Herzlich willkommen beim Heimatverein Sendenhorst e.V. !
Herzlich willkommen beim Heimatverein Sendenhorst e.V. !

Handwerk & Industrialisierung in Sendenhorst

Vom Webstuhl und Schmiedehammer zur Maschinen- und Kunststoffindustrie: Sendenhorst war lange vor der Industrialisierung keine reine Bauernstadt. Innerhalb der Stadtmauern lebten vor allem Handwerker, Weber, Händler und Tagelöhner. Aus dieser kleinteiligen Arbeitswelt entwickelte sich über mehr als drei Jahrhunderte ein moderner Gewerbe- und Industriestandort.

Die Entwicklung verlief nicht geradlinig: Handwerk → Heimarbeit → Gewerbe → erste Fabriken → Krise → Maschinenbau → Kunststoffindustrie → internationaler Industriestandort.

67,9 %
Anteil des Handwerks an den erfassten Erwerbstätigen 1698
93
Webstühle in 64 Sendenhorster Häusern im Jahr 1804
80
Arbeiter zeitweise in den Stanz- und Emaillierwerken
44,8 %
der Erwerbstätigen 1970 im produzierenden Gewerbe

Eine Stadt voller Werkstätten

Wer an das alte Sendenhorst denkt, denkt schnell an Bauernhöfe, Äcker und Vieh. Für das landwirtschaftlich geprägte Kirchspiel ist dieses Bild durchaus richtig. Innerhalb der Stadtmauern sah die wirtschaftliche Wirklichkeit jedoch anders aus.

Bereits 1698 entfielen rund 67,9 Prozent der erfassten Erwerbstätigen auf das Handwerk. Unmittelbar betriebene Landwirtschaft spielte innerhalb der Stadt dagegen nur eine geringe Rolle.

1698 wurden unter anderem gezählt:

66 Weber · 17 Brotbäcker · 12 Schuhmacher · 11 Holzschuhmacher · 11 Schneider · 7 Schmiede · 3 Zimmerleute · 3 Korbmacher · 4 Krämer · 1 Kaufmann · 1 Schenkwirt · 36 Tagelöhner

Fast alles, was die Menschen zum Leben und Arbeiten benötigten, wurde vor Ort hergestellt, verarbeitet oder repariert. Der Schmied beschlug Pferde und reparierte Geräte. Stellmacher bauten Wagen und Räder, Böttcher Fässer, Tischler Möbel und Zimmerleute die Holzkonstruktionen der Häuser.

Auch 1749/50 blieb das Handwerk bestimmend. Von 242 männlichen Haushalten wurden 126 dem Handwerk zugerechnet – 52,1 Prozent. Weitere 70 Haushalte beziehungsweise 28,9 Prozent lebten hauptsächlich vom Tagelohn.

Das verändert das Bild des alten Sendenhorst:
Das Kirchspiel war stark landwirtschaftlich geprägt – die Stadt selbst war über Jahrhunderte in bemerkenswertem Umfang eine Handwerkerstadt.

Die Weber – Fabrikarbeiter vor der Fabrik

Das wichtigste Gewerbe war über lange Zeit die Leinenweberei. Sie verband die Landwirtschaft des Umlandes unmittelbar mit der Arbeit in der Stadt.

Auf den Feldern wurde Flachs angebaut. Nach mehreren arbeitsintensiven Verarbeitungsschritten entstanden Fasern und Garn. Gewebt wurde schließlich in zahlreichen Sendenhorster Häusern.

1698: 66 Weber
1804: 93 Webstühle in 64 Häusern
1832: 63 Weber
1863: noch 42 Weber

Zeitweise lebte im 18. Jahrhundert ungefähr jeder dritte Bürger von der Leinenweberei. Die Produktion fand nicht in einer Fabrik statt. Der Webstuhl stand im Haus. Trotzdem wurde längst für einen Markt produziert: einige Weber auf eigene Rechnung, andere gegen Lohn für Kaufleute.

