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Arm und reich in Sendenhorst

Soziale Unterschiede, Arbeit, Armut und Wohlstand – vom Armenhaus und Straßenbetteln bis zum Sozialstaat

Wie arm war Sendenhorst – und wer war eigentlich reich? Die Antwort ist deutlich: Über Jahrhunderte lebte ein großer Teil der Bevölkerung nur knapp oberhalb oder bereits unterhalb der Armutsgrenze seiner Zeit. Wohlstand konzentrierte sich auf vergleichsweise wenige Familien. Dabei bedeutete „arm“ nicht automatisch arbeitslos. Handwerker, Weber, Tagelöhner, Witwen und Familien mit vielen Kindern konnten trotz täglicher Arbeit kaum genug zum Leben haben. 

Eine kleine Stadt mit großen sozialen Unterschieden

Sendenhorst war über Jahrhunderte keine reiche Stadt. Das galt für die Stadtkasse ebenso wie für große Teile der Bevölkerung. Die Erwerbsstruktur war kleinteilig, die örtliche Nachfrage begrenzt und viele Gewerbe waren überbesetzt. Petzmeyer beschreibt die Lage zu Beginn des 19. Jahrhunderts drastisch: Viele Berufe waren gleichzeitig überbesetzt und unterbeschäftigt. Wer in der Stadt kein ausreichendes Auskommen fand, suchte Saisonarbeit, ging nach Holland oder wanderte aus.

Die Berufsgliederung von 1832 zeigt, wie wenig Sendenhorst einer wohlhabenden Bürgerstadt entsprach. Von 272 erfassten Haushaltsvorständen waren nur sechs Ackerwirte. Dem standen 153 Handwerker und 50 Tagelöhner gegenüber. Allein 63 Menschen waren hauptberufliche Weber. Rund sechs von zehn Haushaltsvorständen lebten damit vom Handwerk. [1]

153
Handwerker
1832
63
Weber
50
Tagelöhner
6
Ackerwirte

Wohlstand gab es durchaus. Kaufleute, größere Ackerbürger, einzelne Wirte und Brennereibesitzer verfügten über Häuser, Land, Vieh und Kapital. Hans-Günther Fascies weist allerdings ausdrücklich darauf hin, dass die Bedeutung der Kornbrennereien nicht überschätzt werden darf: Ihre Besitzer gehörten zwar zur örtlichen Führungsschicht, als große Arbeitgeber spielten die Brennereien jedoch nur eine begrenzte Rolle.

Arm und reich bedeutete in Sendenhorst deshalb nicht Fabrikherr gegen Fabrikarbeiter. Lange standen sich vor allem wenige vermögende Haus-, Land- und Kapitalbesitzer und eine breite Schicht kleiner Handwerker, Weber, Tagelöhner und gering Besitzender gegenüber.

1842: Nur 20 Familien lebten wirklich wohlhabend

Wie ungleich die Verhältnisse waren, zeigt eine der eindrucksvollsten Sozialstatistiken der Sendenhorster Geschichte. Als Bürgermeister und Pfarrer 1842 die wirtschaftliche Lage der Stadt schilderten, ging es eigentlich um den geplanten Neubau der Pfarrkirche. Um zu erklären, warum Sendenhorst die Kosten kaum tragen konnte, legten sie die soziale Wirklichkeit offen.

Die Stadt besaß 275 Häuser und nur einen geringen Viehbestand. Den jährlichen Steuereinnahmen von 1.259 Talern standen Schulden von 76.719 Talern gegenüber. Entscheidend ist jedoch die Einteilung der Familien: [2]

20
bürgerlicher
Wohlstand
75
notdürftiges
Auskommen
165
lebten
dürftig
51
waren
bettelarm

Nur etwa jede sechzehnte der erfassten Familien gehörte damit zur wirklich wohlhabenden Bürgerschicht. Mehr als die Hälfte lebte ausdrücklich „dürftig“, weitere 51 Haushalte wurden sogar als „bettelarm“ bezeichnet.

