Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann auch in Sendenhorst der politische Neubeginn. Nicht mit einer Wahl, sondern zunächst mit einem von der Militärregierung berufenen Bürgerbeirat. Aus dieser provisorischen Ordnung entwickelte sich Schritt für Schritt die kommunale Demokratie, wie wir sie heute kennen: mit Rat, Parteien, Bürgermeister, Verwaltung, Ausschüssen, Wahlen und öffentlicher Kontrolle.
Der erste Bürgerbeirat tritt zusammen. Er war noch kein frei gewähltes Parlament, markiert aber den Beginn der kommunalen Nachkriegsdemokratie in Sendenhorst.
Heinrich Thiemann, Wilhelm Meyer, Heinrich Dorsel, Hermann Bücker, Josef Dahlkötter, Hubert Schulze-Tergeist, Bernhard Stapel, Heinrich Riethmöller, Heinrich Lainck-Vissing, Pfarrer Heinrich Westermann, Franz Brandhove und Dr. Theodor Untiedt.
Am 15. September 1946 wurde erstmals wieder demokratisch gewählt. Der neue Rat hatte 15 Mitglieder. Die CDU dominierte klar, daneben waren Zentrum, SPD und zwei Parteilose vertreten.
| Gruppierung | Sitze |
|---|---|
| CDU | 11 |
| Zentrum | 1 |
| SPD | 1 |
| Parteilose | 2 |
Stadt und Kirchspiel Sendenhorst waren nach dem Krieg politisch und verwaltungsmäßig getrennt. Der Gemeinderat des Kirchspiels trat erstmals am 16. Januar 1946 hervor. Bei der Kommunalwahl 1946 gehörten sämtliche 13 Vertreter der CDU an.
03.12.1947 – Straßenplanung an der Südenpromenade.
03.12.1947 – Zustimmung zum Ausbau einer Verzinkerei der Sendenhorster Maschinenfabrik.
29.04.1948 – Kanalisierung und Neupflasterung der Schulstraße.
20.07.1948 – Kläranlage als dringendes Vorhaben; Kostenansatz rund 45.000 DM.
1949 – Beginn der Siedlungsentwicklung am Martiniring.
1950/51 – Aufbau der zentralen Wasserversorgung und Bau des Wasserturms.
| Wahl | CDU | SPD | FDP | BHE | Zentrum | Parteilose | Gesamt |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1948 | 7 | 1 | – | – | 1 | 2 | 11 |
| 1952 | 9 | 2 | 5 | 2 | – | – | 18 |
| 1956 | 12 | 3 | 2 | 1 | – | – | 18 |
| 1961 | 12 | 2 | 4 | – | – | – | 18 |
| 1964 | 13 | 3 | 3 | – | – | – | 19 |
| 1968 | 12 | 4 | 3 | – | – | – | 19 |
| 1969 | 12 | 5 | 2 | – | – | – | 19 |
Der 1964 gewählte Rat wurde durch das Eingliederungsgesetz aufgelöst. Die vergrößerte Stadt erhielt mit der Wahl vom 3. März 1968 einen neuen gemeinsamen Rat: 12 CDU, 4 SPD, 3 FDP.
Zum 1. Januar 1975 wurden Stadt Sendenhorst und Gemeinde Albersloh zu einer neuen Gemeinde zusammengeschlossen, die weiterhin den Namen Sendenhorst und die Bezeichnung Stadt führte. Hinzu kamen einzelne Flurstücke aus Alverskirchen. Das Amt Sendenhorst wurde aufgelöst.
