Sechs Jahrzehnte Planung, Streit und Warten
Kaum ein Verkehrsprojekt begleitet Sendenhorst schon so lange wie die geplante Ortsumgehung. Bereits in den 1960er-Jahren wurden erste Trassen untersucht. Seitdem änderten sich Verlauf, Straßenbezeichnung und Planungskonzept mehrfach. Eine Südumgehung verschwand, eine großräumige Nordostverbindung scheiterte, 1996 begann die Planung praktisch noch einmal von vorn. Heute ist die Trasse der rund 5,8 Kilometer langen Nordumgehung seit Jahren festgelegt – gebaut ist sie noch immer nicht.
● Eine Straße, an die kaum noch jemand glaubt?
Wer heute in Sendenhorst nach der Umgehungsstraße fragt, hört nicht selten: „Die kommt doch sowieso nicht mehr.“ Diese Skepsis ist verständlich. Mehrere Generationen haben Planungen, Untersuchungen, neue Termine und veränderte Trassen erlebt. Tatsächlich ist das Projekt aber auch 2026 nicht aufgegeben. Hinter den Kulissen laufen weiterhin technische und naturschutzfachliche Planungen. Ein Baubeginn ist daraus allerdings noch nicht abzuleiten.
● Inhalt
1 · 1960er 2 · Flughafen 3 · L 520m 4 · Streit 5 · Neustart 6 · Trassenstreit 7 · 2013 8 · Verkehrsproblem 9 · 2019–2024 10 · Stand 2026 Zeittafel Quellen
Die heute sicher belegbare Geschichte der Sendenhorster Ortsumgehung beginnt in den 1960er-Jahren. Bereits damals wurde darüber nachgedacht, den wachsenden Kraftfahrzeugverkehr nicht mehr vollständig durch die Innenstadt zu führen. [1]
Die erste Planung hatte mit der heutigen Trasse wenig gemeinsam. Vorgesehen war eine Umgehungsstraße südlich von Sendenhorst. Damit hätte die Stadt auf ihrer Südseite eine neue Verkehrsachse erhalten.
Die Idee entstand in einer Zeit rasant wachsender Motorisierung. Die alten Straßen Sendenhorsts waren für Pferdefuhrwerke, Fahrräder und vergleichsweise wenige Fahrzeuge entstanden. In den Nachkriegsjahrzehnten nahmen Pkw-, Lastwagen- und landwirtschaftlicher Verkehr jedoch erheblich zu. Die jahrhundertealte Stadtstruktur ließ sich diesem Wandel nur schwer anpassen.
Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre griff ein gigantisches Verkehrsprojekt in die Entwicklung ein: Zwischen Sendenhorst, Albersloh und Drensteinfurt sollte der Dritte Internationale Flughafen Nordrhein-Westfalens entstehen.
Ein Flughafen dieser Größenordnung hätte das gesamte Straßennetz der Region verändert. Selbst die Straße zwischen Sendenhorst und Albersloh hätte spätestens mit dem Ausbau des Flughafens verlegt oder aufgehoben werden müssen. [2]
Die damals diskutierte Südtangente hätte zugleich eine günstige Zuführung in Richtung Flughafen ermöglicht. Auch die Siedlungsentwicklung südlich Sendenhorsts muss vor diesem damals noch offenen Planungshorizont gesehen werden.
Anfang 1973 war das Flughafenprojekt endgültig gescheitert. Mit ihm verlor auch die südliche Umgehungsplanung einen wichtigen Bezugspunkt. Die Stadt führt aus, dass diese Variante anschließend nicht weiterverfolgt wurde. [1]
Nach dem Ende des Flughafens wurde nicht einfach die alte Planung wieder aufgenommen. Stattdessen entstand ein völlig neues Konzept.
Mitte der 1970er-Jahre begannen Planungen für eine großräumige Verbindung, die in den Unterlagen als L 520m beziehungsweise in älteren Planungszusammenhängen auch mit verwandten L-520-Bezeichnungen auftaucht.
