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Wenn Sendenhorst betete, ging die Stadt auf die Straße

Karfreitag · Fronleichnam · Brandprozession · Telgte
Über drei Jahrhunderte Prozessionen und Wallfahrten – vom alten Stadtwall bis zum Gnadenbild in Telgte

Über Jahrhunderte war das religiöse Leben in Sendenhorst nicht auf die Pfarrkirche beschränkt. Gebetet, gesungen und gepilgert wurde auf Straßen, an den alten Wällen, durch Stadt und Kirchspiel und bis nach Telgte. Karfreitagsprozession, Fronleichnam, Brandprozession und die Wallfahrt zum Telgter Gnadenbild gehörten zu den großen öffentlichen Ereignissen des Jahres.

1931 zeigen die Zahlen die Dimension: 450–500 Menschen bei der Karfreitagsprozession, 500–600 an Fronleichnam, 450–500 bei der Brandprozession und 350–400 auf der Telgter Wallfahrt. Drei dieser Traditionslinien leben heute weiter: Karfreitag, Fronleichnam und Telgte. Die Brandprozession wurde vor der Jahrtausendwende eingestellt.

Vier Wege des Glaubens

Sendenhorsts Prozessionsgeschichte lässt sich in vier große Linien gliedern. Sie haben unterschiedliche Ursprünge, überlagern sich aber im Stadtraum und in der Beteiligung derselben kirchlichen und bürgerlichen Gruppen.

Karfreitag
1720 erkämpft, 1721 dauerhaft gestiftet. Berühmt wurde die Kreuztracht mit dem vermummten „Krüs-Leiwe-Häer“.
Fronleichnam
Teil der großen westfälischen Fronleichnamstradition; in Sendenhorst mit Kreuz, Bildern, Fahnen, Glocken und starkem öffentlichen Charakter.
Brandprozession
Schon 1794 belegt und damit älter als der Stadtbrand von 1806. Der Weg führte am äußeren Stadtgraben entlang.
Telgte
Die Wallfahrtsakten des Pfarrarchivs setzen bereits 1720 ein. 1931 gingen 350–400 Sendenhorster zum Gnadenbild.

Westfälische Einordnung – Glaube im öffentlichen Raum

Prozessionen, Wallfahrten und Bruderschaften gehörten im katholischen Westfalen über Jahrhunderte zur öffentlichen Frömmigkeit. Fronleichnam, Bitt- und Flurumgänge, Hagel- und Brandprozessionen sowie Wallfahrten zu regionalen Gnadenorten verbanden Liturgie, Nachbarschaft, Landwirtschaft und städtische Ordnung. Sendenhorst steht damit mitten in einer münsterländischen Tradition – besitzt aber eine ungewöhnlich dichte lokale Überlieferung.

Typisch westfälisch ist die Beteiligung vieler Funktionsgruppen: Geistliche, Kreuz- und Bildträger, Fahnen, Glockenläuter, Bruderschaften, Ordnungskräfte und ganze Nachbarschaften. Prozessionen waren dadurch zugleich Gottesdienst, Stadtbild und soziale Selbstdarstellung.

Sendenhorst als Verdichtung: Innerhalb weniger Wochen lagen 1931 Karfreitag, Fronleichnam, Brandprozession und Telgte – jeweils mit mehreren hundert Teilnehmern.

Karfreitag – von Bürgern erkämpft, 1721 gestiftet

Die Geschichte beginnt bereits 1720. Bürger, Rat und besonders junge Männer wollten am Karfreitag prozessionsweise durch Sendenhorst ziehen. Pastor Rahden widersetzte sich und warnte vor „Confusion, Scandal und Ärgernis“. Der Archidiakon gestattete zunächst eine schlichtere Form: Die Gemeinde durfte betend und singend ziehen, ein Kruzifix sollte vorangetragen werden.

