Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war elektrisches Licht in Sendenhorst unbekannt. In Wohnungen brannten Kerzen und Petroleumlampen, und auch die Straßenbeleuchtung funktionierte lange mit Petroleum.
Bereits im 19. Jahrhundert gab es öffentliche Laternen. Ihre Zahl war klein, sie mussten von Hand entzündet und regelmäßig gewartet werden. Aus den städtischen Unterlagen sind entsprechende Ausgaben und Vergütungen für die Betreuung der Straßenlaternen überliefert.
Der erste Schritt in das elektrische Zeitalter erfolgte nicht durch die Stadt, sondern durch einzelne Einrichtungen und Unternehmer.
Das St.-Josef-Stift verfügte über ein eigenes Maschinenhaus mit Dampfmaschine. Zu Weihnachten 1906 brannte dort elektrisches Licht.
Die zentrale Figur der frühen Stromversorgung war die Familie Wieler. An der Brauerei am Osttor entstand ein kleines Elektrizitätswerk.
Ab 1907 wurden erste Häuser und Gewerbebetriebe mit elektrischem Strom versorgt. Das Netz entwickelte sich zunächst vor allem entlang der Ost-West-Achse der Stadt.
Elektrizität war dabei zunächst keineswegs hauptsächlich für Komfort gedacht. Für Handwerksbetriebe war der sogenannte Kraftstrom mindestens ebenso wichtig wie elektrisches Licht. Elektromotoren konnten Maschinen antreiben, die zuvor mit Muskelkraft, Transmissionen oder anderen Antrieben betrieben worden waren.
Auch die Schule gehörte zu den frühen Nutzern. Ende 1908 wurde dort elektrisches Licht installiert. Am 16. Dezember 1908 konnte die neue Beleuchtung erstmals genutzt werden.
Im Jahr 1911 schloss die Stadt einen auf 15 Jahre angelegten Vertrag mit Wieler. Geliefert wurde Gleichstrom mit 2 × 110 Volt.
Für elektrisches Licht mussten 45 Pfennig je Kilowattstunde gezahlt werden. Auch Zählermieten wurden erhoben.
Das frühe Netz blieb zunächst klein. Vor allem die Bereiche in der Nähe des Kraftwerks sowie entlang der Ost- und Weststraße profitierten. Andere Teile der Stadt und erst recht das Kirchspiel mussten länger warten.
Während des Ersten Weltkriegs wuchs die Zahl der Verbraucher. 1918 geriet das Kraftwerk an seine Leistungsgrenze.
Die Stadt bat gewerbliche Stromkunden deshalb zeitweise darum, nach 17 Uhr auf den Betrieb größerer Elektromotoren zu verzichten. Sonst reichte die Leistung für die abendliche Beleuchtung nicht aus.
Dass Strom knapp werden konnte, zeigt zugleich, wie schnell er innerhalb weniger Jahre unverzichtbar geworden war.
Das kleine Wieler-Kraftwerk konnte auf Dauer mit dem wachsenden Strombedarf nicht Schritt halten. Um 1925 endete die lokale Stromerzeugung durch Wieler.
Sendenhorst wurde nun an eine größere Überlandversorgung angeschlossen. Damit begann eine neue Epoche: Strom musste nicht mehr innerhalb der Stadt erzeugt werden, sondern konnte über regionale Leitungsnetze geliefert werden.
Auch die Straßenbeleuchtung wurde schrittweise elektrifiziert. Die häufig genannte Jahreszahl 1907 bezeichnet deshalb nicht die vollständige Umstellung sämtlicher Straßenlaternen.
Noch während des Ersten Weltkriegs finden sich Hinweise auf dunkle Straßen und eingeschränkte Beleuchtung. Erst in den 1920er-Jahren wurde die elektrische Straßenbeleuchtung deutlich ausgeweitet.
Um 1925/26 vollzog sich der endgültige Übergang von der kleinen örtlichen Erzeugung zur regionalen Stromversorgung.
Später war die Stromversorgung Sendenhorsts eng mit den Vereinigten Elektrizitätswerken Westfalen – VEW verbunden.
Damit verschwand Elektrizität immer stärker aus dem Blickfeld. Sie war nicht mehr etwas Besonderes, das nur einzelne Häuser besaßen, sondern wurde Teil der alltäglichen Infrastruktur.
Radio, Kühlschrank, Waschmaschine, Bügeleisen, Staubsauger und später Fernseher, Elektroherde und zahllose weitere Geräte veränderten Haushalt und Freizeit. Gleichzeitig wurden Elektromotoren in Landwirtschaft, Handwerk und Gewerbe alltäglich.
Elektrischer Strom war nur ein Teil der Energieversorgung. Geheizt wurde über lange Zeit vor allem mit Holz und Kohle.
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich zunehmend die Ölheizung durch. Sie versprach Komfort: kein Kohleschleppen, keine Asche, automatische Zentralheizung und ein Heizkessel im Keller.
Auch das Auto wurde in den 1950er- und 1960er-Jahren selbstverständlich. Tankstellen gehörten zum Sendenhorster Stadtbild, unter anderem an der Lorenbeckstraße, am Ostgraben und an der Ladestraße.
