Vom Bürgerbeirat 1945 bis zum heutigen Rat – acht Jahrzehnte kommunale Demokratie
1945 1946 Aufbaujahre Kirchspiel 1968 1975 Parteien vor Ort Wahlen Bürgermeister & Stadtdirektoren Was die Gemüter bewegte Politische Köpfe Heute Quellen
Demokratie vor Ort: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann auch in Sendenhorst der politische Neubeginn. Nicht mit einer Wahl, sondern zunächst mit einem von der Militärregierung berufenen Bürgerbeirat. Aus dieser provisorischen Ordnung entwickelte sich Schritt für Schritt die kommunale Demokratie: mit Rat, Parteien, Bürgermeister, Verwaltung, Ausschüssen, Wahlen und öffentlicher Kontrolle.
1945 – Der Neubeginn
3. August 1945: Der erste Bürgerbeirat tritt zusammen. Er war noch kein frei gewähltes Parlament, markiert aber den Beginn der kommunalen Nachkriegsdemokratie in Sendenhorst.
Die ersten Zwölf: Heinrich Thiemann, Wilhelm Meyer, Heinrich Dorsel, Hermann Bücker, Josef Dahlkötter, Hubert Schulze-Tergeist, Bernhard Stapel, Heinrich Riethmöller, Heinrich Lainck-Vissing, Pfarrer Heinrich Westermann, Franz Brandhove und Dr. Theodor Untiedt.
Bemerkenswert: Handwerk, Landwirtschaft, Kirche, Verwaltung, örtliche Wirtschaft und Arbeiterschaft waren vertreten. Die neue kommunale Ordnung sollte sichtbar breiter verankert sein als die zerstörte Diktatur.
1946 – Die erste Kommunalwahl
Am 15. September 1946 wurde erstmals wieder demokratisch gewählt. Der neue Rat hatte 15 Mitglieder. Die CDU dominierte klar, daneben waren Zentrum, SPD und zwei Parteilose vertreten.
| Gruppierung | Sitze |
|---|---|
| CDU | 11 |
| Zentrum | 1 |
| SPD | 1 |
| Parteilose | 2 |
Das Kirchspiel – ein eigener politischer Raum
Stadt und Kirchspiel Sendenhorst waren nach dem Krieg politisch und verwaltungsmäßig getrennt. Der Gemeinderat des Kirchspiels trat erstmals am 16. Januar 1946 hervor. Bei der Kommunalwahl 1946 gehörten sämtliche 13 Vertreter der CDU an.
Anton Schulze-Horstrup, Bernhard Feldmann, Anton Suermann, Caspar Roeren-Schotte, Theodor Tüte, Heimann genannt Große Kogge, Bernhard Lücke, Heinrich Böcker, Heinrich Deventer, Heinrich Schmetkamp, Julius Möllmann, Bernhard Kersting und Gerhard Northoff.
1947–1950 – Demokratie als Wiederaufbauarbeit
9. Januar 1948: 3.994 Einwohner, darunter 590 Flüchtlinge und 447 Evakuierte. CDU: 60 örtliche Mitglieder, SPD: 53, KPD: 18.
8. Februar 1949: 4.069 Einwohner, darunter 650 Flüchtlinge und 423 Evakuierte. Parteipolitik spielte im Alltag noch eine geringe Rolle – die Sachprobleme bestimmten die Ratsarbeit.
Konkrete Rats- und Aufbauentscheidungen: 03.12.1947 Straßenplanung an der Südenpromenade; 03.12.1947 Zustimmung zum Ausbau einer Verzinkerei der Sendenhorster Maschinenfabrik; 29.04.1948 Kanalisierung und Neupflasterung der Schulstraße; 20.07.1948 Kläranlage als dringendes Vorhaben; 1949 Beginn der Siedlungsentwicklung am Martiniring; 1950/51 Aufbau der zentralen Wasserversorgung und Bau des Wasserturms.
