Von der Vor- und Frühgeschichte bis 2025 – ausführliche Gesamtfassung
Die bestehende Heimatvereinschronik bildet das vollständige chronologische Grundgerüst. Ergänzt und vertieft wird sie durch Petzmeyer, Bernhard und Hans-Günther Fascies, das Stadt- und Heimatarchiv, die Reihe „Kriege & Krisen“ sowie neuere archäologische Forschung. Wo ältere Angaben durch zeitnähere oder besser belegte Quellen korrigiert werden, bleibt die ältere Überlieferung erkennbar und wird erläutert.
Inhaltsverzeichnis
Anfänge–1499
Vor- und Frühgeschichte bis zum Ausgang des Mittelalters
Zur Einordnung: Ein Werkzeug belegt einen Aufenthalt, ein Gräberfeld eine in der Nähe lebende Gemeinschaft. Beides beweist noch keine dauerhaft bestehende Ortschaft. Für die Kernstadt ist eine rund 2.600 bis 2.700 Jahre alte Siedlungslandschaft sicher fassbar; einzelne menschliche Spuren im heutigen Gesamtgebiet reichen wesentlich weiter zurück.
Vor mehr als 150.000 Jahren
Während der Saale-Kaltzeit entsteht der Münsterländer Kiessandzug. Er zieht über Albersloh nach Sendenhorst. Seine trockeneren, leicht erhöhten Sand- und Kiesflächen werden in der von feuchten Niederungen geprägten Landschaft zu einem natürlichen Korridor für Lagerplätze und spätere Hofstellen.[1]
Mittelpaläolithikum – Zeit der Neandertaler
Steingeräte belegen Aufenthalte im Raum Sendenhorst–Albersloh. Sie stammen wahrscheinlich aus der Zeit der Neandertaler. Solche Einzelfunde beweisen die Anwesenheit mobiler Jäger und Sammler, aber noch keine feste Siedlung.[2]
Ab etwa 9600 v. Chr. – Mittelsteinzeit
Nach dem Ende der letzten Kaltzeit breiten sich Wälder aus. Jäger, Fischer und Sammler nutzen trockene Geländepunkte und wassernahe Lagerplätze auf dem eiszeitlichen Höhenrücken. Bodenfunde aus Albersloh zeigen eine wiederholte Nutzung.[2]
Jungsteinzeit
Ackerbau und Viehzucht setzen sich schrittweise durch. Geräte und weitere Bodenfunde zeigen, dass die höher gelegenen Flächen nun regelmäßiger genutzt werden. Eine lückenlose Folge derselben Höfe bis zum späteren Sendenhorst lässt sich daraus nicht ableiten.
Etwa 2000/1900–800 v. Chr. – Bronzezeit
Grabhügel, Urnen, Waffen und Geräte aus dem Raum Albersloh weisen auf bäuerliche Gemeinschaften und weiträumige Austauschbeziehungen hin. Seit ungefähr 1200 v. Chr. setzt sich die Brandbestattung zunehmend durch.[3]
7./6. Jahrhundert v. Chr. – ältere Eisenzeit
Die Urnenfriedhöfe an der Spithöverstraße und am Martiniring sind die ersten besonders deutlich fassbaren vorgeschichtlichen Fundplätze der Sendenhorster Kernstadt. Die Gräber belegen nahe Hofgemeinschaften, jedoch noch keine geschlossene oder seitdem ununterbrochen bestehende Ortschaft.[3]
Eisenzeit – Siedlungsplatz an der Kreisstraße 4
2005 werden entlang der K 4 zahlreiche eisenzeitliche Scherben entdeckt und baubegleitend dokumentiert. Anders als die Gräberfelder liefern sie unmittelbare Spuren des Wohnens und Wirtschaftens. Typisch waren Einzelgehöfte oder lockere Hofgruppen mit Wohnstallhäusern, Speichern, Arbeitsplätzen und Vorratsgruben.[4]
Um Christi Geburt – Siedlung in Albersloh-Alst
Bei einer Rettungsgrabung 1971 werden auf rund 4.000 Quadratmetern fünf große Pfostenhäuser, sieben Grubenhäuser und zwei Speicher dokumentiert. Die großen Häuser waren 12 bis 20 Meter lang. Ein 4,42 Kilogramm schwerer Bleiring deutet auf überregionale Kontakte, beweist aber weder eine römische Niederlassung noch einen römischen Stützpunkt. Sendenhorst und Albersloh lagen außerhalb des Römischen Reiches in der Germania magna.[5]
Nach der römischen Kaiserzeit
Das örtliche Fundbild wird dünner. Daraus kann keine völlige Entvölkerung abgeleitet werden. Wahrscheinlicher ist ein längerer Wandel aus verlegten Hofstellen, Mobilität, Vermischung und wechselnden fränkischen und sächsischen Zugehörigkeiten. Eine rein sächsische oder rein fränkische Gründung Sendenhorsts ist nicht beweisbar.
772–804
Die Sachsenkriege Karls des Großen erfassen Westfalen in mehreren Kriegs- und Friedensphasen. Widukind lässt sich 785 taufen. Konkrete Kämpfe im heutigen Sendenhorster Stadtgebiet sind nicht nachgewiesen.
805
Liudger wird erster Bischof von Münster. Von Münster aus entstehen kirchliche Strukturen, Haupthöfe und spätere Pfarreien. Eine ebenso frühe Urpfarreigründung ist für Sendenhorst nicht belegt.
Um 890/900
In Werdener Güter- und Abgabenverzeichnissen erscheint „Seondonhurst“ erstmals schriftlich; weitere Formen sind Sendonhurst, Sindenhurst und Sendinhurst. Gemeint ist noch keine Stadt, sondern eine ländliche Siedlung oder Bauerschaft. Heinrich Petzmeyer vermutete ihren Kern im Bereich der Geist, etwa 400 Meter westlich der heutigen Stadtmitte. Die genaue Lage bleibt eine begründete Hypothese.[6]
Nach 1000
Mehrere Mühlenplätze an der Angel zeigen die Bedeutung der Wasserläufe für Verarbeitung und Versorgung. Der spätere Siedlungsschwerpunkt verdichtet sich jedoch nicht dort, sondern um die Kirche.
11./12. Jahrhundert – Adelshof am „Großen Hof“
Grabungen von 2003 und 2004 legen am östlichen Stadtrand einen außergewöhnlich großen Hof mit einem mindestens 30 Meter langen Holzhaus, Viehkoppel, Grubenhaus und Speichern frei. Zwei Schachfiguren und aufwendig gefertigte Backgammonsteine sowie weitere kostbare Funde belegen eine gehobene Lebensweise. Eine Verbindung zur Familie Schorlemer ist möglich, aber nicht abschließend bewiesen.[7]
1175
Sendenhorst wird erstmals als Kirchdorf erwähnt. Im 12. Jahrhundert besteht ein romanischer Vorgängerbau der heutigen St.-Martinus-Kirche. Kirche, Begräbnisplatz, Abgaben, Handel und Handwerk fördern die Verdichtung zu einem neuen Siedlungskern.
12./13. Jahrhundert
Grabungen im Südosten der Altstadt bringen 2022 Gräben, Pfostenlöcher, Brunnen und weitere hochmittelalterliche Siedlungsspuren ans Licht. Sie verbinden archäologisch den älteren Hofverband mit dem späteren Kirchdorf und der entstehenden Stadt.[8]
Nach 1310 bis 1315 – Stadtwerdung
Ein genaues Gründungsdatum ist nicht überliefert. Während der Regierungszeit des Fürstbischofs Ludwig II., Landgraf von Hessen, erhält Sendenhorst städtischen Charakter sowie Wall, Graben und vier Tore. Die Befestigung stärkt den bischöflichen Einfluss im Konflikt mit der Grafschaft Mark.
11. August 1315
Eine Urkunde über ein Grundstücksgeschäft nennt Sendenhorst „infra oppidum Sendenhorst“. Sie ist der älteste bekannte schriftliche Nachweis als Stadt und begründet den heutigen Stadtgeburtstag. Das Datum ist nicht zwingend der Tag einer feierlichen Verleihung der Stadtrechte.[6]
1323
Nach örtlicher Überlieferung wird Sendenhorst im Zusammenhang mit der märkisch-münsterschen Fehde durch Truppen des Grafen Engelbert II. von der Mark niedergebrannt. Der Zusammenhang ist überliefert, aber nicht in allen Einzelheiten gesichert.
1350/51
Der Schwarze Tod, wahrscheinlich die Pest, überzieht Europa und erreicht auch das Münsterland. Für Sendenhorst ist keine verlässliche Zahl der Toten überliefert. Ältere Darstellungen verbinden die Zeit nach 1351 mit einem starken Niedergang und einer Verkleinerung des Befestigungsrings; diese Rekonstruktion sollte mit archäologischen Befunden vorsichtig abgeglichen werden.
13./14. Jahrhundert – Glasverarbeitung
Funde der Grabung 2022 weisen auf eine glasverarbeitende Stelle in der Südstadt hin. Damit wird mittelalterliches Handwerk unmittelbar im Boden fassbar.
Nach 1425 – Münzschatz von Bracht
Auf dem Hof Große Kogge in der Bauerschaft Bracht wird 1932 bei Notstandsarbeiten ein bedeutender Münzhort entdeckt. Ältere Angaben nennen rund 4.000 Silbermünzen und eine hohe Zahl von Goldmünzen; die genaue Zahl der Goldstücke ist in der Überlieferung uneinheitlich. Der Gegenwert war beträchtlich. Weshalb der Eigentümer das Vermögen vergrub und niemals zurückholte, bleibt unbekannt.
