Über Jahrhunderte war das religiöse Leben in Sendenhorst nicht auf die Pfarrkirche beschränkt. Gebetet, gesungen und gepilgert wurde auf Straßen, an den alten Wällen, durch Stadt und Kirchspiel und bis nach Telgte. Karfreitagsprozession, Fronleichnam, Brandprozession und die Wallfahrt zum Telgter Gnadenbild gehörten zu den großen öffentlichen Ereignissen des Jahres.
1931 zeigen die Zahlen die Dimension: 450–500 Menschen bei der Karfreitagsprozession, 500–600 an Fronleichnam, 450–500 bei der Brandprozession und 350–400 auf der Telgter Wallfahrt. Drei dieser Traditionslinien leben heute weiter: Karfreitag, Fronleichnam und Telgte. Die Brandprozession wurde vor der Jahrtausendwende eingestellt.
Sendenhorsts Prozessionsgeschichte lässt sich in vier große Linien gliedern. Sie haben unterschiedliche Ursprünge, überlagern sich aber im Stadtraum und in der Beteiligung derselben kirchlichen und bürgerlichen Gruppen.
Prozessionen, Wallfahrten und Bruderschaften gehörten im katholischen Westfalen über Jahrhunderte zur öffentlichen Frömmigkeit. Fronleichnam, Bitt- und Flurumgänge, Hagel- und Brandprozessionen sowie Wallfahrten zu regionalen Gnadenorten verbanden Liturgie, Nachbarschaft, Landwirtschaft und städtische Ordnung. Sendenhorst steht damit mitten in einer münsterländischen Tradition – besitzt aber eine ungewöhnlich dichte lokale Überlieferung.
Typisch westfälisch ist die Beteiligung vieler Funktionsgruppen: Geistliche, Kreuz- und Bildträger, Fahnen, Glockenläuter, Bruderschaften, Ordnungskräfte und ganze Nachbarschaften. Prozessionen waren dadurch zugleich Gottesdienst, Stadtbild und soziale Selbstdarstellung.
Die Geschichte beginnt bereits 1720. Bürger, Rat und besonders junge Männer wollten am Karfreitag prozessionsweise durch Sendenhorst ziehen. Pastor Rahden widersetzte sich und warnte vor „Confusion, Scandal und Ärgernis“. Der Archidiakon gestattete zunächst eine schlichtere Form: Die Gemeinde durfte betend und singend ziehen, ein Kruzifix sollte vorangetragen werden.
Am 6. April 1721 wurde die Prozession dauerhaft fundiert. Bürgermeister, Rat und Gemeinde verpflichteten sich, alljährlich am Karfreitag eine Prozession zum Gedächtnis des Leidens Christi zu halten. Damit ist sie nicht nur kirchlicher Brauch, sondern auch ein Stück Sendenhorster Bürgergeschichte.
Berühmt wurde der vermummte Kreuzträger, der „Krüs-Leiwe-Häer“. Er trug ein Holzkreuz, dessen Gewicht durch Steine erhöht werden konnte. Die Rolle war offenbar so begehrt, dass Bewerber sich lange im Voraus meldeten. Zugleich entwickelte sich die Prozession zu einer anschaulichen, teils drastischen Passionsdarstellung. Wiederholt griffen kirchliche und staatliche Stellen regulierend ein.
Pfarrer Lorenbeck wollte ältere Formen beschneiden. Die Prozession selbst verlief 1839 zunächst noch in gewohnter Weise; selbst der vermummte Kreuzträger wurde nochmals geduldet. Erst Streit um das ausgelassene Singen junger Leute und der anschließende Pressewirbel machten daraus überregional die „Karfreitagsunruhen von Sendenhorst“.
Heute: Die Karfreitagsprozession wird wieder gepflegt – nicht als exakte Wiederholung der historischen Kreuztracht, sondern als erneuerte Form einer sehr alten Sendenhorster Tradition.
Fronleichnam gehört zu den großen katholischen Prozessionstraditionen Westfalens. In Sendenhorst lässt sich der organisierte Ablauf schon früh in Rechnungen ablesen. Für 1802 erscheinen Glockenleute, Kreuzträger, der Träger des Martinusbildes sowie weiße und blaue Fahnenträger. Das Fest war also sichtbar geordnet und im Stadtbild präsent.
1931 ist ausdrücklich eine „Fronleichnamsprozession für gute Ernte“ mit 500–600 Teilnehmern verzeichnet. Diese Formulierung zeigt die enge Verbindung von Eucharistie, Stadt und bäuerlicher Lebenswelt des Münsterlandes.
Heute: Fronleichnam gehört weiterhin zum kirchlichen Jahreslauf in Sendenhorst. Der konkrete Weg und die Form haben sich verändert, der Grundgedanke – den Glauben sichtbar aus der Kirche in den öffentlichen Raum zu tragen – ist geblieben.