Wahlen 1948–1969 – die alte Sendenhorster Wahltafel
| Wahl | CDU | SPD | FDP | BHE | Zentrum | Parteilose | Gesamt |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1948 | 7 | 1 | – | – | 1 | 2 | 11 |
| 1952 | 9 | 2 | 5 | 2 | – | – | 18 |
| 1956 | 12 | 3 | 2 | 1 | – | – | 18 |
| 1961 | 12 | 2 | 4 | – | – | – | 18 |
| 1964 | 13 | 3 | 3 | – | – | – | 19 |
| 1968 | 12 | 4 | 3 | – | – | – | 19 |
| 1969 | 12 | 5 | 2 | – | – | – | 19 |
1968 – Stadt und Kirchspiel werden eins
13.07.1967: Gebietsänderungsvertrag → 01.01.1968: Vereinigung → 03.03.1968: Neuwahl des Rates.
Der 1964 gewählte Rat wurde durch das Eingliederungsgesetz aufgelöst. Die vergrößerte Stadt erhielt mit der Wahl vom 3. März 1968 einen neuen gemeinsamen Rat: 12 CDU, 4 SPD, 3 FDP.
Politischer Kern: Die Gebietsreform veränderte nicht nur Grenzen. Sie veränderte auch die demokratische Repräsentation. Ein neues Stadtgebiet verlangte einen neu legitimierten Rat.
1975 – Die heutige Stadt entsteht
Zum 1. Januar 1975 wurden Stadt Sendenhorst und Gemeinde Albersloh zu einer neuen Gemeinde zusammengeschlossen, die weiterhin den Namen Sendenhorst und die Bezeichnung Stadt führte. Hinzu kamen einzelne Flurstücke aus Alverskirchen. Das Amt Sendenhorst wurde aufgelöst.
Politische Übergangsleitung: Ewald Rüschenschmidt aus Albersloh führte die Bürgermeistergeschäfte. Franz Keweloh aus Sendenhorst war Stellvertreter.
Verwaltung: Heinrich Esser führte die Verwaltungsgeschäfte, vertreten von Bernhard Schmies.
Wichtig für die Parteiengeschichte: 1975 bestanden CDU-Ortsvereine in Sendenhorst und Albersloh getrennt. In Sendenhorst war Dr. Karl-Hans Lainck-Vissing Vorsitzender, in Albersloh Ewald Rüschenschmidt. Für die FDP ist ein eigener Ortsverein Sendenhorst mit Herbert Stork als Fraktionsvorsitzendem belegt.
Parteien vor Ort – Sendenhorst und Albersloh
Kommunalpolitik besteht nicht nur aus Wahlergebnissen und Bürgermeisterlisten. Sie lebt von örtlichen Parteien, Mitgliedern, Ortsvereinen, Fraktionen und später auch unabhängigen Wählergemeinschaften. Seit 1975 muss die Parteiengeschichte ausdrücklich Sendenhorst und Albersloh gemeinsam betrachten – ohne die älteren eigenständigen Strukturen beider Orte rückwirkend zu verwischen.
CDU – die prägende Kraft der Nachkriegsjahrzehnte
Die CDU gehört unmittelbar zur politischen Neuordnung nach 1945. 1946 stellte sie 11 von 15 Ratsmitgliedern; im Kirchspiel gehörten alle 13 Vertreter der CDU an. Für Januar 1948 sind 60 örtliche CDU-Mitglieder überliefert. Über viele Jahrzehnte blieb sie die deutlich stärkste kommunalpolitische Kraft.
Albersloh: Die CDU-Ortsunion Albersloh bestand bereits vor der kommunalen Neuordnung und blieb auch danach als eigener örtlicher Verband sichtbar. 1975 war Ewald Rüschenschmidt Vorsitzender. Heute bestehen Ortsunionen in Sendenhorst und Albersloh unter dem gemeinsamen CDU-Stadtverband Sendenhorst-Albersloh.
SPD – vom kleinen Ortsverein zur Bürgermeisterpartei
Die Sendenhorster SPD wurde bereits Ende Februar 1922 gegründet. Nach 1945 gehörte sie wieder zur örtlichen Parteienlandschaft, blieb zunächst aber deutlich hinter der CDU. Ende der 1970er Jahre stieg ihr kommunalpolitisches Gewicht; 1979 wurde Elisabeth Liesner-Dieckämper erste Frau und erste Sozialdemokratin im Amt der stellvertretenden Bürgermeisterin.