15. Jahrhundert
Nur geringes Bevölkerungswachstum. Sendenhorst bleibt eine kleine befestigte Stadt in einem weitgehend landwirtschaftlich geprägten Umland.
1450–1457 – Münsterische Stiftsfehde
Für eine Schlacht unmittelbar in Sendenhorst gibt es keinen sicheren Nachweis. Dennoch zeigen die Quellen erhebliche Folgen. Rechtsgeschäfte setzen zeitweise aus; zahlreiche Höfe in Hardt, Rinkhöven und Jönsthövel werden nach der Fehde als verwüstet, aufgegeben oder verlassen beschrieben.
1490
Fürstbischof Heinrich III. bestätigt die überlieferten Rechte des „Städekens Sendenhorst“. Es handelt sich um die älteste erhaltene Bestätigung der Sendenhorster Stadtprivilegien.
1498 – Willkommschatzung
Die landesherrliche Schatzung nennt für Sendenhorst rund 330 Einwohner innerhalb der Stadtumwallung. Zum Vergleich: Ahlen 728, Albersloh 434, Alverskirchen 265, Beckum 731, Vorhelm 264 und Warendorf 1.354 Einwohner. Sendenhorst ist klein, aber eindeutig städtisch organisiert.
1500–1599
Reformation, Stadtbrände und Krisen des 16. Jahrhunderts
1516
Der münstersche Fürstbischof verbietet die Femegerichte. Damit endet eine ältere Form der Rechtsprechung, die auch in der regionalen Überlieferung eine Rolle spielt.
1517
Beginn der Reformation. Im Gegensatz zu vielen Nachbarorten sind für Sendenhorst zunächst nur geringe unmittelbare Auswirkungen erkennbar.
23. Oktober 1529 – großer Stadtbrand
Sendenhorst wird von einer der schwersten Brandkatastrophen seiner frühen Geschichte getroffen. Außer einigen Häusern im Süden und Westen brennt der gesamte Ort nieder. Auch der Kirchturm mit seinen fünf Glocken wird ein Raub der Flammen.[9]
1530er-Jahre – Täuferreich Münster
Die Täufer übernehmen in Münster die Herrschaft und errichten ihr „Neues Jerusalem“. Sendenhorst bleibt von einer größeren direkten Kampfhandlung verschont, bekommt aber die Folgen zu spüren: ausgewiesene und geflüchtete Münsteraner Bürger werden untergebracht, desertierte kaiserliche Truppen ziehen durch die Region. Auf dem gräftengesicherten Jungmannhof in Bracht kommt es zu einem Scharmützel; bei der Erstürmung wird Oberst Recke getötet. Die Deserteure werden im Turm zu Wolbeck festgesetzt und später größtenteils begnadigt.
1553
Herzog Philipp Magnus von Braunschweig zieht mit mehreren Tausend Soldaten gegen den münsterschen Bischof Franz von Waldeck. Versprengte Truppenteile verursachen Schäden in Hardt, Rinkhöven und Elmenhorst; die Chronik nennt insgesamt 16 geschädigte Höfe.
1558
Die örtliche Wetterüberlieferung berichtet von einem schweren Sturm. Für die dicht stehenden Fachwerkhäuser und eine landwirtschaftlich geprägte Bevölkerung waren solche Unwetter besonders bedrohlich.
1566–1609
Der niederländische Unabhängigkeitskrieg greift mehrfach auf Nachbarterritorien über. Spanische und niederländische Truppen ziehen durch Westfalen, fordern Verpflegung und verursachen Schäden.
1582–1602
Mehrfach ziehen niederländische und spanische Soldaten durch Albersloh, Wolbeck und das östliche Münsterland. Sendenhorst geht damit bereits belastet in das 17. Jahrhundert.
1584 – Pfarrer Heinrich Hölscher
Mit Heinrich Hölscher beginnt die lückenlos nachvollziehbare Reihe der Sendenhorster Pfarrer. Seine Amtszeit fällt in eine Epoche von Religionskonflikten, Truppendurchzügen, Seuchen und schließlich den Beginn des Dreißigjährigen Krieges.
1588 – Sendenhorster Taufstein
Hieronymus Hogeherte stiftet der Pfarrkirche einen kunstvoll gefertigten Taufstein aus Baumberger Kalkstein. Nach dem Abbruch der alten Kirche gelangt er 1871 nach Westkirchen und ist dort erhalten geblieben.
1600–1699
Dreißigjähriger Krieg, Pest, Feuer und Wiederaufbau
1606 – Pest
Für Sendenhorst ist eine Pestwelle überliefert. In den Fascies-Beständen erscheinen sogar einzelne Namen von Pesttoten. Die Seuche trifft eine Bevölkerung, die bereits unter den Folgen jahrzehntelanger Truppendurchzüge leidet.[10]
17. Jahrhundert – Gewalt und Hexenglaube
Die örtliche Chronik beschreibt eine allgemeine Verrohung der Sitten und eine Zunahme alkoholbedingter Gewalttaten. Für Albersloh ist 1632, für Sendenhorst 1636 ein Zusammenhang mit Hexereivorwürfen überliefert.
1618–1648 – Dreißigjähriger Krieg
Sendenhorst gehört zum katholischen Fürstbistum Münster. Der Krieg ist aber weit mehr als ein einfacher Kampf „Katholiken gegen Protestanten“: Fürsten kämpfen gegen Stände, Kaiserliche gegen Schweden und Hessen, Städte um alte Rechte – und nahezu alle Heere leben von der Bevölkerung. Für Sendenhorst bedeutet das Einquartierungen, Kontributionen, Viehraub, Verschuldung, Krankheiten und ständige Angst.[11]
Pfarrer Heinrich Hölscher
Heinrich Hölscher erlebt die niederländisch-spanischen Truppendurchzüge, die Pest von 1606 und die ersten Jahre des Dreißigjährigen Krieges. Er stirbt am 13. August 1623. Sein Nachfolger Johannes Engelberting führt die Gemeinde durch einen großen Teil der folgenden Kriegszeit.
16. April 1622
Noch bevor Christian von Braunschweig Sendenhorst erreicht, berichtet die Stadt von Brandschatzungen, Pferdediebstählen und drohender gewaltsamer Einnahme. Die Bürger teilen die Wachen auf: eine Hälfte bewacht die Stadt am Tag, die andere in der Nacht.
4.–9. Mai 1622 – Christian von Braunschweig
Herzog Christian von Braunschweig rückt mit seinem protestantischen Söldnerheer von Lippstadt in das Fürstbistum Münster vor. Sendenhorst öffnet die Tore, nachdem eine gewaltsame Einnahme beziehungsweise Beschießung droht. Christian nimmt sein Hauptquartier an der Oststraße. Die Stadt entgeht der Zerstörung, muss aber Soldaten und Pferde versorgen.[11]
1623 – die „Beschützer“ werden zur Gefahr
Nach Christians Abzug ruft Fürstbischof Ferdinand von Bayern ligistische Truppen zur Verteidigung. Als münsterländische Städte die Einquartierung verweigern, werden ausgerechnet katholische Städte von katholischen Truppen unterworfen. Ahlen, Beckum und Warendorf werden militärisch besetzt. Der Fürstbischof nutzt die Lage zugleich, um städtische Rechte einzuschränken.
1624 – Krieg auf Kredit
Das Kirchspiel Sendenhorst nimmt 200 Reichstaler auf, um Truppen und Kriegsschulden zu bezahlen. Weitere Verpflichtungen folgen. Der Krieg wird damit auch zur langfristigen Schuldenkrise.
1633–1635 – Hessenkrieg
Hessische, kaiserliche und braunschweig-lüneburgische Truppen wechseln sich ab. Wichtige hessische Stützpunkte liegen in Lippstadt, Hamm, Coesfeld und zeitweise Beckum; schwedische Kräfte verfügen unter anderem in Osnabrück über einen bedeutenden Stützpunkt. Sendenhorst liegt zwischen den Fronten.
Kontributionen, Plünderungen und Menschenraub
Schadensmeldungen zeigen, dass keine Seite die Bevölkerung schont. Pferde und Kühe werden fortgeführt, Einwohner verschleppt und erst gegen Lösegeld freigelassen. Steuerlisten führen Höfe als „wüst“, „pauper“, „vacat“ oder „nihil“ – verwüstet, arm, unbewohnt oder ohne steuerbares Vermögen.
1636 – Pest
Mitten im Krieg ist zumindest ein Todesfall ausdrücklich als Tod an der Pestilenz überliefert. Mangelernährung, beengte Quartiere und Flüchtlingsbewegungen fördern Infektionskrankheiten.
1636 – Johann Loißing
Bei der Beerdigung Johann Loißings soll ein schweres Unwetter niedergegangen sein. Einige Einwohner deuten dies als unheilvolles Zeichen und erwägen angeblich sogar, den bereits bestatteten Leichnam wieder auszugraben und zu verbrennen. Aus Münster wird ein solches Vorgehen untersagt. Die Episode zeigt die Angstwelt der Kriegsjahre.
1637
Waffenstillstand zwischen Kaiserlichen und Hessen. Hessische Besatzungen bleiben bis zum Westfälischen Frieden ein wichtiger Machtfaktor. Im Herbst plündern hessische Truppen Sendenhorst; kaiserliche Reiter gewinnen später einen Teil der Beute zurück.
