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Adel in Sendenhorst

Von SChorlemer, von Sendenhorst, Wisch & Co. - eine kleine STadt mit erstaunlich viel Adel

Sendenhorst war keine Residenzstadt. Ein großes Schloss mit Fürstenhof sucht man hier vergeblich. Und trotzdem begegnet uns im Mittelalter erstaunlich viel Adel: Ministeriale, Ritter, Knappen, Freigrafen, freie Hofbesitzer und adelige Grundherren. Manche Familien wohnten tatsächlich hier, andere besaßen Sendenhorster Höfe, wieder andere erscheinen als Richter, Bürgen oder Zeugen. Besonders dicht wird dieses Netzwerk im 13. und 14. Jahrhundert.

Wichtig: „Adel in Sendenhorst“ bedeutet nicht immer „Adel wohnte in Sendenhorst“. Diese Seite unterscheidet bewusst zwischen Ansässigkeit, Besitz, Amt und urkundlicher Verbindung. Wo die Quellen nur eine Vermutung erlauben, wird das ausdrücklich kenntlich gemacht.

1. Adel schon vor der Stadt?

Noch bevor Sendenhorst als Stadt Gestalt annahm, lassen sich zwei auffällige Herrschaftsmittelpunkte erkennen: der „Große Hof“ im Schörmel und der mutmaßliche Sitz der Herren von Sendenhorst im Bereich des späteren Drostenhofes.

Der Große Hof im Schörmel

2003/04 untersuchte die LWL-Archäologie auf dem späteren VEKA-Erweiterungsgelände rund 5.000 Quadratmeter. Freigelegt wurde ein Adelshof des 11./12. Jahrhunderts. Das Hauptgebäude war etwa zehn Meter breit und mindestens 30 Meter lang. Schach- und Tric-Trac-Steine, Bronzeobjekte, Pferdegeschirr, eine Knochenflöte und Glas weisen auf eine gehobene Lebensweise.

Quelle: LWL-Archäologie

Hermann von Sendenhorst

1139 erscheint Hermann von Sendenhorst zusammen mit bekannten münsterschen Dienstmannen. Petzmeyer brachte ihn mit den mächtigen Fundamenten einer Anlage des 12. Jahrhunderts in Verbindung, die 1975 beim Bau des Bürgerhauses entdeckt wurden. Nach 1142 verliert sich die Familie wieder aus den Quellen.

Quelle: Petzmeyer / Quellensammlung

 

2. Schorlemer – begann hier die Geschichte einer großen Adelsfamilie?

Die Spur führt zum heutigen VEKA-Gelände

Heinrich Petzmeyer vertrat eine ausgesprochen deutliche These: Die später bedeutende Familie von Schorlemer habe ihren Ursprung im Schörmel nordöstlich von Sendenhorst. Er führte den Namen auf die alte Bezeichnung Scurilingis miri zurück und sah im „Knapp“ an der Angel den Rest einer Turmhügelburg – einer Motte – der Schorlemer.

Die Fascies-Sammlung ergänzt die Namensformen Scholemer, Scoelmere, Scorelemare, Scorlincmere, Scollamere und Scurlemare. Als früher Vertreter erscheint Reinfrid von Schorlemer zwischen 1217 und 1238. 1224 begegnet Reinfridus de Scorlemere als Zeuge im Zusammenhang mit der Freilassung des dänischen Königs Waldemar II.

Im weiteren 13. Jahrhundert finden wir Angehörige der Familie im Raum Lippstadt und Erwitte, aber auch im Dienst auswärtiger Herren. Der Schwerpunkt verlagerte sich auf Friedhardtskirchen, Overhagen, Herringhausen und Hellinghausen.

Quellen: Petzmeyer / Fascies  ·  LWL zur Ausgrabung

Petzmeyer sagt

Der Ursprung und Stammsitz der Familie habe „ohne Zweifel“ im Schörmel gelegen. Den Knapp an der Angel deutete er als ehemalige Motte der Familie.

Der LWL sagt heute

Die moderne Grabung bestätigt einen Adelshof des 11./12. Jahrhunderts. Wegen der Verbindung der Flur mit dem Namen Schorlemer hält der LWL es für möglich, dass hier frühe Angehörige der Familie lebten.

Unser heutiges Fazit: Petzmeyers These ist durch die Grabung keineswegs erledigt – im Gegenteil: Heute wissen wir, dass an dieser Stelle tatsächlich ein hochmittelalterlicher Adelshof existierte. Was fehlt, ist eine Urkunde, die einen Bewohner dieses Hofes ausdrücklich „von Schorlemer“ nennt. Die Sendenhorster Herkunft ist deshalb eine starke historische Hypothese, aber noch kein endgültiger genealogischer Beweis.

