Wer die Sendenhorster Kriegsgeschichte mit dem Dreißigjährigen Krieg beginnen lässt, setzt deutlich zu spät an.
Schon lange bevor Sendenhorst überhaupt schriftlich erwähnt wurde, war der Raum zwischen Lippe und Ems Schauplatz großer militärischer Unternehmungen. Im Jahre 9 n. Chr. vernichtete ein germanisches Bündnis drei Legionen des Varus. Sechs Jahre später zogen die Truppen des Germanicus durch das Gebiet der Brukterer zur Ems und verwüsteten das Land zwischen Ems und Lippe.
Ob römische Legionäre dabei tatsächlich durch das Gebiet des heutigen Sendenhorst marschierten, wissen wir nicht. Doch gerade diese offene Frage macht deutlich: Unsere Landschaft lag keineswegs außerhalb der großen Ereignisse.
Seit dem Mittelalter wird die Überlieferung für Sendenhorst konkreter. 1323 wurde die Stadt niedergebrannt, während der Münsterischen Stiftsfehde wurde sie besetzt, im Täuferkrieg kam es am Jungmannshof zu einem Feuergefecht, und im ausgehenden 16. Jahrhundert erschienen spanische und niederländische Soldaten im unmittelbaren Sendenhorster Raum.
Die folgenden Abschnitte erzählen deshalb nicht nur von Schlachten. Sie erzählen davon, was Krieg für die Menschen bedeutete: Einquartierung, Plünderung, Brandschatzung, Viehraub, zerstörte Höfe, Feuer und Seuchen.
9 n. Chr. – Varusschlacht. Drei römische Legionen gehen unter. Die Brukterer gehören zum weiteren Zusammenhang der germanischen Erhebung. → mehr
14–16 n. Chr. – Germanicus führt große römische Rache- und Rückeroberungsfeldzüge in Germanien. → mehr
15 n. Chr. – Caecina zieht mit 40 Kohorten durch das Gebiet der Brukterer zur Ems. Bei den Brukterern wird der Adler der in der Varusschlacht vernichteten XIX. Legion zurückgewonnen. Das Gebiet zwischen Ems und Lippe wird verwüstet. → mehr
772–785 – Karl der Große führt Krieg gegen die Sachsen; Widukind wird zum bekanntesten Anführer des westfälischen Widerstands. → zum Exkurs
784 – Karl der Jüngere besiegt westfälische Sachsen in einem Reitergefecht im Dreingau südlich von Münster. Sendenhorst liegt in diesem historischen Gau. → zum Exkurs
804/805 – Die Sachsenkriege enden; Liudger wird erster Bischof von Münster. → zum Exkurs
um 890/900 – Seondonhurst erscheint in der Werdener Überlieferung im Dreingau. → zum Exkurs
1315 – Sendenhorst wird erstmals ausdrücklich als Stadt (oppidum) bezeichnet. → mehr
1323 – Sendenhorst wird im münstersch-märkischen Konflikt niedergebrannt. → mehr
1450 – Beginn der Münsterischen Stiftsfehde. Sendenhorst wird „Kostplatz“ von Kriegsknechten. → mehr
1451 – Sendenhorst wird während der Stiftsfehde militärisch eingenommen. → mehr
1450er Jahre – Plünderungen und Verwüstungen treffen unter anderem Hardt und Höfe in Jönsthövel. → mehr
1457 – Vergleich in Sendenhorst im Zusammenhang mit dem Ende der Stiftsfehde – die „Sendenhorster Tagfahrt“. → mehr
1529 – Ein großer Stadtbrand zerstört nahezu ganz Sendenhorst. → mehr
1534 – Täuferherrschaft in Münster und Belagerung durch Fürstbischof Franz von Waldeck. → mehr
1534/35 – Söldner aus dem Belagerungsheer ziehen in den Sendenhorster Raum, brandschatzen die Tockenburg und verschanzen sich auf dem Jungmannshof. → mehr
1573 – Sendenhorst wird mit einer Brandschatzung belegt. → mehr
1582–1589 – Spanische und andere Truppenbewegungen erreichen das unmittelbare Sendenhorster Umfeld. → mehr
1591 – Niederländische Truppen plündern Albersloh. „Staatisches Kriegsvolk“ liegt auch in Sendenhorst. → mehr
1598/99 – Großer spanischer Einfall in das Münsterland. Auch Sendenhorst wird nicht verschont. → mehr
1599 / 1606 – Pestjahre im östlichen Münsterland beziehungsweise in Sendenhorst. → mehr
1609 – Zwölfjähriger Waffenstillstand zwischen Spanien und den Niederlanden. → mehr
1618 – Beginn des Dreißigjährigen Krieges. → mehr
Mehr als 1.300 Jahre bevor Sendenhorst erstmals als Stadt erwähnt wurde, war Westfalen bereits Schauplatz eines der bekanntesten militärischen Konflikte der Antike.