Winter 1639 – großer Stadtbrand
Am Dienstag vor dem Martinsfest wird Sendenhorst von einer schweren Feuersbrunst getroffen. Gut ein Drittel der Wohnbebauung – etwa 60 Häuser – wird eingeäschert; spätere Berichte nennen sogar rund 80. Besonders betroffen ist der Bereich zwischen Nord- und Ostpforte.[9]
24. Oktober 1648 – Westfälischer Friede
In Münster und Osnabrück wird Frieden geschlossen. Für Sendenhorst endet die Not nicht schlagartig: Schulden, Besatzungslasten und zerstörte Höfe bleiben.
1650 – wieder Feuer
Rund 50 Häuser brennen nieder. Viele Familien verlieren zum zweiten Mal binnen weniger Jahre ihr mühsam wieder aufgebautes Eigentum. Die Einwohnerzahl erreicht einen Tiefpunkt. Zwei Bürger werden mit einem Bettelbrief in die Lande geschickt, um Spenden für den Wiederaufbau zu erbitten.[9]
1666 – weiterer Brand
Nach örtlicher Überlieferung verursacht ein Blitzeinschlag erneut ein Feuer, dem zahlreiche Gebäude zum Opfer fallen.
1698
Die Stadt zählt wieder mehr als 1.000 Einwohner. Demografisch hat sich Sendenhorst von Krieg, Pest und Bränden teilweise erholt.
1700–1799
Vom Hochstift Münster bis zum Ende des 18. Jahrhunderts – mit den Aufzeichnungen Pfarrer Kuipers’
Spätherbst 1725
Etliche Sendenhorster ziehen nachts mit Aschenbeuteln durch die Straßen. Sie schlagen Passanten die Beutel ins Gesicht, greifen sie an und berauben sie. Das Unwesen dauert mehrere Jahre, weil die Täter nicht ermittelt oder nicht angezeigt werden.
1728
Die „Aschenbeutel“-Überfälle dauern an. Die Chronik beschreibt die Täter als gefürchtete nächtliche Räuber.
Ende November 1734
Preußische Soldaten – „Borussen“ – kommen nach Sendenhorst und beziehen Winterquartier. Für die Einwohner bedeutet das Unterkunft und Versorgung von Soldaten und Pferden.
1746
Das Haus des Schmieds Hermann Bering brennt ab.
19. September 1749 – Großbrand
Im Bereich des späteren Westgrabens gerät zum Trocknen aufgehängter Flachs in Brand. Das Feuer greift rasch um sich. Mehr als hundert Häuser, vielfach bereits mit der Ernte gefüllt, gehen verloren; auch das Pfarrhaus wird vollständig zerstört.[9]
1750 – Kuhpest
Eine schwere Viehseuche erreicht Sendenhorst. Selbst Pastor Homoet, der seinen Stall besonders abschirmt, verliert Kühe. Für die landwirtschaftlich geprägte Bevölkerung bedeutet Viehsterben akute Existenzgefahr.
17. April 1751 – erneut Großbrand
Im Haus Schleiten 5, bewohnt vom Schmied Osthues, entsteht ein Feuer. Wahrscheinlich verfängt sich ein glühender Eisensplitter im zum Trocknen aufgehängten Flachs. Das Feuer zerstört die Bebauung bis zum Westtor.[9]
1756–1763 – Siebenjähriger Krieg
Sendenhorst wird nicht Schauplatz einer großen Schlacht. Die Stadt leidet jedoch unter Truppendurchzügen, Einquartierungen, Requisitionen und ausgeschriebenen Kriegssteuern.
1759
Wegen der Kriegsunruhen werden auffällig wenige Ehen geschlossen.
1. September 1760
Anna Maria Ridder heiratet Christian Brinkers – nach der örtlichen Chronik ihre siebte Ehe.
15./16. Juli 1761 – Schlacht bei Vellinghausen
Nahe Hamm treffen zehntausende Soldaten aufeinander. Eines der großen Gefechte des Siebenjährigen Krieges liegt damit nur wenige Dutzend Kilometer von Sendenhorst entfernt.
1761 – das große Seuchenjahr
Die ältere Sendenhorster Chronik spricht von „Typhus“. Der zeitnahe Eintrag Pfarrer Kuipers’ verwendet jedoch ausdrücklich „Dysenteria“ – Dysenterie beziehungsweise Ruhr. Für die Stadt werden 167 Tote genannt; für das Kirchspiel weitere 58. 18 oder 19 Ärzte werden zur Hilfe entsandt. Fast kein Haus bleibt von Krankheit oder Trauer verschont. Gleichzeitig beginnt erneut die Kuhpest.[10]
31. Juli 1761
Kuipers hält fest, dass fast alle Häuser in Stadt und Kirchspiel von der Krankheit betroffen seien. Arme erhalten Medikamente und Sachhilfe; andere müssen die Leistungen später bezahlen. Der Eintrag gehört zu den eindrücklichsten lokalen Seuchenzeugnissen.
1762
Die Kuhpest hält an und bricht erneut aus. Gleichzeitig liegt den Winter über eine feindliche Truppe in der Stadt. Kuipers beschreibt die Not als außerordentlich groß.
1763
Mit dem Frieden von Hubertusburg endet der Siebenjährige Krieg. Gleichzeitig beginnen beziehungsweise setzen sich ungewöhnlich regenreiche Jahre fort.
November 1763
Erneuter Ausbruch der Maul- und Klauenseuche, zunächst besonders im Bereich des Osttores, später bis zum Pastorat.
1764
Nach dem großen Sterben ist die Zahl der Beerdigungen außergewöhnlich niedrig. Kuipers erinnert zugleich an eine lange Folge nasser und wirtschaftlich bedrückender Jahre.
10. April 1764 – Feuer durch eine Öllampe
Ein sechsjähriger Junge steigt mit einer Öllampe auf den Futterboden, um ein Huhn zu fangen. Das daraus entstehende Feuer greift auf Nachbarhäuser über. 17 Häuser gehen in Flammen auf.[9]
1761, 1764, 1799, 1801, 1811
Weitere Ruhr-Epidemien werden in der örtlichen Chronik genannt.
31. Oktober 1765
Anna Katharina Bonse, geborene Wieler, stirbt. Die Überlieferung nennt sie die „Mutter der Armen“.
März 1766 – Losung
Junge Männer von 18 bis 40 Jahren dürfen nach dem veröffentlichten Befehl nicht heiraten, wenn sie sich nicht zweimal vom Militärdienst freigelost haben. Kuipers berichtet von Streit und Feindschaften.
1766–1773
Nasse, unfruchtbare Jahre und Teuerung belasten die Bevölkerung.
Juni 1767
Die Kirche wird innen neu geweißt.
Februar 1769
Eine neue Wahlformel öffnet auch Webern den Weg in den Magistrat. Die Mitglieder des Magistrats werden als Konsuln bezeichnet.
November 1769
Der Bischof ordnet drei Fasttage wegen der drohenden Maul- und Klauenseuche an.
1770
Die Einschränkung von Fast- und Festtagen führt zu Unmut gegen Klerus und Bischof. Zugleich wird die St.-Johannes-Bruderschaft zeitweise verboten, weil ihr Schützenwesen nach Ansicht der Obrigkeit zu stark mit Alkoholkonsum verbunden ist.
23./24. April 1771
Außergewöhnlich viel Schnee und anhaltende Kälte werden verzeichnet. Auch die Erntezeit wird sehr regenreich.
Herbst 1771
Auf der Herbstsynode in Sendenhorst erhält der Pfarrer zusätzliche liturgische Befugnisse.
1772 – Not, Diebstahl und Mord
Kuipers beschreibt ein Jahr großer Bedürftigkeit und nahezu täglicher Diebstähle. Am Aschermittwoch, 4. März, wird ein Bürger ermordet; Hermann Hardenberg wird beraubt und flieht. Zahlreiche ältere Kirchenakten werden nach Münster gebracht.
Herbst 1772
Nach mehreren sehr nassen Jahren folgt ein außergewöhnlich trockener und für die Aussaat günstiger Herbst.
1773
Die frühere Segnung Verstorbener in der Kirche wird nach einem Synodenbeschluss eingestellt.
15. März 1773
Ein mitten in der Kirche stehender Altar wird entfernt, weil er bei Beerdigungen im Wege steht.
24. Mai 1773 – Hagel und Sturm
In umliegenden Orten fällt außergewöhnlich großer Hagel; ein Sturm entwurzelt Bäume. In Sendenhorst wird vor allem Getreide zu Boden gedrückt.
1774
Ein ungewöhnlich warmer Jahresbeginn führt zu früher Reife. Rund 40 Kinder sterben, vielfach an Ruhr und anderen Krankheiten. Gleichzeitig besuchen erstmals mehr als 100 Kinder die Schule.
1775 – Wetterextreme
Das Jahr schwankt zwischen ungewöhnlich viel Wasser und später großer Trockenheit. Zeitweise muss Wasser für das Vieh herangeschafft werden. Kirchenchor und Friedhofsmauer werden instand gesetzt.
Oktober 1775 – Kuhpest
Die Viehseuche bricht erneut aus – nach der Überlieferung bereits die dritte große Welle seit der Jahrhundertmitte.
27. Januar 1776
Extreme Kälte: Menschen erfrieren, sogar Tiere erleiden in den Ställen Frostschäden.
