Pferdewagen → erstes Automobil → Taxi & Lkw → Massenmotorisierung → Verkehrsproblem
Inhaltsverzeichnis
Vor dem Auto – Pferde und Fuhrwerke bestimmen die Stadt
Noch um 1900 war Sendenhorst eine Stadt ohne nennenswerten Kraftfahrzeugverkehr. Wer Waren transportieren wollte, spannte Pferde vor den Wagen. Die Brennereien, landwirtschaftlichen Betriebe, Kohlenhändler, Bäcker und andere Gewerbetreibende waren auf Fuhrwerke angewiesen. Auf dem Pflaster rasselten Melkwagen, Milchkannen, Bockkarren und schwer beladene Pferdewagen. [1]
Auch sonntags blieb das Pferd Verkehrsmittel. Bauern kamen mit Kutschen zum Kirchgang in die Stadt. An verschiedenen Gaststätten und Häusern konnten die Tiere ausgespannt und in Stallungen untergebracht werden. Straßenraum und Häuser waren für diese Art des Verkehrs entstanden – nicht für mehrere tausend Kraftfahrzeuge.
Wie lange sich diese alte Verkehrswelt hielt, zeigt ein bemerkenswertes Detail: Noch bis Februar 1967 wurde der Sendenhorster Leichenwagen von zwei Pferden gezogen. Während anderswo der VW Käfer bereits zum Sinnbild des Wirtschaftswunders geworden war, gehörte in Sendenhorst also noch ein Stück des alten Fuhrwerkszeitalters zum Straßenbild. [1]
Die ersten Automobile – eine kleine Quellenfrage
Wann genau das erste Automobil durch Sendenhorst fuhr, lässt sich derzeit nicht mit letzter Sicherheit bestimmen. Eine Überlieferung des Heimatvereins nennt den Arzt Dr. Josef Roerkohl, der von 1910 bis 1915 in Sendenhorst praktizierte, als einen der ersten Sendenhorster Autobesitzer. [1]
Die Fascies-Akten machen die frühe Motorisierung konkreter: Bereits 1921 ist ein Kraftrad des Sendenhorsters Hermann Jaspert aktenmäßig greifbar. In einem Nachweis über beantragte Erlaubnisscheine für Kraftfahrzeuge vom 7. November 1924 werden außerdem die Ärzte Dr. Bernhard Geiping, Südstraße, und Dr. Theodor Untiedt, Oststraße, ausdrücklich genannt. Damit ist die Motorisierung Sendenhorsts in den frühen 1920er Jahren nicht nur durch Erinnerung und Fotos, sondern auch durch Verwaltungsakten belegt. [11]
Heinrich Petzmeyer wiederum veröffentlichte ein historisches Foto mit der ausdrücklichen Bildunterschrift „Das erste Automobil in Sendenhorst“. Zu sehen ist der Kraftwagen des Arztes Dr. Geiping vor der Schenkwirtschaft Vossding an der Südstraße, datiert auf etwa 1925. [2]
Was ist nun richtig?
Die Formulierung „einer der ersten“ bei Dr. Roerkohl bleibt die vorsichtigste. Petzmeyers Bildunterschrift zeigt, dass Geipings Wagen in der lokalen Erinnerung als „erstes Automobil“ galt. Fascies
liefert dazu einen wichtigen Gegencheck: Geiping und Untiedt stehen bereits 1924 in einem Kraftfahrzeug-Erlaubnisnachweis. Das belegt frühen Autobesitz, entscheidet aber nicht, welcher Wagen
tatsächlich der allererste war. Die Quellen sollten deshalb bewusst nebeneinander stehen. [11]
Für die meisten Sendenhorster blieb ein Auto zunächst ohnehin unerreichbar. Das Kraftfahrzeug war kein alltäglicher Gebrauchsgegenstand, sondern etwas Besonderes. Erst nach dem Ersten Weltkrieg nahm die Zahl der Automobile spürbar zu – und mit ihnen entstand eine völlig neue Infrastruktur.