1989 erreichte die SPD 39,3 Prozent. Franz-Josef Reuscher wurde anschließend erster SPD-Bürgermeister Sendenhorsts. Mit Annette Watermann-Krass und Bernhard Daldrup führte der Weg später auch in Landtag und Bundestag.
Albersloh: Ein eigener SPD-Ortsverein ist sicher dokumentiert. Das genaue Gründungsdatum ist im bisherigen Deep-Scan noch nicht zweifelsfrei belegt und wird deshalb hier bewusst offengelassen.
FDP – klein, aber zeitweise mit enormem Gewicht
Liberale Ratsvertretung ist seit den frühen Nachkriegsjahrzehnten nachweisbar. 1952 zog die FDP mit fünf Sitzen in den Rat ein. 1975 ist ein eigener FDP-Ortsverein Sendenhorst belegt; Herbert Stork war Fraktionsvorsitzender.
Den spektakulärsten Erfolg erzielte die FDP 1989 mit 14,4 Prozent. Wolfram Opperbeck wurde zu einer prägenden liberalen Figur. Heute arbeitet die FDP ausdrücklich als Ortsverband Sendenhorst/Albersloh.
B.f.A. – aus Albersloh in den Stadtrat
Die B.f.A. ist die deutlichste kommunalpolitische Neugründung aus dem Ortsteil Albersloh. Ausgangspunkt war 1994 eine Bürgerinitiative gegen die mögliche Ansiedlung des Betonfertigteilwerks Caspar Hessel. Am 20. Juni 1994 entstand im Gasthof Fels mit 20 Gründungsmitgliedern die unabhängige Wählergemeinschaft „Bürger für Albersloh“.
Bei ihrer ersten Kommunalwahl stimmten knapp 17 Prozent der Albersloher für die neue Gruppierung. Aus der zunächst dorfbezogenen Wählergemeinschaft wurde später „Bürger für Aktive Kommunalpolitik“; sie versteht sich heute als Kraft für beide Ortsteile und ist dauerhaft im Rat vertreten.
Weitere und zeitweilige politische Kräfte
| Kraft | Einordnung |
|---|---|
| Zentrum | 1946 und 1948 noch mit jeweils einem Sitz vertreten; danach verschwand die Partei aus der Sendenhorster Ratslandschaft. |
| BHE | 1952 zwei Sitze, 1956 noch ein Sitz; Ausdruck des Vertriebenen- und Flüchtlingsmilieus der Nachkriegszeit. |
| KPD | 1948 sind 18 örtliche Mitglieder belegt; in der überlieferten Wahltafel 1948–1969 erscheint kein Ratsmandat. |
| Piraten | 2014: 3,9 Prozent und ein Ratsmandat; 2020 nicht mehr im Rat vertreten. |
Die Albersloh-Linie: 1975 brachte nicht nur einen neuen Ortsteil, sondern eine eigene politische Tradition in die neue Stadt ein. Besonders sichtbar wird das an Ewald Rüschenschmidt und der CDU-Ortsunion Albersloh, am SPD-Ortsverein Albersloh und seit 1994 an der aus einer Albersloher Bürgerinitiative hervorgegangenen B.f.A. Kommunalpolitik in Sendenhorst ist seitdem Politik für zwei gewachsene Orte und ihre Bauerschaften.
Bürgermeister & Stadtdirektoren – politische und administrative Spitze
Bis Mitte der 1990er Jahre besaß Sendenhorst – wie die übrigen Gemeinden in Nordrhein-Westfalen – die kommunale Doppelspitze aus Bürgermeister und Stadtdirektor. Dieses Modell war nach 1945 unter dem Einfluss der britischen Besatzungsmacht eingeführt worden und orientierte sich am britischen Kommunalrecht: Politische Führung und hauptamtliche Verwaltung sollten bewusst voneinander getrennt sein. Der ehrenamtliche Bürgermeister wurde vom Rat gewählt, führte den Vorsitz im Rat und repräsentierte die Stadt. Der hauptamtliche Stadtdirektor leitete dagegen die Verwaltung, führte die Ratsbeschlüsse praktisch aus und war der administrative Chef des Rathauses. Deshalb konnten Stadtdirektoren wie Heinrich Esser und Heinrich Wiegard über mehrere Bürgermeisteramtszeiten hinweg für große personelle Kontinuität sorgen. Mit der nordrhein-westfälischen Kommunalreform der 1990er Jahre wurde diese Doppelspitze abgeschafft: Seit 1996 sind politische Repräsentation und Leitung der Verwaltung in Sendenhorst im Amt des hauptamtlichen Bürgermeisters vereinigt.