24. Mai 1777
Christian Panning wird tot vor dem Osttor gefunden. Zeitgenossen vermuten, dass er durch eine Bleikugel getötet worden sein könnte.
Nach 1778
Die mittelalterlichen Stadtwälle werden zunehmend eingeebnet. Aus dem Befestigungsring entwickelt sich langfristig die Promenade.
1784
Die Stadt verpachtet beziehungsweise betreibt die Windmühle auf der Geist erfolgreich. Ein Ziegeleiprojekt am Teigelkamp bleibt dagegen wirtschaftlich weniger erfolgreich.
1800–1899
Preußen, Napoleon, der große Stadtbrand und der Weg in die Moderne
August 1802
Preußen besetzt den östlichen Teil des Fürstbistums Münster. Für Sendenhorst endet damit nach Jahrhunderten die geistliche Landesherrschaft.
April 1803 – Wirtschaftsbild
Preußische Beamte erfassen die örtliche Wirtschaft. Genannt werden unter anderem eine Windmühle, drei Branntweinbrenner, 55 Weber, Leinenhandel mit Warendorf und Viehhandel. Das Bild zeigt eine Ackerbürgerstadt mit Handwerk und ersten gewerblichen Schwerpunkten.
7. Mai 1803
Die Thurn-und-Taxis-Poststelle wird aufgehoben. Das Postschild wird gegen den Protest des Posthalters Gerhard Henrich Bonse entfernt und zunächst im Rathaus verwahrt.
29. April 1806 – größte Brandkatastrophe der Neuzeit
Gegen 14 Uhr bricht im Haus des Webers Schlüter auf dem Schleiten ein Feuer aus. Starker Wind treibt die Flammen durch die Stadt. Die ältere Chronik nennt 154 zerstörte Wohnhäuser. Ein zeitnaher Verwaltungsbericht unterscheidet genauer: 131 Privathäuser völlig und zwölf weitere weitgehend zerstört. Auch Rathaus, Pfarrhaus, Schulen und Kirchturm werden zerstört oder schwer beschädigt. Vier Glocken gehen verloren.[9]
1806/07 – Wiederaufbau
Der Brand wird zur städtebaulichen Zäsur. Straßen werden verbreitert, neue Verbindungen entstehen, Häuser anders angeordnet. Für den Wiederaufbau werden unter anderem Bäume aus dem Wolbecker Tiergarten zur Verfügung gestellt. Teile des heutigen offenen Stadtgrundrisses sind eine Folge dieser Katastrophe.
Oktober 1806
Nach der Niederlage Preußens gerät Sendenhorst unter napoleonische Herrschaft und gehört zum Großherzogtum Berg, nicht zum Königreich Westphalen.
1807
Ein erheblicher Teil der Stadt ist bereits wieder aufgebaut; zwei neue Straßen werden angelegt.
1808
Mit Joachim Murats Wechsel nach Neapel ändern sich die Herrschaftsverhältnisse im Großherzogtum Berg erneut.
1811 – Reformen und Mairie
Gewerbefreiheit und Bauernbefreiung verändern die alte Wirtschafts- und Sozialordnung. Sendenhorst wird als Mairie nach französischem Vorbild organisiert. Im Herbst und Winter tritt erneut Ruhr auf.
November/Dezember 1813 – Kosaken
Nach Napoleons Niederlagen erreichen Kosaken als Vorhut der Verbündeten Sendenhorst. Sie verlangen umfangreiche Lebensmittel- und Tuchlieferungen. Nach örtlicher Überlieferung müssen rund 30 Schneider in einer Nacht Mäntel anfertigen.
Mai 1814 – Landsturm
Alle wehrfähigen Männer werden zum Landsturm herangezogen. Einmal im Monat wird auf der Ostheide exerziert; die Bewaffnung besteht teilweise nur aus Piken. Aufgaben sind Bewachung, Gefangenentransporte und die Jagd auf Deserteure.
Sommer 1814
Zahlreiche Deserteure halten sich im Ketteler Horst verborgen. Sendenhorster und Everswinkeler Landsturm sollen sie festnehmen.
1814/15
Der Wiener Kongress ordnet Europa neu; der Deutsche Bund entsteht.
1816 – endgültig preußisch
Sendenhorst kommt dauerhaft zum Königreich Preußen und zum Kreis Beckum. Das Jahr ist von schlechtem Wetter, Kälte bis in den Juni und einer schlechten Ernte geprägt.
1817
Erneut ungünstiges Wetter, schlechte Ernte und Viehverluste.
1821
Neuordnung kirchlicher Strukturen; die jüdischen Einwohner registrieren feste Familiennamen. An der Weststraße entsteht eine Holzmühle.
1822
Bürgernachtwachen überwachen Feuer und Licht. Danach folgen zunächst mehrere bessere Erntejahre.
1824
Josef Bartmann errichtet nach der Chronik eines der ersten Häuser außerhalb des alten Wallrings. Sendenhorst wird dem Dekanat Ahlen zugeordnet.
1. Juli 1824 – Botenpost
Eine regelmäßige Botenpost verbindet Warendorf über Sendenhorst mit Hamm.
1826
Sendenhorst zählt 1.472 Einwohner.
1828/29 – Raupenplage
Eichen werden massenhaft kahlgefressen. Die Chronik beschreibt starken Juckreiz nach Berührung und sogar Viehverluste. Die Beschreibung erinnert an den Eichenprozessionsspinner, ohne dass die historische Artbestimmung sicher wäre.
1829
Unwetter und Überschwemmungen, ein sehr nasser Herbst und anschließend Viehsterben.
1831
Ein neuer Katasterplan dokumentiert den Stadtgrundriss. Vier Kirchenglocken werden nahe Tergeist gegossen; als Glockengießer wird der Franzose Bostel genannt.
1832–1851
Enniger, Vorhelm, Sendenhorst-Stadt und Sendenhorst-Kirchspiel bilden zeitweise eine gemeinsame Verwaltungseinheit.
1834
Darup wirkt als Pfarrer und Landdechant. Ost-, West-, Nord- und Südstraße werden gepflastert.
Um 1840
Die letzten Stadttorhäuser werden abgerissen, zuletzt das Osttorhaus. Der mittelalterliche Befestigungscharakter verschwindet aus dem täglichen Stadtbild.
1842 – Personenpost
Eine Personenpost verbindet Beckum über Ahlen und Sendenhorst mit Münster. Die Fahrt dauert rund sechseinhalb Stunden.
1843
1.589 Einwohner.
1845/46
Im Bereich der „Alten Stadt“ wird ein Friedhof angelegt.
1846/47 – Hungerjahre
Missernten und hohe Lebensmittelpreise treffen auch das Münsterland.
1848 – Revolution
Die europäischen Revolutionsbewegungen erreichen auch Westfalen. In Sendenhorst wird eine Bürgergarde mit 238 Mann in vier Kompanien gebildet. Ihre schwarz-rot-goldene Fahne wird von Pfarrer Lorenbeck in der Kirche gesegnet.
Mai 1848 – Wahlen
Für die Nationalversammlung und die preußische Nationalversammlung wird über ein Wahlmännersystem gewählt. In Sendenhorst sind 411 Männer in der Stadt und 212 im Kirchspiel wahlberechtigt.
1848/49 – Straße nach Drensteinfurt
Die Landstraße nach Drensteinfurt wird ausgebaut.
1849 – Volks- und Viehzählung
284 Wohnhäuser, vier Fabriken beziehungsweise Mühlen, 69 Ställe, 1.655 Einwohner und 343 Familien. Gezählt werden unter anderem 33 Pferde, 486 Kühe, 116 Stück Jungvieh, 177 Ziegen und 298 Schweine.
1851
Sendenhorst erhält eine städtische Verfassung und scheidet aus dem bisherigen Verwaltungsverbund aus. Das Kirchspiel wird dem Amt Vorhelm zugeordnet.
1853
Die romanische Vorgängerkirche von St. Martin wird abgebrochen.
21. August 1855
Pfarrer Lorenbeck legt den Grundstein der heutigen neugotischen Pfarrkirche.
1858 – Volks- und Viehzählung
298 Wohnhäuser, fünf Fabriken oder Mühlen, 79 Ställe, 1.810 Einwohner in 404 Familien. Auch die Viehbestände werden detailliert erfasst.
1864
Sendenhorster nehmen am Deutsch-Dänischen Krieg teil. Im selben Jahr wird der Allgemeine Schützenverein von Stadt und Land gegründet beziehungsweise erneuert.
6. Juli 1865
Tod Pfarrer Lorenbecks.
15. November 1865
Bischof Johann Georg Müller weiht die neue Pfarrkirche.
1866
Preußisch-Österreichischer Krieg; zugleich Gründung der Sparkasse der Stadt Sendenhorst und des Amtes Vorhelm.
4. Juni 1866 – Hagelschlag
Ein außergewöhnliches Hagelunwetter trifft Stadt und Kirchspiel. Der Gesamtschaden wird mit rund 100.000 Talern angegeben.[15]
August 1866 – Keuchhusten
Viele Kinder erkranken; rund 30 Kinder, besonders aus ärmeren Familien, sterben.
1868
1.922 Einwohner; 313 Wohnhäuser und 432 Familien. Auch die Viehzählung dokumentiert die weiterhin starke landwirtschaftliche Prägung.
1869
Gründung des Männergesangvereins Cäcilia. Dirigent ist Eberhard Haselmann.
