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Landwirtschaft & Höfe

Vom Bauernhof des Mittelalters zum GPS-Traktor - HÖFE · BAUERSCHAFTEN · ACKERBÜRGER · ZIEGEN · STRUKTURWANDEL

Wer heute durch Sendenhorst fährt, sieht eine moderne Kleinstadt. Doch schon wenige Minuten später beginnt eine Landschaft, deren Geschichte wesentlich älter ist als die Stadt selbst: die alten Bauerschaften Hardt, Bracht, Brock, Elmenhorst, Jönsthövel, Rinkhöven und Sandfort mit ihren Höfen, Äckern, Wiesen und Wirtschaftswegen. Landwirtschaft war über Jahrhunderte  Lebensgrundlage, Arbeitgeber, Rohstofflieferant und prägender Bestandteil der Stadtgesellschaft. Noch heute werden rund 79 % des Sendenhorster Stadtgebietes landwirtschaftlich genutzt.

 

Als Sendenhorst aus Höfen bestand

Die bäuerliche Geschichte Sendenhorsts ist älter als die Stadt. Schon vorgeschichtliche Siedlungsspuren zeigen, dass Menschen im heutigen Stadtgebiet Ackerbau und Viehzucht betrieben.

Als „Seondonhurst“ um 890/900 erstmals schriftlich greifbar wird, darf man sich noch keine geschlossene Stadt vorstellen. Die Landschaft bestand aus einzelnen Höfen, Hofgruppen, Äckern, Weiden, Wäldern und gemeinschaftlich genutzten Flächen.

Aus dieser bäuerlichen Landschaft entwickelten sich die alten Sendenhorster Bauerschaften: Hardt, Bracht, Brock, Elmenhorst, Jönsthövel, Rinkhöven und Sandfort.

Drubbel – eine locker zusammenliegende Gruppe mehrerer Bauernhöfe.

Esch – eine alte Ackerflur mit zahlreichen einzelnen Ackerstreifen.

Kamp – ein abgegrenztes Stück Acker-, Wiesen- oder Weideland.

Mark / Gemeinheit – gemeinschaftlich genutztes Land, etwa für Vieh, Holz oder Heide.

Sendenhorst liegt im fruchtbareren Bereich des Kern- beziehungsweise Kleimünsterlandes. Die schwereren lehmig-tonigen Böden eigneten sich vielfach gut für intensiven Ackerbau, waren vor der Mechanisierung allerdings auch mühsam zu bearbeiten.

Die Landschaft erzählt ihre Geschichte

Alte Sendenhorster Flurnamen erinnern noch heute an diese bäuerliche Welt. Überliefert sind unter anderem:

Roggenkamp · Flaßkamp · Linnenkamp · Kuhkamp · Pferdekamp · Plaggenkamp · Feldkamp · Heidkamp

Der Roggenkamp verweist auf Getreideanbau, der Kuhkamp auf Viehhaltung, der Flaßkamp auf den Anbau von Flachs. Solche Flurnamen sind gewissermaßen ein landwirtschaftliches Gedächtnis der Landschaft.

 

Was auf Sendenhorsts Feldern wuchs

Bei den historischen Feldfrüchten müssen wir für Sendenhorst nicht nur allgemein auf Westfalen schließen. Die Sendenhorster Hofakten nennen die angebauten Früchte ausdrücklich.

Ein besonders anschaulicher Beleg stammt aus Jönsthövel aus dem Jahr 1614. Bei der Aufnahme eines Hofvermögens werden auf verschiedenen Feldern genannt:

Weizen Roggen Mengkorn Gerste Hafer Erbsen Bohnen

Mengkorn bezeichnet eine gemeinsam ausgesäte Mischung verschiedener Getreidearten, häufig von Roggen und Weizen.

Auch Buchweizen lässt sich in Sendenhorster Hofunterlagen nachweisen.

