Wer ist eigentlich ein „echter“ Sendenhorster?
Die Geschichte gibt darauf eine überraschend einfache Antwort: Sendenhorst bestand nie nur aus Menschen, deren Familien seit Jahrhunderten hier lebten. Die Wege waren dabei sehr verschieden:
Arbeitsmigration; Familiennachzug; Aussiedlung aus Polen, Rumänien oder der Sowjetunion und später ihren Nachfolgestaaten; Flucht vor Krieg und Verfolgung oder schlicht der Umzug nach
Sendenhorst.
Sendenhorst war nie abgeschlossen
Schon die ältesten Einwohner-, Kirchen- und Hauslisten zeigen Bewegung. Menschen kamen aus Vorhelm, Enniger, Hoetmar, Drensteinfurt, Albersloh, Ahlen, Münster und anderen Orten nach Sendenhorst. Umgekehrt verschwinden Sendenhorster Namen aus den örtlichen Akten und tauchen andernorts wieder auf.
Besonders mobil waren junge Menschen. Knechte und Mägde wechselten ihre Dienststellen. Handwerksgesellen gingen auf Wanderschaft. Eine Hochzeit konnte bedeuten, dass einer der Ehepartner auf einen anderen Hof oder in eine andere Stadt zog.
Auch Händler, Fuhrleute, Soldaten und Reisende kamen durch den Ort. Eine Polizeiverordnung von 1807 verpflichtete Wirte dazu, auswärtige Übernachtungsgäste zu erfassen – mit Namen, Herkunft sowie Angaben über Ziel und Zweck der Reise. [1]
Zum Arbeiten nach Holland – die Hollandgänger
Eine besonders alte Form der Arbeitsmigration führte viele Menschen aus Westfalen in die Niederlande.
Vom Frühjahr bis zum Sommer zogen Männer nach Holland, um dort Gras zu mähen, Torf zu stechen oder andere Saisonarbeiten zu übernehmen. Nach Wochen oder Monaten kehrten sie mit ihrem Verdienst zurück.
Auch Sendenhorster sind in niederländischen Quellen nachweisbar. Westfälische Namen erscheinen dort teilweise in niederländischer Schreibweise. [2]
Hollandgängerei war damit keine touristische Reise und auch kein Abenteuer. Sie war häufig eine wirtschaftliche Notwendigkeit: Dort arbeiten, wo sich gerade Geld verdienen ließ.
Amerika – ein neues Leben auf der anderen Seite des Atlantiks
Im 19. Jahrhundert bekam Migration eine völlig neue Dimension. Für immer mehr Menschen lag das Ziel nicht mehr einige Tagesreisen entfernt, sondern auf der anderen Seite des Atlantiks.
Auch aus Sendenhorst wanderten Menschen nach Nordamerika aus. Besonders in den wirtschaftlich schwierigen 1840er Jahren nahm die Zahl der Auswanderungswilligen zu. [3]
Die Motive waren unterschiedlich: Armut, fehlende Arbeit, fehlende Heiratsmöglichkeiten, Hoffnung auf Land und wirtschaftlichen Aufstieg oder bereits ausgewanderte Verwandte.
Ein Fall von 1847 zeigt allerdings auch die dunkle Seite: Ein mehrfach bestrafter Tagelöhner sollte auf Kosten wohlhabender Bürger und der Stadt nach Nordamerika geschickt werden. Auswanderung konnte also durchaus als Möglichkeit verstanden werden, einen unerwünschten Menschen dauerhaft loszuwerden.
Migration war nicht immer freiwillig
Nicht jeder Mensch, der nach Sendenhorst kam, hatte sich diesen Ort ausgesucht.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden Menschen aus den von Deutschland besetzten Ländern als Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie als Kriegsgefangene nach Deutschland gebracht. Auch in Sendenhorst mussten ausländische Arbeitskräfte in Landwirtschaft und Betrieben arbeiten. [4]
Die nationalsozialistische Verwaltung bezeichnete diese Menschen häufig als „Fremdarbeiter“. Der Begriff wird hier ausschließlich als historischer Quellenbegriff verwendet. Er verschleiert, dass viele Betroffene nicht freiwillig nach Deutschland gekommen waren.
Namentlich überliefert ist beispielsweise der Pole Wladyslaw Jawarski, der 1940 im Alter von 27 Jahren nach Sendenhorst kam und bis 1945 auf einem Hof arbeitete.
