Herzlich willkommen beim Heimatverein Sendenhorst e.V. !
Herzlich willkommen beim Heimatverein Sendenhorst e.V. !

Wirtschaft in Sendenhorst

Vom Ackerbürgerstädtchen und der Weberstadt zum Industrie- und Gesundheitsstandort

Vom Ackerbürgerstädtchen über Weber und Kornbrenner zum international vernetzten Industrie- und Gesundheitsstandort: Sendenhorsts Wirtschaft gewann über Jahrhunderte ständig an Reichweite – vom örtlichen Markt bis auf die Weltmärkte.

Inhalt

 

1. Vor 1500 – Markt, Ackerbürger und Grundversorgung

Das mittelalterliche Sendenhorst war keine große Handelsstadt. Wirtschaftlicher Mittelpunkt war zunächst die Verbindung von Landwirtschaft, örtlichem Markt und Handwerk. Auch Bewohner innerhalb der Stadtbefestigung hielten Vieh oder bewirtschafteten Land. Stadt und Kirchspiel bildeten deshalb einen gemeinsamen Wirtschaftsraum: Auf den Höfen wurden Getreide, Vieh und andere Lebensmittel erzeugt, während die Stadt Markt, Verarbeitung und Dienstleistungen bot.

Mit der Stadtentwicklung entstand ein Markt für landwirtschaftliche und handwerkliche Erzeugnisse. Hinweise in den mittelalterlichen Akten auf Wege-, Markt- und andere Abgaben zeigen, dass Sendenhorst bereits in ein regionales Verkehrs- und Abgabesystem eingebunden war. Von einem bedeutenden Fernhandel kann jedoch keine Rede sein.

Petzmeyer kann einzelne Berufe erstaunlich früh konkret nachweisen: 1373 einen Wirt, 1415 einen Schmied, 1471 einen Schneider und einen Schuhmacher sowie 1475 einen Müller. Für ungefähr 300 Einwohner der Stadt und 400 bis 500 Menschen im Kirchspiel genügten wenige Fachleute in den üblichen Berufszweigen.

Eine stärkere Spezialisierung lohnte sich kaum. Absatzmöglichkeiten und Verkehrsverbindungen waren begrenzt. Die Handwerker arbeiteten selbständig; eine Organisation in eigenen Sendenhorster Zünften oder Gilden ist für diese Zeit nicht nachgewiesen.

Wirtschaft vor 1500:
Ackerbau und Viehhaltung  •  örtlicher Markt  •  Mühle  •  Schmied  •  Schneider  •  Schuhmacher  •  Gastwirtschaft

Die wirtschaftliche Reichweite blieb noch klein. Gerade dieser Ausgangspunkt ist für die spätere Entwicklung wichtig: Aus einem nahezu ausschließlich lokalen Versorgungsraum entstand über die Jahrhunderte ein Standort, dessen Unternehmen heute auf Weltmärkten tätig sind.

Quellen: Petzmeyer, Sendenhorst – Geschichte einer Kleinstadt; Stadt-Heimatarchiv Sendenhorst.

 

 

2. 1500–1700 – Handwerker, Weber und die Folgen des Krieges

1509 erscheinen die Sendenhorster Bäcker erstmals gemeinsam in einer Quelle. Sie beteiligten sich mit einer Geldgabe an einer Altarstiftung. Petzmeyer weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass diese Nachricht noch kein Beleg für eine eigene Sendenhorster Bäckerzunft ist.

Das örtliche Handwerk war durchaus konkurrenzfähig. Im 16. Jahrhundert wurden Sendenhorster Schmiede, Schneider, Bäcker und Tuchhandwerker als Bürger in Münster aufgenommen. 1569 verpflichtete die Gemeinde Albersloh Sendenhorster Sägearbeiter für Bauarbeiten an Küsterei und Pastorat. Noch waren dies keine internationalen Wirtschaftsbeziehungen, aber die Richtung wird sichtbar: Sendenhorster Arbeit und Können wurden zunehmend außerhalb des eigenen Ortes nachgefragt.

Besonders stark entwickelte sich die Leinenweberei. Ein Webstuhl ließ sich im eigenen Haus betreiben und mit kleiner Landwirtschaft oder Tagelohn verbinden. Das machte die Textilproduktion gerade für weniger begüterte Familien attraktiv.

Der Dreißigjährige Krieg unterbrach diese Entwicklung brutal. Die Unterlagen des Stadt-Heimatarchivs belegen Brandschatzungen, Pferderaub, Plünderungen, Einquartierungen und ständig neue Kontributionsforderungen. 1622 berichtete die Stadt, Bürger müssten bereits abwechselnd Tag und Nacht Wache halten. Noch 1642 liefen Rückstände bei den Kriegsabgaben auf; 1651 nahm das Kirchspiel erneut Geld auf, um seine Belastungen bezahlen zu können.

1698 – die Handwerker- und Weberstadt

67,9 % Handwerk
3,1 % Handel und Verkehr
6,6 % Amtsträger und Dienstleistungen

66 Weber  •  17 Brotbäcker  •  12 Schuhmacher  •  11 Schneider  •  11 Holzschuhmacher  •  7 Schmiede  •  3 Zimmerleute  •  3 Korbmacher  •  1 Windmüller

Die Zahlen von 1698 markieren einen entscheidenden Wandel. Die Landwirtschaft blieb für das Umland selbstverständlich wichtig, doch innerhalb der Stadt hatte sich Sendenhorst zu einer ausgesprochenen Handwerker- und Weberstadt entwickelt. Allein 66 Weber zeigen die überragende Stellung der Textilproduktion.

Quellen: Stadt-Heimatarchiv Sendenhorst; Gewerbeakten; Petzmeyer.

