Üm de Wälle gaohn
Das Sendenhorster Ostersingen – eine Stadt umrundet ihre eigene Geschichte
Wenn in der Osternacht die Turmuhr von St. Martin zwölf schlägt, beginnt in Sendenhorst ein Brauch, dessen genauer Ursprung heute nicht mehr bekannt ist. In zwei Gruppen ziehen die Ostersänger durch die nächtliche Stadt. Dreimal geht es über den alten Befestigungsring der heutigen Promenade, anschließend durch die Innenstadt, um den Kirchplatz und um die Kirche. Dabei erklingen seit Generationen überlieferte Osterlieder. Am Ende steht ein gemeinsames Morgengebet.
„Üm de Wälle gaohn“ ist damit weit mehr als ein nächtlicher Spaziergang. Der Weg verbindet religiöses Brauchtum, Familienüberlieferung und Stadtgeschichte. Noch immer folgt er den Spuren jener Wälle und Gräben, die einst das alte Sendenhorst umgaben.
Der Brauch auf einen Blick
| Zeit | Übergang von Karsamstag auf Ostersonntag, Beginn um Mitternacht |
| Form | Zwei Gruppen im Wechselgesang |
| Weg | Promenade, Innenstadt, Kirchplatz und St.-Martinus-Kirche |
| Länge | Nach neueren Aufzeichnungen rund 7,5 bis 7,8 Kilometer |
| Überlieferung | Lieder, Weg und Ablauf wurden über Generationen weitergegeben |
| Abschluss | Morgengebet und Fürbitten an der Kirche |
Wie alt ist „Üm de Wälle gaohn“?
Eine sichere Antwort gibt es bislang nicht. Schon ältere Sendenhorster Darstellungen sprechen von einer seit Jahrhunderten überlieferten Tradition. Ein konkretes Jahr, in dem das Ostersingen erstmals stattfand, ist in den bislang ausgewerteten Quellen jedoch nicht nachgewiesen.
Ältere heimatkundliche Darstellungen bringen den Ostergang mit dem historischen Befestigungsring der Stadt in Verbindung und sehen seine Wurzeln weit in der Vergangenheit. Die Vorstellung eines mittelalterlichen Ursprungs gehört damit zur Sendenhorster Überlieferung.
Quellenkritischer Hinweis: Die alte Herkunft des Brauches ist gut überliefert, ein datierter mittelalterlicher Erstbeleg ist in den bislang ausgewerteten Quellen jedoch nicht vorhanden. Deshalb sollte die mittelalterliche Entstehung nicht als exakt belegtes Datum dargestellt werden.
Warum geht man „üm de Wälle“?
Der Name ist wörtlich zu verstehen. Sendenhorst war einst von Wall und Graben umgeben. Die alte Stadt besaß Tore, über die die Wege in das Umland führten. Später wurden die Befestigungsanlagen weitgehend eingeebnet.
Ihr Verlauf blieb jedoch im Stadtbild erkennbar. Die heutige Promenade zeichnet große Teile des ehemaligen Befestigungsringes nach. Wenn die Ostersänger die Promenade umrunden, folgen sie damit noch immer dem Verlauf der alten Stadtbefestigung.
Der Weg selbst ist ein Stück Stadtgeschichte: Die ehemalige Befestigung Sendenhorsts wird in jeder Osternacht erneut abgeschritten.
Gang um die Wälle in der Osternacht 2018 · Stadt-Heimatarchiv / Heimatverein Sendenhorst
Der überlieferte Ablauf
Die Strecke und auch die Reihenfolge der Lieder sind traditionell festgelegt. Der Bericht von Bernhard Fascies, die Gebet- und Liederkarte von 1981 sowie jüngere Aufzeichnungen zeigen in den Grundzügen denselben Ablauf.
Mitternacht
Mit dem zwölften Glockenschlag setzt sich der Zug in Bewegung. Die Ostersänger teilen sich in zwei Gruppen.
Dreimal um die Wälle
Zunächst wird der Promenadenring dreimal umrundet. Dabei erklingt „Christus ist auferstanden“. Die beiden Gruppen singen im Wechsel.
Durch die Innenstadt
Anschließend führt der festgelegte Weg durch das Innere der Stadt. Dabei erklingt das Marienlied „Freu dich, du Himmelskönigin“.
Dreimal um den Kirchplatz
Beim dreimaligen Umgang um den Kirchplatz wird „Jesus lebt, ist auferstanden“ gesungen.
Dreimal um St. Martin
Danach wird die Kirche dreimal umrundet. Wieder erklingt „Christus ist auferstanden“.
Das abschließende Gebet
Am Ende stehen das alte Morgengebet und mehrere Fürbitten. Damit endet der eigentliche nächtliche Ostergang.