Im Jahre 9 n. Chr. geriet das Heer des römischen Statthalters Publius Quinctilius Varus in einen von Arminius und seinen Verbündeten vorbereiteten Aufstand. Die römischen Legionen XVII, XVIII und XIX gingen unter.1
Für unsere Region stellt sich eine faszinierende Frage: Auf welchem Weg zog das Heer des Varus in Richtung des späteren Schlachtfeldes?
Eine genaue Marschroute ist bis heute nicht bekannt. Die antiken Schriftsteller überliefern keine Wegbeschreibung, die sich eindeutig auf heutige Orte übertragen lässt.
Deshalb kann nicht behauptet werden, Varus sei durch Sendenhorst oder unmittelbar an Sendenhorst vorbeigezogen.
Gleichzeitig bewegten sich die Römer keineswegs nur am Rhein. Bereits Jahrzehnte vor der Varusschlacht hatten sie militärische Stützpunkte tief im heutigen Westfalen angelegt. Besonders die Lippe bildete eine wichtige römische Aufmarsch- und Nachschublinie.
Für den Sendenhorster Raum sind vor allem die Brukterer interessant. Ihr Siedlungs- und Einflussgebiet wird von der Forschung im westfälischen Raum zwischen Ems und Lippe verortet.2
Solche Stammesgebiete darf man allerdings nicht wie moderne Staatsgrenzen verstehen. Es gab keine Grenzsteine, die eine genaue Linie durch das heutige Münsterland zogen.
Das heutige Sendenhorst liegt geographisch jedoch innerhalb dieses größeren Raumes zwischen Ems und Lippe.
Damit ist nicht bewiesen, dass Bewohner des heutigen Sendenhorster Gebietes an der Varusschlacht teilnahmen. Wohl aber gehörte unsere Landschaft zum weiteren westfälischen Raum jener germanischen Stammeswelt, gegen die Rom seine Feldzüge führte.
Was wissen wir?
Die Brukterer spielten in den römisch-germanischen Auseinandersetzungen eine bedeutende Rolle.
Was wissen wir nicht?
Eine Route des Varus über das heutige Sendenhorst ist nicht nachgewiesen.
Für unsere Region noch interessanter als die unbekannte Route des Varus sind die römischen Feldzüge der Jahre 14 bis 16 n. Chr.
Rom wollte die Niederlage nicht einfach hinnehmen. Unter dem Feldherrn Germanicus drangen große römische Verbände erneut tief nach Germanien vor.
Für das Jahr 15 n. Chr. berichtet der römische Geschichtsschreiber Tacitus bemerkenswert konkret über die militärischen Bewegungen.
Germanicus teilte seine Streitkräfte. Sein Feldherr Aulus Caecina Severus wurde mit 40 Kohorten durch das Gebiet der Brukterer zur Ems geschickt. Germanicus selbst führte vier Legionen auf dem Wasserweg heran; weitere Reiterverbände bewegten sich durch das Gebiet der Friesen.3
40 Kohorten bedeuteten einen gewaltigen Truppenverband. Die genaue Zahl der Soldaten lässt sich nicht einfach aus der Sollstärke errechnen, doch es handelte sich um viele Tausend Mann.
Im Brukterergebiet gelang den Römern ein Erfolg von großer symbolischer Bedeutung.
Der römische Offizier Lucius Stertinius stieß gegen die Brukterer vor. Dabei wurde der Legionsadler der XIX. Legion gefunden und zurückerobert.4
Es war eines jener Feldzeichen, die sechs Jahre zuvor mit dem Heer des Varus verloren gegangen waren.
Für Rom war ein Legionsadler weit mehr als ein militärisches Erkennungszeichen. Sein Verlust galt als schwere Schande. Seine Rückgewinnung hatte deshalb enorme symbolische Bedeutung.
Tacitus beschreibt anschließend, dass das römische Heer in die weiter entfernt liegenden Gebiete der Brukterer vorrückte und das Land zwischen Ems und Lippe verwüstete.5
Damit befinden wir uns geographisch in einem Raum, zu dem auch das heutige Sendenhorster Gebiet gehört.
Ob einzelne römische Heeresteile tatsächlich über die heutige Sendenhorster Gemarkung marschierten, lässt sich daraus nicht ableiten. Dafür fehlen archäologische oder schriftliche Belege.
Doch anders als bei einer frei erfundenen Marschroute lässt sich eines sicher sagen:
Das Land zwischen Ems und Lippe war im Jahre 15 n. Chr. unmittelbares Operationsgebiet eines großen römischen Heeres.
