Heute ist elektrische Energie überall verfügbar. Licht, Heizung, Maschinen, Computer, Kühlschrank und Kommunikation funktionieren scheinbar selbstverständlich. Doch die Geschichte der Energieversorgung in Sendenhorst begann klein: mit Petroleumleuchten, einer Dampfmaschine im St.-Josef-Stift und einem privaten Elektrizitätswerk an der Brauerei Wieler.
Später folgten Überlandleitungen, Trafostationen, Heizöl und Erdgas. Die Ölkrisen der 1970er-Jahre, der THTR in Hamm-Uentrop und schließlich Windkraft, Photovoltaik und der erneute Ausbau der Stromnetze zeigen, wie grundlegend sich die Energieversorgung innerhalb von gut hundert Jahren verändert hat.
Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war elektrisches Licht in Sendenhorst weitgehend unbekannt. In Wohnungen brannten Kerzen und Petroleumlampen, und auch die Straßenbeleuchtung funktionierte lange mit Petroleum.
Öffentliche Laternen mussten von Hand entzündet und regelmäßig gewartet werden. Ihre Zahl war zunächst gering. Aus städtischen Unterlagen sind Ausgaben und Vergütungen für die Betreuung solcher Laternen überliefert.
Der erste Schritt in das elektrische Zeitalter erfolgte nicht durch ein großes öffentliches Stromnetz, sondern durch einzelne Einrichtungen und Unternehmer.
Das St.-Josef-Stift verfügte über ein eigenes Maschinenhaus mit Dampfmaschine. Zu Weihnachten 1906 brannte dort elektrisches Licht.
Die zentrale Figur der frühen Stromversorgung war die Familie Wieler. An der Brauerei am Osttor entstand ein kleines Elektrizitätswerk.
Ab 1907 wurden erste Häuser und Gewerbebetriebe mit elektrischem Strom versorgt. Das Netz entwickelte sich zunächst vor allem entlang der Ost-West-Achse der Stadt.
Elektrizität war dabei nicht nur für Beleuchtung interessant. Für Handwerksbetriebe war Kraftstrom mindestens ebenso wichtig. Elektromotoren konnten Maschinen antreiben, die zuvor mit Muskelkraft, Transmissionen oder anderen Antrieben betrieben worden waren.
Auch die Schule gehörte zu den frühen Nutzern. Ende 1908 wurde dort elektrisches Licht installiert. Am 16. Dezember 1908 konnte die neue Beleuchtung erstmals genutzt werden.
Im Jahr 1911 schloss die Stadt einen auf 15 Jahre angelegten Vertrag mit Wieler. Geliefert wurde Gleichstrom mit 2 × 110 Volt.
Für elektrisches Licht mussten 45 Pfennig je Kilowattstunde gezahlt werden. Auch Zählermieten wurden erhoben.
Das frühe Netz blieb zunächst klein. Vor allem die Bereiche in der Nähe des Kraftwerks sowie entlang der Ost- und Weststraße profitierten. Andere Teile der Stadt und erst recht das Kirchspiel mussten länger warten.
Während des Ersten Weltkriegs wuchs die Zahl der Verbraucher. 1918 geriet das Kraftwerk an seine Leistungsgrenze.
Die Stadt bat gewerbliche Stromkunden deshalb zeitweise darum, nach 17 Uhr auf den Betrieb größerer Elektromotoren zu verzichten. Sonst reichte die Leistung für die abendliche Beleuchtung nicht aus.
Dass Strom knapp werden konnte, zeigt zugleich, wie schnell er innerhalb weniger Jahre unverzichtbar geworden war.
Das kleine Wieler-Kraftwerk konnte auf Dauer mit dem wachsenden Strombedarf nicht Schritt halten. Um 1925 endete die lokale Stromerzeugung durch Wieler.
Sendenhorst wurde nun an eine größere Überlandversorgung angeschlossen. Damit begann eine neue Epoche: Strom musste nicht mehr innerhalb der Stadt erzeugt werden, sondern konnte über regionale Leitungsnetze geliefert werden.
Auch die Straßenbeleuchtung wurde schrittweise elektrifiziert. Die häufig genannte Jahreszahl 1907 bezeichnet deshalb nicht die vollständige Umstellung sämtlicher Straßenlaternen.