Tankstellen, Taxi und erste Lastwagen
Mit den ersten Autos entstand in Sendenhorst fast gleichzeitig ein neues Gewerbe: der Verkauf von Benzin. Eine spätere verkehrsgeschichtliche Zusammenstellung nennt nach dem Ersten Weltkrieg mehrere frühe Treibstoffverkaufsstellen an Ost- und Weststraße. Durch Hauskataster, Petzmeyer-Akten, Fascies und das Bildarchiv lässt sich diese erste Tankstellengeneration heute deutlich genauer fassen. [1] [9] [11]
Die erste Tankstellengeneration – um 1930
Bemerkenswert ist, wie viele Zapfstellen es schon um 1930 gab. Meist handelte es sich noch nicht um große Tankstellen heutiger Art, sondern um einzelne Zapfsäulen vor bestehenden Geschäften, Gastwirtschaften oder Werkstätten.
| Zeit | Betreiber | Ort | Beleg / Gesellschaft |
|---|---|---|---|
| bis 1930 | Johann Happe | Oststraße | 1930 als Tankstelle der Deutsch-Amerikanischen Petroleum-Gesellschaft belegt. Ein Foto von 1920 zeigt das Haus noch ohne Tankstelle; 1930 und 1935 ist die Zapfsäule im Bildarchiv nachweisbar. |
| 1930 | Wilhelm Meyer | Oststraße | Allgemeine Oel-Handelsgesellschaft. Bereits 1929 betrieb Meyer neben dem Elektrogeschäft auch eine Autovermietung. |
| ab 1930 | Theodor Jaspert | Oststraße | Deutsche Petroleum-Verkehrsgesellschaft. Jaspert kam aus dem Fahrrad- und Motorradhandel und bot bereits 1926 Fahrzeuge, Ersatzteile und Reparaturen an. |
| 1930 | Bernhard Herweg | Weststraße / Hotel Ridder | Tankstelle des Deutschen Benzol-Vertriebs Dortmund. |
| 1930 | Theodor (Schulze-)Elmenhorst | Weststraße | Tankstelle der Rhenania-Ossag, Düsseldorf. |
| frühe Zeit | Bernhard Werring | Weststraße | In der späteren Sendenhorster Verkehrsübersicht als frühe Treibstoffverkaufsstelle genannt; ein genaues Eröffnungsjahr ist in den bislang gefundenen Hauskataster-Einträgen nicht eindeutig belegt. |
Damit gab es um 1930 bereits eine erstaunlich dichte Versorgung. Die Zapfsäule war damals häufig nur ein Zusatzgeschäft: Happe verband sie mit Fahrrad- und Motorradhandel, Meyer mit Elektrogeschäft und Autovermietung, Jaspert mit Zweiradhandel, Herweg und Elmenhorst mit der Gastwirtschaft. Erst später entwickelte sich daraus die klassische Kombination aus Tankstelle, Werkstatt und Autohaus. [9]
Der Lastwagen war zu dieser Zeit ebenfalls schon mehr als eine technische Kuriosität. Fascies dokumentiert für 1927 eine Beschwerde über die Lastkraftwagen des Hartsteinwerks Fischer, die regelmäßig nach Münster fuhren. Beanstandet wurde, dass statt 3.000 angeblich 3.500 Steine geladen worden seien. Unabhängig vom Streit über die Beladung ist der Vorgang ein klarer Beleg dafür, dass gewerblicher Lkw-Verkehr in Sendenhorst bereits in den 1920er Jahren eine Rolle spielte. [11]