| Zeit | Bürgermeister | Stadtdirektor / Verwaltungschef | Einordnung |
|---|---|---|---|
| 1945 | Eugen Strothmann | Eugen Strothmann | Von den Amerikanern mit der Stadtleitung betraut; politische und administrative Leitung zunächst in einer Hand. |
| Anfang 1946 | Dr. Theodor Untiedt | Eugen Strothmann | Beginn der Trennung von politischer Spitze und Verwaltung. |
| 08.10.1946–1948 | Bernhard Stapel parteilos, später CDU |
Eugen Strothmann ab 1947 Heinrich Esser |
Erster Bürgermeister nach der freien Kommunalwahl. |
| 1948–1969 | Heinrich Brandhove CDU |
Heinrich Esser 1947–1975 Stadtdirektor |
Wiederaufbau, Wohnungsbau, Wasser, Straßen und kommunale Modernisierung. |
| 1969–1981 | Heinrich Schibill CDU |
Heinrich Esser bis 1975 Heinrich Wiegard ab 1975 |
Stadtsanierung, Bürgerhaus und kommunale Neuordnung. |
| Jan.–Mai 1975 | Ewald Rüschenschmidt CDU · Albersloh · Übergang |
Heinrich Esser / Übergang Heinrich Wiegard ab 1975 |
Führte nach der Gebietsreform vorübergehend die Bürgermeistergeschäfte. |
| 1981–1984 | Ewald Rüschenschmidt CDU · Albersloh |
Heinrich Wiegard 1975–1995 Stadtdirektor |
Erste reguläre Bürgermeisteramtszeit eines Alberslohers in der gemeinsamen Stadt. |
| 1984–1989 | Wilhelm Goroncy CDU |
Heinrich Wiegard | Letzte Bürgermeisteramtszeit vor dem Machtwechsel 1989. |
| 1989–1999 | Franz-Josef Reuscher SPD |
Heinrich Wiegard bis 1995 ab 1996 Bürgermeister selbst |
Erster SPD-Bürgermeister; ab 1996 zugleich hauptamtlicher Verwaltungschef. |
| 1999–2004 | Werner Dufhues CDU |
Werner Dufhues hauptamtlich |
1999 erster direkt von den Bürgerinnen und Bürgern gewählter Bürgermeister Sendenhorsts. |
| 2004–2020 | Berthold Streffing CDU |
Berthold Streffing hauptamtlich |
Sechzehn Jahre Bürgermeister; Investitionen, Wohn- und Gewerbeentwicklung, Verkehr und WLE. |
| seit 2020 | Katrin Reuscher parteilos |
Katrin Reuscher hauptamtlich |
2020 gewählt, 2025 mit sehr deutlicher Zustimmung im Amt bestätigt. |
Weitere prägende politische Köpfe
Neben Bürgermeistern und Stadtdirektoren prägten weitere Persönlichkeiten Rat, Verwaltung und die politische Entwicklung Sendenhorsts und Alberslohs.