Auf dem Rückweg geriet Caecina mit seinen Truppen an den sogenannten pontes longi erneut in eine äußerst gefährliche Lage. In sumpfigem Gelände griffen die Truppen des Arminius an. Nur unter erheblichen Verlusten entkam der römische Verband einer Katastrophe, die an das Schicksal des Varus erinnerte.
16 n. Chr. folgten weitere Feldzüge. Danach beendete Kaiser Tiberius die großen römischen Offensiven rechts des Rheins.
Für die Geschichte unserer Landschaft bleibt eine bemerkenswerte Erkenntnis:
Schon in der Antike war der westfälische Raum zwischen Lippe und Ems kein abgelegenes Hinterland, sondern zeitweise Aufmarsch- und Kampfgebiet römischer Legionen.
Zwischen den Feldzügen des Germanicus und der mittelalterlichen Stadtgeschichte liegen für Sendenhorst viele Jahrhunderte mit nur wenigen schriftlichen Nachrichten. Im 8. Jahrhundert wird unsere Region jedoch wieder Teil eines großen Konflikts: Karl der Große versucht, die Sachsen dauerhaft in das Frankenreich einzugliedern.
Die Sachsen Karls des Großen sind nicht mit den Bewohnern des heutigen Bundeslandes Sachsen gleichzusetzen. Ihr Siedlungsraum lag vor allem im heutigen Westfalen und Niedersachsen. Die fränkischen Quellen unterscheiden Westfalen, Engern und Ostfalen; nördlich der Elbe lebten die Nordalbingier.
Für Sendenhorst entscheidend: Unsere Gegend lag im Dreingau und damit im Raum der westfälischen Sachsen. „Sachse“ und „Westfale“ waren damals also kein Gegensatz.
772 begann Karl der Große seinen jahrzehntelangen Sachsenkrieg. Er nahm die Eresburg beim heutigen Obermarsberg und ließ die Irminsul, ein bedeutendes sächsisches Heiligtum, zerstören. Ihr genauer Standort ist unbekannt; die Überlieferung weist in den Raum der Eresburg. Die häufig genannte Gleichsetzung mit den Externsteinen ist nicht belegt.
Der Krieg verlief in einem ständigen Hin und Her: Fränkische Heere rückten vor, sächsische Gruppen unterwarfen sich und stellten Geiseln – nach dem Abzug der Franken flammte der Widerstand erneut auf. Zum bekanntesten Gegenspieler Karls wurde Widukind, ein führender Mann der westfälischen Sachsen.
Bekannte Schauplätze markieren den Verlauf: Paderborn, wo Karl 777 eine Reichsversammlung abhielt; der Süntel, wo 782 ein fränkisches Heer geschlagen wurde; Verden an der Aller, wo Karl anschließend eine große Zahl Sachsen hinrichten ließ; sowie Detmold und die Hase, wo 783 weitergekämpft wurde.
Für Sendenhorst wird das Jahr 784 besonders interessant. Karl der Große zog selbst gegen andere sächsische Gruppen, während sein Sohn Karl der Jüngere gegen die Westfalen geschickt wurde. Er traf auf ein sächsisches Heer und besiegte es im Dreingau.
Damit erreicht der Sachsenkrieg ausdrücklich unseren historischen Raum. Sendenhorst lag im Dreingau. Wo genau die Schlacht stattfand, ist nicht überliefert; ein Kampf unmittelbar bei Sendenhorst lässt sich deshalb nicht behaupten. Heinrich Petzmeyer bringt auch das frühmittelalterliche Warendorf mit dem Feldzug von 784 in Verbindung, doch eine dortige Zerstörung bleibt eine historische Rekonstruktion.
Der Sendenhorst-Haken: Nicht „Karl der Große kämpfte in Sendenhorst“, sondern: 784 wurde im Dreingau gekämpft – und Sendenhorst lag in diesem Dreingau. Das fränkische Heer führte Karl der Jüngere.
785 unterwarf sich Widukind und ließ sich im fränkischen Attigny taufen. Der Krieg war damit noch nicht beendet; weitere Aufstände und Feldzüge folgten. Erst 804 gilt der jahrzehntelange Sachsenkrieg als abgeschlossen.
Auf die militärische Unterwerfung folgte die politische und kirchliche Neuordnung. Liudger wurde mit der Mission im westlichen Sachsenland betraut. Bei Mimigernaford, dem späteren Münster, errichtete er 793 sein monasterium; 805 wurde er erster Bischof von Münster. Auch Ahlen, Beckum und Warendorf entwickelten sich zu frühen kirchlichen Mittelpunkten.