Gleichzeitig begann das alte Hauderergewerbe, sich zu motorisieren. Ein historisches Bild zeigt die Schulstraße mit dem ersten Taxi um 1930. Heinrich Decker wird in einer Sendenhorster Erinnerung noch als „Hauderer – heute würde man sagen Taxi-Unternehmer“ beschrieben. [3]
Vor dem Zweiten Weltkrieg bestanden bereits vier Taxiunternehmen: H. Decker, W. Schubert, W. Möllers und W. Hövelmann. Damit hatte sich aus dem vereinzelten Automobil innerhalb von nur zwei Jahrzehnten bereits ein kleines örtliches Kraftfahrzeuggewerbe entwickelt. [1]
Mit den Kraftfahrzeugen kamen auch neue Verkehrsprobleme. Fascies verzeichnet für 1930 einen frühen Unfall nach einer unerlaubten „Schwarzfahrt“: Der Kraftfahrer B. Blomberg verletzte dabei mehrere Personen. Für den 18. Juli 1936 ist eine ausdrückliche Verkehrskontrolle im Amtsbereich Sendenhorst dokumentiert. Zwei Radfahrer und drei Kraftradfahrer erhielten gebührenpflichtige Verwarnungen; ein Kraftrad wurde sichergestellt, bei Pkw und Lkw gab es keine Beanstandungen. [11]
Eine spätere Sendenhorster Verkehrsübersicht nennt Josef Feidieker als ersten Lkw-Besitzer und August Holtkamp als zweiten. Die Fascies-Akten zeigen jedoch, dass die frühe Lkw-Geschichte breiter war: 1927 waren bereits Lastkraftwagen des Hartsteinwerks Fischer unterwegs. Besonders anschaulich ist ein Vorgang von 1937. Weil für die Telgter Wallfahrt nur schwer Pferdefuhrwerke zu bekommen waren, sollten zwei Lkw eingesetzt werden – einer von Josef Feidieker für Gerät und Begleitpersonal, ein zweiter von B. Silling für eventuell fußkrank werdende Pilger. Der Landrat untersagte allerdings die Personenbeförderung auf den Lastwagen. Gerade dieser Vorgang zeigt den Übergang vom Pferdewagen zum Motorfahrzeug unmittelbar im Alltag. [1] [11]
Krieg und schwieriger Neubeginn
Der Zweite Weltkrieg unterbrach die normale Entwicklung des privaten Kraftverkehrs. Kraftstoff, Fahrzeuge, Reifen und Ersatzteile waren knapp oder wurden für militärische Zwecke benötigt. Im Frühjahr 1945 bekam Sendenhorst dann Kraftfahrzeuge in einer ganz anderen Dimension zu sehen: amerikanische Spähwagen und Panzer rückten vom Westtor kommend in die Stadt ein.
Wie unmittelbar der Krieg auf den privaten Autobesitz zugriff, zeigt ein Fascies-Aktenvermerk von 1939. Frau Heinrich Decker ließ sich schriftlich bestätigen, dass der Pkw ihres zum Heeresdienst einberufenen Mannes, Kennzeichen IX 7446, für den Reichsluftschutzbund beschlagnahmt worden war. In ihrem Schreiben hob sie hervor, dass der Wagen zuvor betriebsfertig, voll Benzin und mit sechs Reifen ausgestattet gewesen sei. [11]
Nach dem Krieg begann die Motorisierung zunächst langsam. Viele Menschen waren weiterhin auf Fahrrad, Bahn oder Fußweg angewiesen. Doch mit dem Wiederaufbau wuchs der Bedarf an Transportleistung schnell. Baumaterial, Kohle, Lebensmittel und Waren mussten bewegt werden – und der Lkw wurde dabei immer wichtiger.