Roggen, Gerste und Hafer

Roggen war über Jahrhunderte ein wichtiges Brotgetreide. Gerste wurde als Nahrungs- und Futtermittel verwendet. Hafer hatte insbesondere für die Pferdehaltung enorme Bedeutung.

Solange Pferde Pflug und Wagen zogen, musste der Bauernhof einen Teil seiner eigenen „Energie“ auf dem Acker erzeugen: Ein Teil der Fläche ernährte jene Tiere, die wiederum die Felder bearbeiteten.

 

Flachs, Leinen und die Sendenhorster Weber

Eine besonders enge Verbindung zwischen Landwirtschaft und Handwerk bestand beim Flachs.

Der Flachs war kein Lebensmittel. Seine Fasern wurden benötigt, um Leinen herzustellen.

Nach der Ernte begann eine aufwendige Verarbeitung. Die Stängel mussten geröstet beziehungsweise gewässert, anschließend gebrochen, geschwungen und gehechelt werden. Erst danach konnten die langen Fasern versponnen und auf dem Webstuhl zu Leinentuch verarbeitet werden.

Flachs  →  Faser  →  Garn  →  Leinentuch

Sendenhorst und das Leinen

Die Leinenherstellung war in Sendenhorst nicht nur bäuerliche Hausarbeit. Sie entwickelte sich zu einem bedeutenden Gewerbe.

Bereits 1695 erhielten die Sendenhorster Linnentuchmacher eine eigene Zunftordnung. Als ab 1778 Teile der alten Stadtgräfte verfüllt wurden, entstanden dort unter anderem Flächen, die als Leinenbleichen genutzt werden konnten.

1803 wurden in Sendenhorst 55 Leinenweber genannt.

Damit wird verständlich, warum der Flachsanbau für die Sendenhorster Landwirtschaft eine erhebliche Bedeutung besaß. Der Bauer erzeugte nicht nur Nahrungsmittel, sondern zugleich einen Rohstoff für ein wichtiges städtisches Gewerbe.

Mit der Industrialisierung änderte sich das. Baumwolle und industriell produzierte Textilien wurden immer billiger. Die handwerkliche Leinenweberei verlor ihre wirtschaftliche Grundlage.

Mit dem Verschwinden der traditionellen Leinentuchherstellung verlor auch der Flachs seine Bedeutung und verschwand weitgehend von den Sendenhorster Feldern.

 

Bauer war nicht gleich Bauer

Die bäuerliche Gesellschaft war deutlich gegliedert. Es gab große alte Höfe, kleinere Hofstellen und Menschen, die kaum oder gar kein eigenes Land besaßen.

Erbe / Vollerbe: Bewirtschafter eines alten, meist größeren Hofes.

Kötter: Bewohner beziehungsweise Bewirtschafter einer kleineren Hofstelle, eines Kottens.

Heuerling: meist landarmer oder landloser Bewohner eines kleinen Hauses auf dem Grund eines Bauern; Miete und häufig zusätzliche Arbeitsleistungen.

Knechte und Mägde: lebten und arbeiteten meist dauerhaft auf dem Hof.

Große Düveler in der Hardt

Ein anschauliches Sendenhorster Beispiel bietet der Hof Große Düveler in der Hardt. 1810 lebten dort neben der Bauernfamilie unter anderem zwei Ackerknechte und zwei Mägde.

In den Aufzeichnungen erscheint sogar ein sechsjähriger Schweinehirt.

Die Bäuerin

Die bäuerliche Arbeit war keineswegs reine Männerarbeit. Zur Arbeit der Bäuerin gehörten je nach Betrieb Melken, Milchverarbeitung, Schweine und Geflügel, Garten, Vorratshaltung, Lebensmittelverarbeitung, Kochen, Waschen und Kindererziehung. Bei Arbeitsspitzen kam die Feldarbeit hinzu.

Der Hof war deshalb nicht nur ein Betrieb. Er war Wohnort, Arbeitsplatz und Lebensgemeinschaft zugleich.

 

Eigenhörigkeit – wem gehörte der Hof?