Die volkstümliche Erklärung verbindet die Prozession mit der großen Brandgefahr der dicht bebauten Fachwerkstadt. Sicher ist: Sie kann nicht erst nach dem Stadtbrand von 1806 entstanden sein. Bereits 1794 musste bei einer Ortsbesichtigung am Südwall darauf geachtet werden, dass der Weg für die kommende Brandprozession frei blieb.
Der alte Weg führte über einen Fußpfad am Rande des planierten Walles und am äußeren Stadtgraben entlang. Damit berührt die Brandprozession denselben historischen Stadtraum, der auch bei „Üm de Wälle gaohn“ eine Rolle spielt.
Um 1800 war die Prozession vollständig organisiert: Pastor, zwei Messen, Chorsänger, Küster, Schullehrer, Himmelträger, Glockenläuten, Kreuzträger, Fahnen- und Bilderträger sowie vier Pförtner zur Aufrechterhaltung der Ordnung wurden abgerechnet. 1805 gehörte die Brandprozession sogar zu den festen Kirchendiensten, für die der Schullehrer bezahlt wurde.
1931: 450–500 Teilnehmer. Die Prozession wurde noch im 20. Jahrhundert gepflegt und erst vor der Jahrtausendwende eingestellt.
Telgte ist einer der großen Wallfahrtsorte des Münsterlandes. Für Sendenhorst ist die Verbindung außergewöhnlich früh und dauerhaft dokumentiert: Im Pfarrarchiv gibt es einen eigenen Bestand „Prozessionen nach Telgte 1720–1866“.
Damit gehört die Sendenhorster Telgte-Wallfahrt in die große barocke und nachtridentinische Wallfahrtslandschaft des Bistums Münster. Sie verband die örtliche Pfarrgemeinde mit dem regionalen Gnadenort und machte Frömmigkeit buchstäblich zu einer Bewegung durch die Landschaft.
Heute: Die Telgter Wallfahrt lebt weiter. Damit reicht auch diese Traditionslinie von den frühen archivalischen Nachweisen des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.
Eine Prozession bestand nicht nur aus „Kirche und Teilnehmern“. Die alten Rechnungen zeigen eine ganze Ordnung von Aufgaben: Kreuzträger, Himmelträger, Bilder- und Fahnenträger, Glockenläuter, Chorsänger, Küster, Lehrer und Pförtner. Solche Ämter machten aus dem Umzug ein geordnetes öffentliches Ritual.
Die Johannisbruderschaft gehört in diesen Zusammenhang, weil Bruderschaften im katholischen Westfalen traditionelle Träger kirchlicher Öffentlichkeit waren. Die Sendenhorster Johannisbrüder stehen in einer sehr alten Bruderschaftstradition; ihre frühen Statuten sollen beim Brand von 1806 verloren gegangen sein. Ihre religiöse Herkunft blieb aber auch im 19. Jahrhundert erkennbar.
Für die Prozessionsgeschichte entscheidend ist nicht das Schützenfest, sondern ihre Funktion als geschlossene religiös-bürgerliche Gemeinschaft: Fahnen, Ehrengeleit, Totenbegleitung und Beteiligung an kirchlichen Festen gehören in dieselbe westfälische Bruderschaftswelt, aus der auch die Prozessionskultur hervorging.
In der NS-Zeit wurden Prozessionen zu einem politischen Problem, weil sie katholische Gemeinschaft sichtbar auf die Straße brachten. Staatspolizei und Behörden verlangten Nachweise über Prozessionen und Wallfahrten. Gleichzeitig sollte verhindert werden, dass kirchliche Veranstaltungen außerhalb der eigentlichen Prozessionshandlung einen „demonstrativen Charakter“ annahmen.
1935 lud Pfarrer Tecklenborg Bürgermeister und Stadträte ausdrücklich zur Fronleichnams- und zur Brandprozession ein. Zugleich bestanden staatliche Vorgaben zu Vereinsfahnen, Uniformen und der Teilnahme katholischer Jugendverbände. Gerade dadurch wird deutlich, wie wichtig diese öffentlichen Glaubensakte für das katholische Milieu waren.
Die Geschichte endet nicht mit dem Verschwinden alter Formen. Vielmehr haben sich die Sendenhorster Prozessionen verändert. Manche Elemente verschwanden, andere wurden neu interpretiert.
Das Entscheidende: Sendenhorsts Prozessionsgeschichte ist keine abgeschlossene Folklore. Drei der vier großen Traditionslinien reichen – trotz Unterbrechungen und Wandel – bis in die Gegenwart.
Die Darstellung beruht vor allem auf HGF/Fascies, den von Heinrich Petzmeyer ausgewerteten Stadt- und Pfarrakten, dem Pfarrarchiv St. Martin, der Bruderschaftsüberlieferung sowie den eigenen Beständen des Heimatvereins. Besonders ergiebig sind die Akten zu Prozessionen ab 1720, der Bestand „Prozessionen nach Telgte 1720–1866“, Kirchenrechnungen des 18. und 19. Jahrhunderts sowie die staatlichen Nachweise der NS-Zeit.