| Wahl | Gewählt | Ergebnis | Gegenkandidat / Einordnung |
|---|---|---|---|
| 1999 | Werner Dufhues (CDU) | 54,0 % | Franz-Josef Reuscher (SPD) – der bisherige Bürgermeister trat bei der ersten Direktwahl gegen Dufhues an. Dufhues gewann bereits im ersten Wahlgang. |
| 2004 | Berthold Streffing (CDU) | 55,0 % | Streffing wurde im ersten Wahlgang gewählt. Der Name des SPD-Gegenkandidaten ist in den bislang ausgewerteten amtlichen Kurzstatistiken nicht ausgewiesen. |
| 2009 | Berthold Streffing (CDU) | 58,8 % | Jörg Mösgen (SPD) – stellvertretender Leiter des Dortmunder Innenstadtfinanzamtes; von der SPD als Herausforderer Streffings aufgestellt. |
| 2014 | Berthold Streffing (CDU) | 55,4 % | Thomas Neuhaus (SPD) – erreichte 44,6 % und kam damit deutlich näher an den Amtsinhaber heran als der SPD-Herausforderer fünf Jahre zuvor. |
| 2020 | Katrin Reuscher parteilos, von der SPD unterstützt |
52,4 % | Markus Hartmann (CDU/FDP) – 3.170 Stimmen bzw. 47,6 %. Reuscher erhielt 3.496 Stimmen. |
| 2025 | Katrin Reuscher Wahlvorschlag SPD/FDP |
85,3 % Ja | Kein Gegenkandidat. Reuscher war die einzige zugelassene Bewerberin: 5.782 Ja- und 1.000 Nein-Stimmen. |
Vor 1999 wurden die Bürgermeister nicht direkt von der Bürgerschaft, sondern vom Rat gewählt. Für 1999, 2004 und 2009 weist die amtliche landesweite Kurzstatistik den jeweiligen Sieger und dessen Stimmenanteil aus; 2020 und 2025 sind die vollständigen Sendenhorster Abstimmungszahlen greifbar.
Ortsvorsteher – Sendenhorst und Albersloh
Nach der kommunalen Neugliederung wurden die besonderen Interessen der beiden Ortschaften Sendenhorst und Albersloh auch durch Ortsvorsteher vertreten. Die ältere Namensfolge ist in den online greifbaren Ratsunterlagen nur lückenhaft überliefert; die hier genannten Amtsinhaber sind dagegen konkret belegt.
Historische Lücken: Für die vollständige Folge aller Ortsvorsteher seit 1975 sind vor allem die Ratsprotokolle und die Bestände „Sendenhorst D“ sowie „Sendenhorst P“ im Kreisarchiv Warendorf maßgeblich. Die heute online auffindbaren Quellen liefern dafür noch keine geschlossene Namensreihe.
Politische Grundlinie – Sendenhorst bleibt CDU-stark
Der politische Wechsel von 1989 bedeutete nicht das Ende der CDU-Stärke in Sendenhorst. Auch Jahrzehnte später blieb die CDU bei Ratswahlen die stärkste Einzelkraft.
Kommunalwahl 2025: CDU 44,66 %, SPD 33,36 %, B.f.A. 13,62 %, FDP 8,36 %. Rat 2025: 26 Sitze – CDU 11, SPD 9, B.f.A. 4, FDP 2.
Und die CDU liegt auch heute noch deutlich über dem Bundesschnitt: Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die CDU bundesweit 22,6 % der Zweitstimmen. Der Sendenhorster CDU-Anteil bei der Kommunalwahl 2025 lag mit 44,66 % fast doppelt so hoch. Die Wahlarten sind nicht unmittelbar identisch – als Größenvergleich zeigt die Zahl aber sehr deutlich, wie außergewöhnlich stark die CDU vor Ort weiterhin ist.
Keine rechte Ratsfraktion: Die aktuelle kommunalpolitische Landschaft besteht aus CDU, SPD, B.f.A. und FDP. Eine rechte oder rechtspopulistische Partei ist im Rat der Stadt Sendenhorst nicht vertreten.
Kommunalwahlen der heutigen Stadt Sendenhorst – 1975 bis heute
Seit der kommunalen Neugliederung von 1975 werden Sendenhorst und Albersloh gemeinsam gewählt. Die Tabelle führt deshalb die Wahlfolge der heutigen Stadt Sendenhorst lückenlos nach Wahljahren auf. Für 1975 und 1979 sind in der derzeit ausgewerteten digitalen Quellenbasis noch keine belastbaren vollständigen Prozentzahlen greifbar; diese beiden Wahlen werden deshalb bewusst ohne erfundene Werte aufgeführt.