Dass eine Familie seit Jahrhunderten auf demselben Hof lebte, bedeutete keineswegs, dass ihr dieser Hof nach unserem heutigen Eigentumsverständnis frei gehörte.

Viele Sendenhorster Höfe standen unter geistlichen oder weltlichen Grundherrschaften. Rechte besaßen unter anderem kirchliche Einrichtungen wie St. Mauritz, St. Ludgeri, Überwasser, Marienfeld oder Vinnenberg.

Allein dem Stift St. Mauritz waren bereits um 1300 mehrere Sendenhorster Hofstätten zugeordnet.

Eigenhörigkeit – oft Leibeigenschaft genannt

Für die westfälischen Verhältnisse ist der Begriff Eigenhörigkeit meist genauer als das allgemeinere Wort Leibeigenschaft.

Der Eigenhörige war kein Sklave. Er konnte eigenes Vermögen besitzen und einen Hof über Generationen bewirtschaften.

Er war aber auch kein völlig freier Bauer im heutigen Sinne. Hof und Familie waren rechtlich mit dem Grundherrn verbunden.

Heirat, Hofübernahme, Tod und sogar die persönliche Freilassung konnten Ansprüche des Grundherrn auslösen.

 

Gewinn, Sterbefall und Abgaben ohne Ende

Der Gewinn

Der historische Begriff Gewinn hat nichts mit Unternehmensgewinn zu tun.

Übernahm ein neuer Bauer einen eigenhörigen Hof, mussten seine Nutzungsrechte gegenüber dem Grundherrn neu bestätigt beziehungsweise „gewonnen“ werden. Dafür konnte eine erhebliche Leistung verlangt werden.

In den Sendenhorster Quellen begegnet in diesem Zusammenhang auch der Weinkauf.

Beispiel Sommersell, Hardt: Nach dem Tod Dietrich Sommersells wurde 1766 der Nachlass auf 93 Reichstaler geschätzt. Der Weinkauf beziehungsweise die Leistung für die erneute Hofübernahme wurde mit 75 Reichstalern angesetzt.

Der Sterbefall

Starb ein eigenhöriger Bauer oder eine eigenhörige Bäuerin, konnte der Grundherr Anspruch auf einen Teil des Nachlasses erheben.

Ein außergewöhnlich detaillierter Sendenhorster Fall stammt aus Jönsthövel von 1614.

Erfasst wurden unter anderem:

6 Zugpferde · 6 Milchkühe · 3 Rinder · 4 Kälber · 8 Schweine · Gänse · Hühner · Betten · Kupfergeschirr · Wagen · Karren · Pflüge

Auch die bereits eingesäten Feldfrüchte wurden aufgenommen: Weizen, Roggen, Mengkorn, Gerste, Hafer, Erbsen und Bohnen.

Der Zehnt war längst nicht alles

Ein Hof konnte gleichzeitig Geld, Naturalien und Arbeitsleistungen schulden.

Getreide Schweine Lämmer Hühner Gänse Eier Flachs Geld Handdienste Spanndienste

Für einen Sendenhorster Hof erscheinen beispielsweise Verpflichtungen von vier Schweinen, acht Hühnern, zwei Gänsen, einem Lamm und 200 Eiern.

Dazu konnten außergewöhnliche Pflichten kommen: Ein Hof musste zeitweise eine fremde Kuh mitversorgen oder sogar einen Jagdhund des Grundherrn füttern.

Hinzu kamen Hand- und Spanndienste. Für Gruppen Sendenhorster Höfe sind um 1800 beispielsweise zusammen 52 Tage Spanndienst im Jahr überliefert.

Ein Hof – mehrere Berechtigte:
Grundherr, Zehntherr, Pastor, Küster oder andere Institutionen konnten jeweils eigene Ansprüche besitzen.

 

Die Bauern werden frei

Im 19. Jahrhundert begann die alte Ordnung endgültig aufzubrechen.

Persönliche Eigenhörigkeit wurde aufgehoben. Damit verschwanden die wirtschaftlichen Belastungen jedoch nicht automatisch.

