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Vom Brunnen zum Klärwerk

Wasser und Abwasser in Sendenhorst – wie aus Brunnen, Gräften und Zementrohren eine moderne Versorgung entstand
Heute kommt sauberes Trinkwasser selbstverständlich aus dem Hahn, und Abwasser verschwindet ebenso selbstverständlich in der Kanalisation. Doch in Sendenhorst ist diese Infrastruktur vergleichsweise jung. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bestimmten Hausbrunnen, Pumpen, Gräben und einfache Entwässerungen den Alltag. Erst nach Jahrzehnten von Planungen, Finanzproblemen und Provisorien entstanden ein zentrales Trinkwassernetz und eine systematische Abwasserreinigung.

Brunnen – die alte Wasserversorgung

Über Jahrhunderte gehörten Brunnen selbstverständlich zu Häusern, Höfen und öffentlichen Plätzen. Sie versorgten Menschen und Tiere mit Trink- und Brauchwasser.

Die Qualität war jedoch sehr unterschiedlich. Manche Brunnen lieferten zu wenig Wasser, andere Wasser von zweifelhafter Farbe oder Qualität. In dicht bebauten Bereichen konnten zudem Abwässer und alte Gräben das Grundwasser belasten.

Bereits 1894 ist der Bau eines neuen Pumpenhauses über einem Brunnen belegt. Das zeigt, dass die Wasserversorgung bereits damals technisch verbessert wurde – eine zentrale städtische Versorgung war das jedoch noch lange nicht.

Vor der Wasserleitung

Wasser musste direkt vor Ort gewonnen werden. Jedes Haus war damit stärker von der Ergiebigkeit und Qualität des eigenen Brunnens abhängig.

Das Wasserwerk auf der Hardt – zunächst für Ahlen

Eine bemerkenswerte Situation entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Die Stadt Ahlen erschloss Grundwasser auf Sendenhorster Gebiet. Seit etwa 1905 entstanden auf der Hardt Brunnen und technische Anlagen des Ahlener Wasserwerks.

Das Wasser lag praktisch vor Sendenhorsts Haustür – floss aber zunächst nach Ahlen.

Die Ahlener Wasserversorgung nutzte damit Grundwasser aus dem Bereich der Sendenhorster Bauernschaft Hardt. Schon früh entstand deshalb der Gedanke, diese Infrastruktur auch für Sendenhorst selbst zu nutzen.

1922 – erste konkrete Überlegungen

1922 wies ein technisches Tiefbaubüro die Stadt darauf hin, dass Ahlen eine Pumpstation an der Chaussee Sendenhorst–Tönnishäuschen veräußern wolle. Für Ahlen sei ihre Leistung offenbar nicht mehr ausreichend, für Sendenhorst hätte sie nach Einschätzung der Fachleute jedoch noch lange genügt.

Der Vorschlag war bemerkenswert: Schon fast drei Jahrzehnte vor dem tatsächlichen Bau einer zentralen Wasserversorgung lag damit ein konkreter technischer Ansatz vor.

1938 – die Brunnen werden zum Problem

In den 1930er-Jahren wurde die hygienische Problematik immer deutlicher. 1938 wurde besonders für die Neustraße auf Schwierigkeiten bei der Brunnenversorgung hingewiesen. Die zuständigen Stellen stellten fest, dass örtlich schlechtes Wasser gefördert werde. Eine eigene Wasserwerkslösung oder ein Anschluss an Ahlen erschienen jedoch finanziell schwierig.

1946/47 – nach dem Krieg wird es dringend

Nach dem Zweiten Weltkrieg verschärfte sich die Lage. Bevölkerungszuwachs, Wohnungsnot und der schlechte Zustand vieler Anlagen machten die alte Brunnenversorgung immer problematischer. 1946 wurde erneut eine Verbindung zum Wasserwerk auf der Hardt diskutiert. Eine zentrale Leitung hätte gleichzeitig die Löschwasserversorgung verbessert.

1950 – endlich zentrale Wasserversorgung

1949/50 gelang schließlich der Durchbruch. Nach jahrzehntelangen Diskussionen bekam Sendenhorst eine zentrale Wasserversorgung.

Von der Pumpstation auf der Hardt musste eine rund 2.750 Meter lange Leitung bis in die Stadt gebaut werden.

Die Finanzierung war schwierig. Deshalb spielte die Eigenleistung der Bevölkerung eine wichtige Rolle. Bürger beteiligten sich an den Erdarbeiten, Rat und Verwaltung gingen mit gutem Beispiel voran. Auch landwirtschaftliche Fahrzeuge wurden eingesetzt.

Im September 1950 ging die zentrale Wasserversorgung in Betrieb.

Der Wasserturm auf der Geist

Zum weithin sichtbaren Zeichen der neuen Wasserversorgung wurde der Wasserturm auf dem erhöht gelegenen Bereich der Geist. Der Turm war etwa 42 Meter hoch und besaß einen Hochbehälter von rund 400 Kubikmetern.