Noch während des Ersten Weltkriegs finden sich Hinweise auf dunkle Straßen und eingeschränkte Beleuchtung. Erst in den 1920er-Jahren wurde die elektrische Straßenbeleuchtung deutlich ausgeweitet.
Später war die Stromversorgung Sendenhorsts eng mit den Vereinigten Elektrizitätswerken Westfalen – VEW – verbunden.
Elektrizität wurde immer stärker Teil der alltäglichen Infrastruktur. Radio, Kühlschrank, Waschmaschine, Bügeleisen, Staubsauger, später Fernseher und Elektroherde veränderten Haushalt und Freizeit. Gleichzeitig wurden Elektromotoren in Landwirtschaft, Handwerk und Gewerbe alltäglich.
Mit dem Anschluss Sendenhorsts an das Überlandnetz war die Elektrifizierung keineswegs abgeschlossen. Der von außen kommende Strom musste innerhalb von Stadt und Kirchspiel Sendenhorst weiterverteilt und auf eine für Häuser, Höfe, Geschäfte und Betriebe nutzbare Spannung gebracht werden.
Dafür entstanden Transformatorenstationen – im Alltag meist einfach Trafos oder Trafosäuschen genannt. Manche waren kleine gemauerte Gebäude, andere größere Netzstationen, später kamen kompakte Fertigstationen hinzu.
Im Kirchspiel konnten außerdem Masttransformatoren und kleinere Versorgungsanlagen eine Rolle spielen. Ihre Standorte sind bislang nur teilweise dokumentiert.
Die folgende Aufstellung ist bewusst noch nicht vollständig. Sie wird ergänzt, sobald weitere Standorte durch Bebauungspläne, Netzunterlagen, Karten, Luftbilder, Fotos oder Erinnerungen sicher zugeordnet werden können.
An der Pennigstiege befand sich über viele Jahre ein älteres Trafohäuschen. Im Zuge der Erneuerung der Energieversorgung des St.-Josef-Stifts wurde eine neue Trafostation errichtet.
Das alte Gebäude wurde 2026 abgebrochen. Der Standort zeigt besonders anschaulich den Übergang vom historischen Trafohäuschen zur modernen Station.
Für den Bereich Westtor ist in der Bauleitplanung ausdrücklich eine vorhandene Trafostation am Wohnweg dokumentiert.
Damit gehört dieser Standort zu den bislang sicher nachgewiesenen Sendenhorster Trafostationen.
Die Planungen für Hagenholt Nord zeigen, dass auch die Stromversorgung beim Ausbau neuer Wohngebiete von Anfang an berücksichtigt werden musste.
In den Planunterlagen ist eine 10-kV-Leitung beziehungsweise entsprechende Netzinfrastruktur dokumentiert. Der genaue historische Verlauf und die Entwicklung der dortigen Trafostandorte sollen weiter untersucht werden.
Im Bereich Ostheide ist in älteren Planungen eine größere Umform- beziehungsweise Netzanlage dokumentiert.
Dieser Standort unterscheidet sich von einem kleinen Trafosäuschen im Wohngebiet und gehörte zu einer höheren Ebene der örtlichen Stromverteilung.
2026 wird hier das Stromnetz erneuert. Dabei entsteht eine neue Ortsnetzstation.
Der Standort zeigt, dass auch heute Leitungen, Verteiler und Trafostationen fortlaufend an neue Anforderungen angepasst werden.
Auch außerhalb der geschlossenen Stadt mussten Höfe, landwirtschaftliche Betriebe und einzelne Siedlungsbereiche zuverlässig mit Strom versorgt werden.
Hier sind insbesondere ältere Kleintrafos, Masttransformatoren und spätere kompakte Stationen interessant. Eine vollständige historische Erfassung des Kirchspiels steht noch aus.
Ältere Trafostationen wurden häufig als kleine massive Gebäude errichtet. Sie waren dauerhaft sichtbar und konnten im Laufe der Zeit fast selbstverständlich zum Straßenbild gehören.
Moderne Ortsnetzstationen benötigen häufig weniger Platz. Deshalb verschwinden ältere Trafohäuschen, obwohl die technische Funktion am Standort bestehen bleibt oder nur wenige Meter verlagert wird.
Gerade deshalb lohnt sich die Dokumentation heute: Was jahrzehntelang unscheinbar am Straßenrand stand, kann innerhalb kurzer Zeit verschwinden.