 

 

3. 1700–1800 – Leinen, Tagelohn und der Aufstieg der Brennereien

Im 18. Jahrhundert blieb das Handwerk der zentrale städtische Erwerbsbereich. Die Leinenweberei bot vielen Familien Arbeit, häufig in Verbindung mit Landwirtschaft oder Tagelohn. Daneben standen Bäcker, Schmiede, Schuhmacher, Holzhandwerker, Schneider, Müller und Gastwirte.

1749/50 – 242 Haushalte

126 Handwerker = 52,1 %
70 Tagelöhner = 28,9 %
4 Kaufleute = 1,7 %
27 sonstige Berufe = 11,1 %
15 ohne Berufsangabe bzw. arm = 6,2 %

Damit war der Handwerkeranteil ausgesprochen hoch, während die Zahl der Kaufleute vergleichsweise gering blieb. Sendenhorst war eher Produktionsort als Handelszentrum.

Wie empfindlich diese Wirtschaftsform auf politische Krisen reagierte, zeigen die Unterlagen des Stadt-Heimatarchivs zum Siebenjährigen Krieg. Zwischen 1757 und 1763 mussten Durchmärsche, Einquartierungen, Fouragelieferungen, Arbeiten an Straßen und Festungsanlagen sowie zusätzliche Abgaben getragen werden. Hinzu kamen Viehseuchen. 1771 weist die Stadt noch Kriegsschulden von insgesamt 3.575 Reichstalern bei vier Prozent Zins aus.

Vom Hausbrand zur Sendenhorster Brennereitradition

Gleichzeitig gewann die Kornbrennerei an Bedeutung. Für Sendenhorst gibt es erst aus dem 18. Jahrhundert verlässliche Belege für die Herstellung von Branntwein. Das Brennen passte ausgesprochen gut zur Ackerbürgerwirtschaft: Getreide kam aus der eigenen oder örtlichen Landwirtschaft, der Korn wurde verkauft oder in Gastwirtschaften ausgeschenkt und die beim Brennen verbleibende Schlempe war kein nutzloser Abfall. Sie diente als wertvolles Viehfutter. Landwirtschaft, Viehhaltung, Brennerei und Gastwirtschaft bildeten dadurch häufig einen gemeinsamen Betriebskreislauf.

Einzelne spätere Brennereistandorte lassen sich bis in das 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Am Westtor ist beispielsweise bereits 1768 bei Bonse eine Brennerei belegt; auch die späteren Silling-, Schwarte-, Ridder- und Rötering-Standorte erscheinen über lange Zeiträume in den Akten. Aus zunächst kleinen, oft in Wohn- und Wirtschaftsgebäude integrierten Anlagen entwickelte sich im folgenden Jahrhundert ein für Sendenhorst geradezu typischer Wirtschaftszweig.

Warum Kornbrennen wirtschaftlich so gut passte:

Getreide aus Landwirtschaft → Maische und Brand → Kornverkauf / Ausschank
Schlempe → Viehfutter → Viehhaltung und Dünger → Landwirtschaft

So war die Brennerei eng mit Hof, Stall, Gastwirtschaft, Handel und Transport verbunden.

Damit entstand neben der alten Weberwirtschaft ein zweites wirtschaftliches Standbein, das Sendenhorst im 19. und noch weit in das 20. Jahrhundert hinein prägen sollte. Die Stadt wurde später nicht zufällig als „Brennereistädtchen“ wahrgenommen.

Kornbrenner in Sendenhorst

Quellen: Stadt-Heimatarchiv Sendenhorst; Gewerbeakten; Status animarum 1749/50.

 

 

4. 1800–1900 – Krise der Weber, Branntwein, Verkehr und erste Industrie

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Sendenhorst noch stark von den traditionellen Gewerben geprägt. Eine amtliche Beschreibung von 1805 nennt 1.294 Einwohner, zwölf Braustellen, drei Branntwein-Brennstellen bzw. Brennblasen und sechs jüdische Familien. Entscheidender Erwerbszweig war weiterhin das Leinenweben und Flachsspinnen. Allein 55 Leinweber arbeiteten teils auf eigene Rechnung, teils im Lohn für Händler aus der Nachbarschaft.

Der Stadtbrand von 1806 zerstörte einen großen Teil der wirtschaftlichen Substanz. Kurz darauf folgten französische Herrschaft, Kontinentalsperre und schließlich die Neuordnung unter Preußen.

Nach 1815 – eine handfeste Wirtschaftskrise

das Stadt-Heimatarchiv beschreibt die Zeit nach 1815 keineswegs als geradlinigen Aufschwung. Die Rückkehr britischer Waren auf die Märkte, Bauernbefreiung und Gewerbefreiheit, starkes Bevölkerungswachstum sowie mehrere Missernten führten zu einer tiefen Anpassungskrise.

In Sendenhorst bündelten sich diese Probleme besonders deutlich: Die Leinenweberei – der alte Haupterwerbszweig – geriet in die Krise, traditionelle Handwerker suchten neue Erwerbsmöglichkeiten, Arbeitsplätze fehlten, die Armut nahm zu und viele Familien waren auf Unterstützung angewiesen.

1832 – das Handwerk hält sich noch

Handwerk: 60,7 %
Handel und Verkehr: 9,9 %
Dienstleistungen und Amtsträger: 7,0 %
Tagelöhner: 18,4 %

Darunter noch 63 Weber, 19 Holzschuhmacher, 15 Schuhmacher, 11 Schneider, 7 Schmiede und 7 Schreiner.

1843 – das Stadt-Heimatarchiv zeigt den Strukturbruch

Eine Sendenhorster Stadtchronik von 1843 liefert ein besonders anschauliches Wirtschaftsbild. Die Kornbrennereien lieferten nach dieser Quelle gute Produkte und fanden ausgezeichneten Absatz. Die Leinenweberei dagegen, früher ein bedeutender Erwerbszweig, wurde wegen fehlender Absatzmöglichkeiten zu lohnenden Preisen nur noch in geringem Umfang betrieben.