Auch nach der wirtschaftlichen Erholung der zweiten Jahrhunderthälfte verschwanden die Unterschiede nicht plötzlich. Eine Berufsauswertung von 1863 zeigt weiterhin eine breite untere soziale Schicht; die Darstellung zur Geschichte des St.-Josef-Stifts fasst zusammen, dass rund 20,5 Prozent der Haushaltsvorstände zu den Armen gerechnet wurden.

Die Zahlen widerlegen jede Vorstellung von einer gemütlichen, durchweg wohlhabenden münsterländischen Kleinstadt. Armut war in Sendenhorst im 19. Jahrhundert kein Randphänomen.

Haus, Hof, Gadem – man konnte Wohlstand sehen

Soziale Unterschiede waren im Stadtbild unmittelbar sichtbar. Vermögende Ackerbürger verfügten über große Hausgrundstücke mit Wohnhaus, Stallungen, Speicher, Garten und teilweise umfangreichem Hinterland. Manche Familien besaßen zusätzliche Häuser oder Grundstücke und erzielten Einnahmen aus Vermietung.

Am anderen Ende standen die Gadems: kleine Hinterhäuser und Mietwohnungen für Witwen, Arbeitsleute und Tagelöhner. Petzmeyer beschreibt sie als typische Bebauung am Rand größerer Hofräume. Solche kleinen Häuser waren teilweise nur etwa 30 bis 40 Quadratmeter groß. Zwischen dem großen Ackerbürgerhaus und dem Gadem lag das Haus des Durchschnittsbürgers – häufig ein schmaler Fachwerkbau, in dem Handwerk, etwas Landwirtschaft und gelegentlicher Tagelohn zusammen das Einkommen sichern mussten. [3]

Eigentum bedeutete nicht automatisch Wohlstand

Auch ein eigenes kleines Haus konnte hoch verschuldet sein. Krieg, Feuer, Krankheit oder fehlende Arbeit führten dazu, dass Eigentümer Kredite aufnehmen, Grundstücke verpfänden oder ihr Haus schließlich verkaufen mussten. Umgekehrt konnten vermögende Bürger durch Haus- und Grundstücksvermietung zusätzliches Einkommen erzielen.

Besonders deutlich wird die soziale Hierarchie nach dem großen Stadtbrand von 1806. Die spätere Auszahlung der Hilfsgelder richtete sich nicht allein nach Bedürftigkeit, sondern nach der Höhe des erlittenen Verlustes. Wer ein großes Haus verloren und viele Steuern gezahlt hatte, erhielt bis zu 35 Taler. Tagelöhner und Leineweber mit kleinen Häusern bekamen deutlich weniger; Mieter noch weniger.

Selbst Katastrophen trafen damit zwar alle – ihre wirtschaftlichen Folgen und die Hilfen danach waren jedoch sozial sehr unterschiedlich.


Warum wurde man arm?

Die Sendenhorster Armenakten geben darauf eine überraschend moderne Antwort: Armut hatte meistens konkrete Ursachen. Krankheit, Alter, körperliche oder geistige Behinderung, Witwenschaft, viele Kinder, Arbeitsmangel, Verschuldung, Feuer und Missernten tauchen immer wieder auf.

1809 verlangte die Verwaltung ein genaues Verzeichnis der Straßenbettler – mit Alter, Ursache der Armut und Arbeitsfähigkeit. Die Obrigkeit wollte feststellen, wer tatsächlich hilfsbedürftig und wer vermeintlich „arbeitsscheu“ war. Petzmeyers Auswertung kommt jedoch zu einem eindeutigen Ergebnis: Nur in geringem Maße waren Müßiggang oder Arbeitsscheu die Ursache. Meist zwangen Alter, Krankheit und unverschuldete Not die Menschen zum Betteln. [4]

Einige Lebenslagen aus den Armenakten

Eine etwa 70-jährige Witwe musste eine seit zehn Jahren bettlägerige Tochter versorgen und konnte allenfalls noch spinnen.