Naturalabgaben und Dienste wurden häufig zunächst in Geldleistungen umgerechnet. Anschließend konnten die Verpflichtungen durch größere Zahlungen dauerhaft abgelöst werden.

Die Rentenbank

Ab 1850 spielte die Rentenbank in Münster eine wichtige Rolle. Sie konnte das Kapital für die Ablösung alter Lasten bereitstellen. Der Grundherr erhielt seine Abfindung, während der Bauer die Summe langfristig zurückzahlte.

Nach der Sendenhorster Überlieferung wurden zwischen etwa 1850 und 1860 zahlreiche Höfe endgültig von alten grundherrlichen Belastungen befreit.

Aus dem eigenhörigen Hofbewirtschafter wurde Schritt für Schritt der persönlich freie und wirtschaftlich selbstständig handelnde Landwirt.

 

Landwirtschaft mitten in der Stadt

Wer Landwirtschaft nur draußen in Hardt, Rinkhöven oder Bracht sucht, übersieht einen wichtigen Teil der Sendenhorster Geschichte.

Sendenhorst selbst war eine Ackerbürgerstadt.

Viele Bewohner verbanden Handwerk und Landwirtschaft. Hinter den Häusern lagen Gärten, Ställe und Wirtschaftsgebäude. Historische Berufsbezeichnungen verbinden deshalb beispielsweise Ackerbau mit Bäcker-, Böttcher- oder Stellmacherhandwerk.

Vieh mitten in Sendenhorst

1826 · STADT

60 Pferde und Füllen

104 Schafe

506 Kühe und Jungvieh

30 Ziegen

300 Schweine

1925 · STADT

104 Pferde und Füllen

4 Schafe

496 Kühe und Jungvieh

290 Ziegen

765 Schweine

Zwei Schweine in der Weststraße

Wie lange diese bäuerliche Stadt erhalten blieb, zeigt eine persönliche Sendenhorster Familienüberlieferung.

Die Großeltern von Christian Hölscher hielten noch nach dem Zweiten Weltkrieg mitten in der Weststraße zwei Schweine und Hühner.

"Mein Großeltern Anton & Käthe Hölscher, hielten noch nach dem 2. Weltkrieg mitten in der Weststraße zwei Schweine und Hühner.Vor dem Haus war eigens ein Misthaufen hergerichtet. Aufgabe meinses Vaters Bernhard war es, diesen zu katholischen Feiertagen akkurat mit dem Spaten "abzustechen"

Was heute in einer innerstädtischen Wohnstraße kaum vorstellbar wäre, gehörte damals noch zur alltäglichen Selbstversorgung.

 

Die Ziege – die Kuh des kleinen Mannes

Kaum ein Tier erzählt die Sozialgeschichte Sendenhorsts so anschaulich wie die Ziege.

Sie wurde häufig als „Kuh des kleinen Mannes“ bezeichnet.

Eine Kuh benötigte Stallraum, viel Futter und ausreichend Fläche. Eine Ziege ließ sich mit wesentlich geringerem Aufwand halten und lieferte trotzdem Milch.

Gerade Arbeiter, Handwerker, kleinere Ackerbürger und Familien mit wenig Land konnten deshalb eine oder mehrere Ziegen halten.

290
Ziegen in der Stadt 1925
8
Ziegen im Kirchspiel 1925

Bei rund 2.456 Einwohnern kam innerhalb der Stadt rechnerisch auf weniger als neun Menschen eine Ziege.

1901: Der Ziegenzuchtverein

1901 wurde auf Initiative von Bürgermeister Hetkamp der Sendenhorster Ziegenzuchtverein gegründet.

Bereits 1905 ist eine Ziegenschau dokumentiert.

Um 1924 zählte der Verein etwa 350 Mitglieder.