Viele Handwerker arbeiteten inzwischen für Tagelohn. Maurer und Steinhauer gingen zur Arbeit in Nachbarorte. Sendenhorster Tagelöhner verdienten saisonal Geld beim Grasmähen in Holland. Die jüdischen Familien der Stadt waren vor allem im Handel mit Manufakturwaren und anderen Waren tätig.

Auch die Absatzrichtung hatte sich verändert. Früher war Münster der wichtigste Markt. Mit besseren Straßen wurde Sendenhorst jedoch zunehmend mit den Industrie- und Gewerberäumen weiter südlich und westlich verbunden.

Vom Nebenerwerb zur Leitbranche: die Kornbrenner

Wie groß der Sprung innerhalb weniger Jahrzehnte war, zeigt der Begleitband „Schlote, Schnaps & Schlempe“. 1803 nennt der Kriegs-Commissar Kurlbaum für Sendenhorst lediglich drei Branntweinbrenner. Sie brannten nur im Winter, nur tagsüber und noch in vergleichsweise kleinem Umfang. Der größte Teil des Branntweins wurde in Sendenhorst selbst ausgeschenkt; ein Teil ging nach Münster, in umliegende Städte und an Schankwirte der benachbarten Bauerschaften.

Auch 1831 lassen sich erst vier Sendenhorster Brennereien sicher nachweisen. Danach beschleunigte sich die Entwicklung. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden zahlreiche neue Anlagen eingerichtet: unter anderem Werring in Elmenhorst 1847, Wilhelm Böcker 1849, Hermann Böcker und Theodor Wieler 1854, Panning 1857, Heinrich Everke 1859 und Johann Vrede in Rinkhöven 1860.

Gleichzeitig hielt die moderne Dampftechnik Einzug. H. Brüning stellte 1853, Hermann Werring 1856, Theodor Wieler 1857, Anton Neuhaus – später Suermann – 1858, Christian Silling 1859, Theodor Böcker 1860 und Tergeist 1869 auf Dampfkessel beziehungsweise Niederdruckanlagen um. Dadurch stiegen Leistung, Brennkapazität und Investitionsbedarf erheblich. Aus der kleinen Brennstube im Wohnhaus wurde allmählich ein technisch anspruchsvoller Gewerbebetrieb.

Brennereien werden zu sichtbaren Großbetrieben

1876: Theodor Bonse errichtet ein großzügiges, unterkellertes Brennereigebäude.
1885: Horstmann setzt eine leistungsfähige Lokomobile ein, die nicht nur der Brennerei, sondern auch dem Dreschen und Mahlen dient.
1889: Bernhard Rötering beantragt einen modernen Circulations-Wasserrohrkessel mit rund 30 m² Heizfläche.

Sendenhorster Korn wird zur Handelsware

Die Brennereien waren keineswegs nur für den örtlichen Ausschank da. Ein Kundenbuch der Brennerei Schwarte/Rötering für 1822 bis 1856 zeigt bereits Lieferungen nach Münster, ins Ruhrgebiet, an den Niederrhein, nach Wesel, Ahaus, Greven, Bielefeld und ins Sauerland. Noch bevor Sendenhorst einen Bahnanschluss besaß, wurde Korn mit Pferd und Wagen über erstaunliche Entfernungen transportiert.

Auch die 1847 gegründete Brennerei Werring in Elmenhorst belieferte zunächst Sendenhorst und die unmittelbare Umgebung, fand aber bald Kunden in Münster, Hiltrup, Ahlen, Amelsbüren, Everswinkel, Harsewinkel, Herbern, Hoetmar, Füchtorf, Lippstadt, Sassenberg, Telgte, Warendorf und Vreden sowie in Dortmund und Duisburg. Der Sendenhorster Korn wurde damit zu einem überregional gehandelten Produkt. Was zunächst regional begonnen hatte, entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu deutschlandweiten Absatzbeziehungen – eine wichtige Vorstufe der späteren internationalen Orientierung.

Brenner, Banken und Kapital

Die Brennerfamilien waren nicht nur Produzenten. Sie gehörten zunehmend zu den Kapital- und Entscheidungsträgern der Stadt. Als die Sendenhorster Sparkasse am 12. Mai 1867 eröffnet wurde, befand sich ihr erstes Kontor im Privathaus des Brennereibesitzers Heinrich Brüning an der Weststraße. Brüning war zugleich der erste Rendant. Insgesamt prägten Mitglieder der Familie Brüning/Rötering die Geschäftsführung der Sparkasse über Jahrzehnte.

Auch die genossenschaftliche Bankgeschichte ist eng mit den Brennern verbunden. Der Spar- und Darlehenskassenverein wurde 1897 gegründet; seine erste konstituierende Generalversammlung fand am 2. Mai im Haus des Brennerei- und Brauereibesitzers Theodor Wieler am Kirchplatz statt. Josef Arens-Sommersell kam in den Vorstand, Theodor Wieler und Heinrich Meyer in den Aufsichtsrat. Damit wirkten die Kornbrenner nicht nur in ihren eigenen Betrieben, sondern unmittelbar am Aufbau der örtlichen Kreditwirtschaft mit.

Neue Gewerbe und bessere Verkehrsanbindungen

Die Wirtschaftsstruktur wurde breiter. 1858 plante der Sendenhorster Apotheker Carl König eine Ziegelei. Im selben Zeitraum bestanden bereits regelmäßige Postverbindungen nach Drensteinfurt, wo Anschluss an die Eisenbahn nach Münster und Hamm bestand.

Dass der fehlende eigene Bahnanschluss als wirtschaftlicher Nachteil empfunden wurde, zeigen die Ratsprotokolle besonders deutlich. Als 1871 eine direkte Bahn Hamm–Osnabrück diskutiert wurde, erklärte die Stadt eine Berührung Sendenhorsts für einen Vorteil von kaum abzuschätzender Bedeutung. Sie war sogar bereit, das Gelände für einen Bahnhof kostenlos zur Verfügung zu stellen und städtische Grundstücke unentgeltlich abzutreten.