Diese Dokumentation soll weiter wachsen. Gesucht werden sowohl noch vorhandene als auch bereits verschwundene Trafostationen in Stadt und Kirchspiel Sendenhorst.
Die Aufstellung wird bewusst fortlaufend ergänzt und korrigiert. Ein vermeintlich unscheinbares Trafohäuschen kann ein wichtiger Baustein der Sendenhorster Technikgeschichte sein.
Elektrischer Strom war nur ein Teil der Energieversorgung. Geheizt wurde über lange Zeit vor allem mit Holz und Kohle.
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich zunehmend die Ölheizung durch. Sie versprach Komfort: kein Kohleschleppen, keine Asche, automatische Zentralheizung und ein Heizkessel im Keller.
Auch das Auto wurde in den 1950er- und 1960er-Jahren selbstverständlich. Tankstellen gehörten zum Sendenhorster Stadtbild.
Die erste Ölkrise 1973 traf die Bundesrepublik mitten in dieser Entwicklung. Nach dem Jom-Kippur-Krieg stiegen die Ölpreise stark.
Die Bundesregierung ordnete vier autofreie Sonntage an: 25. November sowie 2., 9. und 16. Dezember 1973.
Auch in Sendenhorst galten diese bundesweiten Einschränkungen. Straßen, die längst vom Auto geprägt waren, wurden für wenige Sonntage ungewöhnlich still.
Die zweite Ölkrise verstärkte die Diskussion um Energiesparen, Wärmedämmung und alternative Heizsysteme.
1981 wurde die erste Gaskonzession für Sendenhorst vergeben. Das Erdgasnetz wurde anschließend schrittweise ausgebaut.
Gas galt lange als moderne Alternative zu Kohle und Heizöl. Heizungen konnten kleiner, sauberer und komfortabler betrieben werden.
Zur Energiegeschichte Sendenhorsts gehört auch ein Kraftwerk, das außerhalb des Stadtgebietes lag: der Thorium-Hochtemperaturreaktor THTR-300 bei Hamm-Uentrop.
Der Reaktor lag ungefähr 21 Kilometer Luftlinie vom Sendenhorster Stadtzentrum entfernt. Sein großer Trockenkühlturm war bei entsprechender Sicht am Horizont zu erkennen.
Der THTR arbeitete mit kugelförmigen Brennelementen. Als Kühlmittel wurde Helium verwendet.
Die Technik sollte eine neue Generation von Hochtemperaturreaktoren demonstrieren. Die Anlage ging jedoch erst Mitte der 1980er-Jahre regulär ans Netz und hatte nur eine kurze Betriebszeit.
Am 26. April 1986 explodierte Reaktor 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl. Radioaktive Stoffe wurden über große Teile Europas verteilt.
Nur wenige Tage später kam es auch im THTR zu einem Störfall. Beim Umgang mit dem Kugelbrennelement-System wurden Brennelemente beschädigt. Radioaktive Aerosole gelangten über die Abluft nach außen.
Zur gleichen Zeit lag über Nordrhein-Westfalen bereits Fallout aus Tschernobyl. Dadurch war es schwierig, einzelne Messwerte eindeutig Tschernobyl oder dem THTR zuzuordnen.
1986 wurde Radioaktivität plötzlich Teil des Alltags. Böden, Gras, Gemüse und Milch wurden kontrolliert. Für Landwirte stellte sich die Frage, ob Tiere auf die Weide durften und ob Futter oder Milch belastet waren.
Auch aus dem Raum Sendenhorst sind Erinnerungen an auffällige Messwerte überliefert. Solange Messstelle und Einheit nicht eindeutig belegt sind, sollten solche Zahlen ausdrücklich als Zeitzeugenangaben verstanden werden.
Nach einer Revision 1988 nahm der THTR den Leistungsbetrieb nicht mehr auf. 1989 wurde die endgültige Stilllegung beschlossen.
Die Brennelemente wurden entfernt und in CASTOR-Behältern nach Ahaus gebracht. Seit 1997 befindet sich die Anlage im sogenannten sicheren Einschluss.
1991 verschwand der weithin sichtbare Trockenkühlturm.
Während Sendenhorst seit den 1920er-Jahren Strom überwiegend von außen bezog, änderte sich das mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien erneut.
