Müll ist kein neues Problem. Neu ist vor allem die Vorstellung, dass Abfälle getrennt gesammelt, verwertet, kompostiert oder technisch behandelt werden. Im alten Sendenhorst war vieles, was wir heute als Abfall ansehen würden, noch Teil eines Kreislaufs. Küchenreste wurden verfüttert, Holz verbrannt, Asche zum Auffüllen verwendet und Mist kam auf Äcker und Gärten. Erst was wirklich nicht mehr gebraucht werden konnte, musste irgendwie verschwinden.
Die Geschichte der Entsorgung führt deshalb mitten durch die Sendenhorster Stadtgeschichte: vom Misthaufen vor dem Haus über die Gräfte und alte Sandkuhlen bis zur Müllabfuhr, zur zentralen Entsorgung in Ennigerloh und schließlich zu Recyclinghof, Pfand und moderner Kreislaufwirtschaft.
Wer heute an einen Misthaufen denkt, denkt meist an einen Bauernhof außerhalb des Ortes. Im früheren Sendenhorst war das anders. Viehhaltung gehörte auch innerhalb der Stadt selbstverständlich zum täglichen Leben. Kühe, Schweine, Ziegen und Hühner wurden unmittelbar bei den Wohnhäusern gehalten – und entsprechend gehörten auch Misthaufen zum Straßen- und Hofbild.
Der Mist war dabei keineswegs einfach Müll. Er war ein wertvoller Rohstoff. Er wurde gesammelt und später als Dünger auf Äcker und Gärten gebracht. Vieles funktionierte damit in einem Kreislauf, lange bevor jemand das Wort „Kreislaufwirtschaft“ benutzte.
Auch auf die Optik wurde geachtet. Vor besonderen Feiertagen wurden die Misthaufen sauber abgestochen und ordentlich in Form gebracht. Selbst der Mist sollte dann offenbar einen gepflegten Eindruck machen.
Eine Sendenhorster Familienerinnerung erzählt von einer kleinen konfessionellen Spitze: Vor besonderen evangelischen Tagen – genannt wird insbesondere der Karfreitag – soll mancher Misthaufen gerade nicht besonders schön abgestochen worden sein. Die evangelischen Nachbarn sollten sich ruhig ein wenig ärgern. Schriftlich belegt ist diese Geschichte bislang nicht; sie wird hier ausdrücklich als mündliche Überlieferung wiedergegeben. Sie erinnert daran, wie stark katholische und evangelische Lebenswelten früher auch im täglichen Miteinander voneinander abgegrenzt sein konnten.
Der Misthaufen war also Dünger, Wirtschaftsreserve und Teil des Stadtbildes – und gelegentlich offenbar sogar Schauplatz kleiner konfessioneller Sticheleien.
Die alte Stadtgräfte hatte ursprünglich Schutz- und Entwässerungsfunktionen. Als diese Bedeutung nachließ, entwickelte sie sich jedoch zunehmend zu einem bequemen Ablageort für Dinge, die man nicht mehr gebrauchen konnte.
Der historische Bericht über die spätere Promenadenanlage zeichnet davon ein wenig idyllisches Bild. In der Gräfte landeten Reste vom Flachsbrechen, Spreu, verdorbene Feldfrüchte und Obst, Scherben und andere Abfälle. Selbst Tierkadaver wurden dort entsorgt.
Mit der Zeit verschlammte die Gräfte immer stärker. Modergeruch und Mückenschwärme machten sie insbesondere im Sommer zu einem hygienischen Problem. Was einst Wassergraben gewesen war, wurde stellenweise zu einem Sammelbecken für das, was im Ort nicht mehr gebraucht wurde.
Schließlich begann man mit der Verfüllung. Dabei wurde keineswegs nur guter Mutterboden verwendet. Mergel, Straßenmaterial und anderes Auffüllgut kamen zum Einsatz. Besonders im Winter 1906/07 wurden Teile der Außengräfte systematischer mit Mergelabraum aufgefüllt.
Doch auch danach war die spätere Promenade zunächst kein gepflegter Grünzug. Brenn- und Nutzholz, Runkeln und Kartoffelkraut wurden dort gelagert; Mist- und Düngerhaufen gehörten ebenfalls zum Bild. Die heutige Promenade entstand damit auf einem Gelände, das zuvor über lange Zeit Wasser-, Wirtschafts-, Ablage- und Entsorgungsraum gewesen war.
Neben Gräben boten sich vor allem ehemalige Sandkuhlen zur Ablagerung an. In und um Sendenhorst war über lange Zeit Sand gewonnen worden. Blieb nach dem Abbau eine Vertiefung zurück, lag die damalige Lösung nahe: Man füllte sie wieder auf.