Strontianit – für kurze Zeit Bergbaustadt

Ab 1879/80 erreichte der Strontianitbergbau auch Sendenhorst. Für die Grube Anna, auch Ostfeld oder Ostheide genannt, begannen damals Abteufungsarbeiten. Die Akten nennen Schächte, Pumpen, Lokomobile und sogar Schmalspurbahnen im regionalen Bergbau. Bergleute, Fuhrleute, Gastwirtschaften und Zulieferer profitierten von der kurzen Hochkonjunktur.

Strontianit in Sendenhorst

1889 – das St.-Josef-Stift

Am 16. September 1889 wurde das von Josef Spithöver gestiftete St.-Josef-Stift eröffnet. Neben der Krankenpflege erfüllte die Einrichtung soziale Aufgaben als Waisenheim, Kindergarten, Nähschule und Badeeinrichtung. Damit entstand in einer noch immer armen Kleinstadt ein völlig neuer wirtschaftlicher und sozialer Schwerpunkt.

1897/98 – Genossenschaftsbank und erste Fabrik

1897 wurde der Sendenhorster Spar- und Darlehenskassenverein gegründet, aus dem später die Volksbank hervorging. Brennereibesitzer wirkten von Beginn an in Vorstand und Aufsicht mit. Ein Jahr später eröffnete die Oelder Zentrifugenfabrik Ramesohl am Osttor eine Zweigstelle. Mit ungefähr 15 Beschäftigten war sie für Sendenhorster Verhältnisse bereits ein bemerkenswerter Industriebetrieb. Nun standen alte Brennereiwirtschaft, Bankwesen und erste Fabrikproduktion nebeneinander.

Quellen: Stadt-Heimatarchiv Sendenhorst; Gewerbeakten; Stadtchronik 1843; Petzmeyer; Stadt-Heimatarchiv; Heimatverein Sendenhorst; St.-Josef-Stift.

 

 

5. 1900–2000 – Bahn, Fabriken, Wirtschaftswunder und VEKA

Die Unterlagen des Stadt-Heimatarchivs fassen den Beginn des 20. Jahrhunderts treffend unter „Die moderne Infrastruktur entsteht“ zusammen. Sparkassen, Verkehrswege, Elektrizität und technische Versorgung veränderten die Standortbedingungen grundlegend. Gleichzeitig treten in seinen Unterlagen nun ausdrücklich Fabriken, Arbeiter und Gewerkschaften auf.

1903 – endlich die Eisenbahn

Mit der WLE-Strecke erhielt Sendenhorst 1903 die lange gewünschte Bahnverbindung nach Münster sowie über Neubeckum Anschluss an weitere Streckennetze. Für Personenverkehr, Rohstoffversorgung und Warenabsatz war dies ein grundlegender Standortvorteil.

1907 folgte die elektrische Straßenbeleuchtung. Das kleinstädtische Wirtschaftsleben wurde zunehmend Teil einer modernen regionalen Infrastruktur.

Schlote über Sendenhorst

Um 1900 waren die Kornbrennereien technisch längst keine kleinen Nebenbetriebe mehr. Leistungsfähige Dampfkessel mit sechs bis neun Atmosphären Überdruck, Dampfmaschinen, Pumpen und Transmissionsanlagen verlangten eigene Kesselhäuser, mehrstöckige Brennereigebäude und hohe Schornsteine. Diese Schlote prägten die Silhouette Sendenhorsts noch bis zur Stadtsanierung der 1970er-Jahre.

Die Absatznetze wurden zugleich immer größer. Für die Brennerei Werring zeigt das Geschäftsmaterial von 1900 bis 1918 einen erheblich erweiterten Kundenkreis. Neben Privatkunden, Gaststätten sowie örtlichen Handwerks- und Handelsbetrieben gingen Lieferungen weiter ins Ruhrgebiet und darüber hinaus. Ein besonders großer Kunde war die Westfälische Landesbahn beziehungsweise deren Bahnhofsgastronomie: Allein an den Bahnhofswirt Borgmann in Münster lieferte Werring in den Jahren 1911 bis 1915 jeweils mehr als 11.000 Liter Korn pro Jahr.

Erster Weltkrieg, Brennverbot und Branntweinmonopol

Der Erste Weltkrieg traf die Branche besonders hart. Die meisten Kornbrennereien wurden mit einem Brennverbot belegt, das erst 1924 aufgehoben wurde. Acht Jahre Stillstand ließen alte Absatzmärkte wegbrechen. 1919 kam außerdem das staatliche Branntweinmonopol: Der größte Teil des Rohbrandes musste nun zu festgelegten Preisen an die Monopolverwaltung abgegeben werden; nur ein kleinerer Teil wurde von den Betrieben selbst zu Trinkkorn verarbeitet und vermarktet.

Paradoxerweise stabilisierte diese Regelung manche Sendenhorster Betriebe. Gerade in den 1920er-Jahren investierten zahlreiche Brenner wieder: Panning 1922, Hesse/Graute und Jönsthövel 1923, Bonse 1925 und Arens-Sommersell 1928 bauten neue Kesselhäuser, Brennereigebäude oder größere Anlagen. Mit den größeren Brennkapazitäten wuchsen auch die Stallungen, denn mehr Brand bedeutete zugleich mehr Schlempe als Viehfutter.

Der wirtschaftliche Erfolg war im Stadtbild sichtbar. Rötering, Arens-Sommersell und Werring ließen in den 1920er-Jahren repräsentative Wohnhäuser beziehungsweise Villen errichten. Brennerei, Landwirtschaft, Viehhaltung, Wohnhaus und Vermögen bildeten vielfach eine Einheit.