Der Hochbehälter sorgte für gleichmäßigen Wasserdruck im Leitungsnetz. Für eine Stadt, in der zuvor jedes Haus weitgehend auf seinen eigenen Brunnen angewiesen gewesen war, bedeutete dies einen grundlegenden Wandel.

Mehr als nur ein Wasserturm

Im Zusammenhang mit der neuen Wasserversorgung entstand auch eine öffentliche Bade- und Duschmöglichkeit. Zu einer Zeit, in der längst nicht jedes Haus ein eigenes Badezimmer besaß, war dies ein erheblicher Fortschritt.

1965 verfügte das Sendenhorster Wassernetz bereits über rund 18 Kilometer Hauptleitungen.

In der Nacht vom 27. auf den 28. Dezember 1977 änderte sich das System grundlegend. Durch eine neue Druckleitung von Gelsenwasser konnte der notwendige Druck fortan ohne Hochbehälter erzeugt werden. Der Wasserturm verlor seine technische Funktion.

Am 5. Juli 1999 begann schließlich sein Abbruch. Damit verschwand ein Bauwerk, das fast ein halbes Jahrhundert lang zu den auffälligsten technischen Landmarken Sendenhorsts gehört hatte.

Wasserversorgung heute

Heute besitzt und betreibt die Stadt Sendenhorst weiterhin das öffentliche Verteilnetz. Das Trinkwasser selbst wird jedoch nahezu vollständig außerhalb des Stadtgebietes gewonnen.

Der größte Teil stammt aus dem Wasserwerk Echthausen bei Wickede. Für Albersloh stehen außerdem Versorgungswege über Halingen und ergänzend über die Hohe Ward zur Verfügung.

Auf der Hardt befindet sich weiterhin eine Übergabestelle. Damit taucht derselbe Ort, der bereits vor mehr als hundert Jahren für die Ahlener Wasserversorgung wichtig war, auch heute noch in der Sendenhorster Wasserinfrastruktur auf.

Von der Hardt zur Fernwasserversorgung – die Technik änderte sich, die sichere Versorgung blieb eine kommunale Kernaufgabe.

Von der Stadtgräfte zur Kanalisation

Mit der Versorgung mit sauberem Wasser war nur die eine Hälfte des Problems gelöst. Das benutzte Wasser musste schließlich auch wieder aus Häusern und Straßen verschwinden.

Bereits am 14. Juli 1900 wurde im Zusammenhang mit der Beseitigung beziehungsweise Umgestaltung der alten Stadtgräfte über eine systematische Kanalisation beraten. Für technische Planungen zog man Fachleute hinzu und erkundigte sich auch bei anderen Städten nach deren Erfahrungen.

1905 lieferte die Firma Panning Zementrohre. 1906 nahm die Stadt einen Kredit von 45.000 Mark für Kanalisation und Straßenbau auf.

Trotzdem entstand nicht sofort ein geschlossenes Kanalnetz. Die Arbeiten erfolgten abschnittsweise. Noch 1925 findet sich ausdrücklich die „Weiterführung der Kanalisation“ in den Akten.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg mussten immer wieder einzelne Straßenzüge neu entwässert werden. 1946 ging es etwa um den Placken sowie um Bereiche von Südstraße, Spuithöverstraße und Neustraße. Teilweise beteiligten sich Anlieger freiwillig an den Kosten.

Die erste moderne Kläranlage – das Schreiber-Klärwerk

Nach dem Zweiten Weltkrieg genügte es nicht mehr, lediglich weitere Rohre zu verlegen. Sendenhorst brauchte ein zusammenhängendes Abwasserkonzept.

1954 wurde deshalb ein neuer Kanalisationsplan für die gesamte Stadt aufgestellt.

Die örtlichen Höhenverhältnisse machten die Entwässerung schwierig. Das natürliche Gefälle war nicht überall ausreichend. Deshalb mussten Pumpstationen eingebaut werden.

1956 begann südlich der Stadt auf dem Gelände der ehemaligen „Seidenbleiche“ beziehungsweise im Bereich des Helmbaches der Bau einer neuen Kläranlage.

Zunächst entstand der technische beziehungsweise mechanische Teil. 1963/64 folgte die biologische Reinigungsstufe.

Ein entscheidender Unterschied

Abwasser wurde nun nicht mehr nur möglichst schnell aus der Stadt fortgeleitet. Es wurde systematisch gereinigt, bevor es wieder in den natürlichen Wasserkreislauf gelangte.

Die Anlage war auf etwa 10.000 Einwohnergleichwerte ausgelegt. Durch zusätzliche technische Einrichtungen ließ sich die Leistung weiter erhöhen.

Damit hatte Sendenhorst erstmals eine Abwasserreinigung, die der wachsenden Stadt und den steigenden hygienischen Anforderungen gerecht werden konnte.

Die zweite Kläranlage – das Klärwerk Brock

Mit dem Wachstum Sendenhorsts stieß auch das Schreiber-Klärwerk an Grenzen. Neue Wohngebiete, Gewerbe und strengere Anforderungen an den Gewässerschutz machten eine neue Generation der Abwasserbehandlung erforderlich.