Auch die automobile Infrastruktur wurde wieder aufgebaut beziehungsweise erweitert. Nach dem Krieg werden unter anderem die Tankstelle Schüttelhöfer am Westtor, die Tankstelle Holtkamp an der Lorenbeckstraße und die Tankstelle Tigger am Osttor genannt. [1]
Wirtschaftswunder – der Lkw übernimmt
Wie stark der Lkw bereits während des Wiederaufbaus eingesetzt wurde, zeigt das Beispiel des Sendenhorster Kalksandsteinwerks. In der Aufbauphase nach 1948 erreichte die Produktion zeitweise bis zu 80.000 Steine am Tag. Diese Mengen mussten zu den Baustellen und in die umliegenden Orte gebracht werden – entsprechend groß war der Lastwagenverkehr. [4]
Der Lkw war dabei keine Erfindung der Nachkriegszeit – gewerblicher Lastwagenverkehr ist, wie die Fascies-Akten zeigen, bereits für 1927 belegt. Nach 1945 nahm seine Bedeutung jedoch eine neue Größenordnung an: Wiederaufbau, Baustoffproduktion und wachsender Handel erzeugten immer größere Transportmengen, die flexibel direkt zu Baustellen, Betrieben und Kunden gefahren werden konnten. [4] [11]
Der Lkw machte Betriebe unabhängiger von festen Bahnanschlüssen. Rohstoffe konnten direkt angeliefert und Fertigprodukte unmittelbar zum Kunden gebracht werden. Genau diese Flexibilität wurde zu einer der Ursachen dafür, dass sich immer mehr Güterverkehr von der Schiene auf die Straße verlagerte.
Das Auto wird zum Massenverkehrsmittel
In den 1950er Jahren begann die eigentliche Massenmotorisierung. Motorräder und Mopeds ermöglichten zunächst vielen Menschen individuelle Mobilität, anschließend wurde der eigene Pkw für immer mehr Familien erschwinglich. In den 1960er Jahren standen deshalb zunehmend Käfer, Opel, Ford und andere Automobile vor Häusern, Geschäften und Gaststätten, wo wenige Jahrzehnte zuvor noch Pferde angebunden worden waren.
Das Auto veränderte den Alltag grundlegend. Arbeitsplätze außerhalb Sendenhorsts wurden leichter erreichbar, Einkäufe und Freizeitfahrten konnten unabhängig von Fahrplänen stattfinden und die umliegenden Städte rückten subjektiv näher zusammen. Die neue Freiheit hatte jedoch eine Kehrseite: Jeder zusätzliche Pkw benötigte Straßenraum – beim Fahren ebenso wie beim Parken.
Das Auto und die WLE: Besonders seit den 1950er und 1960er Jahren verlor die Eisenbahn Fahrgäste an Pkw und Bus. Auch Güter wanderten zunehmend auf den Lkw. 1975 endete schließlich der planmäßige Personenverkehr der WLE. Die ausführliche Geschichte vom „Pängel-Anton“ bis zur geplanten Rückkehr des Personenverkehrs steht auf unserer eigenen Seite: WLE – der Pängel-Anton.
Die Zahlen der WLE spiegeln den Wandel deutlich: 1947 wurden in Sendenhorst fast 100.000 Fahrkarten verkauft. 1967 waren es noch rund 31.000. Parallel wuchs die individuelle Motorisierung. Die Verkehrswende von der Schiene zur Straße war damit längst in vollem Gang. [5]
Straßen, Parkplätze, Tankstellen und Werkstätten
Die Motorisierung veränderte nun sichtbar das Stadtbild. Wo vorher Fahrbahn, Vorgärten oder Freiflächen ausgereicht hatten, mussten Stellplätze geschaffen werden. Das Stadt-Heimatarchiv dokumentiert beispielsweise bereits für die 1970er Jahre einen größeren Parkplatz am Südgraben. [6]
Auch die Gefahren des Straßenverkehrs wurden sichtbarer. Ein Archivbild dokumentiert bereits 1961 einen Verkehrsunfall an der Kreuzung Kirchstraße – Nordstraße – Schulstraße. Genau dieser Knotenpunkt gehört bis heute zu den markanten Verkehrsstellen der Innenstadt. [6]
Nach dem Krieg verlagerte sich das Tankstellengeschäft aus den kleinen innerstädtischen Zapfstellen zunehmend an die Ein- und Ausfallstraßen. Zugleich wurden Tankstelle, Reparaturbetrieb und Autohaus immer häufiger miteinander verbunden. Für mehrere Sendenhorster Betriebe lassen sich heute konkrete Zeitpunkte aus Hauskataster, Werbeanzeigen und Bildarchiv bestimmen. [9] [10]
Tankstellen der Nachkriegszeit – soweit derzeit belegt
Die Jahresangaben nennen jeweils einen sicheren Beleg, nicht zwingend das Eröffnungs- oder Schließungsjahr. Wo ein exaktes Anfangs- oder Enddatum fehlt, wird bewusst nur der nachweisbare Zeitraum angegeben.