Korn aus Sendenhorst bis Brandenburg

Auch in den 1930er-Jahren blieb der Eigenvertrieb bedeutsam. Die Brennerei Horstmann besaß damals ein Brennrecht von 260 Hektolitern und vermarktete davon nach den ausgewerteten Unterlagen etwa 80 Prozent selbst. Beliefert wurden Sendenhorster Gaststätten, Handwerker und Privatkunden, aber auch Münster, das Ruhrgebiet, Bonn, Köln, Erfurt und sogar Friedersdorf in Brandenburg. Familien- und Geschäftsbeziehungen halfen, diese weiten Absatznetze aufzubauen.

Die Unterlagen des Stadt-Heimatarchivs zeigen zugleich, dass Sendenhorst Ende der 1930er-Jahre insgesamt noch stark ländlich und handwerklich geprägt war. Gerade deshalb fällt das Gewicht der Kornbrennereien umso stärker auf.

1930er und Zweiter Weltkrieg – „Kornbrennerei in Not“

1933 beschrieb die Fachpresse die Branche unter der Überschrift „Kornbrennerei in Not“. Absatzprobleme, unverändert hohe Kosten, Preisdruck und Schwarzbrennerei belasteten die Betriebe. 1935 verlor der Kornbrennerverein seine Selbständigkeit und wurde in die staatlich organisierte Wirtschaftsstruktur eingegliedert.

Ab 1936 schränkten Brennverbote für Brotgetreide die Produktion weiter ein. Während des Zweiten Weltkrieges und teilweise noch bis 1947/48 waren nahezu alle Sendenhorster Brenner betroffen. Eine wichtige Ausnahme war Everke, dessen Betrieb weiterarbeiten durfte. Die erhaltenen Familienakten dokumentieren zahlreiche Bitten an Fachgruppe und später Militärregierung um die Wiederaufnahme des Brennbetriebes.

1939 – noch keine Industriestadt

Eine zeitgenössische Beschreibung bezeichnet Sendenhorst als „ausgesprochen ländlich“.

Industrie sei nur wenig vorhanden.
Genannt wird lediglich eine landwirtschaftliche Maschinenfabrik.
Die Bevölkerung bestehe überwiegend aus kleinen Handwerkern und Arbeitnehmern.
Bemerkenswert: Noch immer werden 13 Kornbrennereien genannt.

Die Kriegswirtschaft ist in den Unterlagen des Stadt-Heimatarchivs bis in den Alltag hinein nachvollziehbar: Lebensmittel, Futter, Milch und Kohle wurden reglementiert. Anfang 1940 lag das Steinwerk Fischer zeitweise still, weil Nachfrage und Transportmöglichkeiten fehlten. Die Maschinenfabrik dagegen wurde im März 1940 als voll beschäftigt bezeichnet.

Nach 1945 – Liköre, Export und größere Brennrechte

Nach dem Krieg standen die Brennereien zunächst unter der Aufsicht der britischen Militärregierung. Erst mit der Bundesmonopolverwaltung für Branntwein wurden ab 1950 wieder dauerhafte Rahmenbedingungen geschaffen. Die Zahl der Sendenhorster Brennereien ging gegenüber der Vorkriegszeit zurück, die verbliebenen Betriebe wurden jedoch durch Zukauf von Brennrechten und technische Modernisierung deutlich größer.

Die 1950er-Jahre brachten zugleich einen bemerkenswerten Produktboom. Neben Münsterländer Korn, Wacholder und Doppelkorn stellten Betriebe wie Everke, Werring und Horstmann zahlreiche Liköre her. Zum Sortiment gehörten unter anderem Danziger Goldwasser, Vanille-, Zitronen-, Apfel-, Kümmel-, Mokka- und Kirschliköre sowie Marken wie „Sendenhorster Jagdschluck“. Die Gestaltung eigener Etiketten und Werbemittel wurde zu einem wichtigen Bestandteil des Wettbewerbs.

Besonders weit ging Everke: Über Kontakte zu jüdischen Geschäftsleuten, die während der NS-Zeit in die USA emigriert waren, exportierte die Brennerei nach dem Krieg Sendenhorster Korn, Liköre und sogar ein Whisky-Imitat in die Vereinigten Staaten. Damit ist spätestens für die Nachkriegszeit ein echter internationaler Warenverkehr aus Sendenhorst belegt: Ein traditionelles Produkt des münsterländischen Brennereistädtchens gelangte auf einen außereuropäischen Markt.

Weniger Betriebe – größere Rechte:

Arens-Sommersell: vor 1949 rund 259 hl Brennrecht, nach Neuveranlagungen und Zukäufen später 1.501 hl.
Horstmann: vor dem Krieg rund 260 hl, später 2.525 hl.

1945 – zurück zum Handwerk und gleichzeitig Neubeginn

Nach Kriegsende standen Versorgung und Wiederaufbau im Vordergrund. Wie lange traditionelle Erwerbsformen noch bestanden, zeigt ein kleines Detail aus den Gewerbeakten: 1946/47 arbeiteten in Sendenhorst noch vier Holzschuhmacherbetriebe beziehungsweise Betriebsstätten. Sie produzierten ganzjährig und mussten bei der staatlich gelenkten Holzzuteilung berücksichtigt werden.

Doch gleichzeitig begann die Nachkriegsindustrialisierung. Wohnungsbau, neue Gewerbeflächen, bessere Straßen und eine aktive Ansiedlungspolitik veränderten die Stadt.

Die ersten Nachkriegsjahrzehnte

Ein zeitgenössischer Rückblick um 1970 beschreibt einen erheblichen Zuwachs der Sendenhorster Wirtschaftskraft.

22 neue Gewerbebetriebe waren entstanden.
Davon gehörten 15 zur Eisen-, Holz-, Textil- oder Kunststoffindustrie.