Nach 1945: Plötzlich kommen Hunderte neue Menschen
Das Ende des Zweiten Weltkriegs löste die größte Bevölkerungsverschiebung aus, die Sendenhorst bis dahin erlebt hatte.
Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, Evakuierte aus zerstörten Städten und zurückkehrende Soldaten mussten untergebracht werden.
1949 lebten in Sendenhorst bereits mehr als 4.000 Menschen. Rund 650 waren Flüchtlinge. Zusammen mit Evakuierten und Bombengeschädigten gehörte ungefähr ein Viertel der Bevölkerung zu den kriegsbedingt Zugezogenen. [5]
Das bedeutete extreme Wohnungsnot. Familien mussten Zimmer abgeben, Wohnungen wurden mehrfach belegt, und in der Neustraße entstand sogar eine Flüchtlingsgemeinschaftsküche.
Die „Fremden“ werden Nachbarn – und verändern Sendenhorst
Mit der Unterbringung war die Aufgabe nicht erledigt. Die neuen Bewohner brauchten Arbeit, Wohnungen, Schulen, kirchliche Angebote und gesellschaftlichen Anschluss.
Besonders sichtbar wurde der Wandel an der Konfession. Das bis dahin nahezu vollständig katholische Sendenhorst erhielt nach 1945 eine deutlich größere evangelische Bevölkerung.
Am 1. Februar 1946 begann Pastor Arthur Ruddies, evangelische Flüchtlinge in Sendenhorst und Vorhelm zu betreuen. 1951 wurde die evangelische Kirche errichtet. [6]
Auch die Schulen spiegelten die Veränderung. 1949 besuchten 745 Kinder die Volksschule; 169 von ihnen stammten aus Flüchtlingsfamilien, 111 waren evangelisch.
Aus den „Flüchtlingen“ wurden Nachbarn, Arbeitskollegen, Vereinsmitglieder und schließlich Familien, bei denen nach einer oder zwei Generationen kaum noch jemand fragt, wann sie nach Sendenhorst gekommen sind.
1961 bis in die 1990er: Arbeitsmigration – aus Gästen werden Sendenhorster
Am 19. Oktober 1961 kam der 23-jährige Giuseppe Palumbo aus Castelvenere in Süditalien nach Sendenhorst. Der spätere Zeitungsbericht bezeichnet ihn als den ersten „Gastarbeiter“ der Stadt. Er steht damit am Beginn einer Entwicklung, die Sendenhorst in den folgenden Jahrzehnten deutlich vielfältiger machte. [7]
Der Salon Sander suchte einen Friseur. Palumbo hatte vor seiner Ausreise mehrere Tage in Verona mit Formalitäten und ärztlichen Untersuchungen verbracht.
Aus dem zunächst angeworbenen italienischen Arbeitnehmer wurde ein Sendenhorster. Palumbo arbeitete später unter anderem als Eisverkäufer und bei Haver & Boecker und engagierte sich im Vereinsleben, im Sport und im Karneval. Er blieb nicht allein: In den 1960er- und 1970er-Jahren kamen weitere Arbeitsmigranten nach Westdeutschland – aus Italien und Spanien, aus Griechenland und Portugal, aus der Türkei und aus dem damaligen Jugoslawien. Auch in Sendenhorst wurde diese Entwicklung sichtbar.
Gerade sein Lebensweg zeigt die Schwäche des damaligen Begriffs „Gastarbeiter“: Ein Gast fährt irgendwann wieder nach Hause. Die staatliche Anwerbung endete 1973, doch damit endete die Zuwanderung nicht. Viele Arbeitnehmer blieben, Ehepartner und Kinder zogen nach, Familien entstanden. Aus zeitweilig gedachten Arbeitsaufenthalten wurde dauerhaftes Leben in Deutschland – und auch in Sendenhorst. Die Türkei gehörte dabei nicht zur Europäischen Gemeinschaft; ebenso wenig das damalige Jugoslawien. Italien war Gründungsmitglied der EWG, Griechenland trat 1981, Spanien und Portugal 1986 der Europäischen Gemeinschaft bei.
1977: Garrath – aus Aussiedlern werden Sendenhorster & vor allem Freunde!