Bernhard Fascies beschreibt die schlafende Stadt
Eine der wichtigsten älteren Beschreibungen stammt von Bernhard Fascies. Sein Text wurde später in die Gebet- und Liederkarte aufgenommen und 1981 erneut veröffentlicht.
„Was sich aus dem Reichtum der Vergangenheit bis in unsere Tage lebendig erhalten hat, ist die Alt-Sendenhorster Osterfeier.“
„Sobald die Turmuhr zwölf geschlagen hat, erklingt der Freudengesang: Christus ist auferstanden, und in zwei Gruppen durchziehen die Sänger die Stadt, ihr die Osterbotschaft zu bringen.“
Bernhard Fascies, „Das Sendenhorster Ostersingen“
Auffällig sind die in der Ausgabe von 1981 noch enthaltenen historischen Straßennamen. Sie zeigen, dass diese Beschreibung nicht erst 1981 entstanden sein kann. Die dritte Auflage übernahm einen wesentlich älteren Text.
Wichtig: 1981 ist das Erscheinungsjahr der vorliegenden dritten Auflage der Gebet- und Liedertexte. Es ist weder das Entstehungsjahr des Fascies-Textes noch das Entstehungsjahr des Ostersingens.
Vom Vater auf den Sohn
Das Liedgut wurde lange nicht allein über gedruckte Hefte weitergegeben. Ältere Darstellungen berichten, dass die Texte und der Ablauf innerhalb der Familien vom Vater an den Sohn überliefert wurden.
Der Ostergang war damit über lange Zeit eine männlich geprägte Bürgertradition. Frauen waren nach der älteren Überlieferung lange Zeit nicht zugelassen.
Anton Ahland, August Northoff und Friedhelm Sander
Besonders anschaulich wird die persönliche Weitergabe in einem Bericht aus dem Jahr 2018. Dort erinnerte sich Friedhelm Sander, bereits als 16-Jähriger erstmals mitgegangen zu sein.
Angeregt worden sei er von seinem Großonkel Anton Ahland, Jahrgang 1897, der damals für das Ostersingen verantwortlich gewesen sei. Später habe August Northoff diese Aufgabe übernommen.
Seit 1966
Nach dem Bericht von 2018 war Friedhelm Sander seit 1966 für das „Üm de Wälle gaohn“ verantwortlich. Damit lässt sich die persönliche Weitergabe des Brauches über mehrere Generationen konkret nachvollziehen.
Im Jahr 2018 nahmen 20 Ostersänger teil. Die aufgezeichnete Strecke betrug 7,8 Kilometer.
Gang um die Wälle 2024 · Stadt-Heimatarchiv Sendenhorst
Spuren durch die Zeit
Die Gebet- und Liedertexte von 1981
Gebet- und Liedertexte für das seit Jahrhunderten bestehende Ostersingen in Sendenhorst: Üm de Wälle gaohn
3. Auflage · 1981
Die Angabe „3. Auflage“ zeigt, dass bereits mindestens zwei frühere gedruckte Fassungen bestanden haben. Wann diese erschienen, lässt sich aus dem vorliegenden Heft allein nicht bestimmen.
Die überlieferten Lieder und Gebete
Die folgenden Texte wurden nach der Gebet- und Liederkarte von 1981 aus der Frakturschrift übertragen. Die historische Wortwahl wurde weitgehend beibehalten.
Christus ist auferstanden
1.
Christus ist auferstanden
Von seiner Marter allen.
Drum weil er auferstanden ist
So loben wir den Herrn Jesu Christ.
Alleluja!
2.
Wär’ er nicht auferstanden
So wäre die Welt vergangen;
Des woll’n wir alle frohe sein
Christus will unser Tröster sein!
Alleluja!
3.
Es gingen drei heil’ge Frauen
Sie wollten das Grab beschauen,
Sie suchten den Herrn Jesu Christ,
Der von dem Tod erstanden ist.
Alleluja!
4.
Wer wälzt uns von des Grabes Tür,
Der große Stein, er liegt dafür.
Doch als sie alle kamen da,
Der Stein schon weggewälzet war.
Alleluja!
Jesus lebt, ist auferstanden
1.
Jesus lebt, ist auferstanden;
Christenseelen, jauchzet doch!
Tod und Satan sind in Banden,
Fort ist unser Sündenjoch.
Unser Leben lebet wieder;
Singt dem Helden Jubellieder.
Alleluja singet ihm.
2.
Und was soll uns auch betrüben,
Hölle, Tod und sein Gericht?
Christen, die den Heiland lieben,
Schaden hundert Höllen nicht.
Jesus hat sie ja bezwungen,
Und den Himmel uns errungen.