1967 ff. – Stadtsanierung beendet das Brennereistädtchen im Stadtkern

Als der Rat am 2. Juni 1967 die Stadtsanierung beschloss, saßen noch acht Brennereien und Landwirtschaften mitten im Zentrum: Graute, Rötering, Arens-Sommersell, Hallermann/Panning, Jönsthövel, Everke, Lainck-Vissing und Silling an der Oststraße. Großviehställe, Wirtschaftsgebäude und die mit den Betrieben verbundenen Geruchsbelastungen gehörten ausdrücklich zu den Argumenten für die Sanierung.

In den folgenden Sanierungsabschnitten verschwanden sämtliche Brennereien des Stadtkerns samt Wirtschaftsgebäuden; auch mehrere repräsentative Wohnhäuser wurden abgebrochen. Damit endete innerhalb weniger Jahre ein Stadtbild, das über Generationen von Kesselhäusern, Stallungen und Brennereischornsteinen bestimmt gewesen war.

Die Brennereien als Arbeitgeber und Auftraggeber

Ihre wirtschaftliche Wirkung reichte weit über die eigentlichen Brenner hinaus. Für Neu- und Umbauten beauftragten die Familien nach Möglichkeit örtliche Architekten, Bauunternehmen, Maurer, Tischler, Schreiner, Fliesenleger und Maler. Größere Brennereien beschäftigten außerdem landwirtschaftliches und häusliches Personal. Ein anschauliches Beispiel ist der Everke-Haushalt um 1950: Zu ihm gehörten insgesamt 17 Personen, darunter ein Brenner, ein Schweizer-Ehepaar, Kindermädchen, Hausmädchen und Köchin.

Auch bei Sparkasse und Volksbank blieb der Einfluss der Brennerfamilien spürbar. In den Organen der Sparkasse saßen unter anderem Vrede, Ridder, Gerhard Werring und Bürgermeister Panning; später auch Carl Werring und Josef Horstmann. Bei der Volksbank wirkten unter anderem Arens-Sommersell, Wieler, Hermann Werring, Telges-Homann und Zurmühlen mit.

1969 – der Beginn der VEKA-Geschichte

1969 übernahm Heinrich Laumann die Firma VEKAPLAST in Sendenhorst. Der Betrieb beschäftigte damals lediglich acht Mitarbeiter und stellte Rollläden und Bauprofile her. Laumann setzte auf das damals noch junge Kunststofffenster und ließ ein erstes Fensterprofilsystem entwickeln.

Aus diesem kleinen Betrieb entstand innerhalb weniger Jahrzehnte ein international tätiges Unternehmen. Das Stadt-Heimatarchiv dokumentiert die Entwicklung unmittelbar: Am 21. April 1977 wurde die Einweihung der neuen VEKA-Betriebshallen an der Dieselstraße fotografisch festgehalten. Unter den Gästen befanden sich auch Hans-Günther und Irmgard das Stadt-Heimatarchiv.

Der Ausbau des Industriegebietes verlangte gleichzeitig neue Infrastruktur. Aus den 1970er-Jahren ist beispielsweise das VEW-Umspannwerk ausdrücklich als Stromversorgung für das Industriegebiet Schörmel dokumentiert.

VEKA – Unternehmensgeschichte

Das Stift wird zum Gesundheitszentrum

Parallel zur Industrie entwickelte sich das St.-Josef-Stift weiter. Seit etwa 1980 erfolgte die konsequente Spezialisierung auf Orthopädie und Rheumatologie. 1982 kamen Rheumaorthopädie sowie Anästhesie und Intensivmedizin hinzu, 1989 die Kinder- und Jugendrheumatologie und 1992 die Wirbelsäulenchirurgie.

Damit entstand neben Industrie und Handwerk ein zweiter überregional bedeutender Wirtschaftszweig: die Gesundheitswirtschaft.

Der Strukturwechsel des 20. Jahrhunderts

Leinenweberei ↓    Kornbrennerei ↓    Landwirtschaft ↓

Industrie ↑    Gesundheitswesen ↑    Handel und Dienstleistungen ↑

Quellen: Stadt-Heimatarchiv; Stadt-Heimatarchiv; Heimatverein Sendenhorst; VEKA-Unternehmensgeschichte; St.-Josef-Stift.

 

 

6. Nach 2000 – Globaler Mittelstand und Gesundheitswirtschaft

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts besitzt Sendenhorst eine Wirtschaftsstruktur, die mit dem kleinen Ackerbürgerstädtchen früherer Jahrhunderte kaum noch vergleichbar ist. Geblieben ist allerdings die starke Rolle familiengeführter und mittelständischer Unternehmen.

Die heutige Wirtschaftsstruktur wird insbesondere durch Maschinen- und Anlagenbau, Kunststoffindustrie, Gesundheitswesen, Logistik, Handwerk und Baugewerbe geprägt. Hinzu kommen Handel und zahlreiche Dienstleistungsbetriebe.

2007 – was von der Brennereistadt blieb

Der Begleitband „Schlote, Schnaps & Schlempe“ zog 2007 eine Zwischenbilanz: Im damaligen Kirchspiel bestanden noch die Brennereien Arens-Sommersell, Horstmann und Werring. Nach dem damaligen Stand stellte und vermarktete nur noch die Erlebnisbrennerei Horstmann in Rinkhöven selbst echten Sendenhorster Korn. Damit war aus einer einst das gesamte Stadtbild prägenden Branche ein kleiner, aber identitätsstarker Restbestand geworden.

Internationalität ist heute ein Standortmerkmal

Die Stadt Sendenhorst beschreibt ihre heutige Wirtschaftsstruktur selbst ausdrücklich als diversifiziert und international. Das ist für eine Stadt dieser Größe bemerkenswert: Sendenhorst ist nicht nur Produktionsort für die nähere Region, sondern Ausgangspunkt weltweiter Waren-, Technologie- und Geschäftsbeziehungen. Besonders sichtbar wird dies bei VEKA und WF Maschinenbau.