| sicher belegt | Tankstelle / Betrieb | Standort | Hinweis |
|---|---|---|---|
| 1955 | Willy / später Dieter Schüttelhöfer | Westtor 40 | 1955 im Hauskataster als Tankstelle genannt; in den 1970er Jahren mit Kfz-Werkstatt dokumentiert; 1991 noch als SB-Tankstelle und SB-Waschanlage beworben. |
| 1964 | Karl Tigger, Opel-Dienst | Osttor, später Osttor 63–67 | 1964 wirbt Tigger bereits mit Westfalen-Kraftstoff; spätere Anzeigen nennen ausdrücklich die Westfalen-Tankstelle. |
| 1968 | Autohaus Hermann Thomas | Osttor 17 | Das Bildarchiv bezeichnet das Wohn- und Geschäftshaus als Eigentum Heinrich Grothues; Betreiber von Autohaus und Tankstelle war Hermann Thomas. Damit ist die oft gebrauchte Bezeichnung „Tankstelle Grothues“ genauer einzuordnen. |
| 1972 | Laurenz Feidieker | Ostgraben | Aufnahme von 1972 zeigt die Tankstelle unmittelbar neben dem Elektrogeschäft Linnemann; weitere Luftaufnahmen der 1970er Jahre bestätigen den Standort. |
| 1970er | Bernhard Strull | Ladestraße | Auf mehreren Luftaufnahmen der 1970er Jahre als Tankstelle zwischen Reifenhandel und Gewerbebetrieben an der Ladestraße bezeichnet. |
| 1970er–1992 | Willi Holtkamp | Lorenbeckstraße 29 | In den 1970er Jahren als Aral-Tankstelle mit Werkstatt fotografisch dokumentiert; 1992 wirbt Holtkamp noch mit Autoelektrik, Kfz-Reparaturen und Aral-Tankstelle. |
Das Bild ist damit differenzierter als eine einfache Liste von Namen: Die erste Generation um 1930 saß vielfach mitten in der alten Stadt und betrieb einzelne Zapfsäulen als Zusatzgeschäft. Die Nachkriegsgeneration verband Tanken zunehmend mit Werkstatt, Autoelektrik, Fahrzeugverkauf und Waschanlage. Zugleich entstanden Standorte an Westtor, Osttor, Lorenbeckstraße, Ostgraben und Ladestraße – also dort, wo der wachsende Autoverkehr vorbeikam.
Um 1970 – der Airport hätte das gesamte Verkehrsnetz verändert
Um 1970 erreichten die Verkehrsplanungen eine Dimension, die Sendenhorst vollständig verändert hätte. Zwischen Sendenhorst, Albersloh und Drensteinfurt sollte ein großer internationaler Flughafen entstehen. Für den Endausbau waren rund 2.000 Hektar vorgesehen. Ein solches Projekt hätte nicht nur Flugzeuge gebracht, sondern Zufahrtsstraßen, neue Verkehrsachsen und eine völlig andere regionale Verkehrsstruktur. [7]
Airport und Verkehr: Selbst die Straße zwischen Sendenhorst und Albersloh wäre von dem Projekt betroffen gewesen. Auch eine leistungsfähige Schienenverbindung auf beziehungsweise entlang der WLE-Achse wurde in den Überlegungen berücksichtigt. Die ganze Geschichte dieses nie gebauten Großprojektes steht hier: Airport der 1970er – der geplante Großflughafen.