Alleluja tönet nun.
3.
Liebt ihn willig, ungezwungen.
Hört, was sein Apostel spricht:
Er ist durch den Sieg verschlungen,
Er, der Tod, o fürchtet nicht;
Seht, der Tod ist überwunden,
Und der Satan angebunden.
Alleluja freut euch nun.
4.
Er, den ihr von Herzen liebet,
– freut euch seiner, und bedenkt –
Ist nicht mehr, wie jüngst, betrübet,
Ist ins Freudenmeer versenkt.
Seine Aengste, seine Leiden,
Sind nun Herrlichkeit und Freuden.
Alleluja, Jesus lebt!
5.
Jesus lebet! freut euch, Brüder!
O, frohlockt, seid nicht betrübt!
Er geht jetzt zum Vater wieder,
Um – da seht wie er uns liebt –
Um uns dort auf ew’ge Zeiten
Platz und Wohnort zu bereiten.
Alleluja, danket ihm.
6.
Ja er hat uns, seine Lieben,
Er, der ewig gütig ist,
Seinen Händen eingeschrieben,
Daß er unser nicht vergißt;
Um uns ewig zu belohnen,
Soll’n wir ewig bei ihm wohnen.
Alleluja, er ist gut.
7.
Ich, spricht er, o meine Brüder!
Geh’ ein kleines nun von hier;
Dann komm’ ich von dorten wieder,
Führ’ euch in mein Reich zu mir.
Freuet euch nach kurzem Leiden
Führ’ ich euch in ew’ge Freuden.
Alleluja, seid nun froh.
8.
Wenn ihr auf mein Beispiel sehet,
Und mir folgt, das Böse scheut,
Froh den Weg zur Tugend gehet,
Meiner Lehre folgsam seid;
Seid ihr mir so stets ergeben,
Ja, dann soll’t ihr ewig leben.
Alleluja, Gott ist gut.
9.
O, so woll’n wir heilig leben,
Nur erhöre unser Fleh’n;
Unverdrossen uns bestreben,
Daß wir deine Wege geh’n,
Ohn’ an’s Irdische zu kleben,
Wollen wir dir einzig leben.
Alleluja, steh’ uns bei.
Freu dich, du Himmelskönigin
1.
Freu dich, du Himmels-Königin,
Freu dich, Maria,
Freu dich, das Leid ist alle hin
Alleluja!
Bitt Gott für uns, Maria!
2.
Für Leid jetzt Freud, für saur’ jetzt süß
Freu dich, Maria,
Jetzt Freud vom Haupt bis auf die Füß,
Alleluja! Bitt Gott etc.
3.
Dein Sohn im Garten schwitzte Blut,
Freu dich, Maria,
Sein Blut ist Balsam köstlich Gut,
All. Bitt Gott etc.
4.
Die Streich und Schläg an deinem Sohn,
Freu dich, Maria,
Wie lauter Stern jetzt glänzen schon,
All. Bitt Gott etc.
5.
Verwundt sein Leib und gar verschändt,
Freu dich, Maria,
Leucht jetzt gleichwie das Firmament,
All. Bitt Gott etc.
6.
Die Dorn, das Rohr, das Purpurkleid,
Freu dich, Maria,
Jetzt Perl, jetzt Gold, jetzt Herrlichkeit,
All. Bitt Gott etc.
7.
Der Trank, der Essig und die Gall
Freu dich, Maria
Ist honigsüß jetzt allzumal
All. Bitt Gott etc.
8.
Das Kreuz, das Speer, das Henkerzeug
Freu dich, Maria
Jetzt Krönlein, Palm- und Ehrenzweig
All. Bitt Gott etc.
9.
Darum freu dich, o Königin
Freu dich, Maria
Freu dich, das Leid ist alles hin.
All. Bitt Gott etc.
Morgengebet
Bester Vater im Himmel, ich danke dir herzlich im Namen und als ein Jünger Jesu Christi, daß du mir die vergangene Nacht Ruhe und Erquickung geschenkt, mich vor allem Unglücke bewahret, und bis auf diesen Augenblick gesund erhalten hast.
Mein Dasein, meinen Atem u. Leben habe ich deiner Güte zu danken; deiner Güte, daß ich dich, wenn ich mich niederlege und wenn ich aufstehe, um Jesu Christi willen Vater, meinen Vater nennen darf.
Wie glücklich bin ich, daß ich als ein Christ erwache, daß ich dich durch Jesum Christum erkenne, daß ich weiß, warum ich auf der Welt lebe, daß ich dir an Vollkommenheit und Kraft des Geistes, meinem Heiland Jesu Christo aber an Tugend ähnlich, und dereinst seiner Seligkeit und Herrlichkeit teilhaftig werden soll.