Zum Vergleich:

Ziegenzuchtverein: ca. 350 Mitglieder

Landwirtschaftlicher Ortsverein: ca. 210

Rindviehversicherungsverein: ca. 140

Bezugs- und Absatzgenossenschaft: ca. 80

Der Ziegenzuchtverein war damit zeitweise eine der mitgliederstärksten Organisationen Sendenhorsts.

Wilhelm Kleinhans und die Ziegen

Mit dem Verein war auch der Heimatforscher und Stadtrentmeister Wilhelm Kleinhans verbunden. Er war Vorsitzender des Sendenhorster Vereins und Geschäftsführer des Kreisziegenzuchtverbandes Beckum.

Für seine Tätigkeit in der Ziegenzucht erhielt er eine Auszeichnung des Reichsbundes für Ziegenzucht.

Noch 1934 fand in der Mühlenkuhle eine Ziegenschau mit anschließendem Festball statt.

 

Ein Tag auf Hof Brüser

Einen besonders anschaulichen Einblick in die Landwirtschaft um 1930 bietet der Hof Brüser in Rinkhöven.

1828 lebten dort neun Personen. Zum Viehbestand gehörten unter anderem vier Pferde, ein Fohlen, vier Kühe, acht Rinder und ein Schwein.

1938 umfasste der Betrieb rund 40 Hektar.

4:00 Uhr

Arbeitsbeginn im Sommer.

Bäuerin, Bauer, Knecht und Magd versorgten zunächst Tiere und Stall. Kühe wurden gemolken, Schweine und Rinder gefüttert, Pferde versorgt und Ställe ausgemistet.

Erst danach wurde gefrühstückt.

Dann ging es mit Pferd und Pflug aufs Feld. Was ein moderner Traktor heute in kurzer Zeit erledigt, bedeutete damals stundenlange Arbeit für Mensch und Tier.

Selbstversorgung

Zum bäuerlichen Haushalt gehörte die weitgehende Versorgung aus eigener Produktion. Gemüse, Obst, Fleisch, Brot und andere Lebensmittel kamen zum großen Teil vom Hof.

Für Hof Brüser ist überliefert, dass jährlich mehrere Schweine für den eigenen Haushalt geschlachtet wurden. Blut, Roggenschrot, Speck und Teile des Schweins wurden unter anderem zu Wurstebrot verarbeitet.

Butter und Eier konnten dagegen von kleinen Händlern abgeholt und beispielsweise in Ahlen verkauft werden.

In Sendenhorst selbst war der Bedarf geringer – viele Ackerbürger erzeugten solche Lebensmittel weiterhin selbst.

 

Vom Pferd zum GPS-Traktor

Innerhalb weniger Jahrzehnte veränderte sich die Landwirtschaft stärker als in vielen Jahrhunderten zuvor.

Der Traktor verdrängt das Pferd

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich der Traktor zunehmend durch. Pflügen, Säen, Mähen und Ernten wurden mechanisiert.

Der Mähdrescher verband mehrere Arbeitsschritte. Knechte und Mägde verschwanden zunehmend von den Höfen.

Weniger Höfe – größere Betriebe

Viele kleinere Betriebe gaben auf. Ihre Flächen wurden häufig von anderen Höfen übernommen oder gepachtet.

Dadurch bewirtschafteten immer weniger Landwirte immer größere Flächen.

1974: noch 137 Betriebe

Kurz vor der kommunalen Neugliederung wurden im damaligen Sendenhorst 137 landwirtschaftliche Betriebe erfasst.

Mehr als 55 % der damaligen Gemeindefläche waren Ackerland, hinzu kamen Wiesen und Weiden.

Bauern gegen den Großflughafen

Anfang der 1970er-Jahre zeigte sich die Bedeutung der Landwirtschaft auch politisch.

Zwischen Sendenhorst, Albersloh und Drensteinfurt war ein großer internationaler Flughafen geplant. Zahlreiche Höfe und erhebliche landwirtschaftliche Flächen wären betroffen gewesen.

Die betroffenen Landwirte organisierten sich und kämpften für den Erhalt ihrer Höfe.