Der Sendenhorster Weber war damit gewissermaßen ein Fabrikarbeiter vor der Fabrik: arbeitsteilig und marktorientiert, aber noch ohne Fabrikhalle.

Die erste Begegnung mit der Industrialisierung war eine Krise

Gerade die Weber bekamen früh die Schattenseite der Industrialisierung zu spüren. Nach den napoleonischen Kriegen gelangten wieder verstärkt preisgünstig produzierte Textilien auf die Märkte. Die traditionelle Heimweberei geriet unter Druck.

Für viele Familien bedeutete die industrielle Revolution deshalb zunächst nicht neue Fabrikarbeit, sondern den Verlust einer traditionellen Erwerbsgrundlage.

Die landwirtschaftliche Seite der Flachs- und Kulturlandschaft wird im Kapitel Äcker, Vieh & Kulturlandschaft weitergeführt.

Handwerker – und trotzdem Tagelöhner

Die große Zahl der Handwerker bedeutete keineswegs allgemeinen Wohlstand. Besonders deutlich wird das 1809. In einer statistischen Zusammenstellung erscheinen 235 Personen beziehungsweise rund 75 Prozent als reine Tagelöhner oder als Tagelöhner mit zusätzlichem Gewerbe.

Ein Mann konnte Weber, Schneider, Holzschuhmacher oder Schuhmacher sein und trotzdem zusätzliche Arbeit annehmen müssen. Die Grenze zwischen selbstständigem Meister, Gesellen, Heimarbeiter und Tagelöhner war fließend.

1806 – mit den Häusern verbrennen die Werkstätten

Der große Stadtbrand von 1806 war auch eine wirtschaftliche Katastrophe. Mit den Häusern verbrannten Werkstätten, Werkzeuge, Waren und Vorräte. Ein Handwerker konnte innerhalb weniger Stunden seine gesamte wirtschaftliche Existenz verlieren.

Gleichzeitig erzeugte der Wiederaufbau enorme Nachfrage nach Zimmerleuten, Maurern, Tischlern, Schmieden und anderen Bauhandwerkern.

1832: 3 Maurer und 4 Steinhauer
1863: 17 Maurer und 23 Steinhauer

1849 – die Handwerker bekommen Namen

Ein Meisterverzeichnis von 1849 macht aus den Statistiken konkrete Menschen.

Bäcker
Josef Panning, Theodor Wieler, Heinrich Wieler, Wilhelm Frie, Johannes Kalthoff und weitere.
Müller
Anton Horstmann, Hermann Bockholt, Josef Woestmann, Heinrich Buschkötter und weitere.
Schuhmacher & Gerber
Terwesten, Saerbeck, Spithöver, Jasper, Höne, Bücker, Hölscher und weitere.
Holzschuhmacher
Anton Feigler, Friedrich Düchting, Bernard Bruland, Anton Herte, Friedrich Selige, Gerhard Buschoff und weitere.

Bei den Metzgern erscheint unter anderem Elias Stern. Damit wird auch jüdisches Gewerbeleben als selbstverständlicher Bestandteil der damaligen Sendenhorster Wirtschaft sichtbar.

Dazu kamen Spezialberufe: Franz Mahle war Uhrmacher, Wilhelm Schulte Hutmacher, A. Lütkenhaus Seiler. Wilhelm Ahagen arbeitete als Glaser, Tapezierer, Vergolder und Anstreicher.

Vom Handwerk zur Maschine

Die Schmiede als Bindeglied

Eine besondere Stellung nahmen die Schmiede ein. 1698 wurden sieben Schmiede gezählt, 1809 wiederum sieben und 1832 erneut sieben.

Sie arbeiteten an der Schnittstelle nahezu aller Wirtschaftsbereiche. Bauern benötigten sie für Pferde, Wagen und Geräte; Handwerker benötigten Werkzeuge.

Ein anschauliches späteres Beispiel bietet die Schmiede Münstermann an der Weststraße. Aus der traditionellen Schmiede entwickelte sich ein landwirtschaftlicher Reparaturbetrieb, der schließlich aus der Innenstadt in das Industriegebiet verlegt wurde.