Die erste Ölkrise 1973 traf die Bundesrepublik mitten in dieser Entwicklung. Nach dem Jom-Kippur-Krieg stiegen die Ölpreise stark.
Die Bundesregierung ordnete vier autofreie Sonntage an: 25. November sowie 2., 9. und 16. Dezember 1973.
Auch in Sendenhorst galten diese bundesweiten Einschränkungen. Straßen, die längst vom Auto geprägt waren, wurden für wenige Sonntage wieder ungewöhnlich still.
Die zweite Ölkrise 1979/80 verstärkte diese Diskussion. Energiesparen, Wärmedämmung und alternative Heizsysteme gewannen an Bedeutung.
1981 wurde die erste Gaskonzession für Sendenhorst vergeben. Gelsenwasser baute das Erdgasnetz anschließend schrittweise aus.
Gas galt lange als moderne Alternative zu Kohle und Heizöl. Heizungen konnten kleiner, sauberer und komfortabler betrieben werden.
Damit begann jedoch erneut eine Phase starker Abhängigkeit von einem fossilen Energieträger – eine Frage, die Jahrzehnte später wieder große politische Bedeutung bekommen sollte.
Zur Energiegeschichte Sendenhorsts gehört auch ein Kraftwerk, das außerhalb des Stadtgebietes lag: der Thorium-Hochtemperaturreaktor THTR-300 bei Hamm-Uentrop.
Der Reaktor lag nur ungefähr 21 Kilometer Luftlinie vom Sendenhorster Stadtzentrum entfernt. Sein großer Trockenkühlturm war bei entsprechender Sicht von erhöhten Standorten und aus oberen Stockwerken in Sendenhorst am Horizont zu erkennen.
Der THTR war ein ungewöhnlicher Reaktor. Sein Brennstoff befand sich in kugelförmigen Brennelementen. Als Kühlmittel wurde Helium verwendet.
Die Technik sollte eine neue Generation von Hochtemperaturreaktoren demonstrieren. Die Anlage ging jedoch erst Mitte der 1980er-Jahre regulär ans Netz und hatte nur eine kurze Betriebszeit.
Am 26. April 1986 explodierte Reaktor 4 des sowjetischen Kernkraftwerks Tschernobyl. Radioaktive Stoffe wurden über große Teile Europas verteilt.
Nur wenige Tage später, am 4. Mai 1986, kam es auch im THTR zu einem Störfall. Beim Umgang mit dem Kugelbrennelement-System wurden Brennelemente beschädigt. Radioaktive Aerosole gelangten über die Abluft nach außen.
Amtliche Untersuchungen führten das Ereignis später auf einen Bedienungsfehler zurück. Dass radioaktive Stoffe aus der Anlage freigesetzt wurden, ist belegt. Über das genaue Ausmaß und die damalige Kommunikation entstand jedoch erheblicher Streit.
1986 wurde Radioaktivität plötzlich Teil des Alltags. Böden, Gras, Gemüse und Milch wurden kontrolliert. Für Landwirte stellte sich die Frage, ob Tiere auf die Weide durften und ob Futter oder Milch belastet waren.
Auch aus dem Raum Sendenhorst ist die Erinnerung an sehr hohe Becquerel-Werte auf Wiesen überliefert. Zahlen bis etwa 20.000 Becquerel gehören zu dieser lokalen Erinnerung.
Solange die damalige Messstelle und insbesondere die Einheit nicht eindeutig belegt sind, sollte dieser Wert ausdrücklich als Zeitzeugenangabe verstanden werden. 20.000 Becquerel pro Quadratmeter Boden wären beispielsweise etwas völlig anderes als 20.000 Becquerel pro Kilogramm Pflanzenmaterial.
Einen festen „GAU-Radius“ gibt es nicht. Die Auswirkungen eines schweren Reaktorunfalls hängen von Freisetzungsmenge, Windrichtung, Wetter und Niederschlag ab.
Zur Einordnung können jedoch die Größenordnungen der internationalen Notfallplanung herangezogen werden. Für Reaktoren dieser Größenklasse werden in allgemeinen Planungsansätzen unmittelbare Vorsorgebereiche von wenigen Kilometern sowie Zonen für dringende Schutzmaßnahmen bis in eine Größenordnung von etwa 30 Kilometern betrachtet.
Sendenhorst lag damit keineswegs in einer Entfernung, bei der ein schwerer Unfall grundsätzlich ohne Bedeutung geblieben wäre. Bei ungünstiger Windrichtung hätte die Stadt innerhalb einer solchen großräumigen Planungszone gelegen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Sendenhorst bei jedem denkbaren Unfall automatisch hätte evakuiert werden müssen. Schutzmaßnahmen hängen immer von der tatsächlichen Freisetzung und den meteorologischen Bedingungen ab.
Der THTR hatte keine lange Zukunft. Nach einer Revision 1988 nahm er den Leistungsbetrieb nicht mehr auf. 1989 wurde die endgültige Stilllegung beschlossen.