Ein 35-jähriger Steinhauer-Tagelöhner hatte Frau, drei kleine Kinder und seine alte Mutter zu ernähren. Sein Tagelohn reichte nicht – eines seiner Kinder musste auf der Straße betteln.

Eine Witwe mit zwei kleinen Kindern konnte sich durch Stricken nicht ernähren. Eine andere Frau verdiente gelegentlich Tagelohn und spann, nachdem ihr Mann nach Holland gegangen und vermutlich dort gestorben war.

Die Grenze zwischen „selbständig“ und „arm“ war deshalb schmal. Wer gesund war und regelmäßig Arbeit fand, konnte sich gerade über Wasser halten. Fiel nur ein Einkommen aus, fehlte häufig sofort das Geld für Nahrung, Brennstoff, Miete und Medikamente.


Armenhaus, Armenstiftung – und Betteln auf der Straße

Bevor es einen modernen Sozialstaat gab, beruhte die Versorgung Bedürftiger auf Familie, Kirche, Stiftungen, privaten Spenden und örtlicher Armenfürsorge. Sendenhorst verfügte schon früh über ein Armenvermögen. Die genaue Gründungsurkunde ging wahrscheinlich beim Stadtbrand von 1806 verloren; ältere Register zeigen jedoch, dass Bürger Kapital für die Armen gestiftet hatten.

Das Armenhaus an der späteren Schulstraße war nach dem Stadtbrand von 1751 wieder aufgebaut worden. Es bestand aus vier selbständigen Wohneinheiten und hatte eher den Charakter eines kleinen Altenheims. 1809 lebten dort acht alte Menschen. Gleichzeitig erhielten 54 Menschen außerhalb des Hauses regelmäßige Unterstützung. Trotzdem lebten noch zahlreiche Menschen vom öffentlichen Betteln. Petzmeyer nennt für 1809 25 Sendenhorster Straßenbettler. [5]

8
Menschen im
Armenhaus 1809
54
regelmäßig außerhalb
unterstützt
25
Straßenbettler
1809

Bemerkenswert ist, dass die Armenstiftung nicht nur von laufenden Spenden lebte. Sie besaß Grundstücke und verlieh Kapital gegen Zinsen. Für 1856 sind 41 Obligationen mit insgesamt 4.726 Talern ausgeliehenem Kapital nachgewiesen; bei vier Prozent Verzinsung ergaben sich rund 189 Taler Einnahmen. Die Armenfürsorge war damit selbst eine kleine Vermögensverwaltung.

Gleichzeitig war Hilfe fast immer mit einer moralischen Forderung verbunden: Wer noch arbeiten konnte, sollte arbeiten. Spinnen, Stricken und Weben wurden gezielt als Beschäftigung für Bedürftige vorgesehen. 1843 formulierte der Landrat ausdrücklich den Grundsatz, Unterstützung solle – soweit Arbeitskräfte vorhanden waren – durch Arbeit „abverdient“ werden.

Armenhilfe war Hilfe – aber keine bedingungslose Hilfe. Bedürftigkeit wurde geprüft, Arbeitsfähigkeit bewertet und zwischen „würdigen“ und vermeintlich „unwürdigen“ Armen unterschieden.

Hungerjahre – wenn Brot zur Existenzfrage wurde

Besonders gefährlich wurde Armut, wenn mehrere Krisen zusammentrafen. In den Jahren 1829 bis 1832 kamen frühe Kälte, Nässe, Arbeitsmangel, hohe Lebensmittelpreise und Versorgungsprobleme zusammen. Wer vom Tagelohn lebte, verlor bei schlechtem Wetter nicht nur Komfort, sondern unmittelbar sein Einkommen.