Für einen persönlichen Aufenthalt Karls des Großen in Sendenhorst, Ahlen, Warendorf oder Münster gibt es keinen sicheren zeitgenössischen Nachweis. Das ist für die Geschichte unserer Gegend aber gar nicht nötig: Karls Sachsenkrieg und die anschließende Neuordnung veränderten das Münsterland grundlegend.
Für Sendenhorst selbst bleibt die Überlieferung zunächst dünn. Petzmeyer verweist unter anderem auf frühmittelalterliche Funde aus Elmenhorst. Um 890/900 tritt der Ort schließlich schriftlich hervor: Seondonhurst erscheint in der Überlieferung des Klosters Werden – ausdrücklich im pagus Dregini, im Dreingau.
Damit spannt sich ein bemerkenswerter Bogen: vom Dreingau als Kriegsschauplatz des Jahres 784 bis zum schriftlich genannten Sendenhorst rund ein Jahrhundert später.
Danach schweigen die schriftlichen Quellen für unseren konkreten Ort über viele Jahrhunderte. Erst im Mittelalter tritt Sendenhorst selbst eindeutig in die überlieferte Geschichte ein.
Am 11. August 1315 erscheint Sendenhorst ausdrücklich als oppidum, also als Stadt.6
Zur mittelalterlichen Stadt gehörten Wall, Graben und Stadttore. Diese Befestigungen waren nicht nur Ausdruck städtischer Rechte. Sie sollten die Einwohner auch vor bewaffneten Angriffen schützen.
Nur acht Jahre später zeigte sich, wie begrenzt dieser Schutz war.
1323 geriet Sendenhorst in den Konflikt zwischen dem Bischof von Münster und Graf Engelbert II. von der Mark.
Die örtliche Überlieferung fasst das Ergebnis drastisch zusammen:
Der befestigte Ort Sendenhorst wurde verbrannt.7
Für eine mittelalterliche Kleinstadt war eine solche Zerstörung existenzbedrohend. Mit den Häusern verbrannten Vorräte, Werkzeuge und Besitz. Feuer vernichtete nicht nur Wohnraum, sondern die wirtschaftliche Grundlage ganzer Familien.
Sendenhorst wurde wieder aufgebaut.
Doch bereits 1323 zeigte sich ein Muster, das die folgenden Jahrhunderte prägen sollte:
Die großen Konflikte wurden anderswo begonnen – bezahlt wurden sie auch in Sendenhorst.
Nach dem Tod des münsterschen Bischofs Heinrich von Moers begann 1450 ein erbitterter Streit um dessen Nachfolge.
Die eine Partei unterstützte Erich von Hoya, die andere Walram von Moers. Aus dem Streit um den Bischofsstuhl entwickelte sich ein jahrelanger Krieg.
Sendenhorst geriet mitten hinein.
Bereits 1450 erscheint die Stadt als „Kostplatz“ von Kriegsknechten.8
Das bedeutete, dass Soldaten untergebracht und versorgt werden mussten. Für eine kleine Stadt war schon die Anwesenheit eigener oder verbündeter Truppen eine schwere wirtschaftliche Belastung.
1451 wurde Sendenhorst militärisch eingenommen. Johann von Hoya und Herzog Johann von Kleve zogen durch das Fürstbistum und brachten befestigte Orte unter ihre Kontrolle.
Sendenhorst gehörte zu den ausdrücklich genannten Orten.9
Noch härter trafen solche Kriegszüge die Menschen außerhalb der Stadtbefestigung.
Für die Hardt und Höfe in Jönsthövel sind Plünderungen und Verwüstungen überliefert.
Wall und Stadttore konnten zumindest zeitweise Schutz bieten. Die verstreut liegenden Höfe in Bracht, Brock, Elmenhorst, Hardt, Jönsthövel, Rinkhöven und Sandfort waren bewaffneten Trupps dagegen weitgehend ausgeliefert.
Viehraub, beschlagnahmte Pferde, gestohlenes Getreide oder ein angezündetes Wirtschaftsgebäude konnten die Existenz eines Hofes innerhalb weniger Stunden vernichten.
Auch Angehörige der Familie von Marlhulse erscheinen in den Zusammenhängen der Stiftsfehde. Der Krieg war damit nicht nur ein Konflikt fremder Herren, sondern reichte bis in örtliche Adels- und Besitzstrukturen hinein.
Ausgerechnet die Stadt, die Kriegsknechte hatte versorgen müssen und selbst eingenommen worden war, wurde schließlich auch zum Ort der Verständigung.
Am 1. November 1457 ist ein Vergleich zwischen Johann Graf von Hoya und Freunden der Stadt Münster zu Sendenhorst überliefert.10
In der örtlichen Geschichtsschreibung wird dieser Zusammenhang mit der „Sendenhorster Tagfahrt“ verbunden.