| Jahr | CDU | SPD | FDP | B.f.A. / weitere | Einordnung |
|---|---|---|---|---|---|
| 1975 | – | – | – | – | Erste Kommunalwahl der zum 1. Januar neu gebildeten Stadt Sendenhorst mit Albersloh. |
| 1979 | – | > 30 % | – | – | SPD überschreitet die 30-%-Marke; erstmals SPD-Ausschussvorsitz und Elisabeth Liesner-Dieckämper als stellvertretende Bürgermeisterin. |
| 1984 | 56,7 % | 33,4 % | 9,9 % | – | CDU weiterhin deutlich stärkste Kraft. |
| 1989 | 46,3 % | 39,3 % | 14,4 % | – | Machtwechsel: SPD und FDP ermöglichen Franz-Josef Reuscher als ersten SPD-Bürgermeister. |
| 1994 | 45,7 % | 40,5 % | 8,6 % | 5,2 % | Erste Wahl mit der aus Albersloh hervorgegangenen B.f.A.; SPD im Ortsteil Sendenhorst besonders stark. |
| 1999 | 55,7 % | 32,1 % | 5,7 % | 6,6 % | CDU gewinnt die absolute Ratsmehrheit zurück. |
| 2004 | 54,6 % | 31,0 % | 8,4 % | 6,0 % | CDU bleibt klar stärkste Kraft. |
| 2009 | 50,2 % | 28,9 % | 11,8 % | 9,1 % | CDU knapp über 50 %, FDP erneut zweistellig. |
| 2014 | 46,0 % | 31,2 % | 7,8 % | B.f.A. 11,1 % Piraten 3,9 % |
Fünf politische Kräfte im Rat. |
| 2020 | 44,8 % | 30,3 % | 9,8 % | B.f.A. 15,1 % | Vier Kräfte im Rat; B.f.A. erreicht ihr bisher stärkstes gesamtstädtisches Ergebnis. |
| 2025 | 44,66 % | 33,36 % | 8,36 % | B.f.A. 13,62 % | Rat: CDU 11, SPD 9, B.f.A. 4, FDP 2 Sitze. |
Hinweis zur Quellenlage: Die amtliche IT.NRW-Wahlreihe liefert für Sendenhorst die vollständigen Prozentwerte ab 1984. Für 1979 ist aus der lokalen SPD-Geschichte sicher belegt, dass die SPD die 30-%-Marke überschritt. Die exakten gesamtstädtischen Prozentwerte für 1975 und 1979 werden erst ergänzt, wenn sie aus einer belastbaren Original-Wahlstatistik gesichert sind.
Bürgermeisterwahl 2025: Katrin Reuscher 5.782 Ja-Stimmen, 1.000 Nein-Stimmen.
Die große Linie: Die Sendenhorster Demokratiegeschichte seit 1945 erzählt vom Übergang aus der Besatzungszeit in die kommunale Selbstverwaltung, vom Wiederaufbau, von Flüchtlingsintegration und Wohnungsnot, vom Ausbau der Infrastruktur, von Stadt- und Gebietsreformen und schließlich vom Wandel einer lange stark CDU-geprägten Kommune zu einem deutlich pluraleren politischen System.
Was die Gemüter bewegte …
Kommunalpolitik war in Sendenhorst keineswegs nur Verwaltung im Konsens. Immer wieder prallten sehr unterschiedliche Vorstellungen aufeinander: Bewahren oder verändern? Sparen oder investieren? Stadt oder Ortsteil? Rat oder Bürgerentscheid? Gerade an diesen Debatten lässt sich erkennen, wie sich die politische Kultur seit 1945 verändert hat.
1950er – Stadt oder Kirchspiel?
Stadt und Kirchspiel waren politisch getrennt, im Alltag aber längst eng verflochten. Schulen, Kirche, Versorgung, Straßen und Verwaltung machten die Trennung zunehmend unpraktisch.
1950/51 – Wer bezahlt Wasser, Straßen und Wiederaufbau?
Die junge Nachkriegsstadt brauchte dringend Kanalisation, Straßen, Wasserversorgung und neue Baugebiete. Das Problem: Geld war knapp.
1967–1970er – Altstadt erhalten oder radikal sanieren?
Die alte Innenstadt galt vielerorts als eng, verkehrsbelastet und baulich problematisch. Zugleich war sie gewachsene Stadtgeschichte.
1974/75 – Bürgerhaus: notwendiger Treffpunkt oder teurer Luxus?
Das Bürgerhaus gehörte zu den großen Investitionsentscheidungen unmittelbar vor und während der kommunalen Neuordnung.