1870
Gründung des Krieger- und Landwehrvereins.
1870/71
Deutsch-Französischer Krieg und Reichsgründung. Sendenhorst wird Teil des Deutschen Kaiserreiches.
1871 – Pocken und Ruhr
Erhöhte Sterblichkeit. Die Chronik nennt zwölf an Ruhr verstorbene Kinder und sieben Erwachsene.
1871 – Taufstein
Der Sendenhorster Taufstein von 1588 gelangt nach Westkirchen.
1872
Neue Mädchenschule an der Nordstraße. Aus dem Haus Voßding-Knobbe ist zudem ein Kegelbuch als kleines Zeugnis bürgerlicher Geselligkeit überliefert.
1873
1.885 Einwohner.
1. Oktober 1874 – Standesamt
Beginn der staatlichen Personenstandsregister. Bis dahin sind vor allem Kirchenbücher die zentrale Quelle für Geburten, Trauungen und Sterbefälle.
1877 – Archivverlust
Mehr als 1.000 ältere Verwaltungsakten werden zum Einstampfen nach Münster verkauft. Der finanzielle Erlös ist gering, der historische Verlust gewaltig.
1878
Neue siebenklassige Volksschule und Gründung des Landwirtschaftlichen Ortsvereins.
1880–1884 – Kulturkampf
Sendenhorst ist zeitweise ohne regulären Pfarrer. Die Auseinandersetzung zwischen preußischem Staat und katholischer Kirche wird auch vor Ort spürbar.
Ab 1880 – Strontianit
Auf Sendenhorster Gebiet entstehen ungefähr 30 Strontianitgruben. Für einige Jahre bringt das Mineral neue Arbeitsplätze und Verdienstmöglichkeiten.
9. und 12. August 1885 – Brände und Feuerwehr
Nach zwei Bränden – zunächst am Südgraben, dann in der Schmiede Arnskötter an der Südstraße – wird die Notwendigkeit einer organisierten Brandbekämpfung besonders deutlich. Daraus entwickelt sich die Freiwillige Feuerwehr Sendenhorst.[9]
1886
Gründung des Vaterländischen Frauenvereins, aus dessen Tradition später die örtliche DRK-Arbeit hervorgeht.
1887
Abbruch und Neubau der St.-Katharina-Vikarie.
1888
Dreikaiserjahr: Wilhelm I. stirbt, Friedrich III. regiert 99 Tage, anschließend wird Wilhelm II. Kaiser.
1889
Die Sterblichkeit liegt weit über dem gewohnten Maß: 46 Sterbefälle, darunter 28 Kinder unter fünf Jahren.
16. September 1889 – St.-Josef-Stift
Das St.-Josef-Stift wird im Beisein seines Stifters Josef Spithöver eingeweiht. Der aus Sendenhorst stammende Buchhändler war in Rom zu Wohlstand gekommen und schenkte seiner Heimatstadt die Einrichtung. Die Pläne stammen von Wilhelm Rincklake. Aus dem Hospital entwickelt sich ein überregional bedeutendes orthopädisches Krankenhaus.
1892
Josef Spithöver stirbt in Rom und wird auf dem deutschen Friedhof beim Vatikan beigesetzt.
1895
Mehrere Kinder sterben an Brechruhr.
1897
Gründung der Spar- und Darlehnskasse.
1898 – Industrie
Die Oelder Zentrifugenfabrik Ramesohl errichtet am Osttor eine Filiale. Bis zum Ersten Weltkrieg arbeiten dort etwa 15 Beschäftigte. Industrie hält in größerem Umfang Einzug in Sendenhorst.
1900–1999
Das 20. Jahrhundert
1900er-Jahre
1900 – fast 2.000 Einwohner
Sendenhorst zählt 1.995 Einwohner. Am 3. September erscheint die erste Nummer der Sendenhorster Volkszeitung.
1901 – Schützenverein
Gründungsversammlung beziehungsweise Wiederbegründung des Allgemeinen Schützenvereins unter der Linde im Hof des Gasthauses Voßding an der Südstraße.
1903 – Eisenbahn
Die Westfälische Landes-Eisenbahn eröffnet die Verbindung Lippstadt–Neubeckum–Enniger–Sendenhorst–Albersloh–Wolbeck–Münster. Der Bahnanschluss verändert Mobilität, Handel und Industrie grundlegend.
1905 – Friedhof
Bestattungen auf dem Ostfriedhof werden eingestellt; am Westtor entsteht ein neuer Friedhof.
1907 – Elektrizität
Elektrische Straßenlampen ersetzen Petroleumlampen. Auch Haus- und Stallbeleuchtung werden zunehmend elektrifiziert.
1910er-Jahre
1910
Gründung des Turnvereins. Die Chronik nennt 2.480 Einwohner in der Stadt und 836 im Kirchspiel sowie detaillierte Flächenangaben.
1911
Stadtwappen und rot-weiße Stadtfarben werden amtlich bestätigt. Post, Rathaus, Sparkasse und Schulwesen verändern sich; sieben Klassen zählen zusammen 448 Kinder.
1912 – jüdische Gemeinde
Die letzte dauerhaft in Sendenhorst lebende jüdische Familie verlässt die Stadt. Seit dem 19. Jahrhundert sind eine kleine jüdische Schule und ein Betsaal beziehungsweise eine kleine Synagoge belegt. Sichtbar geblieben ist vor allem der jüdische Friedhof an der Ostenpromenade.
28. April 1912 – Militärbrieftauben
Brieftaubenzüchter gründen den Militär-Brieftauben-Liebhaber-Verein „Luftbote“. Tauben können dem Militär zur Nachrichtenübermittlung zur Verfügung gestellt werden.
16. Juni 1912 – Bezirksturnfest
Erstes Bezirksturnfest in Sendenhorst; zugleich beginnt der Turnhallenbau.
1913
Gründung des Brieftaubenvereins „Blitz“; Fertigstellung der Turnhalle.
1914
Gründung von Gesellenverein und Jugendverein; Ausbau der nordwestlichen Promenade.
1914–1918 – Erster Weltkrieg
Männer aus Stadt und Kirchspiel werden eingezogen. Frauen, Jugendliche und ältere Männer übernehmen viele Arbeiten. Das St.-Josef-Stift dient als Lazarett; französische Kriegsgefangene werden unter anderem in der Turnhalle und in Räckers Fabrik untergebracht und zur Arbeit eingesetzt. Lebensmittelrationierung, Rohstoffmangel und Todesnachrichten prägen den Alltag.[12]
1915
In Ramesohls Fabrik werden Granaten beziehungsweise Rüstungsteile gefertigt.
21. Mai 1916
Gründung des Kaninchenzuchtvereins. Vorsitzender ist Wilhelm Düllo vom Nordtor.
1917
Lager für französische Kriegsgefangene in Räckers Fabrik, der Turnhalle und im Bereich der Mühlenkuhle.
1918 – Ende des Krieges
Eine Kirchenglocke muss für Kriegszwecke abgegeben werden. Im November endet der Krieg, der Kaiser dankt ab und auch in Sendenhorst bildet sich ein Arbeiter- und Soldatenrat. Heimkehrende Soldaten ziehen durch die Stadt. Das spätere Ehrenmal erinnert an rund 100 Kriegstote aus Stadt und Landgemeinde.
1919 – Frauenwahlrecht
Bei der Neuwahl der Stadtverordneten sind erstmals Frauen wahlberechtigt.
1920er-Jahre
1920
Gründung des Handwerker- und Gewerbevereins. Die Auswirkungen von Kapp-Putsch und Roter Ruhrarmee reichen bis an den Rand des Münsterlandes.
1920–1940
Im „Alten Rathaus“ am Westtor besteht eine Rektoratschule.
1921
Gründung der Stadt- und Feuerwehrkapelle.
1923 – Inflation
Die Hyperinflation vernichtet Ersparnisse. Die Chronik nennt in diesem Zusammenhang ein Kriegerehrenmal; das größere Gefallenendenkmal am Osttor folgt 1930.
1925 – Heimatverein
Gründung des Heimatvereins Sendenhorst und des Reitervereins. Wilhelm Kleinhans gehört zu den frühen prägenden Persönlichkeiten; später bauen Bernhard und Hans-Günther Fascies Sammlung und Archiv entscheidend aus.[16]
Februar 1926 – Wirtschaftskrise
Emailierwerk, Maschinenfabrik, Schraubenfabrik und Hartsteinwerk leiden unter der schlechten Wirtschaftslage. Betriebe mit zusammen rund 100 Beschäftigten stehen zeitweise still.
1926 – Stadtentwicklung
Ausbau der südlichen Promenade; Kanalisation in mehreren Straßen. Am 6. Juni wird die Sommerbadeanstalt in der Hardt eröffnet. Ende des Jahres wird die elektrische Straßenbeleuchtung weiter ausgebaut.
1928
Beratung über eine Kläranlage, Ausbau der Promenade zwischen Osttor und Neustraße sowie Bau eines Feuerwehrgerätehauses mit Steigerturm am Placken.
17. November 1929
Kommunalwahl.
1930er-Jahre
1930
Weltwirtschaftskrise. Arbeitslosigkeit und Insolvenzen erreichen Sendenhorst. Am Osttor wird das Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs eingeweiht.
1931
Gründung des Obst- und Gartenbauvereins.
1932
Jugendheim in der Sandkuhle am Westtor. Am 30. November wird bei Notstandsarbeiten der große mittelalterliche Münzschatz entdeckt.