 

3. Um 1300 – Sendenhorsts kleine adelige Blütezeit

Petzmeyer bezeichnet die Zeit von etwa 1300 bis 1500 als Epoche der „freien Bauern und Ministerialen“. Um 1370 lassen sich mindestens zwölf freie Höfe erkennen. In einzelnen Rechtsgeschäften treten ganze Gruppen von Rittern und Knappen auf.

von der Wisch

ANSÄSSIG · BESITZ · AMT

Der Hof zur Wisch in Bracht war bischöfliches Lehngut. Ludolf von der Wisch erscheint 1319 als Sendenhorster Richter und später als Freigraf. 1376 wird die Wisch ausdrücklich als Lehnhof genannt.

Scoke / Schocke

ANSÄSSIG · AMT · BESITZ

1327 ist Conrad Scoke Richter von Sendenhorst. 1333 erscheint er als Conradus de Scoke de Sendenhorst, 1335 ausdrücklich als Knappe. Der Familienname dürfte auch im Schöckinghof weiterleben.

von Quernheim

BESITZ · RECHTE

Wescel und Bruno von Quernheim treten immer wieder im Sendenhorster Umfeld auf. 1325 verkaufen sie vor dem örtlichen Gericht den Hof Westenhorst. Auch auf der Hardt bestanden Rechte.

Retberg

LOKAL ENG VERBUNDEN

Conrad Retberg der Ältere und der Jüngere erscheinen wiederholt im lokalen Rechts- und Adelsnetz. Die Familie ist nicht ohne Weiteres mit dem gräflichen Haus Rietberg gleichzusetzen.

von der Heghe

BESITZ · AMT · ANSÄSSIGKEIT

Andreas von der Heghe begegnet 1325 im örtlichen Adelsnetz und 1367 als Gograf zu Sendenhorst. 1459 ist von Besitz „in und um Sendenhorst“ die Rede.

Buck

STADT · BESITZ · ADELIGES UMFELD

1327 werden Everhard Buck, seine Frau Alheid und ihre Kinder als Sendenhorster Bürger genannt. Sie besaßen Haus und Hof nahe dem Kirchhof. Die von Fascies vermutete Verbindung zu Quernheim bleibt eine genealogische Arbeitshypothese.

von dem Berge / Golegrope

BESITZ · NETZWERK

Die von dem Berge blieben mit Sendenhorster Besitz verbunden, lebten später jedoch auf Haus Neuengraben. Fascies sieht Golegrope aufgrund der Wappenähnlichkeit als möglichen Zweig der Familie.

Bitter

BESITZ · SCHORLEMER

1362 verkauft Bernhard Bitter das Middendorfshaus in Rinkhöven, Bauerschaft Schorlemer. 1364/79 hält er außerdem den Hof to Schorlemer.

von Hasle

AMT · FREIGERICHT

Bernhard von Hasle ist 1326 und 1328 als Freigraf am Sendenhorster Freistuhl belegt.

Kuntschap gen. Möllenbeck

AMT · BESITZ · SPÄTMITTELALTER

1446 ist Hinrich Kuntschap Richter in Sendenhorst. Die Familie war außerdem mit dem Gut zur Wisch verbunden.

Quelle für diesen Abschnitt: Quellensammlung H. Petzmeyer / Fascies

 

4. Macht bedeutete auch: Recht sprechen

Ein wichtiger Grund für die starke Präsenz niederadeliger Familien war die Sendenhorster Gerichtsbarkeit. Der Freistuhl lag ursprünglich beim Hof Tergeist westlich der Siedlung. Richter, Gografen und Freigrafen waren zentrale Figuren des mittelalterlichen Herrschaftssystems.

Person Nachweis Funktion
Ludolf von der Wisch 1319 / 1331 Richter, später Freigraf
Bernhard von Hasle 1326 / 1328 Freigraf
Conrad Scoke 1327 Richter von Sendenhorst
Andreas von der Heghe 1367 Gograf zu Sendenhorst
Hinrich Kuntschap 1446 Richter

Quelle: Gerichte I–III / Adel I–VI

 

5. Wo saß der Adel?

Nicht jeder adelige Besitz war eine Burg oder ein Schloss. Die mittelalterliche Herrschaftslandschaft bestand aus freien Höfen, Lehngütern, Gerichtsstätten und größeren Hofanlagen.