Flurbereinigung

Viele alte, verstreute Parzellen wurden neu geordnet und zu größeren Flächen zusammengelegt. Dadurch konnten moderne Maschinen rationeller eingesetzt werden.

Gleichzeitig verschwanden Teile der alten Kulturlandschaft: Feldraine, Hecken, kleine Wege und historische Parzellengrenzen.

Heute: Satellit statt Pferdegespann

Heute gehören je nach Betrieb GPS-Lenksysteme, digitale Ackerschlagkarteien, Satellitendaten, Sensoren, automatische Fütterungssysteme und Melkroboter zur modernen Landwirtschaft.

 

Kann man heute noch von Landwirtschaft leben?

Der moderne Landwirt verfügt über Technik, von der frühere Generationen nicht einmal träumen konnten. Wirtschaftlich ist Landwirtschaft deshalb aber nicht automatisch einfacher geworden.

Maschinen, Gebäude, Energie, Dünger, Futtermittel, Saatgut und Pacht verursachen hohe Kosten. Gleichzeitig kann der einzelne Landwirt die Preise für Milch, Getreide oder Schweine nur begrenzt beeinflussen.

Die Europäische Agrarpolitik

Eine wichtige Rolle spielt die Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union – GAP.

Für die Förderperiode 2023–2027 bestehen unter anderem flächenbezogene Einkommensstützungen sowie sogenannte Öko-Regelungen.

Dabei können Landwirte Zahlungen für bestimmte freiwillige Umwelt-, Klima- oder Naturschutzleistungen erhalten.

Der Bauer produziert damit nicht nur Lebensmittel. Er bewirtschaftet zugleich einen erheblichen Teil unserer Kulturlandschaft.

Der moderne Landwirt ist zugleich Bauer, Unternehmer, Techniker, Kaufmann, Datenmanager und Antragsteller.

Sendenhorst bleibt Bauernland

Wirtschaftlich lebt Sendenhorst längst nicht mehr hauptsächlich von der Landwirtschaft.

Flächenmäßig sieht es völlig anders aus.

79 %
des Sendenhorster Stadtgebietes sind Landwirtschaftsfläche

Von rund 9.695 Hektar Stadtgebiet werden etwa 7.662 Hektar landwirtschaftlich genutzt.

Fast vier Fünftel der Stadt sind damit bis heute von Landwirtschaft geprägt.

Vom Flaßkamp zum GPS-Traktor

Vielleicht lässt sich die Entwicklung kaum besser mit zwei Begriffen zusammenfassen: Flaßkamp und GPS-Traktor.

Der Flaßkamp erinnert an eine Zeit, in der Sendenhorster Bauern Flachs anbauten und zahlreiche Weber daraus Leinentuch herstellten.

Der GPS-Traktor steht für eine Landwirtschaft, die heute mit Satellitentechnik, Computern und hoch spezialisierten Maschinen arbeitet.

Dazwischen liegen Eigenhörigkeit und Bauernbefreiung, Gewinn und Sterbefall, Knechte und Mägde, Pferdegespanne, Schweine mitten in der Stadt, die „Kuh des kleinen Mannes“, Mechanisierung, Flurbereinigung und europäische Agrarpolitik. Die Geschichte Sendenhorsts ist ohne die Geschichte seiner Höfe nicht zu verstehen.