Am 6. April 1721 wurde die Prozession dauerhaft fundiert. Bürgermeister, Rat und Gemeinde verpflichteten sich, alljährlich am Karfreitag eine Prozession zum Gedächtnis des Leidens Christi zu halten. Damit ist sie nicht nur kirchlicher Brauch, sondern auch ein Stück Sendenhorster Bürgergeschichte.

Die Kreuztracht

Berühmt wurde der vermummte Kreuzträger, der „Krüs-Leiwe-Häer“. Er trug ein Holzkreuz, dessen Gewicht durch Steine erhöht werden konnte. Die Rolle war offenbar so begehrt, dass Bewerber sich lange im Voraus meldeten. Zugleich entwickelte sich die Prozession zu einer anschaulichen, teils drastischen Passionsdarstellung. Wiederholt griffen kirchliche und staatliche Stellen regulierend ein.

1839 – die „Karfreitagsunruhen“

Pfarrer Lorenbeck wollte ältere Formen beschneiden. Die Prozession selbst verlief 1839 zunächst noch in gewohnter Weise; selbst der vermummte Kreuzträger wurde nochmals geduldet. Erst Streit um das ausgelassene Singen junger Leute und der anschließende Pressewirbel machten daraus überregional die „Karfreitagsunruhen von Sendenhorst“.

1931: 450–500 Teilnehmer. Die Karfreitagsprozession gehört damit noch im 20. Jahrhundert zu den großen öffentlichen Glaubensereignissen der Stadt.

Heute: Die Karfreitagsprozession wird wieder gepflegt – nicht als exakte Wiederholung der historischen Kreuztracht, sondern als erneuerte Form einer sehr alten Sendenhorster Tradition.

Fronleichnam – die Stadt als Prozessionsraum

Fronleichnam gehört zu den großen katholischen Prozessionstraditionen Westfalens. In Sendenhorst lässt sich der organisierte Ablauf schon früh in Rechnungen ablesen. Für 1802 erscheinen Glockenleute, Kreuzträger, der Träger des Martinusbildes sowie weiße und blaue Fahnenträger. Das Fest war also sichtbar geordnet und im Stadtbild präsent.

1931 ist ausdrücklich eine „Fronleichnamsprozession für gute Ernte“ mit 500–600 Teilnehmern verzeichnet. Diese Formulierung zeigt die enge Verbindung von Eucharistie, Stadt und bäuerlicher Lebenswelt des Münsterlandes.

Größte Zahl im Vergleich von 1931: Fronleichnam lag mit 500–600 Teilnehmern noch vor Karfreitag, Brandprozession und Telgte.

Heute: Fronleichnam gehört weiterhin zum kirchlichen Jahreslauf in Sendenhorst. Der konkrete Weg und die Form haben sich verändert, der Grundgedanke – den Glauben sichtbar aus der Kirche in den öffentlichen Raum zu tragen – ist geblieben.

Die Brandprozession – älter als der Stadtbrand von 1806

Die volkstümliche Erklärung verbindet die Prozession mit der großen Brandgefahr der dicht bebauten Fachwerkstadt. Sicher ist: Sie kann nicht erst nach dem Stadtbrand von 1806 entstanden sein. Bereits 1794 musste bei einer Ortsbesichtigung am Südwall darauf geachtet werden, dass der Weg für die kommende Brandprozession frei blieb.

Der alte Weg führte über einen Fußpfad am Rande des planierten Walles und am äußeren Stadtgraben entlang. Damit berührt die Brandprozession denselben historischen Stadtraum, der auch bei „Üm de Wälle gaohn“ eine Rolle spielt.

Um 1800 war die Prozession vollständig organisiert: Pastor, zwei Messen, Chorsänger, Küster, Schullehrer, Himmelträger, Glockenläuten, Kreuzträger, Fahnen- und Bilderträger sowie vier Pförtner zur Aufrechterhaltung der Ordnung wurden abgerechnet. 1805 gehörte die Brandprozession sogar zu den festen Kirchendiensten, für die der Schullehrer bezahlt wurde.