Eine der wichtigsten Zuwanderungsgeschichten Sendenhorsts begann in den 1970er Jahren im Süden der Stadt.
Das neue Wohngebiet Garrath war städtebaulich bereits vorbereitet worden. Der Bebauungsplan Nr. 20 „Garrath“ stammt aus 1976. Ab 1977 wurden dort zahlreiche Aussiedlerfamilien angesiedelt. [8]
Die örtliche Überlieferung nennt außerdem Familien aus der damaligen Sowjetunion. Besonders stark geprägt wurde die neue Nachbarschaft jedoch von Menschen aus Schlesien beziehungsweise Oberschlesien.
Aussiedler oder Spätaussiedler?
Für die Menschen, die 1977 kamen, ist historisch der Begriff „Aussiedler“ genauer. Die besondere gesetzliche Bezeichnung „Spätaussiedler“ wurde erst später eingeführt. Spätere Sendenhorster Veröffentlichungen und Archivbeschriftungen verwenden rückblickend dennoch häufig den Begriff „Spätaussiedler“.
Rechtlich waren diese Aussiedler nicht einfach „ausländische Zuwanderer“. Das Bundesvertriebenengesetz erfasste als Aussiedler deutsche Staatsangehörige oder deutsche Volkszugehörige aus den Aussiedlungsgebieten, zu denen ausdrücklich auch Polen und die damalige Sowjetunion gehörten. Wer als Vertriebener beziehungsweise Aussiedler deutscher Volkszugehörigkeit in der Bundesrepublik Aufnahme fand, war nach Artikel 116 Absatz 1 des Grundgesetzes Deutscher im Sinne des Grundgesetzes. Je nach persönlicher Rechtslage besaßen die Betroffenen bereits die deutsche Staatsangehörigkeit oder erhielten zunächst die besondere Rechtsstellung eines sogenannten „Statusdeutschen“. Sie kamen damit rechtlich in einer völlig anderen Stellung nach Deutschland als etwa italienische, spanische, türkische oder jugoslawische Arbeitsmigranten.
Das gehört zum deutschen Kriegsfolgenrecht: Der Gesetzgeber behandelte die Aussiedlung deutscher Volkszugehöriger aus Ostmittel- und Osteuropa als eine bis in die Nachkriegsjahrzehnte fortwirkende Folge von Krieg, Vertreibung und der Neuordnung Europas nach 1945. Das Kriegsfolgenbereinigungsgesetz vom 21. Dezember 1992 ordnete dieses Recht zum 1. Januar 1993 neu. Seitdem wird für die danach aufgenommenen Personen grundsätzlich die Bezeichnung „Spätaussiedler“ verwendet; § 4 BVFG bestimmt ausdrücklich, dass ein Spätaussiedler Deutscher im Sinne des Artikels 116 Absatz 1 des Grundgesetzes ist.
Für viele Familien war Deutschland keineswegs ein völlig fremdes Land – sie wurden aufgrund ihrer deutschen Herkunft aufgenommen. Trotzdem konnte der Alltag zunächst fremd sein.
Viele waren in Polen oder der Sowjetunion geboren und aufgewachsen. Nicht alle hatten dort gleichermaßen die Möglichkeit gehabt, Deutsch zu lernen oder im Alltag regelmäßig Deutsch zu sprechen. Hinzu kamen Unterschiede in Schule, Verwaltung, Arbeitswelt und Lebensgewohnheiten.
Auch deshalb wurden die Neuankömmlinge anfangs deutlich als eigene Gruppe wahrgenommen. Man sprach von den Aussiedlern – und vom Garrath.
Die Herkunft wurde sogar im Straßenbild sichtbar
Straßennamen wie Schlesienring und Ostpreußenring hielten die Erinnerung an historische Herkunftsregionen im neuen Wohngebiet sichtbar.
Die Ansiedlung endete nicht 1977. Sie entwickelte sich über Jahre weiter und bekam gegen Ende der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre noch einmal eine neue Dimension. Mit Glasnost und Perestroika lockerte die Sowjetunion ihre Ausreisebestimmungen. Schon vor ihrem formellen Zerfall Ende 1991 kamen deutlich mehr deutschstämmige Aussiedler aus der UdSSR nach Deutschland.