Damit spielte die Stadt während der Stiftsfehde gleich mehrere Rollen:
Kostplatz – eingenommene Stadt – verwüstetes Kirchspiel – Verhandlungsort.
Gerade darin zeigt sich die besondere Lage Sendenhorsts. Die Stadt war klein, lag aber zwischen Münster, Wolbeck, Warendorf, Beckum und Ahlen an einem Ort, den Truppen und Reisende immer wieder berührten.
Am 23. Oktober 1529 wurde Sendenhorst erneut beinahe vollständig zerstört. Diesmal war kein Krieg die Ursache. Ein großer Stadtbrand vernichtete innerhalb kurzer Zeit weite Teile des Ortes. Auch der Kirchturm mit seinen fünf Glocken ging verloren.11
Nur wenige Jahre später begann im nahen Münster eine der außergewöhnlichsten Episoden der Reformationsgeschichte.
1534 übernahmen die Täufer die Herrschaft in Münster. Die Stadt sollte zum „Neuen Jerusalem“ werden.
Fürstbischof Franz von Waldeck begann daraufhin mit der militärischen Belagerung seiner eigenen Residenzstadt.
Tausende Söldner wurden zusammengezogen. Sie mussten bezahlt, untergebracht und verpflegt werden. Damit entstand rund um Münster ein großer militärischer Raum.
Und der Konflikt blieb nicht vor Münster.
Er erreichte unmittelbar das Sendenhorster Kirchspiel.
Eine der eindrucksvollsten Episoden der älteren Sendenhorster Kriegsgeschichte begann mit Soldaten aus dem Belagerungsheer vor Münster.
Eine Gruppe Söldner desertierte beziehungsweise meuterte und zog in Richtung Sendenhorst.12
Auf ihrem Weg erreichten die Bewaffneten zunächst die Tockenburg.
Die alte Hofstelle wurde gebrandschatzt beziehungsweise in Brand gesetzt.
Danach zogen die Männer weiter zum südlich von Sendenhorst gelegenen Jungmannshof.
Der Jungmannshof war kein gewöhnlicher kleiner Kotten. Die alte Hofstelle war als Gräftenhof von einem Wassergraben umgeben.
Für bewaffnete Männer bot die Anlage damit gute Möglichkeiten zur Verteidigung.
Die Söldner verschanzten sich auf dem Hof.
Fürstbischof Franz von Waldeck konnte eine bewaffnete Gruppe aus seinem eigenen Heer im Rücken der Belagerungstruppen nicht dulden. Truppen wurden ausgesandt, um die Männer festzunehmen und den Hof zurückzugewinnen.
Beim Sturm auf den Jungmannshof eröffneten die Verschanzten das Feuer.
Der Wassergraben erschwerte den Angreifern das Vordringen. Bei dem Gefecht wurde ein Angehöriger der Familie von der Recke erschossen; ein weiterer soll schwer verwundet worden sein.13
Der erste Angriff scheiterte.
Daraufhin sollte offenbar zu einem außergewöhnlichen Mittel gegriffen werden.
Aus dem Belagerungslager vor Münster sollten Geschütze herangeschafft werden, um den Jungmannshof bezwingen zu können.
Die Dimension dieses Vorgangs ist bemerkenswert: Während vor Münster um das Täuferreich gekämpft wurde, sollte Artillerie in das Sendenhorster Kirchspiel geschafft werden, um einen von Söldnern besetzten Bauernhof einzunehmen.
Für kurze Zeit war der Jungmannshof damit zu einer kleinen Festung geworden.
Waren die Männer auf Jungmann Wiedertäufer?
Dafür gibt es keinen Beleg. Der Zusammenhang mit dem Täuferreich besteht darin, dass die Söldner aus dem Heer kamen, das Münster belagerte. Die Episode gehört damit unmittelbar zur Militärgeschichte des Täuferkrieges – die Besetzer des Jungmannshofes dürfen aber nicht ohne Beleg selbst zu Täufern gemacht werden.
Die große Geschichte des Täuferreiches führte damit ganz konkret zu Brandschatzung, Besetzung und Schusswechseln auf Sendenhorster Bauernhöfen.
1573 wandten sich Bürgermeister und Rat von Sendenhorst wegen einer auferlegten Brandschatzung an die Obrigkeit.
Die Forderung war durch Herzog Erich von Braunschweig erzwungen worden.14
Der Begriff beschreibt das Prinzip erschreckend genau: Eine Stadt musste Geld bezahlen, damit Soldaten darauf verzichteten, sie zu plündern oder in Brand zu setzen.
Sendenhorst bat um eine Verringerung der Forderung, wie sie offenbar auch Ahlen, Warendorf und Telgte zugestanden worden war.