Mit dem Scheitern des Flughafenprojekts Anfang der 1970er Jahre verschwand zwar der Airport aus der Planung. Das Verkehrsproblem selbst blieb jedoch. Gerade in dieser Zeit wurde immer deutlicher, dass die alten Straßen der Stadt den stetig steigenden Pkw- und Lkw-Verkehr nur begrenzt aufnehmen konnten.
Vom Fortschritt zum Verkehrsproblem
In den ersten Jahrzehnten war jedes zusätzliche Auto ein Zeichen des Fortschritts. In den 1960er und 1970er Jahren begann sich diese Sicht zu ändern. Die mittelalterlich beziehungsweise frühneuzeitlich gewachsene Stadtstruktur war nicht für dauernden Begegnungsverkehr von Pkw, Lastwagen, Bussen und immer größeren landwirtschaftlichen Fahrzeugen gebaut worden.
Bereits in den 1960er Jahren lässt sich deshalb eine konkrete Planung für eine Sendenhorster Umgehungsstraße nachweisen. Zunächst wurde eine südliche Trasse verfolgt. Im Zusammenhang mit den Airport-Planungen erhielt diese Richtung eine zusätzliche verkehrliche Logik. Nach dem Ende des Flughafenprojektes wurde auch dieses Konzept nicht weitergeführt. Mitte der 1970er Jahre folgten neue, großräumigere Planungen. [8]
Damit begann eines der langlebigsten Verkehrsthemen der jüngeren Sendenhorster Geschichte. Die Trassen und Planungsvarianten änderten sich, das Grundproblem blieb: Ein erheblicher Teil des regionalen Verkehrs muss bis heute durch oder unmittelbar an der Stadt entlang.
1993 – die Motorisierung in Zahlen
12.049 Einwohner
8.130 registrierte Fahrzeuge insgesamt
5.273 Pkw
306 Lkw
182 Krafträder
75 Kraftomnibusse
528 Anhänger
Die Zahlen zeigen den enormen Wandel besonders deutlich: Rund siebzig Jahre nach den ersten vereinzelten Automobilen war eine Kleinstadt ohne Kraftfahrzeug kaum noch vorstellbar. Das Auto war nun nicht mehr die Ausnahme – sondern die Grundlage eines großen Teils der täglichen Mobilität. [1]
Mehr als 100 Jahre Motorisierung – eine Stadt verändert sich
In kaum mehr als einem Jahrhundert hat sich der Verkehr in Sendenhorst stärker verändert als in den Jahrhunderten zuvor. Aus einer Stadt der Fußgänger, Fahrräder, Pferdewagen und Kutschen wurde eine vom Kraftfahrzeug geprägte Stadt. Das Auto brachte Bewegungsfreiheit, Komfort und neue wirtschaftliche Möglichkeiten. Der Lkw revolutionierte den Gütertransport und machte Unternehmen unabhängig von Bahnhof und Gleisanschluss.
Doch jede neue Freiheit benötigte Platz. Fahrbahnen wurden ausgebaut, Stellplätze geschaffen, Tankstellen und Werkstätten entstanden. Mit zunehmender Motorisierung kamen Verkehrslärm, Unfälle, Parkdruck und Konflikte zwischen Pkw, Schwerverkehr, Fahrrädern und Fußgängern hinzu.
Heute schließt sich in gewisser Weise ein Kreis. Nachdem das Auto die Eisenbahn in den 1960er und 1970er Jahren zurückgedrängt hatte, wird die vorhandene WLE-Strecke wieder als Teil eines modernen öffentlichen Verkehrsnetzes gebraucht. Gleichzeitig bleibt die Entlastung der Sendenhorster Straßen durch eine Ortsumgehung ein zentrales Thema.
Die Geschichte des Autoverkehrs in Sendenhorst lässt sich deshalb auf eine einfache Entwicklung bringen: Vom selten bestaunten Kraftwagen wurde das Auto zum Symbol der Freiheit – und schließlich zur verkehrsplanerischen Herausforderung.
Zeittafel – Auto und Autoverkehr in Sendenhorst
bis um 1900 – Pferdewagen, Kutschen und Bockkarren bestimmen den Straßenverkehr.