Der Sendenhorster Hülfsverein reagierte 1832 mit einer für die kleine Stadt erheblichen Hilfsaktion. Aus 160 Berliner Scheffeln gespendetem Brotgetreide wurden 3.200 Brote zu jeweils fünf Pfund gebacken. Hinzu kamen Kartoffeln zum Essen und zur Aussaat, rund 500 Liter Sauerkraut, Brennholz, Kleidung und Spinnmaterial zum Nebenverdienst. Vier arme Schulkinder erhielten einen kostenlosen Mittagstisch; zehn Menschen wurden im Armenhaus versorgt. [6]

3.200
Fünf-Pfund-Brote
für die arme Bevölkerung im Krisenjahr 1832

Noch härter traf Sendenhorst der Hagelschlag vom 14. Juli 1846. Hagelkörner teilweise in Taubenei- und Hühnergröße vernichteten auf weiten Flächen zwei Drittel der Garten- und Feldernte. Der Schaden war besonders bitter, weil viele Familien gehofft hatten, endlich wieder Brot aus Roggen oder Weizen statt aus Wicken und Bohnen backen zu können.

Bürgermeister Brüning registrierte 44 Familien in der Stadt, die durch das Unwetter an den Rand des Ruins geraten waren. Im Kirchspiel waren zusätzlich zehn Kötter und Neusiedler schwer betroffen – bei ihnen verschärfte häufig bereits vorhandene Verschuldung die Lage.

Armut war damit nicht nur ein persönliches Schicksal. Ein einziger Hagelabend konnte ganze Gruppen von Familien sozial abstürzen lassen.

Arbeiten und trotzdem arm – Löhne, Frauenarbeit und Alltag

Der Gegensatz zwischen Arbeit und Armut ist für das historische Sendenhorst besonders wichtig. Viele Bedürftige waren keineswegs ohne Beschäftigung. Sie arbeiteten – nur reichte der Verdienst nicht zuverlässig zum Leben.

Ein ungewöhnlich genauer Beleg stammt von der Anlage der neuen Bleiche vor dem Nordtor. Zwischen dem 29. Mai und 5. Juni 1832 arbeiteten dort 17 Sendenhorster im Tagelohn. Sie erhielten 7½ Silbergroschen pro Tag – also in vier Arbeitstagen einen Taler. Je nach Bedürftigkeit bekamen die Männer zweieinhalb bis sieben Arbeitstage zugeteilt. Nur sieben konnten unterschreiben; zehn quittierten mit drei Kreuzen. [7]

1892: Männer- und Frauenlöhne

Der Stadtrat setzte den ortsüblichen durchschnittlichen Tagesverdienst fest:

erwachsener Mann: 1,65 Mark
erwachsene Frau: 1,10 Mark
männlich unter 16 Jahren: 1,00 Mark
weiblich unter 16 Jahren: 0,80 Mark

Frauenarbeit war also selbstverständlich – aber niedriger bewertet. Neben Fabrik- und Lohnarbeit kamen Heimarbeit, Nähen, Spinnen, Waschen, Mitarbeit in Landwirtschaft, Haushalt, Laden oder Gastwirtschaft hinzu. Ein erheblicher Teil dieser Arbeit taucht in historischen Erwerbsstatistiken gar nicht oder nur unvollständig auf.

Noch 1912 wurde der durchschnittliche Jahresarbeitsverdienst in der Landwirtschaft für Sendenhorst mit 750 Mark für Männer und 450 Mark für Frauen angesetzt. Der Abstand war damit nicht nur eine Momentaufnahme des Jahres 1892.

Wer arm war, arbeitete häufig trotzdem. Historische Armut war in Sendenhorst vielfach keine Folge von Erwerbslosigkeit, sondern von zu niedrigen und unsicheren Einkommen.

Wer Geld hatte, hatte auch mehr Macht

Vermögen entschied nicht nur darüber, wie man wohnte und was man essen konnte. Besitz brachte über lange Zeit auch unmittelbar mehr politischen Einfluss.