Laß mich, bester Vater! da mein Herz in deiner Hand ist, diesen großen Zweck meines Lebens heut keinen Augenblick aus den Augen setzen; laß mich in allem, was ich denke, rede und tue, nur auf Jesum Christum sehen, alles in seinem Namen und als sein Jünger denken, reden und tun.
Gib, daß ich gegen alle Menschen liebreich, mit allen Elenden mitleidig sei, und gegen die Armen nach meinem Vermögen, was dir bekannt ist, es sei klein oder groß, wohltätig; gegen die, welche mir Gutes tun, dankbar, und gegen die, welche mir Böses tun, gelassen und sanftmütig sei.
Gib, daß ich die Pflichten meines Berufs treulich erfülle, und immer daran gedenke, daß ich nicht den Menschen, sondern dir und in deinem Dienste arbeite.
Gib mir durch deinen Geist Mut und Stärke, alle bösen Lüste, die in mir aufsteigen möchten, zu unterdrücken, und mich insonderheit vor meinen Lieblingssünden sorgfältig zu hüten, und derselben Meister zu werden.
Laß mich in allem auf deine Vorsehung vertrauen, die Flüchtigkeit meines ungewissen Lebens wohl erwägen, und diesen Tag heiliger beschließen, als ich ihn angefangen habe.
Segne mich und die Meinigen, und alle Menschen, insonderheit aber deine Kirche, und alle treuen Jünger Jesu Christi, durch Jesum Christum, Amen.
Die abschließenden Fürbitten
Lasset uns beten
für die da fahren zu Wasser und zu Lande:
3 Vater unser 3 Gegrüßet
Lasset uns beten
für alle verstorbenen Mitbrüder unserer Gemeinde:
3 Vater unser 3 Gegrüßet
Lasset uns beten
für die im Völkerringen auf dem Felde der Ehre gefallenen Söhne unserer Vaterstadt:
3 Vater unser 3 Gegrüßet
Herr gib ihnen die ewige Ruhe!
Und das ewige Licht leuchte ihnen!
Laß sie ruhen in Frieden! Amen.
Ostersingen und Karfreitagsprozession
Zum historischen Sendenhorster Osterbrauchtum gehört auch die Karfreitagsprozession beziehungsweise Karfreitagstracht.
Hier zeigen die Quellen eine interessante Entwicklung. Bernhard Fascies beschreibt die ältere Karfreitagsprozession als einen Brauch, der zu seiner Zeit bereits eingeschlafen sei und nur noch aus urkundlichen Nachrichten bekannt gewesen sei. In Veranstaltungskalendern der 1970er Jahre erscheint jedoch wieder ausdrücklich eine „Karfreitagsprozession“.
Mehr als ein Osterbrauch
„Üm de Wälle gaohn“ verbindet mehrere Schichten Sendenhorster Geschichte miteinander. Der Verlauf erinnert an die ehemalige Befestigung der Stadt. Die Lieder bewahren religiöse Texte, die über Generationen weitergegeben wurden. Die Namen der Organisatoren zeigen persönliche Traditionslinien über Jahrzehnte hinweg. Und die jährliche Wiederholung macht aus einem historischen Weg einen bis heute erlebbaren Teil der Stadt.
Gerade deshalb ist der Brauch für das Stadt-Heimatarchiv besonders wertvoll: Schriftliche Quellen, mündliche Überlieferung, gedruckte Liederhefte und zahlreiche Fotografien ergänzen sich. Aus ihnen entsteht das Bild eines Brauches, dessen Anfang im Dunkel der Geschichte liegt, dessen Weg durch Sendenhorst aber bis heute sehr genau zu verfolgen ist.
Üm de Wälle gaohn
Wenn um Mitternacht wieder „Christus ist auferstanden“ durch die Straßen klingt, wird nicht nur die Osterbotschaft weitergetragen. Für einige Stunden wird auch der alte Stadtgrundriss Sendenhorsts wieder sichtbar – Schritt für Schritt, Lied für Lied.
Quellen und Überlieferung
Gebet- und Liedertexte für das seit Jahrhunderten bestehende Ostersingen in Sendenhorst: „Üm de Wälle gaohn“, 3. Auflage, 1981.
Bernhard Fascies: „Das Sendenhorster Ostersingen“, überliefert in der Gebet- und Liederkarte.
Sendenhorster Veranstaltungskalender 1975.
Heimatverein-Mosaik 1977.
Heimatverein Sendenhorst: Berichte und Dokumentationen zum „Gang um die Wälle“.
Stadt-Heimatarchiv Sendenhorst: Bildserien und historische Unterlagen zum Sendenhorster Ostersingen.