Zeittafel – Landwirtschaft in Sendenhorst

ZEIT · HOF · ARBEIT · WANDEL

UM 890/900
„Seondonhurst“ erscheint erstmals schriftlich. Einzelhöfe und Hofgruppen prägen die Landschaft.
MITTELALTER
Bauerschaften, Esch- und Kampfluren werden greifbar. Grundherrschaft und Eigenhörigkeit prägen das bäuerliche Leben.
1297–1312
In Registern des Stifts St. Mauritz erscheinen mehrere Sendenhorster Hofstätten.
1456
Nach der Münsterischen Stiftsfehde werden in der Hardt zahlreiche verwüstete beziehungsweise wüst gefallene Hofstellen genannt.
1614
Ein Sterbefall in Jönsthövel dokumentiert Vieh, Geräte und die Feldfrüchte Weizen, Roggen, Mengkorn, Gerste, Hafer, Erbsen und Bohnen.
1695
Die Sendenhorster Linnentuchmacher erhalten eine eigene Zunftordnung. Flachs ist ein wichtiger landwirtschaftlicher Rohstoff.
1766
Beim Hof Sommersell werden nach einem Todesfall Nachlass und Weinkauf beziehungsweise Hofgewinn bewertet.
1803
In Sendenhorst werden 55 Leinenweber genannt. Landwirtschaft und Textilgewerbe sind über den Flachsanbau eng verbunden.
1826
Innerhalb der Stadt werden 60 Pferde und Füllen, 506 Stück Rindvieh, 300 Schweine, 104 Schafe und 30 Ziegen gezählt.
AB 1850
Die Rentenbank unterstützt bei der Ablösung alter Grundlasten. Zahlreiche Höfe werden in den folgenden Jahren von alten Verpflichtungen frei.
1901
Gründung des Sendenhorster Ziegenzuchtvereins auf Initiative von Bürgermeister Hetkamp.
1924/25
Der Ziegenzuchtverein zählt rund 350 Mitglieder. 1925 werden in der Stadt 290 Ziegen gezählt – im Kirchspiel nur acht.
UM 1930
Auf Hof Brüser beginnt der sommerliche Arbeitstag gegen vier Uhr morgens. Pferde bestimmen noch die Feldarbeit.
1934
Ziegenschau in der Mühlenkuhle mit anschließendem Festball.
NACH 1945
Auch mitten in der Stadt werden weiterhin Schweine und Hühner gehalten. In der Weststraße hält die Familie Hölscher zwei Schweine und Hühner; vor dem Haus ist ein Misthaufen hergerichtet.
1950/60ER
Der Traktor verdrängt zunehmend das Arbeitspferd. Die Mechanisierung verändert den bäuerlichen Alltag grundlegend.
UM 1970
Sendenhorster Landwirte wehren sich gegen den geplanten internationalen Großflughafen, der zahlreiche Höfe und Agrarflächen bedroht hätte.
1974
Im damaligen Sendenhorst bestehen 137 landwirtschaftliche Betriebe. Mehr als 55 % der Fläche sind Ackerland.
AB 1975
Strukturwandel, Flurbereinigung, Spezialisierung und größere Maschinen verändern Höfe und Landschaft weiter.
2023–2027
Die aktuelle GAP-Förderperiode verbindet Einkommensstützung mit Umwelt- und Klimaleistungen.
HEUTE
GPS, Satellitendaten und digitale Betriebsführung gehören zur modernen Landwirtschaft. Rund 79 % des Sendenhorster Stadtgebietes werden landwirtschaftlich genutzt.

 

Quellen und weiterführende Informationen

• Hans-Günther Fascies (HGF), Stadt-Heimatarchiv Sendenhorst: historische Arbeitsunterlagen zu Höfen, Bauerschaften, Grundherrschaften, Landwirtschaft und Vereinswesen.

• Heinrich Petzmeyer: historische Arbeiten zur Stadt-, Siedlungs-, Hof- und Sozialgeschichte Sendenhorsts.

• Heimatverein Sendenhorst: Chronik – frühe Besiedlung, Entwicklung von Stadt und Kirchspiel.

• Heimatverein Sendenhorst: Siedlung bis heute – Bauerschaften, Siedlungsentwicklung und Bevölkerungsstruktur.

• Heimatverein Sendenhorst: Archivgeschichten – Eigenhörigkeit, Grundherrschaften, Abgaben, Spanndienste und Bauernbefreiung.

• Heimatverein Sendenhorst: Höfe Hardt – u. a. Große Düveler, Watermann und Sommersell; Viehbestand, Gewinn, Naturalabgaben, Spanndienste und Ablösungen.