Das preußische Dreiklassenwahlrecht teilte die Wähler nach der Höhe ihrer Steuerleistung ein. Eine kleine Zahl wohlhabender Steuerzahler konnte deshalb politisch ähnlich stark ins Gewicht fallen wie eine sehr große Zahl geringer Verdienender. Hans-Günther Fascies bezeichnet dieses System ausdrücklich als nach heutigem Verständnis extrem ungerecht und undemokratisch. Die Interessen der besitzenden ersten Klasse mussten keineswegs mit denen der gesamten Bürgerschaft übereinstimmen. [8]

Noch drastischer: Geld konnte den Militärdienst ersetzen

Während der napoleonischen Zeit mussten junge Sendenhorster in den bergischen Regimentern kämpfen – unter anderem in Spanien und beim Russlandfeldzug 1812/13. Wohlhabende Männer konnten sich jedoch einen „Remplacanten“, also einen Ersatzmann, bezahlen, der an ihrer Stelle Militärdienst leistete.

Petzmeyer nennt konkrete Fälle. Friedensrichter von Vagedes hatte beispielsweise Franz Anton Zartenhausen als Remplacanten gestellt. Ein anderer Sendenhorster, Knöpker, berichtete 1814, er sei fünf Jahre zuvor als Ersatzmann für Theodor Schweling in französische Dienste gegangen, habe in Spanien gekämpft und sei in englische Gefangenschaft geraten.

Soziale Ungleichheit konnte damit buchstäblich über Leben und Tod entscheiden: Der Wohlhabende zahlte – der weniger Vermögende marschierte.


Josef Spithöver – vom armen Jungen zum reichen Stifter

Kaum eine Sendenhorster Biografie verbindet Armut und Reichtum so eindrucksvoll wie die von Josef Spithöver. Er wurde am 11. Oktober 1813 als sechstes Kind des Zimmermanns Theodor Spithöver und seiner Frau Katharina Hagedorn geboren. Der Vater betrieb einen kleinen Holzhandel an der Weststraße, starb jedoch bereits 1814 an Tuberkulose.

Die kinderreiche Familie geriet in Not. Bürgermeister und Gerichtsaktuar Langen nahm sich des Jungen an. Josef half in dessen Haushalt und erledigte früh Schreibarbeiten. Nach Ausbildung und Wanderschaft führte sein Weg schließlich nach Rom, wo er als Buchhändler, Kunst- und Grundstücksbesitzer wirtschaftlich außerordentlich erfolgreich wurde. [9]

762.000 Goldmark
für das St.-Josef-Stift
aufgebracht in den Jahren 1887 bis 1889

Sendenhorst selbst konnte sich das dringend gewünschte Krankenhaus nicht leisten. Ein bereits angesparter Fonds von 26.800 Mark reichte dafür bei weitem nicht aus. Spithöver übernahm den entscheidenden Teil der Finanzierung. Zwischen 1887 und 1889 brachte er nach der Überlieferung 762.000 Goldmark für Bau und wirtschaftliche Absicherung des St.-Josef-Stifts auf.

Der soziale Zweck war ausdrücklich Teil der Stiftung: Bedürftige Einwohner sollten unentgeltlich gepflegt werden können. Das war im 19. Jahrhundert entscheidend, denn Krankheit bedeutete bei vielen Familien nicht nur Behandlungskosten, sondern zugleich den vollständigen Ausfall des Einkommens.

Spithöver hatte damit einen außergewöhnlichen sozialen Kreis geschlossen: Der Junge aus einer nach dem Tod des Vaters hilfsbedürftig gewordenen Sendenhorster Familie finanzierte Jahrzehnte später eine Einrichtung, die gerade den Bedürftigen seiner Heimatstadt helfen sollte.


Vom Almosen zum Sozialstaat – und was „reich“ heute bedeutet

Nach der Mitte des 19. Jahrhunderts besserte sich die wirtschaftliche Lage allmählich. Fascies beschreibt nach 1850 eine längere Phase der wirtschaftlichen Genesung. Die großen Hungerkrisen gingen zurück, Handwerk spezialisierte sich, Verkehrswege verbesserten sich und neue Erwerbsmöglichkeiten entstanden. Auch die unteren Schichten erreichten häufiger ein bescheidenes, aber verlässlicheres Auskommen.