VEKA – vom Sendenhorster Kleinbetrieb zum Weltmarkt

Der Stammsitz der VEKA-Gruppe befindet sich weiterhin in Sendenhorst. Aus den acht Beschäftigten von 1969 entwickelte sich ein weltweit tätiger Hersteller von Kunststoffprofilsystemen für Fenster und Türen. Nach aktuellen Unternehmensangaben arbeitet die VEKA-Gruppe auf vier Kontinenten, an 53 Standorten und mit rund 7.000 Beschäftigten. Entwicklung und Steuerung wesentlicher Aktivitäten erfolgen weiterhin vom Hauptstandort Sendenhorst aus. Der Ort ist damit nicht bloß Sitz eines internationalen Unternehmens, sondern Schaltstelle eines weltweiten Unternehmensnetzes.

VEKA international

St.-Josef-Stift – Medizin als Wirtschaftsfaktor

Das St.-Josef-Stift ist längst nicht mehr nur ein Krankenhaus. Zur Stiftung gehören heute Fachklinik, Reha-Zentrum, medizinische Versorgungszentren sowie Pflege- und Betreuungseinrichtungen. Die Einrichtung zieht Patienten und Beschäftigte aus einer großen Region nach Sendenhorst und ist damit zugleich medizinischer, sozialer und wirtschaftlicher Standortfaktor.

St.-Josef-Stift – Geschichte

Spezialisierter Mittelstand

Neben den beiden großen Arbeitgebern besteht eine breite mittelständische Unternehmenslandschaft. Maschinenbau, Metallverarbeitung, Elektrotechnik, Fahrzeugzulieferung, Druck, Bau und Handwerk sorgen dafür, dass die Wirtschaft nicht von einem einzigen Betrieb abhängig ist.

Ein besonders deutliches Beispiel ist WF Maschinenbau und Blechformtechnik. Das Sendenhorster Unternehmen entwickelt hoch spezialisierte Maschinen und Verfahren der Metallumformung für einen globalen Kundenkreis. WF berichtet von Niederlassungen in Nordamerika und China, Vertretungen weltweit und Maschinenlieferungen in mehr als 50 Länder. Internationale Fachmessen und Kooperationen – von China und Indien bis zu Nordamerika – gehören heute selbstverständlich zum Geschäft. Das technische Know-how entsteht in Sendenhorst, die Maschinen arbeiten auf Märkten rund um den Globus.

WF – Von Sendenhorst in die Welt

Die Reichweite wächst über die Jahrhunderte

Mittelalter: Stadt und Kirchspiel
16.–18. Jahrhundert: Münster und das nähere Münsterland
19. Jahrhundert: Ruhrgebiet und weite Teile Deutschlands
20. Jahrhundert: deutschlandweiter Vertrieb und erste Übersee-Exporte
21. Jahrhundert: Europa, Amerika, Asien und weitere Weltmärkte

Eine kleine Stadt als bedeutender Arbeitsort

Für 2021 weist die Stadt Sendenhorst 5.365 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Arbeitsort aus. Gleichzeitig kamen rund 3.808 Einpendlerinnen und Einpendler zum Arbeiten in die Stadt. Für eine Kommune dieser Größe zeigt dies eine bemerkenswerte regionale Arbeitsplatzfunktion.

Als größte Arbeitgeber nennt die Stadt VEKA und das St.-Josef-Stift, jeweils mit deutlich mehr als 1.000 Beschäftigten.

Die heutigen Herausforderungen heißen deshalb nicht mehr Absatzkrise der Leinweber oder Mangel an Brennholz. Es geht um Fachkräfte, Gewerbeflächen, Energie, Verkehrsanbindung, Digitalisierung, Genehmigungsverfahren und internationale Wettbewerbsfähigkeit. Gerade weil wichtige Sendenhorster Unternehmen auf Weltmärkten arbeiten, wirken internationale Konjunktur, Lieferketten, Handelsbeziehungen, technologische Entwicklungen und globale Konkurrenz heute unmittelbar bis in das Industriegebiet Schörmel hinein.

Stadt Sendenhorst – internationaler Wirtschaftsstandort

Quellen: Stadt Sendenhorst; VEKA AG; Stiftung St.-Josef-Stift; Stadt-Heimatarchiv; Unternehmens- und Pressebestände.

 

 