Diese Straße sollte nicht allein Sendenhorst umfahren. Sie war Teil eines großräumigen Verkehrskonzeptes für Wolbeck, Albersloh und Sendenhorst. Die neue Linie sollte nordöstlich an Sendenhorst vorbeiführen. [1]
Je konkreter die Planung wurde, desto größer wurde der Widerstand. Kritiker bezweifelten, dass es sich überhaupt noch lediglich um eine örtliche Entlastungsstraße handelte. Sie sahen in der L 520 vielmehr eine leistungsfähige neue Verbindung zwischen dem östlichen Münsterland und Münster. [3]
Hinzu kamen naturschutzfachliche Bedenken. Im August 1987 wandte sich der Beirat bei der Höheren Landschaftsbehörde gegen die damaligen Planungen für den ersten und zweiten Bauabschnitt der Sendenhorster Ortsumgehung. Insbesondere Waldflächen und die Zerschneidung der Landschaft spielten dabei eine Rolle. [4]
Trotzdem verschwand die Straße zunächst nicht aus der Landesplanung. Noch Anfang der 1990er-Jahre wurde sie weitergeführt.
1994 kam das Aus für die großräumige L-520m-Lösung. Nach Angaben der Stadt wurde die Planung nach erheblichen Protesten verschiedener Verbände und großer Teile der Bevölkerung nicht weiterverfolgt. [1]
Damit endete nach fast zwei Jahrzehnten die zweite große Planungsgeneration. Doch das eigentliche Verkehrsproblem war damit natürlich nicht verschwunden.
1996: Planerischer Neustart
Auf einer Regionalen Verkehrskonferenz wurde beschlossen, die alte großräumige Planung aufzugeben. Stattdessen sollten für Wolbeck, Albersloh und Sendenhorst ortsnahe Einzellösungen entwickelt werden.
Genau aus diesem Neubeginn entwickelte sich die heutige Sendenhorster Umgehungsstraße.
Auch die neue, ortsnähere Planung verlief nicht konfliktfrei. Verschiedene Trassenvarianten mussten untersucht und ihre Auswirkungen auf Menschen, Landwirtschaft, Natur und Landschaft bewertet werden.
2008 nahm der Rat eine Umweltverträglichkeitsstudie zur Kenntnis. Gleichzeitig protestierten Anlieger gegen die von Stadt und Landesbetrieb bevorzugte Variante.
Ein örtlich besonders interessantes Detail war die sogenannte „Westhoff-Runde“. Dieser von Spaziergängern und Radfahrern genutzte Bereich wurde als informeller Naherholungsraum wahrgenommen. In den damaligen Diskussionen wurde kritisiert, seine Bedeutung sei in den Untersuchungen nicht ausreichend berücksichtigt worden. [5]
Die Geschichte zeigt damit einen dauerhaften Zielkonflikt: Die Innenstadt sollte entlastet werden – gleichzeitig mussten Grundstückseigentum, Landwirtschaft, Landschaftsschutz und die Interessen unmittelbar betroffener Anlieger berücksichtigt werden.
2011 wurden die Ortsumgehungen Sendenhorst und Albersloh als Maßnahmen eingestuft, die vorrangig weitergeplant werden sollten. [6]
Zwei Termine des Jahres 2013 sind für die heutige Planung entscheidend:
25. Oktober 2013: Das zuständige Landesministerium stimmt der vorgesehenen Linienführung zu.
25. November 2013: Die Bezirksregierung Münster bestimmt die Linie förmlich.
Damit war der grundsätzliche Verlauf derjenigen Straße festgelegt, über die auch 2026 noch gesprochen wird. [1]
Die heutige Planung sieht eine rund 5,8 Kilometer lange Umgehungsstraße nördlich von Sendenhorst vor.
Sie beginnt westlich der Stadt im Bereich des Knotens L 851/L 586, führt nördlich an Sendenhorst vorbei und trifft östlich wieder auf die L 586. Die L 520, L 811 und L 851 sollen angebunden werden.
Eine Besonderheit
Die geplante Straße kreuzt die Strecke der Westfälischen Landes-Eisenbahn gleich zweimal. Für die Querungen sind entsprechende Brückenbauwerke erforderlich.