1933 – Ende der Demokratie
Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme beginnt die Ausschaltung der Demokratie. Bei der Stadtverordnetenwahl vom 12. März erhält die NSDAP drei von 14 Mandaten; die Allgemeine Bürgerliste elf. Die Wahl findet bereits unter massiv eingeschränkten demokratischen Bedingungen statt.[13]
14. Februar 1933 – „Flaggensturm“
Fascies verzeichnet einen frühen politischen Konflikt um die Reichsflagge am Rathaus.
2. März 1933
Die Hakenkreuzfahne hängt am Rathaus. Der öffentliche Raum wird sichtbar von der neuen Macht besetzt.
12. April 1933
Neustraße und Schulstraße werden in Adolf-Hitler-Straße und Horst-Wessel-Straße umbenannt.
1934 – Gleichschaltung
Fascies nennt acht berufene NSDAP-Ratsherren mit nur noch beratender Funktion. Das demokratische kommunale System ist faktisch beseitigt. Das örtliche „Braune Haus“ befindet sich nach Fascies an der Ecke Oststraße/Neustraße.
1936
Die Gebäude der Badeanstalt Hardt werden abgebrochen; der Badebetrieb endet.
26. September 1937
Genehmigung des Kirchspielswappens: gezinkter roter Balken auf goldenem Grund.
1. September 1939 – Zweiter Weltkrieg
Mit dem deutschen Angriff auf Polen beginnt der Krieg. Sendenhorster Männer werden eingezogen, Landwirtschaft und Betriebe auf Kriegswirtschaft ausgerichtet.
1939
In der Sandkuhle neben dem Friedhof entstehen Schieß- und Sportplatz.
1940er-Jahre
14. April 1940
Einweihung der neuen Orgel in St. Martin.
September/Oktober 1940
Erste Bomben verursachen Flurschäden, unter anderem am Ostheideweg Richtung Hoetmar und im Bereich des Scheinflugplatzes bei Watermann in der Hardt.
1941
Nach schweren Bombenangriffen auf Münster kommen rund 350 Evakuierte nach Sendenhorst.
1942 – russische Zwangsarbeiterinnen
Am 1. September weist das Arbeitsamt Ahlen der Sendenhorster Maschinenfabrik zehn junge russische Frauen zu, im Dezember vier weitere. Sie werden in einer Halle an der Ladestraße untergebracht; Fenster sind vergittert, nachts wird abgeschlossen. In der Fabrik müssen sie Patronenhülsen herstellen. Nach Fascies übernimmt die örtliche Hitlerjugend Teile des Bewachungsdienstes.[13]
1943
Drei Glocken werden für Kriegszwecke abtransportiert. Am 4. März erfolgt der erste in der Chronik genannte Beschuss durch britische Tiefflieger.
14. Oktober 1944 – Bischof von Galen
Nach schweren Bombenangriffen auf Münster nimmt Bischof Clemens August Graf von Galen im St.-Josef-Stift sein Ausweichquartier. Er bleibt bis Dezember 1945.
März 1945 – Panzersperre
Am Westtor werden Verteidigungsgräben und eine Panzersperre vorbereitet. Am 29. März findet eine letzte Zusammenkunft des Volkssturms statt. Viele Einwohner wollen die Stadt nicht mehr für einen aussichtslosen Endkampf opfern.
31. März 1945 – die Sperre wird geräumt
Noch vor dem amerikanischen Einmarsch wird die Panzersperre beseitigt. Der westliche Zugang ist frei.
Das zurückgelassene SS-Maschinengewehr
Nach einem glaubwürdig überlieferten Augenzeugenbericht lässt eine abziehende SS-Einheit am Westtor ein voll aufmunitioniertes Maschinengewehr zurück. Es wird nicht abgefeuert. Ein dem Augenzeugen bekannter Sendenhorster Junge nimmt es mit nach Hause, zeigt es dort stolz und versenkt es nach einer deutlichen elterlichen Reaktion noch in der Nacht in der Hardt.
31. März 1945 – amerikanischer Einmarsch
Karsamstag 1945 ist der 31. März, nicht der in älteren Chroniken teilweise genannte 30. März. Erste amerikanische Fahrzeuge erreichen Sendenhorst; gegen 14 Uhr stehen schwere Panzer am St.-Josef-Stift. Pater Franz-Josef Boesch und Bischof von Galen treten den Amerikanern entgegen. Weiße Tücher signalisieren: Die Stadt will keinen Kampf. Die Amerikaner fahren kampflos durch Sendenhorst.[14]
31. März 1945 – Gefecht von Rinkhöven
Hinter der Stadt, nachdem ein Teil der amerikanischen Kolonne am Ehrenmal Richtung Hoetmar und Warendorf abgebogen ist, trifft sie in Rinkhöven auf etwa 15- bis 18-jährige militärisch ausgebildete Hitlerjungen aus dem Raum Recklinghausen. Das Gefecht dauert nur kurze Zeit. Acht Jugendliche sterben. Die Sendenhorster Höfe Ringhoff, Middrup-Vornholz, Greiwe-Fels und Kalthoff sowie Hof Drees auf Hoetmarer Gebiet brennen nieder. Damit erklären sich ältere Angaben von vier oder fünf zerstörten Hofstellen.[14]
1. April 1945 – Ostersonntag
Bischof von Galen feiert in St. Martin ein Pontifikalamt.
8. Mai 1945
Mit der bedingungslosen Kapitulation endet der Krieg in Europa. Für Sendenhorst beginnen Besatzung, Hunger, Wohnungsnot, Heimkehr, Vermisste, Flüchtlinge und Vertriebene.
1945 – Opfer des Krieges
Die ältere Chronik nennt 208 gefallene Sendenhorster und 45 Angehörige von Flüchtlingsfamilien. Andere Gedenkbestände unterscheiden Kategorien teilweise anders. Die Namen und Lebensdaten der örtlichen Kriegstoten sind im Friedhofs- und Archivbestand dokumentiert.
Juni 1945
Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten finden Unterkunft in Sendenhorst. Die evangelische Bevölkerung wächst deutlich.
18. Dezember 1945
Bischof von Galen verlässt das St.-Josef-Stift und kehrt nach Münster zurück.
27. Februar 1946
Von Galen wird erster Ehrenbürger Sendenhorsts.
1946
Nach britischem Vorbild erhält die Stadt eine kommunale Doppelspitze aus Bürgermeister und Stadtdirektor.
1949
Anlage des Ehrenfriedhofs. Bei Ausschachtungen am Martiniring wird erneut ein vorgeschichtliches Gräberfeld entdeckt. Am 23. Mai entsteht die Bundesrepublik Deutschland. Im Herbst beginnt der Ausbau der zentralen Wasserversorgung.
1950er-Jahre
1950
Grundsteinlegung der Kardinal-von-Galen-Schule; Bau einer Kläranlage im Süden der Stadt; Ausbau des Sportplatzes. Rund 11,5 Kilometer Wasserleitungen werden verlegt. Auf der Geist entsteht der etwa 45 Meter hohe Wasserturm mit rund 400 Kubikmetern Fassungsvermögen.
1951
Evangelische Kirche mit Pfarrhaus wird errichtet. Am 14. Oktober wird die Kardinal-von-Galen-Schule mit elf Klassen eingeweiht.
1954
Kindergarten an der Overbergstraße.
1955
Gründung der Kleingartenanlage und des Vereins „Zur Rose“. Am 1. April entsteht der Amtsverband Sendenhorst aus Stadt und Kirchspiel.
1960er-Jahre
1960
Um- und Erweiterungsbauten am St.-Josef-Stift; Sonderschule und Bäderabteilung entstehen. Eine neue Turn- und Sporthalle wird eingeweiht.
1961/62
Erster Bauabschnitt der Teigelkampschule – heute Montessori-Schule.
1962
Bau der Turnhalle der Teigelkampschule; Bundeswehrpatenschaft; erster Tennisplatz.
1963/64
Der Ehrenfriedhof am Westtor wird neu gestaltet.
1964 – Stadtsanierung
Neugestaltung der Innenstadt beginnt; Jugendheim an der Kirchstraße; Ausbau der Kläranlage.
28. April 1964 – Flugzeugabsturz
Nach einem Triebwerksausfall retten sich beide Piloten einer Lockheed T-33A des Jagdgeschwaders 71 „Richthofen“ mit Schleudersitzen. Die Maschine stürzt im Raum Sendenhorst ab. Die spätere örtliche Bezeichnung als „Starfighter-Absturz“ ist falsch.[15]
1965 – 650 Jahre Sendenhorst
Innenraum von St. Martin wird neu gestaltet; die St.-Martin-Bronzeskulptur von Bernhard Kleinhans wird aufgestellt. Sendenhorst feiert 650 Jahre seit dem ältesten Stadtnachweis von 1315. Bernhard Fascies gehört zu den prägenden Vermittlern der Stadtgeschichte. Teigelkampschule und Turnhalle werden der Öffentlichkeit übergeben.
1966
Neues Feuerwehrgerätehaus an der Ladestraße.
1967
Neubau der Realschule auf der Geist; Baubeginn der Spar- und Darlehnskasse an der Weststraße.
1967/68
Zweiter Bauabschnitt der Teigelkampschule.
1968
Einweihung der Realschule. Insgesamt 941 Schülerinnen und Schüler in Grund-, Haupt- und Realschule. Stadt und Kirchspiel werden wieder zu einer Gemeinde vereinigt. Zweiter Tennisplatz und Einweihung der Volksbank.