1903 – Eröffnung der WLE. Für Personen und Güter beginnt zunächst das Eisenbahnzeitalter.
1910–1915 – Dr. Josef Roerkohl besitzt nach einer Überlieferung eines der ersten Automobile Sendenhorsts.
1921 – Fascies dokumentiert ein Kraftrad des Sendenhorsters Hermann Jaspert.
1924 – In einem Kraftfahrzeug-Erlaubnisnachweis werden Dr. Bernhard Geiping und Dr. Theodor Untiedt genannt.
um 1925 – Petzmeyer datiert eine Aufnahme des Wagens von Dr. Geiping vor Vossding und bezeichnet ihn als „erstes Automobil in Sendenhorst“.
1927 – Lastkraftwagen des Hartsteinwerks Fischer fahren nach Münster; eine Beschwerde über angebliche Überladung belegt frühen gewerblichen Lkw-Verkehr.
1929 – Wilhelm Meyer betreibt neben seinem Elektrogeschäft eine Autovermietung.
1930 – Happe, Wilhelm Meyer, Theodor Jaspert, Bernhard Herweg und Theodor Elmenhorst sind als Tankstellenbetreiber archivalisch greifbar; Werring wird in der späteren Verkehrsübersicht ebenfalls als frühe Verkaufsstelle genannt.
um 1930 – Ein historisches Foto zeigt das erste Taxi in der Schulstraße.
1930 – Ein Fascies-Akteneintrag berichtet von einer „Schwarzfahrt“ mit Auto und mehreren Verletzten.
1936 – Bei einer dokumentierten Verkehrskontrolle werden vor allem Rad- und Kraftradfahrer beanstandet; Pkw und Lkw bleiben ohne Beanstandung.
1937 – Für die Telgter Wallfahrt sollen Lkw von Josef Feidieker und B. Silling Pferdefuhrwerke ersetzen; Personenbeförderung auf den Lkw wird vom Landrat untersagt.
vor 1939 – Vier Taxiunternehmen sind in Sendenhorst tätig: Decker, Schubert, Möllers und Hövelmann.
1939 – Der Pkw IX 7446 der Familie Decker wird nach der Einberufung Heinrich Deckers für den Reichsluftschutzbund beschlagnahmt.
ab 1948 / 1950er Jahre – Wiederaufbau und Wirtschaftswunder lassen den Lastwagenverkehr kräftig wachsen. Das Kalksandsteinwerk erzeugt zeitweise bis zu 80.000 Steine täglich.
1950er Jahre – Moped, Motorrad und zunehmend der Pkw machen individuelle Motorisierung für größere Bevölkerungsschichten möglich.
1955 – Willy Schüttelhöfer ist am Westtor 40 als Tankstellenbetreiber belegt.
1961 – Ein Verkehrsunfall an der Kreuzung Kirchstraße / Nordstraße / Schulstraße ist im Bildarchiv dokumentiert.
1960er Jahre – Der Pkw wird zum normalen Familienfahrzeug. Gleichzeitig beginnen erste belegte Planungen einer Sendenhorster Umgehungsstraße.
1964 – Karl Tigger wirbt als Opel-Dienst mit Westfalen-Kraftstoff.
Februar 1967 – Der traditionelle Sendenhorster Leichenwagen wird letztmals von Pferden gezogen.
1968 – Am Osttor 17 ist das Autohaus Hermann Thomas mit Tankstelle im Haus Heinrich Grothues dokumentiert.
um 1970 – Der geplante Großflughafen zwischen Sendenhorst und Albersloh hätte Straßen- und Schienenverkehr der gesamten Region neu geordnet.
1970er Jahre – Bildbelege zeigen unter anderem die Tankstellen Holtkamp an der Lorenbeckstraße, Feidieker am Ostgraben und Strull an der Ladestraße; Parkplätze und Werkstätten prägen zunehmend das Stadtbild.