Die Bilderdatenbank des Stadt-Heimatarchivs besitzt zwei Aufnahmen von 1987, die ausdrücklich als „Friedlandsiedlung für Spätaussiedler von Monsignore Scheperjans“ bezeichnet werden. [9]
Damit wird deutlich: Aufnahme und Wohnungsbau für Aussiedler waren keine einmalige Aktion, sondern begleiteten Sendenhorst über einen längeren Zeitraum. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 setzte sich diese Entwicklung fort. Nun kamen Aussiedler und ihre Familien aus den Nachfolgestaaten der UdSSR, besonders aus Russland und Kasachstan, aber auch aus anderen Teilen der ehemaligen Sowjetunion. Deutschlandweit war dies eine der großen Zuwanderungsbewegungen der 1990er Jahre. Auch für Sendenhorst gehörten diese späteren Aussiedler zur nächsten Phase des Ankommens. Genaue Sendenhorster Jahreszahlen nach einzelnen Herkunftsstaaten sind in den bislang ausgewerteten örtlichen Quellen allerdings nicht ausgewiesen.
Nicht nur über die neuen Bewohner reden – mit ihnen reden
Ein besonders interessantes Farbdia im Stadt-Heimatarchiv zeigt Aussiedler im Sitzungssaal des Bürgerhauses. Die Archivbeschreibung nennt ausdrücklich das Thema „Garrath-Bebauung“. Die neuen Bewohner erscheinen damit nicht nur als Empfänger von Wohnraum, sondern als Beteiligte an der Entwicklung ihres Wohngebietes.
Zur Integration gehörte auch Sprache. Ein örtlicher Terminkalender vom 19. November 1990 weist an der Teigelkampschule ausdrücklich das Angebot „Deutsch für Aussiedler und Anfänger“ aus. Das ist ein bemerkenswert konkreter Beleg: Noch vor dem Ende der Sowjetunion war die neue Aussiedlungswelle auch im Sendenhorster Alltag angekommen. Nach 1991 blieb Sprachförderung für viele neu zugezogene Familien aus Osteuropa und der ehemaligen UdSSR eine zentrale Voraussetzung für Schule, Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe. [10]
Aber Integration geschah nicht nur durch Behörden, Schule oder Kirche. Wahrscheinlich noch wichtiger waren Arbeitsplatz, Nachbarschaft, Sport und Vereine.
Ein altes Hobby bekommt durch die Neuen neuen Schwung
Der Sendenhorster Brieftaubenverein „Blitz“ war bereits 1913 gegründet worden.
Ende der 1970er Jahre erlebte der Verein einen deutlichen Aufschwung. Die Vereinsgeschichte nennt dafür ausdrücklich die nach Sendenhorst gekommenen Aussiedler aus Oberschlesien – einer Region, in der der Brieftaubensport traditionell stark verbreitet war. Viele der neuen Züchter wohnten im Garrath. [11]
Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass Integration keine Einbahnstraße ist.
Die Neuankömmlinge passten sich nicht einfach nur an eine bereits bestehende Stadtgesellschaft an. Sie brachten eigene Erfahrungen, Traditionen, Fähigkeiten und Interessen mit – und veränderten damit auch Sendenhorst.
Der StadtLand-Bericht des Heimatvereins beschreibt genau diesen Wandel. Anfangs habe es durchaus Schwierigkeiten gegeben. Jahrzehnte später spiele die unterschiedliche Herkunft dagegen im täglichen Zusammenleben kaum noch eine Rolle.
Eine augenzwinkernde Bemerkung eines Schützenkameraden aus Garrath bringt diese Entwicklung fast besser auf den Punkt als jede Statistik:
Natürlich war das ein Scherz. Aber er funktioniert nur, weil längst eine gemeinsame Sendenhorster Identität entstanden war: Man konnte sich über Herkunft gegenseitig aufziehen, weil man längst zur selben Gemeinschaft gehörte. [8]
Neue Fluchtbewegungen – wieder braucht Sendenhorst Wohnraum
Migration hörte mit Garrath nicht auf. Im Oktober 1990 entstand in Sendenhorst die Initiative des späteren Deutsch-Ausländischen Freundeskreises. Auslöser war ausgerechnet die heftige Ablehnung eines geplanten Übergangswohnheims durch Teile der Nachbarschaft. Aus Angst vor den „Fremden“ entstand damit eine Gegenbewegung von Sendenhorstern, die Aufklärung, praktische Hilfe und persönliche Begegnung organisieren wollten.