1970er-Jahre
1970–1973 – Großflughafen
Zwischen Sendenhorst, Albersloh und Drensteinfurt wird ein internationaler Großflughafen geplant. Das Projekt hätte die Landschaft völlig verändert und wird schließlich aufgegeben.
1970
Abbruch der alten Volksschule an der Schulstraße.
1971
Erstes Projekt der Innenstadtsanierung: Verbreiterung der Schulstraße. Bau der Friedhofskapelle.
1973
Erschließung des Wohngebietes Hagenholt im Süden der Stadt.
1974
Erster großer Rosenmontagszug; Einweihung des Hallenbads am Westtor.
1. Januar 1975 – kommunale Neuordnung
Sendenhorst und Albersloh werden zur heutigen Stadt Sendenhorst zusammengeschlossen. Zugleich geht der alte Kreis Beckum im neuen Kreis Warendorf auf.
November 1975
Fertigstellung und Einweihung des Bürgerhauses.
1975 – Denkmalschutz
Hans-Günther Fascies drängt öffentlich darauf, den Erhalt historischer Bausubstanz – etwa des alten Jönsthövelschen Fachwerkhauses – zu diskutieren. Heimatpflege wird damit zunehmend auch Denkmalschutz.
1977
Spätaussiedler werden im Wohnbereich Garrath angesiedelt. Im März entsteht der VEKA-Standort an der Dieselstraße; im September wird die Reithalle eingeweiht.
1978 – Schnadegang
Der Heimatverein greift die alte Tradition der Grenzbegehung auf. Beim Schnadegang nahe Hof Drees treffen sich Sendenhorster und Hoetmarer; Hans-Günther Fascies betont Brauchtum und gute Nachbarschaft.
1980er-Jahre
1980er – Kalter Krieg im Alltag
Manöver, Panzerkolonnen, Tiefflieger und Überschallknall prägen die Wahrnehmung. In Münster befinden sich bedeutende NATO- und Bundeswehreinrichtungen, in Ahlen die Westfalenkaserne, bei Westkirchen eine Nike-Hercules-Stellung. In Albersloh-Berl befindet sich eine Luftwaffen-Funksendestelle. Die Region liegt mitten in der militärischen Infrastruktur des Kalten Krieges.[15]
1982
Baubeginn des rund 133 Meter hohen Fernmeldeturms. Am 25. Juni wird das Sport- und Freizeitzentrum eingeweiht.
1986
Im Dezember Grundsteinlegung für den Turnhallenbau an der Realschule.
1987
Vom 11. bis 13. Dezember findet der erste Weihnachtsmarkt in der Stadtmitte statt.
1988 – Heimatverein und Innenstadt
Der Heimatverein wird organisatorisch und rechtlich neu geordnet; die von Bernhard und Hans-Günther Fascies aufgebaute Archivsammlung wird der Stadt übergeben und soll ausdrücklich in Sendenhorst bleiben. Der Gewerbe- und Verkehrsverein wird gegründet, die St.-Martin-Turnhalle eingeweiht und am 3. Juni die Fußgängerzone eröffnet. Bernhard Kleinhans’ „Westfälische Quadriga“ wird enthüllt.[16]
Erinnerung: die Runde um die Kirche
Vor der Fußgängerzone gehörte die Runde um St. Martin zum jugendlichen Stadtleben. Mofas, Mopeds und Motorräder drehten ihre Runde an Volksbank, Kirche und Kirchenmauer vorbei; gegenüber lagen Eisdiele und Teestube. Eine Zeitzeugin erinnerte sich augenzwinkernd an die Kirchenmauer als „Kennenlern- und Heiratsbörse“.
1989
Schützen- und Bürgerwald; vier neue Glocken im St.-Josef-Stift. Bei der Kommunalwahl verliert die CDU ihre absolute Mehrheit. Franz-Josef Reuscher wird am 19. Oktober erster SPD-Bürgermeister.
1989/90
Friedliche Revolution, Fall der Berliner Mauer und deutsche Wiedervereinigung.
1990er-Jahre
2. Oktober 1990 – Kirchberg
Sendenhorst und Kirchberg in Sachsen schließen ihren Partnerschaftsvertrag.
1992
Die Stadt erwirbt Haus Siekmann an der Schulstraße und entwickelt es zu einem soziokulturellen Zentrum.
1993
Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen; Sendenhorst und Albersloh erhalten 48324.
1994
Neue Bundeswehrpatenschaft mit der 3. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 192.
28. Dezember 1995
Stadtdirektor Heinrich Wiegard wird verabschiedet; die kommunale Doppelspitze läuft aus.
Juli 1999
Der Wasserturm auf der Geist wird abgebrochen.
September 1999
Erstmals wird der Bürgermeister direkt von den Bürgerinnen und Bürgern gewählt. Gewählt wird Werner Dufhues.
2000–2025
Die jüngste Stadtgeschichte
2000er-Jahre
2000
Hans Homeyer wird Vorsitzender des Heimatvereins.
November 2001 – Gänsemarkt
Rund um St. Martin etabliert sich ein neuer Marktbetrieb in der Innenstadt.
1. Juli 2002 – Sparkasse
Die Geschäftsstelle geht über die Sparkasse Ahlen in der Sparkasse Münsterland Ost auf.
November 2002 – Katharina
In der Liebesgasse wird die Bronzebüste der heiligen Katharina von Bernhard Kleinhans aufgestellt.
8. März 2003 – Alexander Klaws
Der aus Sendenhorst stammende Alexander Klaws gewinnt die erste Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“. Für einige Zeit steht die kleine Stadt bundesweit im Rampenlicht.
26. September 2004
Berthold Streffing wird mit 55,0 Prozent zum Bürgermeister gewählt.
2004 – Arbeitskreis Stadtgeschichte
Im Heimatverein bildet sich der Arbeitskreis Stadtgeschichte. Ein erstes großes Vorhaben wird die Erforschung und Präsentation der Sendenhorster Kornbrennereien.
7. Juli 2006
Der vom Heimatverein mitinitiierte Wander- und Radweg entlang der L 520 wird eröffnet.
Dezember 2006
Erste gemeinsame Wanderung der Heimatvereine Sendenhorst und Albersloh.
2006 – Dröget Schnüffelken
Die plattdeutsche Theatergruppe verselbstständigt sich organisatorisch.
12. April–1. Mai 2007 – Kornbrenner
Die Ausstellung „Schlote, Schnaps und Schlempe – Die Kornbrenner von Sendenhorst“ widmet sich einem ehemals wichtigen Wirtschaftszweig.
2007 – Stadt der Stimmen
Mit einem Landeswettbewerb für Vokalensembles beginnt die Profilierung Sendenhorsts als „Stadt der Stimmen“.
29. April 2007 – Werseradweg
Der Werseradweg wird eröffnet und führt auch durch Albersloh.
2008
An der Kardinal-von-Galen-Schule beginnt der offene Ganztagsbetrieb.
2009 – Energie, Brennereipfad und Archiv
Die Stadt beteiligt sich erstmals am European Energy Award. Der Brennereipfad macht historische Standorte der Brennereien sichtbar. Zugleich beginnt der Aufbau eines digitalen Stadt- und Heimatarchivs.
11. Dezember 2009
An der Promenade werden Renate Brustens „Acht Spiegel der Erkenntnis“ enthüllt.
2010er-Jahre
17. Mai 2010 – Bürgerstiftung
Die Bürgerstiftung Sendenhorst-Albersloh wird anerkannt. Sendenhorst und Kirchberg feiern zugleich 20 Jahre Städtepartnerschaft.
2011
Gründung der Bürger-Energie Sendenhorst-Albersloh eG. Mit den „Historischen AugenBLICKen“ werden alte Stadtansichten auf Versorgungskästen in den öffentlichen Raum gebracht.
2012
Die Teigelkamp-Hauptschule nimmt keine neue Eingangsklasse mehr auf. Vorbereitungen für eine Montessori-Sekundarschule beginnen. Am 8. September wird der Kunstrasenplatz von DJK Grün-Weiß Albersloh eingeweiht.
4. September 2013 – Montessori
Die Montessori-Sekundarschule nimmt den Unterricht auf; aus ihr entwickelt sich später die Montessori-Gesamtschule.
2013 – Stadtentwicklung und Archiv
Sendenhorst erhält den European Energy Award in Silber. Bürgerwerkstätten starten das Innenstadtkonzept „Komm in die Stadt“. Das digitalisierte Stadt- und Heimatarchiv wird im Rathaus öffentlich zugänglich.
2014
Das St.-Josef-Stift feiert sein 125-jähriges Bestehen. Am 25. Mai wird Berthold Streffing mit 55,4 Prozent erneut zum Bürgermeister gewählt.
2015 – 700 Jahre Stadtnachweis
Sendenhorst feiert das 700-jährige Stadtjubiläum mit Jubiläumsbuch, historischen Stadttoren, zahlreichen Veranstaltungen und großem Festumzug. Historisch präzise sind es 700 Jahre seit dem ältesten bekannten schriftlichen Stadtnachweis von 1315.
2015 – weitere Ereignisse
Die Kunstinstallation „Ausgegraben“ entsteht. Am 23. August findet der Kreisheimattag in Sendenhorst statt. Der starke Zuzug geflüchteter Menschen stellt die Stadt vor große Unterbringungsaufgaben.