1973 – Der Airport scheitert. Damit verliert auch die damalige südliche Umgehungsplanung einen wichtigen Bezugspunkt.
1975 – Der planmäßige WLE-Personenverkehr endet. Pkw, Bus und Lkw haben die Verkehrsverhältnisse grundlegend verändert.
1993 – In der Stadt sind 8.130 Fahrzeuge registriert, darunter 5.273 Pkw und 306 Lkw.
seit den 1990er Jahren – Verkehrsentlastung, Ortsumgehung und später auch die Wiederbelebung der WLE werden zunehmend miteinander diskutiert.
21. Jahrhundert – Die Frage lautet nicht mehr, ob Sendenhorst motorisiert ist, sondern wie Pkw-, Lkw-, Bus-, Rad-, Fuß- und Schienenverkehr sinnvoll miteinander organisiert werden können.
Eine Stadt – drei Verkehrsepochen
In den frühen 1920er Jahren waren Kraftfahrzeuge in Sendenhorst noch eine Seltenheit. In den 1960er Jahren wurde der eigene Pkw zum Massenverkehrsmittel und der Lkw zum Träger des Güterverkehrs. Heute steht nicht mehr die Motorisierung selbst, sondern ihre verträgliche Organisation im Mittelpunkt: Ortsumgehung, WLE, Bus, Rad- und Fußverkehr sollen den knappen Straßenraum neu ordnen.
Quellen und Literatur
[1] Heimatverein Sendenhorst: Verkehrsgeschichtliche Zusammenstellung – Pferdefuhrwerke, frühe Autobesitzer, Tankstellen, Taxiunternehmen, erste Lkw und Fahrzeugbestand 1993.
[2] Heinrich Petzmeyer: Sendenhorst. Geschichte einer Kleinstadt im Münsterland, Bildunterschrift zum Kraftwagen Dr. Geipings vor Vossding, um 1925.
[3] Dieter Obermeyer: Sendenhorster Erinnerungen; historische Aufnahme „Schulstraße mit dem ersten Taxi (um 1930)“.
[4] Stadt-Heimatarchiv / Heimatverein: Geschichte des Kalksandsteinwerks; erhebliche Lastwagentransporte während der Aufbauphase nach 1948.
[5] Heimatverein Sendenhorst: Der Pängel-Anton – Sendenhorst und die Westfälische Landes-Eisenbahn.
[6] Stadt-Heimatarchiv Sendenhorst / Bilderdatenbank: historische Straßen-, Parkplatz-, Tankstellen-, Werkstatt- und Verkehrsbilder.
[7] Heimatverein Sendenhorst: Airport 1970er – der geplante Großflughafen.
[8] Stadt Sendenhorst / Stadt-Heimatarchiv / Petzmeyer-Akten: Planungen zur Ortsumgehung seit den 1960er Jahren und spätere Trassenkonzepte.
[9] Heimatverein Sendenhorst: Hauskataster / Petzmeyer-Akten – Einzelbelege zu Happe, Meyer, Jaspert, Herweg, Elmenhorst und Schüttelhöfer sowie den jeweils genannten Mineralölgesellschaften.
[10] Stadt-Heimatarchiv Sendenhorst sowie Vereins- und Jubiläumsschriften: Bild- und Anzeigenbelege zu Hermann Thomas / Grothues, Karl Tigger, Laurenz Feidieker, Bernhard Strull, Willi Holtkamp und Schüttelhöfer.
[11] Hans-Günther Fascies (HGF), Aktenauswertungen im Stadt-Heimatarchiv Sendenhorst, insbesondere Verwaltungs- und Polizeiakten der 1920er und 1930er Jahre: Kraftrad Jaspert 1921; Kraftfahrzeug-Erlaubnisnachweis Geiping/Untiedt 1924; Hartsteinwerk Fischer und Lkw-Verkehr 1927; früher Autounfall / „Schwarzfahrt“ 1930; Verkehrskontrolle 1936; Lkw bei der Telgter Wallfahrt 1937; Beschlagnahme des Pkw Decker 1939.