Gleichzeitig veränderte sich die soziale Sicherung grundlegend. Aus Armenhaus, Armenstiftung, kirchlicher Fürsorge, Suppen- und Spinnanstalten und privaten Hilfsvereinen entwickelte sich schrittweise ein System gesetzlicher Absicherung. Kranken-, Unfall-, Renten-, Arbeitslosen- und Sozialhilfe verlagerten das Existenzrisiko zunehmend von der privaten Mildtätigkeit auf Versicherungen und öffentliche Leistungen.

Das St.-Josef-Stift steht genau an diesem Übergang. Spithövers Stiftung war noch private Wohltätigkeit großen Stils; später wurde die kostenlose Behandlung Bedürftiger zunehmend über öffentliche Kostenträger abgesichert. Nach der Inflation der 1920er Jahre war das ursprüngliche Stiftungsvermögen weitgehend vernichtet, die Versorgung Bedürftiger musste auf neue finanzielle Grundlagen gestellt werden.

Und heute?

Für 2022 weist IT.NRW für Sendenhorst ein verfügbares Einkommen der privaten Haushalte von durchschnittlich 28.558 Euro je Einwohner aus. Damit lag Sendenhorst auf Rang 62 der 396 nordrhein-westfälischen Städte und Gemeinden.

Ein solcher Durchschnitt sagt allerdings nichts darüber aus, wie gleich oder ungleich Einkommen und Vermögen innerhalb der Stadt verteilt sind. Auch heute können Menschen arbeiten und trotzdem auf ergänzende Leistungen angewiesen sein; die Stadt verweist dafür unter anderem auf Bürgergeld, Wohngeld und weitere Sozialleistungen. [10]

Der entscheidende Unterschied zu 1809 ist deshalb nicht, dass Armut verschwunden wäre. Verändert hat sich vor allem das soziale Netz. Ein kranker Tagelöhner, eine Witwe mit Kindern oder ein alter Mensch müssen heute nicht mehr darauf hoffen, dass genügend Brot, Brennholz oder einige Taler aus einer örtlichen Kollekte zusammenkommen.

Arm und reich – was bleibt?

1842 konnte die Stadt ihre Gesellschaft noch fast brutal einfach in wohlhabend, notdürftig, dürftig und bettelarm einteilen.

Heute sind Lebenslagen komplizierter. Einkommen, Eigentum, Bildung, Wohnkosten, Gesundheit und familiäre Situation spielen zusammen.

Geblieben ist aber eine alte Erkenntnis aus den Sendenhorster Armenakten: Armut ist selten nur eine Frage von Fleiß oder persönlichem Verhalten. Oft entscheiden Lebensumstände, Krankheit, Krisen und Chancen darüber, wie sicher ein Mensch leben kann.

Quellen und Hinweise

[1] Heinrich Petzmeyer: Sendenhorst – Geschichte einer Kleinstadt im Münsterland, besonders die Kapitel „Armut. Verweigerung und Widerstand 1815–1848“ und zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; Hans-Günther Fascies / Stadt-Heimatarchiv: Berufsgliederung 1832 nach StAM Kataster Reg.-Bez. Münster C 12. Die Auswertung nennt 272 Haushaltsvorstände, darunter sechs Ackerwirte, 153 Handwerker, 50 Tagelöhner und 63 Weber. Wirtschaft in Sendenhorst ↗

[2] Hans-Günther Fascies / Stadt-Heimatarchiv: Unterlagen zum Kirchenbau 1842; 275 Häuser, 1.259 Taler Steuereinnahmen, 76.719 Taler Schulden; 20 Familien in bürgerlichem Wohlstand, 75 mit notdürftigem Auskommen, 165 dürftig, 51 bettelarm. Ergänzend Darstellung zur Gründung des St.-Josef-Stifts. Historische Augenblicke ↗

[3] Heinrich Petzmeyer: Darstellung der historischen Wohn- und Sozialstruktur Sendenhorsts; Gadems als kleine Miet- und Hinterhäuser für Witwen, Arbeitsleute und Tagelöhner, zahlreiche ältere Häuser mit nur etwa 30–40 m² Wohnfläche. Ergänzend Stadt-Heimatarchiv, Quellenbereich Häuser.