Vor allem seit den 2000er-Jahren wurden im Außenbereich zahlreiche Windkraftanlagen errichtet. Ein größerer Windpark mit sieben Anlagen ging 2005/06 ans Netz.
Damit wurde die Landschaft um Sendenhorst sichtbar Teil der Energiewende.
2010 entsprach die in Sendenhorst erzeugte erneuerbare Strommenge bereits einem erheblichen Anteil des örtlichen Stromverbrauchs. Den größten Beitrag lieferte die Windkraft.
Photovoltaik gewann gleichzeitig rasch an Bedeutung, hinzu kamen kleinere Beiträge aus Biogas.
Der weitere Ausbau führte auch zu Konflikten. Der Rat plante zusätzliche Konzentrationszonen für Windkraftanlagen.
Beim Bürgerentscheid am 22. September 2013 stimmte eine Mehrheit gegen die zusätzlichen vorgesehenen Windkraftflächen.
In den 2020er-Jahren befindet sich die Energieversorgung Sendenhorsts erneut in einer Phase tiefgreifender Veränderungen.
Neuere Windkraftanlagen sind erheblich größer und leistungsfähiger als die ersten Anlagen der 1990er- und 2000er-Jahre. Weitere Projekte sind geplant oder genehmigt.
Parallel dazu hat sich Photovoltaik auf Wohnhäusern, Gewerbebetrieben und landwirtschaftlichen Gebäuden stark verbreitet.
Die Energiewende findet nicht nur bei Windrädern und Solaranlagen statt. Sie betrifft ebenso Kabel, Umspannwerke und Trafostationen.
Wenn immer mehr Strom lokal erzeugt wird und gleichzeitig Wärmepumpen, Ladepunkte und andere elektrische Verbraucher hinzukommen, muss auch das Verteilnetz leistungsfähiger werden.
Der Neubau und die Modernisierung von Ortsnetzstationen gehören deshalb zur Energiegeschichte der Gegenwart.
Auch der Ausbau großer Übertragungsnetze betrifft die Region. Neue Höchstspannungsverbindungen sollen zusätzliche Transportkapazität für Strom aus den windreichen Regionen schaffen.
Von der Petroleumlaterne bis zum modernen Stromnetz lässt sich die Sendenhorster Energiegeschichte über mehr als ein Jahrhundert verfolgen. Die Zeittafel verbindet technische Entwicklung, örtliche Infrastruktur und die großen energiepolitischen Einschnitte.
Die Energiegeschichte Sendenhorsts verlief keineswegs geradlinig. Sie begann mit Petroleum und einem kleinen privaten Elektrizitätswerk, führte über Überlandleitungen, Trafostationen, große Energieversorger, Kohle, Heizöl und Erdgas und erreichte mit dem THTR sogar die Atomenergie am sichtbaren Horizont.
Heute wird wieder ein erheblicher Teil der Energie direkt in und um Sendenhorst erzeugt. Windkraftanlagen und Photovoltaik speisen Strom in ein Netz ein, das lokal beginnt und Teil eines europäischen Verbundsystems ist.
Dabei zeigt sich eine interessante Kontinuität: Die großen Veränderungen sind sichtbar – Kraftwerke, Windräder und Leitungen. Ein wesentlicher Teil der Energiegeschichte steckt jedoch in viel unscheinbareren Dingen: Kabeln, Schaltanlagen und Trafosäuschen.
Grundlage dieser Darstellung sind historische Unterlagen, lokale Chroniken, Bauleitplanung, Presseberichte, Unterlagen von Energieversorgern und Einrichtungen sowie Erinnerungen und Bildmaterial aus Sendenhorst.
Besonders die Geschichte der Trafostationen in Stadt und Kirchspiel Sendenhorst ist noch nicht vollständig erschlossen. Weitere Standorte, Fotos, Baujahre und Hinweise werden deshalb fortlaufend ergänzt.
Quellen und Hinweise: historische Unterlagen und Chroniken des Heimatvereins Sendenhorst; Bauleitplanung der Stadt Sendenhorst; Unterlagen des St.-Josef-Stifts; Veröffentlichungen der jeweiligen Netz- und Energieversorger; zeitgenössische Presse; historische Karten und Luftbilder sowie Hinweise aus der Bevölkerung.