Sendenhorster Wirtschaft in Zahlen

ZEIT · GEWERBE · INDUSTRIE · HANDEL · INTERNATIONALE VERFLECHTUNG

JAHR WIRTSCHAFTLICHES SCHLAGLICHT
1373 Wirt urkundlich nachgewiesen.
1415 Schmied nachgewiesen.
1471 Schneider und Schuhmacher.
1475 Müller nachgewiesen.
1698 67,9 % Handwerk; 66 Weber.
1749/50 126 von 242 Haushalten werden von Handwerkern geführt.
1771 Noch 3.575 Reichstaler städtische Kriegsschulden.
1805 1.294 Einwohner; 55 Leinweber; 12 Braustellen; 3 Branntwein-Brennstellen.
1831 Vier Sendenhorster Kornbrennereien sicher nachgewiesen.
1847–1860 Deutlicher Ausbau der Branche; zahlreiche neue Brennereien in Stadt und Kirchspiel.
1867 Sparkasse eröffnet; erstes Kontor im Haus des Brennereibesitzers Heinrich Brüning.
1832 60,7 % Handwerk; noch 63 Weber.
1843 Leinenweberei im Niedergang; Brennereien mit gutem Absatz.
1871 Stadt bietet für einen Bahnanschluss sogar kostenloses Bahnhofsgelände an.
1879/80 Beginn der Arbeiten an der Strontianitgrube Anna/Ostfeld.
1889 Eröffnung des St.-Josef-Stifts.
1897 Gründung der Spar- und Darlehnskasse.
1898 Ramesohl eröffnet Fabrikzweigstelle am Osttor.
1911–1915 Werring liefert allein an einen Münsteraner Bahnhofswirt jährlich mehr als 11.000 Liter Korn.
1919 Branntweinmonopol verändert Produktion und Vertrieb grundlegend.
1924 Aufhebung des langjährigen Brennverbots; Ausbau mehrerer Sendenhorster Betriebe.
1903 WLE-Bahnanschluss.
1939 Nur geringe Industrie, eine landwirtschaftliche Maschinenfabrik, noch 13 Kornbrennereien.
1950er Korn- und Likörproduktion erholt sich; Everke exportiert sogar in die USA.
1967 Noch acht Brennereien/Landwirtschaften im Stadtkern; Beginn der Stadtsanierung und Verlagerung.
1946/47 Noch vier Holzschuhmacherbetriebe bzw. Betriebsstätten.
ca. 1970 22 neue Gewerbebetriebe seit der Nachkriegszeit, davon 15 Industriebetriebe.
1969 Heinrich Laumann übernimmt VEKAPLAST mit acht Beschäftigten.
1977 Einweihung der VEKA-Betriebshallen an der Dieselstraße.
2007 Begleitband nennt noch Arens-Sommersell, Horstmann und Werring; nur Horstmann produziert und vermarktet damals selbst Sendenhorster Korn.
21. Jh. Sendenhorster Industrieunternehmen arbeiten weltweit; VEKA steuert ein Unternehmensnetz auf vier Kontinenten, WF liefert Maschinen in mehr als 50 Länder.
2021 5.365 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Arbeitsort; rund 3.808 Einpendler.

 

 

Zeittafel – wirtschaftliche Entwicklung

ZEITRAUM · STRUKTURWANDEL · REICHWEITE

VOR 1500
Landwirtschaft, örtlicher Markt und Grundhandwerk.
1500–1700
Handwerk wächst; Leinenweberei wird zum Massengewerbe.
1700–1800
Weber, Tagelöhner und zunehmende Kornbrennerei.
1800–1900
Krise der Leinenweberei; Aufstieg der Kornbrennereien, überregionaler Vertrieb, Banken, Verkehr, Strontianit und erste Fabriken.
1900–2000
Kornbrennereien auf dem Höhepunkt, Brennverbote und Stadtsanierung; daneben Industrieaufbau, Gesundheitswesen und VEKA.
NACH 2000
Global vernetzter Mittelstand, Kunststoffindustrie und Maschinenbau auf Weltmärkten, ergänzt durch Gesundheitswirtschaft.

Vom Webstuhl zum Weltmarkt

Sendenhorsts Wirtschaftsgeschichte ist vor allem eine Geschichte ständiger Anpassung – und einer immer größeren räumlichen Reichweite. Der mittelalterliche Schmied arbeitete für einen kleinen lokalen Markt. Die Weber und Handwerker orientierten sich bereits stärker in die Region. Im 19. Jahrhundert verkauften Sendenhorster Kornbrenner ihre Produkte weit über das Münsterland hinaus; im 20. Jahrhundert erreichten einzelne Erzeugnisse sogar die USA. Nach 1945 entstand schließlich eine Industriestruktur, deren Unternehmen heute selbstverständlich auf internationalen Märkten tätig sind. Aus einem Betrieb mit acht Beschäftigten wurde mit VEKA ein Unternehmen mit Standorten auf vier Kontinenten; WF liefert Spezialmaschinen in mehr als 50 Länder. Die Entwicklung führt damit vom örtlichen Markt über regionale und deutschlandweite Handelsräume bis in die Weltwirtschaft – bei weiterhin starkem Sitz, Eigentum, Know-how und Produktionsbezug zu Sendenhorst.

 

Quellen und weiterführende Informationen

• Hans-Günther Fascies (HGF), Stadt-Heimatarchiv Sendenhorst: historische Arbeitsunterlagen, Aktenauszüge, Stadtchronik, Gewerbe-, Sozial- und Wirtschaftsunterlagen im Stadt-Heimatarchiv Sendenhorst.

• Ulrike Frede / Hans-Joachim Brüning (Bearbeitung und Bildmaterial): „Schlote, Schnaps & Schlempe – Die Kornbrenner von Sendenhorst“, Begleitband zur Ausstellung des Arbeitskreises Stadtgeschichte des Heimatvereins Sendenhorst, 2007. Besonders ausgewertet für Brennereitechnik, Betriebe, Vertriebswege, Banken, Arbeitgeber, Werbung und Stadtsanierung.

• Heinrich Petzmeyer: Sendenhorst – Geschichte einer Kleinstadt im Münsterland, insbesondere „Rückschau auf 500 Jahre städtisches Handwerk“.

• Stadt-Heimatarchiv Sendenhorst: Gewerbeakten I–III, Berufsgliederungen 1698, 1749/50, 1805, 1809, 1829/32 sowie Brennerei-, Handwerks- und Strontianitakten.

• Heimatverein / Stadt Sendenhorst 1975: zeitgeschichtliche Stadtdarstellung, Gestaltung und Zusammenstellung u. a. Hans-Günther Fascies.

• Heimatverein Sendenhorst: Kornbrenner, Strontianit und historische Jahreschroniken.

• VEKA AG: Unternehmensgeschichte .

• Stiftung St.-Josef-Stift: Geschichte des St.-Josef-Stifts .

• Stadt Sendenhorst: Stadt Sendenhorst – internationaler Wirtschaftsstandort .

Kontakt

Heimatverein Sendenhorst e.V.
Weststraße 3

48324 Sendenhorst

Rufen Sie einfach an unter

+49 170.7372307
Kontaktformular.

Wetter

 

Antrag auf Mitgliedschaft im Heimatverein Sendenhorst e.V. für nur 1,- EUR / Monat

 
Druckversion | Sitemap
© Sendenhorst Heimatverein