Ort / Gut Verbindung Einordnung
Großer Hof / Schörmel möglicherweise Schorlemer Adelshof 11./12. Jh.
Herrensitz beim Bürgerhaus Herren von Sendenhorst wahrscheinlicher Zusammenhang
Haus zur Wisch von der Wisch / später Kuntschap bischöfliches Lehngut
Schöckinghof Scoke / Huneveld heute Haus Siekmann
Tergeist bischöfliches Lehngut Gericht / Freistuhl
Deitkamp Ledebur, Kerckerinck, Blomenfeld, von Rhemen freies Gut, später Hof Horstmann
Tockenburg Besitzerfolge lückenhaft schatzfreier Hof

Quelle: Höfe Bracht, Brock, Elmenhorst, Hardt, Jönsthövel, Rinkhöven, Sandfort & weitere

 

Ein Schloss? Nun ja …

Warum Haus Siekmann trotzdem auf die 100-Schlösser-Route passt

Wer heute vor Haus Siekmann an der Weststraße steht und dabei an ein münsterländisches Wasserschloss denkt, könnte zunächst etwas irritiert sein. Und trotzdem gehört der Ort zur 100-Schlösser-Route. Historisch ist das gar nicht so verrückt.

Entscheidend ist weniger das heutige Gebäude als die Geschichte des Grundstücks. Hier lag der alte Schöckinghof. Bereits 1331 wird der curtis Scokinchof urkundlich greifbar: Hermann von Huneveld, seine Frau Agnes und ihre Kinder verkauften den Hof. Zu den Bürgen gehörte wiederum Conrad Scoke. Die Scoke bzw. Schocke waren eine niederadelige Familie; Conrad begegnet wenige Jahre später ausdrücklich als Knappe „von Sendenhorst“.

Der Hofname dürfte deshalb mit dieser Familie zusammenhängen. Später gelangte der Schöckinghof teilweise an das Stift Freckenhorst. Mit der Entwicklung der Stadt wurde der Bereich in den Siedlungskörper einbezogen. 1921 kaufte Bernhard Siekmann das Anwesen; 1992 erwarb es die Stadt Sendenhorst.

Kurz gesagt: Haus Siekmann ist kein Schloss im klassischen Sinne. Aber hinter dem heutigen Haus steckt ein mittelalterlicher Hofplatz mit niederadeliger Vorgeschichte. Für eine Route, die die münsterländische Herren-, Haus- und Adelskultur sichtbar macht, ist Sendenhorst hier also gar nicht so fehl am Platz.

Quellen: Petzmeyer / Fascies zum Schöckinghof  ·  100-Schlösser-Route

6. Sechs besondere Höfe

In den Sendenhorster Quellen begegnet eine kleine Gruppe schatzfreier Höfe. Sie besaßen eine besondere abgabenrechtliche Stellung. Das macht sie nicht automatisch zu Adelssitzen, zeigt aber ihre herausgehobene Stellung.

1. Haus zur Wisch
2. Deitkamp
3. Tockenburg
4. Kepplerei
5. Aelkenkotten
6. Rotkötter – 1665 auch Pferdekötterhove

 

7. Der Adel verschwindet – sein Grundbesitz bleibt

Schon im 14. und 15. Jahrhundert wurden zahlreiche freie Höfe verkauft. Manche Familien zogen nach Münster oder verlagerten ihren Lebensmittelpunkt auf andere Adelssitze. Der örtlich lebende Niederadel verlor an Bedeutung, die adelige Grundherrschaft blieb jedoch bestehen.

1665

Von den größeren Erben standen nach der überlieferten Aufstellung 29 Prozent unter Landadel. Weitere Höfe gehörten Grafen und Edelherren, Münsteraner Erbmännern, dem Bischof, Klöstern und Stiften.

1792

Als adelige Gutsherren erscheinen unter anderem von Ketteler, von Stapel, von Westerholt, von Schenking, von Benting, von Merveldt, Droste zu Hülshoff, von Steinfurt, von Galen und von Werries. Das bedeutet Grundherrschaft – nicht zwingend örtlichen Wohnsitz.

8. Haus Sendenhorst und die von Merveldt

1544 kaufte Dietrich von Merveldt, Drost zu Wolbeck, mit seiner Frau Drudeke Haus- und Grundbesitz in Sendenhorst zwischen Kirche und Stadtgraben. Später gehörte Haus Sendenhorst den Grafen von Merveldt. Im 18. Jahrhundert lebte der adelige Eigentümer jedoch nicht mehr hier.