Die Brennelemente wurden aus dem Reaktor entfernt und in CASTOR-Behältern nach Ahaus gebracht. Bis 1995 war der Reaktorkern entladen.
Die übrigen radioaktiven beziehungsweise durch Neutronenstrahlung aktivierten Anlagenteile blieben jedoch bestehen. Seit 1997 befindet sich der THTR im sogenannten sicheren Einschluss.
1991 verschwand der weithin sichtbare Trockenkühlturm. Für Menschen, die ihn über Jahre am Horizont gesehen hatten, war damit das sichtbarste Zeichen des THTR verschwunden.
Der eigentliche nukleare Teil der Anlage blieb jedoch zurück. Damit wurde aus einem sichtbaren Kraftwerk ein weitgehend unsichtbares Langzeitprojekt.
Während Sendenhorst seit den 1920er-Jahren Strom überwiegend von außen bezogen hatte, änderte sich das mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien erneut.
Vor allem seit den 2000er-Jahren wurden im Außenbereich zahlreiche Windkraftanlagen errichtet. Ein größerer Windpark mit sieben Anlagen ging 2005/06 ans Netz. Seine installierte Leistung lag bei rund 14,5 Megawatt.
Weitere Anlagen folgten. Damit wurde die Landschaft um Sendenhorst sichtbar Teil der Energiewende.
2010 entsprach die in Sendenhorst erzeugte erneuerbare Strommenge bereits ungefähr 40 Prozent des örtlichen Stromverbrauchs. Den größten Anteil lieferte die Windkraft.
Photovoltaik gewann gleichzeitig rasch an Bedeutung, hinzu kamen kleinere Beiträge aus Biogas.
Bereits 2012 erreichte die rechnerische erneuerbare Stromerzeugung mehr als drei Viertel des örtlichen Stromverbrauchs.
Der weitere Ausbau führte jedoch auch zu Konflikten. Der Rat plante zusätzliche Konzentrationszonen für Windkraftanlagen südlich von Sendenhorst.
Eine Bürgerinitiative wandte sich gegen die Planungen. Sie befürchtete unter anderem erhebliche Veränderungen des Landschaftsbildes und eine zu starke Konzentration von Windkraftanlagen.
Beim Bürgerentscheid am 22. September 2013 stimmten 54,6 Prozent gegen die zusätzlichen vorgesehenen Windkraftflächen. Die Beteiligung lag bei 68,6 Prozent.
In den 2020er-Jahren ist die Energiegeschichte Sendenhorsts erneut in einer Phase tiefgreifender Veränderungen.
Im Stadtgebiet stehen heute mehr als zwanzig Windkraftanlagen. Die installierte Leistung liegt bei ungefähr 40 Megawatt.
Neuere Anlagen sind erheblich größer und leistungsfähiger als ihre Vorgänger. Für drei weitere Anlagen wurden 2024 Genehmigungen erteilt. Vorgesehen sind Windenergieanlagen mit jeweils 7,2 Megawatt Leistung und einer Gesamthöhe von etwa 261 Metern.
Parallel dazu hat sich Photovoltaik auf Wohnhäusern, Gewerbebetrieben und landwirtschaftlichen Gebäuden verbreitet.
Damit ist die Stromerzeugung teilweise wieder dort angekommen, wo sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon einmal war: direkt beim Verbraucher.
Beim Heizen ist der Wandel weniger weit fortgeschritten. Ein großer Teil der Gebäude wird weiterhin mit Erdgas oder Heizöl versorgt.
Die kommunale Wärmeplanung soll deshalb Wege aufzeigen, wie Sendenhorst und Albersloh langfristig klimaneutral beheizt werden können.
Wärmepumpen, Gebäudedämmung, erneuerbare Wärme und möglicherweise gemeinschaftliche Wärmenetze werden damit zu Themen der nächsten Jahrzehnte.
Zur neuen Energielandschaft gehört auch ein Projekt, das erneut große Stromleitungen in den Mittelpunkt rückt.
Der Übertragungsnetzbetreiber Amprion plant zwischen Westerkappeln und dem Gersteinwerk eine neue 380-kV-Höchstspannungsleitung.
Ein Abschnitt des vorgesehenen Korridors betrifft auch Sendenhorst. Die Leitung soll insbesondere die Transportkapazität für Strom aus Norddeutschland und den Windenergieregionen erhöhen.
Das Projekt befindet sich noch in der Planung. Die eigentlichen Planfeststellungsverfahren für den betreffenden Abschnitt sollen nach derzeitigem Stand erst in den kommenden Jahren beginnen.
Die Energiegeschichte Sendenhorsts verlief keineswegs geradlinig. Sie begann mit Petroleum und einem kleinen privaten Elektrizitätswerk, führte über große regionale Energieversorger, Kohle, Heizöl und Erdgas und erreichte mit dem THTR sogar die Atomenergie am sichtbaren Horizont.
Heute wird wiederum ein erheblicher Teil der Energie direkt in der Landschaft um Sendenhorst erzeugt. Windkraftanlagen und Photovoltaik speisen Strom in ein Netz ein, das längst nicht mehr lokal oder regional, sondern europäisch funktioniert.