Ab 1981 wurde deshalb eine neue Kläranlage im Bereich Brock geplant.

Die Anlage ging 1983/84 in Betrieb. Damit erhielt Sendenhorst nicht bloß eine Erweiterung des bisherigen Klärwerks, sondern einen neuen Standort mit modernerer Technik.

Erste Generation

Schreiber-Klärwerk
Bau ab 1956
biologische Stufe 1963/64
Zweite Generation

Klärwerk Brock
Planung ab 1981
Inbetriebnahme 1983/84

Zwischen 1992 und 1995 wurde das Klärwerk Brock erweitert und technisch optimiert. In diesem Zusammenhang wurde auch Albersloh in die gemeinsame Abwasserbehandlung einbezogen.

Heute reinigt das Klärwerk das Abwasser beider Ortsteile. Es ist für rund 27.000 Einwohnergleichwerte ausgelegt.

Zum städtischen Abwassersystem gehören außerdem 14 Abwasserpumpwerke, Regenrückhaltebecken, ein Regenüberlaufbecken und weitere technische Anlagen.

Gräfte und Gosse → erste Kanäle → Schreiber-Klärwerk → Klärwerk Brock

Zeittafel – Wasser und Abwasser

1894
Neues Pumpenhaus über einem Brunnen belegt.
1900
Beratungen über eine systematische Kanalisation im Zusammenhang mit der Stadtgräfte.
ab 1905
Ahlener Wassergewinnung auf der Hardt; zugleich frühe Kanalbauarbeiten in Sendenhorst.
1906
45.000 Mark Kredit für Kanalisation und Straßenbau.
1922
Vorschlag zur Übernahme einer Ahlener Pumpstation für die Sendenhorster Wasserversorgung.
1925
Weiterführung der Kanalisation.
1938
Behörden beanstanden örtlich problematische Brunnen und schlechte Wasserqualität.
1946/47
Neue Überlegungen zum Anschluss an die Wasserversorgung auf der Hardt; zugleich Ausbau einzelner Kanäle.
1950
Zentrale Wasserversorgung geht in Betrieb.
1950/51
Bau des Wasserturms auf der Geist.
1954
Neuer Gesamtplan für die Kanalisation.
1956
Bau des Schreiber-Klärwerks beginnt.
1963/64
Biologische Reinigungsstufe der ersten Kläranlage.
1965
Das Wasserleitungsnetz umfasst rund 18 Kilometer Hauptleitungen.
1977
Neue Druckversorgung macht den Wasserturm technisch entbehrlich.
1981
Planung der neuen Kläranlage Brock.
1983/84
Klärwerk Brock geht in Betrieb.
1992–95
Erweiterung und Optimierung des Klärwerks; Einbindung Alberslohs.
1999
Abbruch des alten Wasserturms.
Heute
Fernwasserversorgung, kommunales Verteilnetz und Klärwerk Brock mit 27.000 Einwohnergleichwerten.

Vom Brunnen zum modernen Wasserkreislauf

Die Geschichte von Wasser und Abwasser gehört zu den großen, oft unsichtbaren Modernisierungsgeschichten Sendenhorsts.

Innerhalb weniger Generationen führte der Weg vom eigenen Brunnen zur zentralen Wasserversorgung, von der offenen Entwässerung zur Kanalisation und von einfachen Ableitungen zu einer leistungsfähigen biologischen Kläranlage.

Brunnen → Hardt → Wasserturm → Fernwasser

Gräfte → Kanalisation → Schreiber-Klärwerk → Brock

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Brauchtum im September im Münsterland
Alte Bräuche zwischen Sommer und Herbst.
🏮 Lambertus
17. September
Kinder zogen mit Lampions durch die Straßen und versammelten sich an geschmückten Lichtpyramiden. Dort wurde gesungen und gespielt. Um 1900 war der Brauch unter anderem in Münster, Altenberge, Greven, Coesfeld und Rheine verbreitet.
🌾 Michaelis
29. September
Michaelis markierte einen wichtigen Einschnitt im bäuerlichen Jahreslauf. Die Ernte sollte beendet sein und auf abgeernteten Flächen begann vielerorts die Hütefreiheit. Hirten erhielten ihren Lohn, teilweise wechselte auch das Gesinde den Dienstherrn.
🍎 Obsternte & Schlachtfest
In Sassenberg zogen Kinder singend von Haus zu Haus und baten um Obst. Aus Drensteinfurt ist zum Schlachtfest ein besonderer Apfelkranz-Brauch überliefert.
🌾 Stoppelhahn
Ende September / Anfang Oktober
So hieß im Münsterland vielfach das traditionelle Erntefest. Erntezeichen und das letzte Getreidefuder wurden zum Hof gebracht, anschließend wurde gemeinsam gefeiert.
Quelle: Dietmar Sauermann, Damals bei uns in Westfalen – Vom alten Brauch in Stadt und Land, Band 3.

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