Eine Stadt musste also nicht einmal erobert werden, um Opfer militärischer Gewalt zu werden.
Zahlen – oder möglicherweise alles verlieren.
Seit 1568 kämpften die niederländischen Provinzen gegen die spanische Herrschaft.
Das Fürstbistum Münster wollte außerhalb dieses Krieges bleiben. Seine Lage machte wirkliche Neutralität jedoch schwierig. Das Münsterland grenzte unmittelbar an die niederländischen Kriegsschauplätze und wurde von wichtigen Verkehrswegen durchzogen.
Seit den 1580er-Jahren tauchten deshalb immer häufiger spanische und niederländische Truppen im Münsterland auf.
Für die Bevölkerung war es häufig zweitrangig, welcher Seite die Soldaten angehörten.
Sie benötigten alle dasselbe:
Geld, Brot, Bier, Pferde, Hafer, Vieh und Unterkunft.
1582 verzeichnen die Kirchspielsrechnungen des benachbarten Albersloh bereits Ausgaben im Zusammenhang mit einem Truppendurchzug.15
1589 plünderten spanische Truppen das nahe Rinkerode. Auch andere Orte der Umgebung wurden getroffen.
Der europäische Krieg war damit endgültig im unmittelbaren Umfeld Sendenhorsts angekommen.
1591 unternahmen niederländische Truppen unter Eberstein Streif- und Raubzüge durch das Münsterland.
Betroffen waren unter anderem Rinkerode, Albersloh, Angelmodde und Amelsbüren. Am 1. September 1591 wurde Albersloh geplündert.
Für Sendenhorst ist eine andere Nachricht besonders wichtig.
Die Beckumer Kämmereirechnungen berichten von Arbeiten an der dortigen Befestigung, weil:
„... das staatische Kriegsvolk zu Wolbeck und zu Sendenhorst lag ...“16
„Staatisch“ bezeichnete die Truppen der niederländischen Generalstaaten.
Damit ist für 1591 die Anwesenheit niederländischer Soldaten unmittelbar in Sendenhorst ausdrücklich belegt.
Die Lage blieb gefährlich. 1594 wurden gefangene niederländische Soldaten nach Wolbeck gebracht; neun von ihnen wurden dort hingerichtet.
1595 sah sich sogar die niederländische Führung gezwungen, eigenmächtige Streif- und Raubzüge ihrer Soldaten in benachbarte neutrale Gebiete zu verbieten.
Im gleichen Zeitraum verstärkte das nahe Drensteinfurt wegen der ständigen Unsicherheit seine Befestigungen.
Den Höhepunkt dieser Entwicklung brachte das Jahr 1598.
Ein großes spanisches Heer überschritt den Rhein und drang in das Münsterland ein. Eine zeitgenössisch beziehungsweise regionalgeschichtlich überlieferte Größenordnung nennt etwa 24.000 Mann.17
Viele Soldaten hatten lange keinen ausreichenden Sold erhalten. Was ihnen nicht geliefert wurde, beschafften sie sich bei der Bevölkerung.
Ahlen wurde besetzt, Beckum getroffen und auch andere Städte und Kirchspiele des Münsterlandes mussten Einquartierungen, Kontributionen und Plünderungen ertragen.
Auch Sendenhorst wurde nicht verschont.
Die spanischen Truppen blieben über den Winter im Münsterland.
Für die Bevölkerung bedeutete das eine zusätzliche Belastung. Ein Heer benötigte jeden Tag enorme Mengen an Lebensmitteln und Futter. Besonders die ungeschützten Bauernhöfe konnten gezwungen werden, Getreide, Vieh, Pferde und Vorräte herauszugeben.
Erst im Frühjahr 1599 zogen die Truppen wieder ab.
Doch die Katastrophe war nicht vorbei.
1599 breitete sich im östlichen Münsterland die Pest aus. 1606 ist erneut Pest in Sendenhorst überliefert.
Krieg und Seuche lagen in dieser Zeit häufig eng beieinander. Große Heere bewegten Menschen und Krankheiten über weite Entfernungen. Gleichzeitig trafen Seuchen auf eine Bevölkerung, deren Widerstandskraft durch schlechte Ernährung, Plünderungen und wirtschaftliche Not geschwächt war.
Krieg tötete deshalb nicht nur mit Schwert, Muskete und Feuer.
Seine Folgen konnten die Menschen noch lange nach dem Abzug der Soldaten treffen.
1609 vereinbarten Spanien und die Niederlande einen zwölfjährigen Waffenstillstand.
Für das Münsterland begann eine vergleichsweise ruhigere Phase.
