Niederlage, Besatzung, Verlust und Unsicherheit.
13. Befreiung, Niederlage und Erinnerung
Der 31. März 1945 war für Sendenhorst das Ende des Krieges und der nationalsozialistischen Herrschaft. Er war Niederlage des Deutschen Reiches, Besetzung der Stadt und zugleich Befreiung von einer Diktatur, die Krieg, Verfolgung und millionenfachen Mord hervorgebracht hatte. Der 8. Mai beendete den Krieg in Europa. Eine „Stunde Null“, in der alles Vorherige verschwunden wäre, gab es jedoch nicht. Menschen, Einstellungen und gesellschaftliche Verbindungen bestanden weiter; Hunger, Wohnungsnot, Vermisste und Heimkehrer prägten die kommenden Jahre. [9] [10]
Auf dem Sendenhorster Friedhof erinnern rund 190 Holzkreuze mit Namen und Lebensdaten an örtliche Kriegstote. Daneben liegen Kriegsgräber von Menschen aus der Sowjetunion, Italien und Polen. Das Nebeneinander dieser Namen macht sichtbar, dass der Krieg nicht nur an fernen Fronten stattfand. Er verband Sendenhorster Soldaten, ausländische Zwangsarbeiter, zivile Opfer und die letzten Toten des Einmarsches in einer gemeinsamen Geschichte. [11]
Dass Sendenhorst vor einer größeren Zerstörung bewahrt blieb, war keine geordnete Kapitulation nach einem fertigen Plan. Entscheidend waren der rasche amerikanische Vormarsch, der militärische Zusammenbruch und die Weigerung vieler Einwohner, sinnlose Befehle noch auszuführen. Die geöffnete Panzersperre und die weißen Fahnen stehen für diesen Moment; das verschwundene Maschinengewehr gehört zur örtlichen Erinnerung daran. [12]
Zum vollständigen Bild gehören der kampflose Einmarsch durch das Westtor ebenso wie die Toten von Rinkhöven, die brennenden Höfe und die Gewalt der ersten Besatzungstage. Das Kriegsende war, wie von Galen es in Sendenhorst ausdrückte, eine Wende – aber noch nicht das Ende aller Not.
| Zeit | Ereignis |
|---|---|
| 14. Oktober 1944 | Bischof Clemens August Graf von Galen bezieht sein Ausweichquartier im St.-Josef-Stift. |
| Mitte März 1945 | Panzersperre und Verteidigungsgräben werden am Westtor vorbereitet. |
| 29. März | Letzte Zusammenkunft des Sendenhorster Volkssturms in der Mühlenkuhle. |
| 30. März | Artilleriedonner kündigt den amerikanischen Vormarsch aus Richtung Drensteinfurt an. |
| 31. März, ab 13 Uhr | Erste amerikanische Aufklärungsfahrzeuge erreichen Sendenhorst. |
| 31. März, 14 Uhr | Der erste schwere Panzer erreicht das St.-Josef-Stift. Pater Boesch und Bischof von Galen treten den Amerikanern entgegen; weiße Fahnen werden gezeigt. |
| 31. März | Nach dem kampflosen Durchzug durch die Stadt biegen Panzer am Ehrenmal Richtung Hoetmar und Warendorf ab. In Rinkhöven kommt es anschließend zum Gefecht; acht Jugendliche sterben und fünf Hofstellen brennen nieder. |
| 1. April | Ostersonntag: von Galen feiert ein Pontifikalamt in St. Martin. |
| 2. April | Pater Boesch bittet als Vermittler amerikanische Stellen um Schutz vor Gewalttaten. |
| 3. April | Australische Journalisten besuchen von Galen im St.-Josef-Stift; Panzerkolonnen rollen weiter ostwärts. |
| 8. Mai 1945 | Bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht; Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa. |
| 18. Dezember 1945 | Von Galen verlässt Sendenhorst und kehrt nach Münster zurück. |
Hinweis: Die veröffentlichten Berichte entstanden zu unterschiedlichen Zeiten und widersprechen sich in Einzelheiten. Formulierungen wie „soll“ oder „nach örtlicher Überlieferung“ kennzeichnen Aussagen, die noch anhand der Originalakten und Zeitzeugenberichte genauer geprüft werden sollten.
[3] Heimatverein Sendenhorst: 100 Jahre St.-Josef-Stift – von Galens Ausweichquartier 1944/45
[4] Josef Thesing: Am Karsamstag 1945 war der Zweite Weltkrieg in Sendenhorst vorbei, 7. Mai 2015
[5] Heimatverein Sendenhorst: Das Kriegsende in Sendenhorst – Darstellung aus der Zeit kurz nach 1945
[8] Heimatverein Sendenhorst: Politischer Neubeginn und Ernennung Eugen Strothmanns
[9] Kreisarchiv Warendorf: 8. Mai 1945 – 80 Jahre Kriegsende in Europa
[10] Heinrich Petzmeyer: Vereinsleben und Geselligkeit in Sendenhorst zwischen 1933 und 1948
[11] Heimatverein Sendenhorst: Ehrenfriedhof und Kriegstote des Zweiten Weltkrieges