[4] Heinrich Petzmeyer sowie H.-G. Fascies / Stadt-Heimatarchiv: Armenlisten 1809 und weitere Armenakten. Die namentlichen Erhebungen zeigen vor allem Alter, Krankheit, Behinderung, Witwenschaft, Kinderreichtum und fehlenden Verdienst als Armutsursachen. Quellen: Arme ↗

[5] Petzmeyer / Stadt-Heimatarchiv: Armenhaus nach dem Wiederaufbau 1751; 1809 acht ältere Bewohner, 54 regelmäßig außerhalb unterstützte Personen und 25 Straßenbettler. H.-G. Fascies: Armenvermögen 1856 mit 41 Obligationen über insgesamt 4.726 Rthlr und rund 189 Rthlr jährlichen Zinseinnahmen. Armenwesen ↗

[6] Petzmeyer und H.-G. Fascies: Hülfsverein 1832 – 3.200 Fünf-Pfund-Brote aus gespendetem Getreide, Kartoffeln, etwa 500 Liter Sauerkraut, Brennholz, Kleidung und Spinnmaterial; Hülfsverein 1846 nach dem schweren Hagelschlag mit 44 gefährdeten Familien in der Stadt sowie zehn Köttern und Neusiedlern im Kirchspiel. Zeitungsgeschichte ↗

[7] Hans-Günther Fascies / Stadt-Heimatarchiv, Gewerbeakten: Anlage der Nordenbleiche 1832 mit 7½ Silbergroschen Tageslohn; von 17 Tagelöhnern waren sieben schriftkundig, zehn quittierten mit drei Kreuzen. Ratsprotokoll Juli 1892: durchschnittlicher Tagesverdienst 1,65 Mark Männer, 1,10 Mark Frauen, 1,00 Mark Jungen unter 16, 0,80 Mark Mädchen unter 16. 1912 landwirtschaftlicher Jahresarbeitsverdienst Sendenhorst: Männer 750 Mark, Frauen 450 Mark. Gewerbequellen ↗

[8] Heinrich Petzmeyer; Hans-Günther Fascies: Dreiklassenwahlrecht und soziale Stellung der Besitzenden. Petzmeyer zur Franzosenzeit: Wohlhabende konnten einen „Remplacanten“, einen bezahlten Ersatzmann für den Militärdienst, stellen; konkrete Fälle u. a. Franz Anton Zartenhausen und Knöpker.

[9] Josef Spithöver: biografische Unterlagen im Stadt-Heimatarchiv sowie Hans Ofenbach, Josef Spithöver. Spithöver, geb. 1813 als sechstes Kind des Zimmermanns Theodor Spithöver; Tod des Vaters 1814 und Notlage der Familie. Heimatverein Sendenhorst: 762.000 Goldmark für das St.-Josef-Stift 1887–1889; Bedürftige sollten kostenlos gepflegt werden. 100 Jahre St.-Josef-Stift ↗

[10] IT.NRW: verfügbares Einkommen der privaten Haushalte 2022, Sendenhorst 28.558 Euro je Einwohner, Rang 62 von 396 Gemeinden in NRW. Stadt Sendenhorst: Informationen zu heutigen finanziellen Sozialleistungen, unter anderem SGB II/Bürgergeld und Wohngeld.

Quellenbasis: Heinrich Petzmeyer, Sendenhorst – Geschichte einer Kleinstadt im Münsterland; Hans-Günther Fascies / Stadt-Heimatarchiv Sendenhorst; Armen-, Gewerbe-, Haus-, Steuer- und Verwaltungsakten; Heimatverein Sendenhorst; Josef-Spithöver-Unterlagen; IT.NRW und Stadt Sendenhorst. Die Darstellung konzentriert sich auf nachweisbare Sendenhorster Verhältnisse und verwendet überregionale Entwicklungen nur dort, wo sie zum Verständnis notwendig sind.

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