Für Sendenhorst sind mehrere solcher Fälle ausdrücklich überliefert. Als zeitweilige Müllkippen werden das Gelände Wallmeyer in Richtung der späteren Tankstelle Schüttelhöver, der östliche Bereich der Mühlenkuhle sowie eine Fläche nördlich des Mühlenweges zwischen Spithöverstraße und „Auf der Geist“ genannt.
Was heute wie selbstverständlich zum Stadtgebiet gehört, kann also eine erstaunliche Vorgeschichte unter der Oberfläche besitzen.
Der Bereich am Mühlenweg nimmt in der Sendenhorster Entsorgungsgeschichte eine besondere Stellung ein. In den historischen Unterlagen lassen sich hier sogar zwei zeitweilige Müllkippen fassen: im östlichen Bereich der Mühlenkuhle und nördlich des Mühlenweges zwischen Spithöverstraße und „Auf der Geist“.
Dieser Satz bringt eine heute fast fremde Selbstverständlichkeit auf den Punkt. Eine offene Müllkippe am Ortsrand war zunächst nichts Außergewöhnliches. Problematisch wurde sie in der Erinnerung vor allem durch Rauch und Feuer.
Dass es dort zeitweise Müllkippen gab, ist historisch belegt. Für die immer wieder auftretenden Brände liegt bislang dagegen vor allem die mündliche Überlieferung vor. Ob Müll absichtlich abgebrannt wurde, Glut und heiße Asche Feuer auslösten oder sich Abfälle auf andere Weise entzündeten, lässt sich derzeit nicht sicher feststellen.
Gerade die Verbindung aus schriftlicher Quelle und lebendiger Erinnerung macht diesen Ort jedoch besonders anschaulich: Aus einer ehemaligen Sandkuhle wurde eine Kippe, später verschwanden Kippe und Kuhle – und schließlich entstand dort ein völlig anderes Stück Stadt.
Dass ungeordnete Ablagerungen zunehmend als Problem erkannt wurden, zeigt die Greienkuhle. 1928 wurde dort erneut ausdrücklich das Abladen von Schutt und Abfällen verboten. Genannt werden unter anderem Eisenteile sowie Hecken- und Baumabfälle.
Schon das Wort „erneut“ ist aufschlussreich: Ein Verbot allein hatte offenbar nicht genügt. Die Gewohnheit, eine geeignete Kuhle einfach zum Abladen zu benutzen, saß tief.
Auch an der Südenbleiche gab es Probleme. 1933 wurden am östlichen Eingang Ablagerungen von Schutt und Asche beanstandet. Um die Fläche sauber zu halten, wurde schließlich ein Verbotsschild aufgestellt.
Selbst alte Flurnamen bewahren Erinnerung an frühere Entsorgungsformen. Der Name „Aschenpott“ weist auf eine Mulde oder Vertiefung hin, die offenbar mit Asche verfüllt wurde.
Asche fiel in einer Zeit, in der mit Holz, Kohle und anderen Brennstoffen geheizt wurde, in jedem Haushalt an. Sie wurde teilweise weiterverwendet, etwa zum Auffüllen von Wegen und Senken. Ein vermeintlicher Abfallstoff bekam damit noch einen praktischen Nutzen.
Eine besondere Form der Entsorgung betraf verendete Tiere. In Sendenhorst ist im Bereich der späteren Fillstraße ein alter Schinder- beziehungsweise Abdeckerplatz überliefert. Bei Erdarbeiten gefundene größere Tierknochen erinnern noch an diese frühere Nutzung. Tierkörper und deren Reste wurden dort offenbar verscharrt.
Auch das gehört zur Geschichte einer Stadt, in der Viehhaltung nicht irgendwo weit draußen, sondern mitten im täglichen Leben stattfand.
Mit wachsender Bevölkerung, dichterer Bebauung und zunehmendem Konsum änderte sich das Problem grundlegend. Solange Verpackungen selten waren und vieles wiederverwendet wurde, blieb vergleichsweise wenig wirklicher Restmüll übrig. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Menge jedoch deutlich zu.
Spätestens 1975 ist die Müllabfuhr ausdrücklich als Aufgabe der Sendenhorster Verwaltung genannt. Wann die regelmäßige Hausmüllabfuhr erstmals flächendeckend eingeführt wurde, ist bislang noch nicht sicher bestimmt.