Historischer Schlüssel: Der Stadtbrand von 1806 war nicht der Ursprung der Brandprozession – sie zog da längst durch Sendenhorst. Das zugrunde liegende Gelübde muss älter sein oder sich allgemein auf wiederkehrende Brandnot beziehen.

1931: 450–500 Teilnehmer. Die Prozession wurde noch im 20. Jahrhundert gepflegt und erst vor der Jahrtausendwende eingestellt.

Telgte – Sendenhorst auf Wallfahrt

Telgte ist einer der großen Wallfahrtsorte des Münsterlandes. Für Sendenhorst ist die Verbindung außergewöhnlich früh und dauerhaft dokumentiert: Im Pfarrarchiv gibt es einen eigenen Bestand „Prozessionen nach Telgte 1720–1866“.

Damit gehört die Sendenhorster Telgte-Wallfahrt in die große barocke und nachtridentinische Wallfahrtslandschaft des Bistums Münster. Sie verband die örtliche Pfarrgemeinde mit dem regionalen Gnadenort und machte Frömmigkeit buchstäblich zu einer Bewegung durch die Landschaft.

1931: 350–400 Sendenhorster gingen zur Wallfahrt zum Gnadenbild nach Telgte.

Heute: Die Telgter Wallfahrt lebt weiter. Damit reicht auch diese Traditionslinie von den frühen archivalischen Nachweisen des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.

Wer trug die Prozessionen?

Eine Prozession bestand nicht nur aus „Kirche und Teilnehmern“. Die alten Rechnungen zeigen eine ganze Ordnung von Aufgaben: Kreuzträger, Himmelträger, Bilder- und Fahnenträger, Glockenläuter, Chorsänger, Küster, Lehrer und Pförtner. Solche Ämter machten aus dem Umzug ein geordnetes öffentliches Ritual.

Die Johannisbrüder – nur dort, wo sie für Prozessionen wichtig sind

Die Johannisbruderschaft gehört in diesen Zusammenhang, weil Bruderschaften im katholischen Westfalen traditionelle Träger kirchlicher Öffentlichkeit waren. Die Sendenhorster Johannisbrüder stehen in einer sehr alten Bruderschaftstradition; ihre frühen Statuten sollen beim Brand von 1806 verloren gegangen sein. Ihre religiöse Herkunft blieb aber auch im 19. Jahrhundert erkennbar.

Für die Prozessionsgeschichte entscheidend ist nicht das Schützenfest, sondern ihre Funktion als geschlossene religiös-bürgerliche Gemeinschaft: Fahnen, Ehrengeleit, Totenbegleitung und Beteiligung an kirchlichen Festen gehören in dieselbe westfälische Bruderschaftswelt, aus der auch die Prozessionskultur hervorging.

1933–1945 – Prozessionen unter Beobachtung

In der NS-Zeit wurden Prozessionen zu einem politischen Problem, weil sie katholische Gemeinschaft sichtbar auf die Straße brachten. Staatspolizei und Behörden verlangten Nachweise über Prozessionen und Wallfahrten. Gleichzeitig sollte verhindert werden, dass kirchliche Veranstaltungen außerhalb der eigentlichen Prozessionshandlung einen „demonstrativen Charakter“ annahmen.

1935 lud Pfarrer Tecklenborg Bürgermeister und Stadträte ausdrücklich zur Fronleichnams- und zur Brandprozession ein. Zugleich bestanden staatliche Vorgaben zu Vereinsfahnen, Uniformen und der Teilnahme katholischer Jugendverbände. Gerade dadurch wird deutlich, wie wichtig diese öffentlichen Glaubensakte für das katholische Milieu waren.

1931 als staatlicher Referenzrahmen: Die Gestapo ließ die damaligen Teilnehmerzahlen und Prozessionstermine später ausdrücklich erfassen.