Bis in die 1990er Jahre galt in Nordrhein-Westfalen die sogenannte kommunale Doppelspitze: Der ehrenamtliche Bürgermeister war Vorsitzender des Rates und Repräsentant der Stadt; der hauptamtliche Stadtdirektor leitete die Verwaltung. Sendenhorsts Nachkriegsgeschichte wird deshalb immer von zwei parallelen Personenreihen geprägt.
| Zeit | Bürgermeister | Verwaltungschef / Stadtdirektor | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1945 | Eugen Strothmann | Eugen Strothmann | von der Besatzungsmacht mit der Stadtleitung betraut |
| Anfang 1946 | Dr. Theodor Untiedt | Eugen Strothmann | Übergang zur getrennten politischen und administrativen Spitze |
| 08.10.1946–1948 | Bernhard Stapel | ab 1947 Heinrich Esser | erste gewählte Nachkriegsvertretung |
| 1948–1969 | Heinrich Brandhove | Heinrich Esser | lange Aufbau- und Modernisierungsphase |
| ab 1969 | Heinrich Schibill | Heinrich Esser | politische Spitze nach der Vereinigung von Stadt und Kirchspiel |
| Übergang 1974/75 | Ewald Rüschenschmidt | Heinrich Esser | Übergangsleitung der neuen Stadt Sendenhorst/Albersloh |
| 1975–1995 | u. a. Ewald Rüschenschmidt, später Wilhelm Goroncy; ab 1989 Franz-Josef Reuscher | Heinrich Wiegard | Wiegard war Verwaltungschef der neuen Stadt 1975–1995 |
| 1989–1995 | Franz-Josef Reuscher (SPD) | Heinrich Wiegard | erster SPD-Bürgermeister; klassische Doppelspitze |
| ab 1996 | Franz-Josef Reuscher | Amt geht im hauptamtlichen Bürgermeister auf | Ende der Doppelspitze; Bürgermeister zugleich Verwaltungschef |
Der Vergleich macht das Ergebnis erst richtig außergewöhnlich: Bei der NRW-Kommunalwahl 1989 kam die FDP landesweit auf nur 6,5 Prozent. In Sendenhorst erreichte sie mit 14,4 Prozent mehr als das Doppelte. Bereits 1984 hatte sie hier 9,9 Prozent erzielt.
Franz-Josef Reuscher wird zum ersten SPD-Bürgermeister Sendenhorsts gewählt. Damit endet eine jahrzehntelange Folge christdemokratisch geprägter Bürgermeister.
Opperbeck gehörte zu den profilierten Sendenhorster Liberalen und war später 2. stellvertretender Bürgermeister. Mit Werner Bisplinghoff gründete er das „Sendenhorster Forum“, das Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens nach Sendenhorst holte.
Hinter Wahlergebnissen und Amtszeiten standen immer wieder Auseinandersetzungen darüber, wie Sendenhorst aussehen, wachsen und sein Geld ausgeben sollte. Gerade Stadtsanierung, öffentliche Gebäude, Kultur, Verkehr und die Zusammenführung der Ortsteile sorgten für Debatten, die weit über den Rat hinaus in die Bürgerschaft hineinreichten.
In den 1960er und 1970er Jahren wurde der historische Stadtkern zum politischen Konfliktfeld. Straßenführung, Parkraum, alte Häuser, Brennereien und landwirtschaftliche Betriebe standen einer modernen Innenstadtplanung gegenüber. Im März 1974 entbrannte zwischen CDU und SPD ein hitziges Für und Wider; Leserbriefe in der örtlichen Presse trugen die Debatte mitten in die Bürgerschaft.
Nachdem der Saal Kaupmann geschlossen hatte, fehlte der Stadt ein großer gesellschaftlicher Treffpunkt. 1974 vergab der Rat den Bauauftrag für ein neues Bürgerhaus. Bund und Land stellten 1,134 Mio. DM bereit; die veranschlagten Gesamtkosten lagen bei rund 2,13 Mio. DM – etwa eine Million musste die Stadt selbst tragen. Für eine kleine Kommune war das eine gewaltige Entscheidung.
Am 8. Januar 1975 erfolgte der erste Spatenstich, im November war das Haus fertig. Bürgermeister Heinz Schibill trieb das Projekt energisch voran. Das Bürgerhaus erhielt Saal, Gaststätte, Ratsraum, Musik- und Jugendräume, Kegelbahnen und Schießstand. Es war damit nicht bloß ein Saalbau, sondern ein kommunales Gesellschaftszentrum.
Die Stadtsanierung löste unmittelbar Denkmalschutzdebatten aus. 1975 brachte Heimatvereinsvorsitzender Hans-Günther Fascies die Zukunft des Jönsthövelschen Hauses in die öffentliche politische Diskussion. Der Kulturausschuss verlangte schließlich: Das Thema müsse öffentlich auf den Tisch.