1975 – Sendenhorst + Albersloh: eine Stadt, aber zwei politische Identitäten
Die Gebietsreform machte aus zwei gewachsenen Gemeinden eine neue Stadt. Formal war der Zusammenschluss schnell vollzogen – politisch und emotional musste er erst gelebt werden.
1989 – Machtwechsel: Ende einer politischen Selbstverständlichkeit
Die Kommunalwahl 1989 erschütterte die jahrzehntelange CDU-Dominanz. CDU 46,3 %, SPD 39,3 %, FDP 14,4 % – plötzlich war eine andere Mehrheit möglich.
1990er – Haus Siekmann: Denkmal retten oder Haushalt schonen?
Das historische Haus Siekmann sollte saniert und als kultureller Mittelpunkt genutzt werden. Doch die Kosten stiegen und das Projekt wurde politisch angreifbar.
1994 – B.f.A.: Albersloh organisiert politischen Protest
Die Auseinandersetzung um die mögliche Ansiedlung des Betonfertigteilwerks Caspar Hessel wurde zum Ausgangspunkt einer neuen politischen Kraft.
2008 – Blömker: Bleiben oder Beigeordnetenstelle streichen?
Nach 15 Jahren als Erster Beigeordneter stand Franz-Ludwig Blömker 2008 vor dem Ende seiner Amtszeit. Die CDU-Mehrheit kündigte den anderen Fraktionen an, die Hauptsatzung ändern zu wollen: Blömker sollte nicht wiedergewählt und die Stelle des Ersten Beigeordneten anschließend nicht erneut besetzt werden. Damit wurde aus einer Personalentscheidung eine grundsätzliche Debatte über Verwaltungsstruktur, Kosten und politischen Umgang miteinander.
Quellenhinweis: Die detaillierte zeitgenössische Darstellung der Auseinandersetzung stammt vor allem aus einer SPD-Publikation von 2008 und ist daher als politische Gegenposition zur CDU-Entscheidung zu lesen. Gesichert sind Blömkers Amtszeit 1993–2008, die Nicht-Wiederwahl und der Wegfall der Stelle.
2009/10 – Sparen, Grundstücke und die „Bad Bank“-Debatte
Nach der Finanzkrise wurde kommunale Haushalts- und Grundstückspolitik besonders scharf diskutiert.
2013 – Windkraft: Bürger kippen den Ratskurs
Die Ausweisung weiterer Windkraftflächen führte zu einer der deutlichsten direkten Demokratieentscheidungen der jüngeren Stadtgeschichte.
2020 – Feierhalle Mergelberg: Standort und Beteiligung
Bei der geplanten Feierhalle am Mergelberg entzündete sich die Diskussion nicht primär am Zweck des Projekts, sondern am vorgesehenen Standort und am politischen Verfahren.
2021 – Kohkamp: Wer entscheidet über städtische Grundstücke?
Beim Kohkamp ging es um Reservierungszusagen, Vergabepraxis und die Rolle der städtischen Grundstücksgesellschaft.
2000er–2020er – WLE: Bahnreaktivierung zwischen Hoffnung und Skepsis
Die Reaktivierung der WLE entwickelte sich vom umstrittenen Projekt zu einem der größten Infrastrukturvorhaben der Region.
2010er–2020er – Ortsumgehungen: Geduld wird zum politischen Thema
Sendenhorst und Albersloh leiden seit Jahrzehnten unter Schwerlastverkehr, engen Straßenräumen und Belastungen für Anwohner.
Quellen & weiterführende Belege
Kreisarchiv / Archive NRW Landtag Nordrhein-Westfalen Recht.NRW Stadt Sendenhorst IT.NRW CDU Sendenhorst-Albersloh SPD Sendenhorst FDP Sendenhorst/Albersloh B.f.A. Sendenhorst Fakten 1975
Grundlage: lokale Sendenhorster Quellenbestände, Shorst_comp, „Fakten 1975“, Heimatverein Sendenhorst, amtliche Rechtsquellen des Landes Nordrhein-Westfalen, Archive NRW, IT.NRW, Stadt Sendenhorst sowie Veröffentlichungen der örtlichen Parteien und Wählergemeinschaften. Einzelne ältere Amtszeiten, Gründungsdaten und Ratsbesetzungen werden weiter aus Originalprotokollen ergänzt.