2016
Die Stadt veröffentlicht ein integriertes Klimaschutzkonzept und ein Konzept zur Klimaanpassung. Das digitale Stadt- und Heimatarchiv wächst weiter. Für das Wohnquartier Nordgraben wird ein Bebauungsplan beschlossen.
2017
Beginn des Spielplatzentwicklungskonzeptes „Draußen in Sendenhorst und Albersloh“.
2018
Der Rat beschließt, Sendenhorst auf den Weg zur Fairtrade-Stadt zu bringen.
2019 – Promenadenfest
Das erste Promenadenfest verbindet Musik, Kunst, Vereinsleben und Stadtgeschichte entlang des historischen Befestigungsrings.
3. Juli 2019 – WLE
Der Verkehrsausschuss des Landtags stimmt der Aufnahme der Strecke Münster–Sendenhorst in die einschlägige Bedarfs- und Finanzierungsplanung zu.
Dezember 2019 – Klimanotstand
Der Rat erklärt den Klimanotstand. Zuvor entstehen erste Carsharing-Angebote in Sendenhorst und Albersloh.
2019 – fünf Rundgänge
Der Heimatverein veröffentlicht „5 Rundgänge – Kunst und Geschichte im öffentlichen Raum“.
2020er-Jahre
2020 – Corona-Pandemie
Die COVID-19-Pandemie bringt das öffentliche und kulturelle Leben zeitweise nahezu vollständig zum Stillstand. Feste, Aufführungen, Vereinsveranstaltungen und traditionelle Termine müssen ausfallen.
13. September 2020 – Bürgermeisterwahl
Die parteilose, von der SPD unterstützte Katrin Reuscher wird mit 52,4 Prozent zur Bürgermeisterin gewählt.
2020 – Kirchberg und Glasfaser
Sendenhorst und Kirchberg begehen 30 Jahre Städtepartnerschaft unter Pandemiebedingungen. Die Stadt lässt erste eigene Gebäude unmittelbar an das Glasfasernetz anschließen.
2021 – 850 Jahre Albersloh
Albersloh erinnert vom 27. August bis 5. September an seine erste urkundliche Erwähnung von 1171.
18. September 2021 – Fairtrade
Sendenhorst wird als Fairtrade-Stadt ausgezeichnet.
20. Oktober 2021 – Franziskanerinnen
Die letzten beiden Mauritzer Franziskanerinnen verlassen das St.-Josef-Stift. Damit endet nach 132 Jahren die ununterbrochene Tätigkeit der Ordensschwestern im Stift.
2021 – Radweg
Der neue Radweg entlang der L 851 zwischen Sendenhorst und Drensteinfurt wird fertiggestellt.
Februar 2021 – Winter
Starker Schneefall trifft das Münsterland und gehört zu den auffälligsten jüngeren Winterereignissen der Region.[15]
2022 – Ukrainekrieg
Nach dem russischen Angriff nimmt Sendenhorst zahlreiche Geflüchtete auf. Stadt, Kirchengemeinden, Vereine und private Helfer organisieren Unterkünfte und Unterstützung.
2022 – 800 Jahre unter dem Pflaster
Archäologische Untersuchungen in der südlichen Altstadt bringen Brunnen, Gräben, Pfostenlöcher und zahlreiche weitere Spuren aus rund 800 Jahren Stadtgeschichte ans Licht.[8]
7. Februar 2022 – Promenade
Beginn der grundlegenden Erneuerung des historischen Promenadenrings.
2023 – neue Promenade
Die rund 1,5 Kilometer lange Promenade ist nach zweijähriger Bauzeit neu gestaltet. Am 25. Juni wird dies mit einem Promenadenfest gefeiert.
Juni 2023 – Oststraße
Beginn der umfassenden Erneuerung der Oststraße einschließlich Versorgungsleitungen, Kanalisation, Glasfaser, Fahrbahn und barrierefreier Übergänge.
26. September 2023 – Planetenweg
Zwischen Sendenhorst und Albersloh wird ein dauerhafter Planetenweg eröffnet. Zehn Edelstahltafeln stellen das Sonnensystem in einem gemeinsamen Maßstab dar.
3. Februar 2024 – Demokratie
Auf dem Marktplatz demonstrieren Bürgerinnen und Bürger gegen Rechtsextremismus und für Demokratie.
2024 – 50 Jahre Hallenbad
Das 1974 eröffnete Hallenbad besteht seit einem halben Jahrhundert.
14./15. Dezember 2024 – WLE
Historische Schienenbusse verkehren zwischen Sendenhorst und Münster. Rund 700 Fahrgäste nutzen die Adventsfahrten als Vorgeschmack auf die geplante Reaktivierung des Personenverkehrs.
1. Januar 2025 – 50 Jahre gemeinsame Stadt
Sendenhorst und Albersloh sind seit 50 Jahren zur heutigen Stadt Sendenhorst zusammengeschlossen; zugleich besteht der Kreis Warendorf seit einem halben Jahrhundert.
2025 – 100 Jahre Heimatverein
Der Heimatverein Sendenhorst feiert sein hundertjähriges Bestehen unter dem Motto „Jeden Monat ein Event“. Von Wilhelm Kleinhans über Bernhard Fascies und Hans-Günther Fascies bis zur heutigen digitalen Archiv- und Internetarbeit spannt sich ein Jahrhundert ehrenamtlicher Geschichtsarbeit.[16]
28. Februar 2025 – Laumann-Haus
Am Schlabberpohl beginnt der Bau des Laumann-Hauses mit Begegnungszentrum, Seniorenberatung und barrierefreien Wohnungen.
2025 – Fairtrade
Sendenhorst wird erneut als Fairtrade-Stadt rezertifiziert.
14. September 2025 – Kommunalwahl
Katrin Reuscher wird als einzige Bürgermeisterkandidatin mit 85,3 Prozent wiedergewählt. Bei der Ratswahl erreicht die CDU 44,7 Prozent, die SPD 33,4 Prozent, die BfA 13,6 Prozent und die FDP 8,4 Prozent.
Mehr als 1.100 Jahre unter einem Namen – und viel ältere Wurzeln
Sendenhorsts Geschichte ist keine geradlinige Erfolgsgeschichte. Die Stadt ist mehrfach beinahe verbrannt, von Seuchen heimgesucht, durch Kriege ausgeplündert und wirtschaftlich zurückgeworfen worden. Ebenso deutlich ist aber die Fähigkeit zum Neubeginn. Nach Bränden wurde gebaut, nach Kriegen wurden Höfe wieder bewirtschaftet, Schulen, Vereine, Krankenhaus, Bahn, Industrie und soziale Einrichtungen entstanden. Aus dem mittelalterlichen Wigbold wurde eine moderne Kleinstadt; aus Stadt und Kirchspiel wurde 1968 eine Gemeinde und aus Sendenhorst und Albersloh 1975 die heutige Stadt.
Auch das Bild der Vergangenheit verändert sich weiter. Die Forschungen von Wilhelm Kleinhans, Bernhard Fascies, Hans-Günther Fascies und Heinrich Petzmeyer bilden ein Fundament. Moderne Archäologie, digitalisierte Akten, historische Zeitungen, Fotos und überprüfbare Zeitzeugenberichte ergänzen und korrigieren es fortlaufend.
Quellen und weiterführende Literatur
Quellenverweise als kleine Fußnoten im Text; vollständige Übersicht am Ende
[1] Geologischer Dienst NRW: Geowissenschaftliche Gemeindebeschreibung Sendenhorst
[2] LWL-Archäologie: Alt- und Mittelsteinzeit in Westfalen
[3] LWL / Internet-Portal Westfälische Geschichte: Urgeschichte, Bronze- und Eisenzeit
[4] LWL-Archäologie für Westfalen: Neujahrsgruß 2006, eisenzeitlicher Fundplatz an der K 4
[5] LWL-Archäologie für Westfalen: Siedlung Albersloh-Alst
[7] LWL: Spielfreudiger Kleinadel in Sendenhorst – Adelshof und Spielsteine
[8] LWL: Ausgrabungen in Sendenhorst – 800 Jahre Stadtgeschichte
[9] Heimatverein Sendenhorst: Kriege & Krisen – Brände
[10] Heimatverein Sendenhorst: Kriege & Krisen – Seuchen
[11] Heimatverein Sendenhorst: Sendenhorst im Dreißigjährigen Krieg
[12] Heimatverein Sendenhorst: Erster Weltkrieg
[13] Heimatverein Sendenhorst: Nationalsozialismus in Sendenhorst
[14] Heimatverein Sendenhorst: Ende des Zweiten Weltkriegs
[15] Heimatverein Sendenhorst: Kalter Krieg und Wetterextreme
[16] Heimatverein Sendenhorst: Pressearchiv / 100 Jahre Heimatverein / Fascies-Bestand
[17] Bestehende Chronik des Heimatvereins Sendenhorst – vollständiges chronologisches Grundgerüst
Redaktioneller Grundsatz: Überlieferte Angaben werden bewahrt, aber nicht ungeprüft wiederholt. Bei Konflikten erhalten zeitnahe und besser belegte Quellen Vorrang. Das betrifft insbesondere die Seuche 1761 (Dysenterie/Ruhr statt der älteren Bezeichnung „Typhus“), die Schadenszählung des Stadtbrandes 1806, das Datum des amerikanischen Einmarsches am 31. März 1945, die Zahl der Toten und zerstörten Hofstellen in Rinkhöven sowie den Flugzeugtyp des Absturzes von 1964.