Für die Menschen in Sendenhorst musste diese Ruhe besonders wertvoll gewesen sein. Ihre Stadt und ihre Vorfahren hatten bereits eine erstaunliche Folge von Kriegen und Krisen erlebt.
1323 war Sendenhorst niedergebrannt worden. Während der Münsterischen Stiftsfehde war die Stadt Kostplatz und militärisch eingenommen worden. Höfe des Kirchspiels waren verwüstet worden.
Während des Täuferkrieges hatten Söldner die Tockenburg gebrandschatzt und sich auf dem Jungmannshof verschanzt. Dort war es zu einem Feuergefecht gekommen.
1573 war Sendenhorst mit einer Brandschatzung belegt worden.
Danach waren Spanier und Niederländer durch das Münsterland gezogen. 1591 lagen niederländische Soldaten unmittelbar in Sendenhorst. 1598 erreichte der große spanische Einfall das Münsterland. Schließlich folgten Seuchen.
Und all dies geschah vor dem Dreißigjährigen Krieg.
Als 1618 in Böhmen jener Konflikt begann, der sich zum Dreißigjährigen Krieg entwickeln sollte, wussten die Menschen in Sendenhorst längst, was Krieg bedeutete.
Krieg bedeutete für sie nicht in erster Linie die große Schlacht, von der später Geschichtsbücher berichteten.
Krieg bedeutete Soldaten vor der Haustür.
Sie verlangten Brot und Bier, Hafer und Vieh, Unterkunft, Pferde und Geld. Wer nichts mehr geben konnte, musste mit Plünderung, Gewalt oder Feuer rechnen.
Niemand in Sendenhorst konnte 1618 ahnen, dass die schlimmste Phase noch bevorstand.
Die nächste Geschichte beginnt 1618: Sendenhorst im Dreißigjährigen Krieg.
1. Zur Varusschlacht und zur weiterhin problematischen Rekonstruktion des Schlachtortes und der vorausgehenden Marschbewegungen siehe LWL, Internet-Portal „Westfälische Geschichte“, Themenschwerpunkt Arminius/Varus. ↩
2. Das Stammesgebiet der Brukterer wird in der historischen Auswertung der antiken Quellen im Raum zwischen Ems und Lippe verortet. Solche Angaben dürfen nicht als exakt abgegrenztes Territorium im modernen Sinn verstanden werden. ↩
3. Tacitus, Annalen I,60: Caecina wird mit 40 Kohorten durch das Bruktererland zur Ems geschickt. ↩
4. Tacitus, Annalen I,60: Lucius Stertinius schlägt die Brukterer und gewinnt den mit Varus verlorenen Adler der XIX. Legion zurück. ↩
5. Tacitus, Annalen I,60: Anschließend wird das Gebiet der Brukterer zwischen Ems und Lippe verwüstet. Eine konkrete Marschroute durch das heutige Sendenhorst ist daraus nicht abzuleiten. ↩
6. Erster bekannter schriftlicher Stadtbeleg Sendenhorsts als oppidum vom 11. August 1315; zur mittelalterlichen Stadtentwicklung siehe Stadt Sendenhorst und die örtliche Geschichtsschreibung. ↩
7. Zur kriegsbedingten Zerstörung Sendenhorsts 1323 überliefert die örtliche Geschichtsschreibung die Formulierung „et sic oppidum Sendenhorst fuit combustum“. Siehe die Quellen- und Branddarstellungen des Heimatvereins Sendenhorst. ↩
8. Sendenhorst wird während der Münsterischen Stiftsfehde als Kostplatz von Kriegsknechten genannt. Die Versorgung einquartierter Soldaten bedeutete eine erhebliche wirtschaftliche Belastung. ↩
9. Zur Einnahme Sendenhorsts 1451 und zu den Auswirkungen der Münsterischen Stiftsfehde auf das Kirchspiel siehe die örtlichen Quellenzusammenstellungen und die regionalgeschichtliche Literatur. ↩
10. Vergleich vom 1. November 1457 zwischen Johann Graf von Hoya und Freunden der Stadt Münster in Sendenhorst; in der örtlichen Überlieferung mit der „Sendenhorster Tagfahrt“ verbunden. ↩
11. Der große Stadtbrand vom 23. Oktober 1529 zerstörte Sendenhorst innerhalb kurzer Zeit weitgehend. Eine Kriegsursache ist nicht belegt. ↩
12. Zur Episode der desertierten beziehungsweise meuternden Söldner aus dem Belagerungsheer vor Münster, zur Tockenburg und zum Jungmannshof siehe die örtliche Überlieferung sowie die Archiv- und StadtLand-HISTORY-Beiträge des Heimatvereins. ↩
13. Die örtlichen Darstellungen berichten vom Tod eines Angehörigen der Familie von der Recke beim Angriff auf den Jungmannshof und von einem weiteren Verwundeten. Die genaue Namenszuordnung ist in den bisherigen Darstellungen nicht völlig einheitlich und sollte daher nicht stärker präzisiert werden, als die Quelle erlaubt. ↩
14. 1573 beschwerten sich Bürgermeister und Rat von Sendenhorst über eine durch Herzog Erich von Braunschweig erzwungene Brandschatzung und baten um einen Nachlass. ↩
15. Kirchspielsrechnungen Albersloh 1582: Ausgaben im Zusammenhang mit dem Durchzug von Kriegsleuten. Siehe Quellensammlung „Krieg“ des Heimatvereins Sendenhorst. ↩
16. Beckumer Kämmereirechnungen 1591: Arbeiten an der Befestigung werden mit dem Aufenthalt „staatischen Kriegsvolks“ in Wolbeck und Sendenhorst begründet. ↩
17. Die Quellensammlung des Heimatvereins nennt für 1598 rund 24.000 Spanier, die den Rhein überschritten, sowie erhebliche Schäden im Münsterland. ↩
18. LWL, Internet-Portal „Westfälische Geschichte“: Sachsenkriege 772–804, Westfalen/Engern/Ostfalen, Widukind und Reitergefecht im Dreingau 784.