1981 begann mit der zentralen Deponierung in Ennigerloh eine neue Phase. Hausmüll und hausmüllähnliche Gewerbeabfälle wurden nun kreisweit an zentraler Stelle entsorgt. Die Zeit örtlicher Kippen ging damit endgültig ihrem Ende entgegen.
1989 rückte ein neues Abfallwirtschaftskonzept Vermeidung, Schadstofftrennung und Wiederverwertung stärker in den Mittelpunkt. Im März 1992 wurde die Abfallwirtschaftsgesellschaft des Kreises Warendorf – die AWG – gegründet.
Damit änderte sich auch die Grundidee: Müll sollte nicht mehr nur möglichst weit weggebracht werden. Man begann systematisch zu fragen, welche Bestandteile noch verwertet werden konnten.
1994 wurde die Biotonne kreisweit eingeführt; gleichzeitig entstand in Ennigerloh eine Anlage zur Kompostierung der Bioabfälle.
Damit kehrte auf moderne Weise ein uralter Gedanke zurück: Organisches Material ist nicht einfach Müll. Was früher auf Misthaufen und Komposthaufen landete, wurde nun getrennt gesammelt und technisch zu einem verwertbaren Produkt verarbeitet.
Seit 2002 wird Restmüll in Ennigerloh mechanisch aufbereitet. Metalle und andere verwertbare Bestandteile werden herausgetrennt; energiereiche Bestandteile können als Ersatzbrennstoff genutzt werden.
Damit hat sich die Denkweise nahezu umgekehrt. Früher suchte man ein Loch, in dem der Müll verschwinden konnte. Heute versucht man zunächst herauszufinden, was darin noch steckt.
Im September 2003 wurden Recyclinghöfe in Sendenhorst und Albersloh eingerichtet. Dort können zahlreiche Stoffe getrennt abgegeben und einer geeigneten Verwertung oder Entsorgung zugeführt werden. Der Sendenhorster Recyclinghof befindet sich heute am Mergelberg.
Auch das Flaschenpfand hat das Wegwerfen verändert. Mehrwegflaschen wurden schon lange zurückgebracht, gereinigt und erneut befüllt. Die Flasche blieb Eigentum beziehungsweise Teil eines wirtschaftlichen Kreislaufs und wurde nicht einfach zur wertlosen Verpackung.
Einen weiteren Einschnitt brachte 2003 das Pfand auf bestimmte Einweg-Getränkeverpackungen. Auch Plastikflaschen und Getränkedosen bekamen nun einen unmittelbar sichtbaren Geldwert.
Selbst eine zurückgelassene Pfandflasche bleibt häufig nicht lange liegen, weil jemand anderes sie einsammelt und zurückbringt. Neben Müllabfuhr, Verboten und Recycling beeinflusst damit ein sehr einfacher wirtschaftlicher Anreiz das Verhalten.
Und damit führt ausgerechnet die moderne Pfandflasche gedanklich zurück zum alten Misthaufen: Beides wird nicht weggeworfen, weil es noch einen Wert besitzt.
Seit März 2021 gehört auch die Gelbe Tonne zum Sendenhorster Alltag. Verpackungen werden damit ebenso getrennt erfasst wie Papier, Bioabfall, Glas und Restmüll.
Ganz verschwunden ist das alte Problem nicht. Auch heute werden Abfälle illegal in der Landschaft oder auf öffentlichen Flächen abgeladen. Noch 2025 machte die Stadt auf wilde Müllkippen und die dadurch entstehenden Umwelt- und Entsorgungskosten aufmerksam.
Der entscheidende Unterschied zu früher: Was einst vielerorts als lästig, aber alltäglich angesehen wurde, ist heute eindeutig illegale Abfallentsorgung. Aktionen wie „Saubere Stadt und Landschaft“ stehen für ein völlig anderes Verständnis von öffentlichem Raum und gemeinsamer Verantwortung.
Die Geschichte der Müllentsorgung in Sendenhorst ist nicht nur eine Geschichte von Tonnen, Fahrzeugen und Deponien. Sie erzählt davon, was Menschen überhaupt als „Müll“ betrachteten.
Früher war Mist Dünger, Asche Füllmaterial und Küchenabfall Tierfutter. Was wirklich nicht mehr gebraucht wurde, landete in der Gräfte, in einer Kuhle oder auf der Kippe. Später kamen Müllabfuhr und zentrale Deponie. Heute versucht man wieder, möglichst viel als Wertstoff zu begreifen. In diesem Sinne liegen der alte Misthaufen und die moderne Pfandflasche gedanklich gar nicht so weit auseinander: Beides wirft man nicht weg, weil es noch einen Wert besitzt.