Quellenkritisch wichtig: Die mittelalterlichen Fundamente beim Bürgerhaus, der Sitz der Herren von Sendenhorst und das spätere Haus Sendenhorst der von Merveldt liegen in einem bemerkenswerten historischen Zusammenhang. Eine lückenlose Besitz- oder Baukontinuität vom 12. bis zum 16. Jahrhundert ist bislang nicht nachgewiesen.

9. Ein Blick in das Jahr 1325

Wie dicht das adelige Netzwerk war, zeigt eine einzige Urkunde: Wescel und Bruno von Quernheim verkaufen den Hof Westenhorst. Im Umfeld des Rechtsgeschäfts erscheinen:

Engelbert Bitter · Conrad Retberg · Bernhard von Hasle · Hermann von Rinchoven · Ludolf von der Wisch · Everhard Buck · Andreas von der Heghe · Themo Gulegrope · Johann von Walegarden

Nicht alle diese Männer müssen in Sendenhorst gewohnt haben. Die Urkunde zeigt aber eindrucksvoll, wie eng der Ort in das niederadelige Netzwerk des südöstlichen Münsterlandes eingebunden war.

 

10. Vom Adelshof zum auswärtigen Grundherrn

11./12. Jahrhundert
Adelshof im Schörmel; möglicher Ursprung der Schorlemer.

1139
Hermann von Sendenhorst erscheint als münsterscher Ministeriale.

ab 1217
Reinfrid von Schorlemer ist urkundlich greifbar.

ca. 1300–1370
Höhepunkt der örtlichen freien und niederadeligen Besitzlandschaft.

1319
Ludolf von der Wisch als Richter von Sendenhorst.

1327
Conrad Scoke als Richter.

1331
Der Schöckinghof – heute Haus Siekmann – erscheint in einem adeligen Rechtsgeschäft.

1367
Andreas von der Heghe als Gograf zu Sendenhorst.

15. Jahrhundert
Zunehmende Abwanderung und Verkauf freien Besitzes.

1544
Dietrich von Merveldt erwirbt Besitz in der Stadt.

17.–19. Jahrhundert
Adelige Grundherrschaft bleibt lange bestehen und löst sich schließlich schrittweise auf.

11. Was wissen wir – und was vermuten wir?

Gut belegt

✓ Adelshof des 11./12. Jh. im Schörmel
✓ Hermann von Sendenhorst 1139
✓ Reinfrid von Schorlemer ab 1217
✓ von der Wisch als lokale Lehnsfamilie
✓ Conrad Scoke als Richter
✓ von der Heghe als Besitzer und Amtsträger
✓ Schöckinghof 1331

Noch offen

? Waren die Bewohner des Großen Hofes tatsächlich Schorlemer?
? Wie verlief die frühe Schorlemer-Genealogie?
? Wie hängen Buck und Quernheim zusammen?
? Ist Golegrope tatsächlich ein Zweig der von dem Berge?
? Wie vollständig lässt sich die Tockenburg rekonstruieren?
? Wie verlief die Besitzfolge beim frühen Herrensitz?

Also: Hatte Sendenhorst Adel?

Und wie. Nur sah er anders aus als in großen Residenzen. Sendenhorsts Adel saß auf Höfen, sprach Recht, besaß Land, zog weiter und hinterließ seine Spuren in Hofnamen, Fluren, Urkunden und archäologischen Funden. Vom möglichen Schorlemer-Stammsitz hinter VEKA über die Herren von Sendenhorst, die Wisch und den Schöckinghof bis zu den späteren auswärtigen Grundherren zieht sich diese Geschichte über viele Jahrhunderte.

 

Quellen und weiterführende Links

Grundlage dieser Seite sind vor allem die Sendenhorster Quellenbestände von Heinrich Petzmeyer und Hans-Günther Fascies, mittelalterliche Urkundenregesten sowie die moderne archäologische Forschung des LWL. Ältere Deutungen wurden dort vorsichtiger formuliert, wo die neuere Forschung keine vollständige Bestätigung erlaubt.

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So hieß im Münsterland vielfach das traditionelle Erntefest. Erntezeichen und das letzte Getreidefuder wurden zum Hof gebracht, anschließend wurde gemeinsam gefeiert.
Quelle: Dietmar Sauermann, Damals bei uns in Westfalen – Vom alten Brauch in Stadt und Land, Band 3.

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