Damit treffen zwei der langlebigsten Sendenhorster Verkehrsprojekte unmittelbar aufeinander: die geplante Ortsumgehung und die wieder für den Personenverkehr vorgesehene WLE-Strecke.
Die Notwendigkeit der Entlastung wird insbesondere an der Oststraße sichtbar. Dort treffen Schwerlastverkehr und andere große Fahrzeuge auf eine historische, teilweise sehr enge Straßenstruktur. Für Fußgänger, Menschen mit Rollator oder Rollstuhl sowie Familien mit Kinderwagen entstehen schwierige Situationen.
Ein oft übersehener Schritt erfolgte 2019. Land, Straßen.NRW, Kreis Warendorf und Stadt Sendenhorst verständigten sich darauf, die weitere Planung gemeinsam zu unterstützen. [7]
Die Stadt sollte unter anderem Baugrunduntersuchungen organisieren, der Kreis planungsbegleitende Vermessungsarbeiten übernehmen. Die Ergebnisse gingen anschließend an Straßen.NRW zurück.
Solche Arbeiten sind unspektakulär, aber notwendig. Eine Straße kann erst detailliert geplant werden, wenn Höhen, Gewässer, Wege, Baugrund, vorhandene Bauwerke, Bahnquerungen und zahlreiche weitere Rahmenbedingungen genau bekannt sind.
15. Juni 2023
Der Rat der Stadt Sendenhorst verabschiedete einstimmig eine Resolution, mit der Land und Straßen.NRW zu einer deutlichen Beschleunigung der Ortsumgehungen Sendenhorst und Albersloh aufgefordert wurden.
Der Rat verwies unter anderem auf die Belastung der Ortsdurchfahrten, Probleme für Menschen mit eingeschränkter Mobilität und die seit Jahren weiter zunehmenden Verkehrsmengen. [6]
In den Planungsunterlagen des Landes wurde die Sendenhorster Maßnahme 2024 bereits mit fortgeschrittenem Vorentwurfsstatus geführt. Ein Planfeststellungsbeschluss lag damit jedoch noch nicht vor. [8]
Auch Jahrzehnte nach Beginn der ersten Planungen ist die Umgehung nicht vergessen. Öffentlich sichtbare Großereignisse gibt es allerdings kaum. Gerade deshalb entsteht in Sendenhorst leicht der Eindruck, das Projekt sei längst eingeschlafen.
Die öffentlich zugänglichen Unterlagen zeigen jedoch, dass weitergearbeitet wird. Noch 2025 wurde von vorbereitenden Arbeiten an der Entwurfsplanung gesprochen. [9]
Im Sommer 2026 schrieb Straßen.NRW für das Projekt „L 586 OU Sendenhorst/Albersloh“ erneut faunistische Kartierungen aus. [10]
Solche Untersuchungen sind für die artenschutzrechtliche Beurteilung eines Straßenbauprojektes erforderlich. Bestände von Vögeln, Fledermäusen und anderen relevanten Tierarten müssen aktuell erfasst werden, bevor die Planung rechtssicher weitergeführt werden kann.
Stand August 2026
Die Sendenhorster Ortsumgehung ist weiterhin ein aktives Planungsprojekt. Nach den öffentlich auffindbaren Unterlagen befindet sie sich jedoch noch vor einem abgeschlossenen Planfeststellungsverfahren und damit deutlich vor einem Baubeginn.
Die treffendste Beschreibung lautet deshalb: Die Straße ist heute konkreter geplant, als viele Sendenhorster glauben – aber noch weiter vom ersten Spatenstich entfernt, als man nach mehr als sechs Jahrzehnten Planung erwarten dürfte.
Warum glaubt kaum noch jemand daran?
Wer die Geschichte kennt, versteht die Skepsis. Eine Südumgehung wurde geplant und aufgegeben. Eine großräumige
Nordoststraße wurde fast zwanzig Jahre verfolgt und 1994 beendet. 1996 begann man neu. 2013 wurde die heutige Linie bestimmt. Seitdem folgen Untersuchungen, Vermessungen, Entwürfe und neue
Planungsstufen.