Heute – drei Traditionen leben weiter

Die Geschichte endet nicht mit dem Verschwinden alter Formen. Vielmehr haben sich die Sendenhorster Prozessionen verändert. Manche Elemente verschwanden, andere wurden neu interpretiert.

Karfreitag
wieder aufgenommen und erneut Teil des kirchlichen Jahres.
Fronleichnam
weiterhin lebendige Prozessionstradition in veränderter Wegführung.
Telgte
die Wallfahrt zum Gnadenbild wird weiterhin gepflegt.
Brandprozession
vor der Jahrtausendwende eingestellt – die „verlorene vierte Prozession“.

Das Entscheidende: Sendenhorsts Prozessionsgeschichte ist keine abgeschlossene Folklore. Drei der vier großen Traditionslinien reichen – trotz Unterbrechungen und Wandel – bis in die Gegenwart.

Zeitleiste
1720 – Konflikt um die Einführung der Karfreitagsprozession; erste Genehmigung · 1721 – dauerhafte Stiftung der Karfreitagsprozession · ab 1720 – Pfarrarchivbestand zu Prozessionen nach Telgte · 1794 – Brandprozession am äußeren Stadtgraben belegt · um 1800 – detaillierte Kostenabrechnungen für Karfreitag, Brand- und Fronleichnamsprozession · 1802 – Fronleichnam mit Kreuz-, Bild- und Fahnenträgern · 1839 – Karfreitagsunruhen · 1931 – vier Großereignisse mit 350 bis 600 Teilnehmern · 1935 ff. – Überwachung und Einschränkungen in der NS-Zeit · vor 2000 – Ende der Brandprozession · heute – Karfreitag, Fronleichnam und Telgte leben weiter.

Quellen und Forschungsstand

Die Darstellung beruht vor allem auf HGF/Fascies, den von Heinrich Petzmeyer ausgewerteten Stadt- und Pfarrakten, dem Pfarrarchiv St. Martin, der Bruderschaftsüberlieferung sowie den eigenen Beständen des Heimatvereins. Besonders ergiebig sind die Akten zu Prozessionen ab 1720, der Bestand „Prozessionen nach Telgte 1720–1866“, Kirchenrechnungen des 18. und 19. Jahrhunderts sowie die staatlichen Nachweise der NS-Zeit.

Noch offen: Das genaue ursprüngliche Gelübde der Brandprozession und sein Anlass sind noch nicht eindeutig identifiziert. Sicher ist inzwischen nur: 1806 kann nicht der Ursprung gewesen sein.

Kontakt

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Brauchtum im September im Münsterland
Alte Bräuche zwischen Sommer und Herbst.
🏮 Lambertus
17. September
Kinder zogen mit Lampions durch die Straßen und versammelten sich an geschmückten Lichtpyramiden. Dort wurde gesungen und gespielt. Um 1900 war der Brauch unter anderem in Münster, Altenberge, Greven, Coesfeld und Rheine verbreitet.
🌾 Michaelis
29. September
Michaelis markierte einen wichtigen Einschnitt im bäuerlichen Jahreslauf. Die Ernte sollte beendet sein und auf abgeernteten Flächen begann vielerorts die Hütefreiheit. Hirten erhielten ihren Lohn, teilweise wechselte auch das Gesinde den Dienstherrn.
🍎 Obsternte & Schlachtfest
In Sassenberg zogen Kinder singend von Haus zu Haus und baten um Obst. Aus Drensteinfurt ist zum Schlachtfest ein besonderer Apfelkranz-Brauch überliefert.
🌾 Stoppelhahn
Ende September / Anfang Oktober
So hieß im Münsterland vielfach das traditionelle Erntefest. Erntezeichen und das letzte Getreidefuder wurden zum Hof gebracht, anschließend wurde gemeinsam gefeiert.
Quelle: Dietmar Sauermann, Damals bei uns in Westfalen – Vom alten Brauch in Stadt und Land, Band 3.

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