19. Heinrich Petzmeyer, Sendenhorst – Geschichte einer Kleinstadt im Münsterland: Dreingau, Sachsenzeit, Liudger und frühe Sendenhorster Überlieferung.
20. Stadtmuseum Münster: Liudger errichtet 793 bei Mimigernaford das monasterium; 805 wird Münster Bistumssitz.
21. Stadt Ahlen, Stadtgeschichte: Sachsenzeit und Gründung der Taufkirche St. Bartholomäus durch Liudger 804–809.
Tacitus: Annalen, Buch I, 60–61
Antike Hauptquelle für den Germanicus-Feldzug 15 n. Chr., den Marsch Caecinas durch das Brukterergebiet, die Rückgewinnung des Legionsadlers der XIX. Legion und die Verwüstung des Gebietes zwischen Ems und Lippe.
LWL – Internet-Portal „Westfälische Geschichte“
Themenschwerpunkt „Arminius – Varus“ mit antiken Quellen, Einordnung der Varusschlacht und ausführlicher Darstellung der Germanicus-Feldzüge.
Arminius, Varus und die römische Geschichte Westfalens
LWL – Tacitus, Annalen I,60–61
Quellentext zum Feldzug des Jahres 15 n. Chr.
Tacitus: Germanicus im Bruktererland
Heimatverein Sendenhorst – Quellensammlung „Krieg“
Lokale und regionale Quellen zu Stiftsfehde, Täuferzeit, spanisch-niederländischem Krieg und den späteren Kriegsereignissen.
Heimatverein Sendenhorst – Brände
Darstellung der kriegsbedingten Zerstörung von 1323 und des großen Stadtbrandes von 1529 mit Quellenapparat.
Brände und Zerstörungen in Sendenhorst
Heimatverein Sendenhorst – Archivgeschichten / StadtLand HISTORY
Lokale Überlieferung insbesondere zu den Ereignissen der Täuferzeit, Tockenburg und Jungmannshof.
Stadt Sendenhorst
Darstellung der Geschichte Sendenhorsts und Alberslohs, insbesondere zur mittelalterlichen Stadtentwicklung.
Geschichte von Sendenhorst und Albersloh
Beckumer Kämmereirechnungen
Wichtige Überlieferung für 1591: „staatisches Kriegsvolk“ in Wolbeck und Sendenhorst; nachgewiesen in der Quellensammlung des Heimatvereins.
Kirchspielsrechnungen Albersloh
Hinweise auf Truppendurchzüge und militärische Belastungen im unmittelbaren Sendenhorster Nachbarraum.
LWL – Internet-Portal „Westfälische Geschichte“
Chronologie und Einordnung der Sachsenkriege 772–804, der westfälischen Sachsen, Widukinds und des Reitergefechts im Dreingau 784.
Heinrich Petzmeyer – Geschichte Sendenhorsts
Lokale Einordnung von Dreingau, Sachsenzeit, Liudger und der frühen Überlieferung Sendenhorsts.
Petzmeyer beim Heimatverein Sendenhorst
Stadtmuseum Münster – Von der Domburg zur Stadt
Zur Unterwerfung der Sachsen, Liudgers Gründung bei Mimigernaford 793 und Münster als Bistumssitz 805.
Stadt Ahlen – Stadtgeschichte
Zur Sachsenzeit und zur frühen kirchlichen Entwicklung Ahlens unter Liudger.