Die 1990er Jahre brachten mehrere sehr unterschiedliche Bewegungen gleichzeitig: weitere Aussiedler aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion, Asylsuchende und Menschen, die vor den Kriegen im zerfallenden Jugoslawien flohen. Wie nah diese Konflikte Sendenhorst waren, zeigt auch die örtliche Hilfsarbeit: Das Stadt-Heimatarchiv dokumentiert 1995 die Zusammenstellung eines Hilfstransportes nach Bosnien-Herzegowina. Seit den 2010er Jahren kamen erneut Menschen nach Sendenhorst, die vor Krieg, politischer Verfolgung oder existenzieller Unsicherheit geflohen waren. Seit 2022 kamen zusätzlich Geflüchtete aus der Ukraine.
Wie schon nach 1945 stellte sich zunächst eine sehr praktische Frage: Wo sollen die Menschen wohnen?
Sendenhorst setzt dabei grundsätzlich auf eine möglichst dezentrale Unterbringung. Integration findet damit nicht nur in eigens dafür vorgesehenen Unterkünften statt, sondern auch mitten in bestehenden Wohngebieten. [12]
Danach beginnen dieselben kleinen Schritte, die sich in der Geschichte immer wieder zeigen: Schule, Sprache, Arbeitsplatz, Nachbarschaft, Sportverein und Freundschaften.
Poahlbürger – wer ist eigentlich „von hier“?
Am Ende führt die Sendenhorster Migrationsgeschichte zu einem wunderbar westfälischen Begriff: Poahlbürger.
Heute versteht man darunter meist jemanden, dessen Familie schon lange am Ort lebt – einen „Alteingesessenen“.
Historisch ist die Sache allerdings wesentlich schöner.
Ausgerechnet der Poahlbürger war ursprünglich der Neue
Bei der westfälischen Schnadegang-Tradition wurden Neubürger „gepoaläst“. Mehrere Teilnehmer hoben den Neuankömmling hoch und setzten beziehungsweise stießen sein Hinterteil symbolisch auf einen Grenzstein – den „Poal“. Dadurch sollte er sich die Grenze besonders gut merken.
Wer diese Prozedur hinter sich hatte, gehörte dazu und wurde zum Poalbürger. [13]
Erst später verschob sich die Bedeutung. Aus dem aufgenommenen Neubürger wurde sprachlich der vermeintlich schon immer hier lebende Alteingesessene.
Gerade Garrath zeigt, wie treffend diese alte Vorstellung eigentlich ist.
1977 waren die ersten Aussiedlerfamilien im neuen Wohngebiet sichtbar „die Neuen“. Heute leben dort Kinder und Enkel jener Familien. Sie sind Schützen, Sportler, Unternehmer, Arbeitnehmer, Nachbarn und Freunde. Niemand muss ihnen erklären, wie Sendenhorst funktioniert.
Quellen und Hinweise
[1] Stadt-Heimatarchiv Sendenhorst / H.-G. Fascies: Polizei- und Verwaltungsakten des frühen 19. Jahrhunderts, darunter Regelungen zur Erfassung auswärtiger Reisender und Übernachtungsgäste.
[2] Heimatverein Sendenhorst / Stadt-Heimatarchiv: Quellen zu Hollandgängern und Sendenhorstern in niederländischen Akten; ergänzend Armenakten zum Fall Bernard Heinrich Artmann 1830. In aller Welt ↗
[3] H.-G. Fascies / Stadt-Heimatarchiv Sendenhorst: Pass-, Armen- und Auswanderungsakten des 19. Jahrhunderts, insbesondere Auswanderungen nach Nordamerika in den 1840er und 1850er Jahren.
[4] Heimatverein Sendenhorst / Stadt-Heimatarchiv: Unterlagen zum Nationalsozialismus, zu Kriegsgefangenen und ausländischen Zwangsarbeitskräften in Sendenhorst. Nazis in Sendenhorst ↗
[5] Stadt-Heimatarchiv Sendenhorst / H.-G. Fascies: Bevölkerungs- und Verwaltungsunterlagen der Nachkriegszeit. Januar 1948: 2.907 Ortsansässige, 590 Flüchtlinge und 447 Evakuierte; 1949 rund 650 registrierte Flüchtlinge.