Das Fachwerkhaus mit Villa an der Weststraße wurde am 17. Januar 1991 als Baudenkmal eingetragen. Umbau und künftige Nutzung wurden zu einem der großen finanziellen und kulturpolitischen Themen der SPD/FDP-Ära. 1993 wurde das soziokulturelle Zentrum eröffnet. Stadt, Förderverein und Heimatverein übernahmen anschließend gemeinsam Verantwortung.
Was 1975 als kommunales Prestige- und Gemeinschaftsprojekt begann, wurde in den 1990er Jahren erneut zur politischen und finanziellen Frage. Neben dem Umbau von Haus Siekmann gehörte der Verkauf des Bürgerhauses zu den großen Herausforderungen der damaligen SPD/FDP-Ratsmehrheit. Kulturpolitik war damit zugleich Haushaltspolitik.
Geboren 1956 in Sendenhorst. Seit 1975 SPD-Mitglied, von 1979 bis 2004 im Rat der Stadt und von 1988 bis 2002 SPD-Fraktionsvorsitzender. Seit 2013 gehörte er dem Deutschen Bundestag an und profilierte sich dort besonders in der Kommunal-, Bau- und Stadtentwicklungspolitik. Seine politische Laufbahn führt damit unmittelbar vom Sendenhorster Rat in die Bundespolitik.
Beruflich eng mit Albersloh verbunden und seit 2009 Vorsitzender der CDU-Ortsunion Albersloh. Rehbaum gehörte dem Sendenhorster Rat 2004–2009 und 2014–2021 an, war von 2012 bis 2021 Mitglied des Landtags Nordrhein-Westfalen und wechselte 2021 in den Deutschen Bundestag. Damit besitzt die Stadt eine zweite direkte politische Verbindung nach Berlin.
Geboren 1957 in Sendenhorst. Seit 1984 SPD-Mitglied und ab 1989 Mitglied des Rates. Nach dem politischen Wechsel von 1989 wurde sie Ortsvorsteherin von Sendenhorst; von 1999 bis 2005 war sie stellvertretende Bürgermeisterin. Dem Landtag NRW gehörte sie 2005–2010 und erneut 2012–2022 an. Sie verbindet damit mehr als drei Jahrzehnte Kommunal- und Landespolitik.
Streffing prägte sechzehn Jahre lang die hauptamtliche Verwaltungsspitze. In seine Amtszeit fallen unter anderem Westtorhalle und Sporthalle Hohe Ward, neue Wohn- und Gewerbegebiete, Straßennetz und Kanalisation, Bürgerradwege, die Debatten um die Ortsumgehungen und die WLE-Reaktivierung sowie die Aufnahme vieler Flüchtlinge 2015. Seine Amtszeit steht zugleich für eine Phase, in der die CDU im Rat zeitweise wieder eine absolute Mehrheit besaß.
| Jahr | CDU | SPD | FDP | B.f.A./Sonstige |
|---|---|---|---|---|
| 1984 | 56,7 % | 33,4 % | 9,9 % | – |
| 1989 | 46,3 % | 39,3 % | 14,4 % | – |
| 1999 | 55,7 % | 32,1 % | 5,7 % | 6,6 % |
| 2014 | 46,0 % | 31,2 % | 7,8 % | 15,0 % |
| 2020 | 44,8 % | 30,3 % | 9,8 % | 15,1 % |
| 2025 | 44,7 % | 33,4 % | 8,4 % | 13,6 % |
Die Sendenhorster Demokratiegeschichte seit 1945 ist mehr als eine Folge von Wahlergebnissen. Sie erzählt vom Übergang aus der Besatzungszeit in die kommunale Selbstverwaltung, vom Wiederaufbau, von Flüchtlingsintegration und Wohnungsnot, vom Ausbau der Infrastruktur, von Stadt- und Gebietsreformen und schließlich vom Wandel einer lange stark CDU-geprägten Kommune zu einem deutlich pluraleren politischen System.