Deshalb reicht der heutige Stand noch nicht für den Satz „Jetzt kommt sie.“ Für den Satz „Das Projekt ist noch da und wird weiterbearbeitet“ gibt es dagegen auch
2026 gute Belege.
● Zeittafel
1960er – erste sicher belegte Planungen; Südumgehung.
um 1970 – Großflughafenplanung verändert Straßen- und Siedlungsplanung.
1973 – Flughafenprojekt endet; Südumgehung wird nicht weiterverfolgt.
Mitte 1970er – Beginn der großräumigen L-520m-Planung.
1980er – zunehmender Widerstand und naturschutzfachliche Kritik.
1994 – Aufgabe der bisherigen Großplanung.
1996 – Neustart mit ortsnahen Einzellösungen für Wolbeck, Albersloh und Sendenhorst.
2008 – Umweltverträglichkeitsstudie und erneute Diskussion über die Trassenführung.
2011 – Sendenhorst und Albersloh sollen vorrangig weitergeplant werden.
25.10.2013 – Zustimmung des Landes zur Linienführung.
25.11.2013 – Linienbestimmung durch die Bezirksregierung Münster.
2018 – Verkehrszählungen zeigen gegenüber früheren Werten deutliche Zunahmen.
2019/20 – Stadt und Kreis unterstützen Straßen.NRW bei Baugrund- und Vermessungsarbeiten.
15.06.2023 – Ratsresolution zur Beschleunigung der Ortsumgehungen.
2024 – fortgeschrittener Vorentwurfsstatus in den Landesunterlagen.
2025 – öffentlich weiterhin vorbereitende Arbeiten an der Entwurfsplanung.
2026 – Straßen.NRW lässt erneut faunistische Kartierungen durchführen.
Forschungsnotiz: 1952?
Bei einer früheren Archivrecherche fiel einmal ein Hinweis aus dem Jahr 1952 auf, der möglicherweise bereits mit einer Verkehrs- oder Umgehungsplanung für Sendenhorst in Zusammenhang stand. Die betreffende Fundstelle wurde damals nicht fotografiert und konnte bislang weder im eigenen Bestand noch bei erneuter Suche im Kreisarchiv wieder aufgefunden werden. 1952 wird deshalb ausdrücklich nicht als belegter Beginn der Umgehungsstraßenplanung gewertet. Der Hinweis bleibt lediglich als offene Forschungsfrage bestehen.
Quellen und Unterlagen
[1] Stadt Sendenhorst: Ortsumgehungen Sendenhorst und Albersloh .
[2] Stadt-Heimatarchiv / Heimatverein Sendenhorst: Forschungsunterlagen zum geplanten Dritten Internationalen Flughafen NRW zwischen Sendenhorst, Albersloh und Drensteinfurt.
[3] Landtag Nordrhein-Westfalen: Unterlagen und Eingaben zur Planung der L 520 / Ortsumgehung Sendenhorst, insbesondere Mitte der 1980er-Jahre.
[4] Landtag Nordrhein-Westfalen: Beratung des Landschaftsbeirates zur L 520 Ortsumgehung Sendenhorst, August 1987.
[5] Stadtspiegel Sendenhorst / Stadt-Heimatarchiv: Berichte zur Umweltverträglichkeitsstudie und zur Diskussion um die bevorzugte Trassenvariante, 2008/2009.
[6] Stadt Sendenhorst: Ratsresolution an den Verkehrsausschuss des Landtags Nordrhein-Westfalen, 15. Juni 2023.
[7] Kreis Warendorf: Planungsvereinbarungen und Unterlagen zur Unterstützung der Planung der Ortsumgehungen Sendenhorst und Albersloh, 2019/2020.
[8] Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr Nordrhein-Westfalen: Planungsstand der Landesstraßenmaßnahmen, 2024.
[9] Wirtschaft aktuell: Bericht zur Verkehrsentwicklung und Ortsumgehung Sendenhorst, Juli 2025.
[10] Landesbetrieb Straßenbau Nordrhein-Westfalen: Ausschreibung faunistischer Kartierungen für „L 586 OU Sendenhorst/Albersloh“, 2026.
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