• Heimatverein Sendenhorst: Höfe Rinkhöven – Hof Brüser und weitere Hofstellen mit Angaben zu Bewohnern, Flächen und Viehbestand.

• Heimatverein Sendenhorst: Höfe Brock – Landwirtschaft, Feldfrüchte, Flachs, Buchweizen und Hofinventare.

• Heimatverein Sendenhorst: Höfe Bracht – Abgaben, Flachs, Viehhaltung und historische Flurnamen.

• Heimatverein Sendenhorst: Grundwissen – bäuerlicher Alltag auf Hof Brüser und historische Landwirtschaft.

• Heimatverein Sendenhorst: Stadtangelegenheiten – Bevölkerungs- und Viehzahlen 1826 und 1925 sowie Ziegenzuchtverein.

• Heimatverein Sendenhorst: Vereine – Landwirtschaftlicher Ortsverein, Ziegenzuchtverein und weitere landwirtschaftliche Organisationen.

• Heimatverein Sendenhorst: Fakten 1975 – Bodennutzung und Größenstruktur der 137 landwirtschaftlichen Betriebe des damaligen Sendenhorst.

• Stadt Sendenhorst: Wirtschaftsstandort und Flächennutzung – aktuelle Stadtfläche und Landwirtschaftsfläche.

• Westfalen Regional / LWL: landwirtschaftliche Kulturlandschaften Westfalens, Kern- und Kleimünsterland, Esch- und Kampfluren sowie Strukturwandel.

• Europäische Kommission: Einkommensgrundstützung der GAP .

• Europäische Kommission: Öko-Regelungen der GAP .

• Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen: Direktzahlungen und Agrarförderung .

• Mündliche Familienüberlieferung Hölscher, Sendenhorst: Nachkriegszeit in der Weststraße – zwei Schweine und Hühner; vor dem Haus war eigens ein Misthaufen hergerichtet.

Recherchehinweis: Alte Hofakten verwenden je nach Zeit, Grundherrschaft und Quelle unterschiedliche Begriffe und Maße. Eigenhörigkeit, Gewinn, Sterbefall, Zehnt und Dienste konnten deshalb von Hof zu Hof verschieden ausgestaltet sein. Die genannten Einzelbeispiele beziehen sich ausdrücklich auf die überlieferten Sendenhorster Quellen und sollen die historischen Verhältnisse anschaulich machen.

Kontakt

Heimatverein Sendenhorst e.V.
Weststraße 3

48324 Sendenhorst

Rufen Sie einfach an unter

+49 170.7372307
Kontaktformular.

Brauchtum im September im Münsterland
Alte Bräuche zwischen Sommer und Herbst.
🏮 Lambertus
17. September
Kinder zogen mit Lampions durch die Straßen und versammelten sich an geschmückten Lichtpyramiden. Dort wurde gesungen und gespielt. Um 1900 war der Brauch unter anderem in Münster, Altenberge, Greven, Coesfeld und Rheine verbreitet.
🌾 Michaelis
29. September
Michaelis markierte einen wichtigen Einschnitt im bäuerlichen Jahreslauf. Die Ernte sollte beendet sein und auf abgeernteten Flächen begann vielerorts die Hütefreiheit. Hirten erhielten ihren Lohn, teilweise wechselte auch das Gesinde den Dienstherrn.
🍎 Obsternte & Schlachtfest
In Sassenberg zogen Kinder singend von Haus zu Haus und baten um Obst. Aus Drensteinfurt ist zum Schlachtfest ein besonderer Apfelkranz-Brauch überliefert.
🌾 Stoppelhahn
Ende September / Anfang Oktober
So hieß im Münsterland vielfach das traditionelle Erntefest. Erntezeichen und das letzte Getreidefuder wurden zum Hof gebracht, anschließend wurde gemeinsam gefeiert.
Quelle: Dietmar Sauermann, Damals bei uns in Westfalen – Vom alten Brauch in Stadt und Land, Band 3.

Wetter

 

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