[6] Stadt-Heimatarchiv, Schul- und Kirchenunterlagen: evangelische Flüchtlingsseelsorge ab 1946, Bau der evangelischen Kirche 1951 sowie Schulstatistik 1949.
[7] Heimatverein Sendenhorst / Josef Thesing: Erinnerungen und Bericht zu Giuseppe Palumbo, Ankunft in Sendenhorst am 19. Oktober 1961. Ergänzend Sendenhorster Sozial- und Vereinsübersicht 1975: „Sorge für ausländische Arbeitnehmer“, Maria Austrup für „Gastarbeiter allgemein“ und Maria Sandkühler für spanische Arbeitnehmer. Zum bundesdeutschen Hintergrund: Anwerbeabkommen mit Italien 1955, Spanien und Griechenland 1960, Türkei 1961, Portugal 1964 und Jugoslawien 1968; Anwerbestopp 1973.
[8] Stadt Sendenhorst: Bebauungsplan Nr. 20 „Garrath“, Originalplan 1976. Ergänzend Heimatverein Sendenhorst, StadtLand-History und Chronik: ab 1977 Ansiedlung von Aussiedlern aus Polen und der damaligen Sowjetunion, besonders aus Schlesien. Zum überregionalen Zusammenhang der zweiten Welle: Bundeszentrale für politische Bildung, Geschichte der Russlanddeutschen ab Mitte der 1980er Jahre; seit Perestroika und besonders nach dem Zerfall der UdSSR starke Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion. Chronik ↗ Rechtlicher Rahmen: Bundesvertriebenengesetz, insbesondere § 1 Abs. 2 Nr. 3 und § 4, Artikel 116 Abs. 1 Grundgesetz sowie Kriegsfolgenbereinigungsgesetz vom 21. Dezember 1992.
[9] Bilderdatenbank des Stadt-Heimatarchivs: Archivnummern 01330 und 01331, 1987 mit der Beschreibung „Friedlandsiedlung für Spätaussiedler von Monsignore Scheperjans“; ergänzend Archivbild D_03_2_120: „Spätaussiedler im Sitzungssaal des Bürgerhauses, Thema: Garrath-Bebauung“.
[10] H.-G. Fascies / Zeitungs- und Veranstaltungsarchiv: Terminkalender Sendenhorst vom 19. November 1990 mit dem Angebot „Deutsch für Aussiedler und Anfänger“ an der Teigelkampschule. Der Beleg zeigt, dass die verstärkte Aussiedlung aus Osteuropa und der Sowjetunion bereits vor deren Zerfall im Sendenhorster Alltag sichtbar war.
[11] Franz Börste: „100 Jahre wie der Blitz“, 2013. Der 1913 gegründete Brieftaubenverein „Blitz“ erlebte Ende der 1970er Jahre durch neu zugezogene Aussiedler aus Oberschlesien einen deutlichen Aufschwung. Zeitungsgeschichte ↗
[12] Deutsch-Ausländischer Freundeskreis Sendenhorst: Entstehung der Initiative im Oktober 1990 im Zusammenhang mit der Diskussion um ein geplantes Übergangswohnheim; Stadt Sendenhorst: Unterlagen und Informationen zur Unterbringung und Integration geflüchteter Menschen. Ergänzend Bilderdatenbank des Stadt-Heimatarchivs: 1995 Zusammenstellung eines Hilfstransportes nach Bosnien-Herzegowina.
[13] Heimatverein Sendenhorst: Schnadegang-Unterlagen und StadtLand-History. Bei der westfälischen Schnadegang-Tradition wurden Neubürger „gepoaläst“; der so aufgenommene Neubürger wurde als „Poalbürger“ bezeichnet. In der jüngeren Verwendung verschob sich die Bedeutung zum „Alteingesessenen“.
Quellenbasis: Heinrich Petzmeyer, Hans-Günther Fascies / Stadt-Heimatarchiv Sendenhorst, Haus-, Personen-, Pass-, Armen-, Schul- und Verwaltungsakten, Sendenhorster Sozial- und Vereinsübersichten, StadtLand-History, Schnadegang-Unterlagen, Bilderdatenbank, Veröffentlichungen des Heimatvereins Sendenhorst, Deutsch-Ausländischer Freundeskreis, Unterlagen der Stadt Sendenhorst sowie Bundeszentrale für politische Bildung zum bundesdeutschen Migrationskontext.