Schmiede → Reparaturwerkstatt → Landtechnik → moderner Gewerbebetrieb.

Verkehr wird zur Standortfrage

Nach 1815 verliefen wichtige Fernstraßen an Sendenhorst vorbei. Für Handel und Gewerbe wurde die Verkehrslage zunehmend zum Nachteil.

1850 finanzierte die Stadt deshalb eine Straßenverbindung zum Bahnhof Drensteinfurt. Seit 1875 entstanden weitere Chausseen zu den Nachbarorten.

Den entscheidenden Schritt brachte 1903 die Westfälische Landes-Eisenbahn. Kohle, Baustoffe, Maschinen, landwirtschaftliche Produkte und Fertigwaren konnten nun wesentlich leichter transportiert werden.

Weiter zur Geschichte der WLE – „Pängel-Anton“ →

Elektrizität bringt die Maschine in die Werkstatt

Das Elektrizitätswerk Wieler versorgte 1918 bereits 24 überwiegend handwerkliche Betriebe mit Kraftstrom. Nun konnten Elektromotoren Maschinen antreiben.

Industrialisierung bedeutete deshalb nicht nur neue Fabriken. Auch innerhalb der alten Werkstätten begann eine stille technische Revolution.

Zwei große Wirtschaftsthemen werden an anderer Stelle vertieft:

Kornbrennerei und Strontianitbergbau brachten im 19. Jahrhundert ebenfalls größere Betriebsformen, Lohnarbeit, Kapital und neue Technik nach Sendenhorst. Beide Themen besitzen jedoch eigene ausführliche Darstellungen.

Die erste Industrialisierungswelle

Etwa 1898–1930: Sendenhorst erlebt einen ersten industriellen Aufbruch. Rund 100 Industriearbeitsplätze entstehen – dauerhaft trägt diese erste Welle jedoch noch nicht.

1898 – Hermann Ramesohl bringt die Fabrik ans Osttor

Der Oelder Unternehmer Hermann Ramesohl errichtete 1898 einen Sendenhorster Zweigbetrieb seiner Zentrifugenfabrik.

Standort: vor dem Osttor
Beschäftigte: bis zu etwa 20
Produkte: Zentrifugen, Futter- und Rübenschneider, landwirtschaftliche Maschinen
Absatz: unter anderem Holland und Amerika

Bereits 1899 berichtete Bürgermeister Hetkamp von guten Geschäften. Eine sicher belegte heutige Hausnummer des Betriebes liegt bislang nicht vor.

Die erste bedeutende Sendenhorster Maschinenindustrie entstand ausgerechnet für den ältesten großen Wirtschaftszweig des Umlandes: die Landwirtschaft.

1910 – 80 Arbeiter und ein 58 Meter hoher Schornstein

Einen wesentlich größeren Schritt bedeuteten die Stanz- und Emaillierwerke Sendenhorst. Im April 1910 wurde der Grundstein gelegt.

Standort: Hoetmarer Straße, nördlich der WLE
Fläche: etwa 3 Hektar ehemaliger Pastoratsgrund
Beschäftigte: vor dem Ersten Weltkrieg durchschnittlich etwa 80
Wahrzeichen: Fabrikschornstein, 58 Meter hoch

Die Lage zeigt bereits ein neues Muster: große Flächen außerhalb des alten Stadtkerns und unmittelbare Nähe zur Eisenbahn.

1918 übernahmen die Oelder Emaillierwerke Raestrup & Krone den Betrieb. Die Produktion endete jedoch wenig später. Der große Schornstein blieb noch bis 1936 stehen.

1921 – Schrauben vom Osttor

1921 begann die Schraubenfabrik Alfred Voß & Co. mit zunächst acht Beschäftigten.

Standort: südlich der Straße nach Beckum, historisches Grundstück Osttor 376
Beginn: 1921
Ende: 1926

Die historische Grundstücksnummer sollte nicht ohne weiteren Nachweis mit einer heutigen Hausnummer gleichgesetzt werden.

Von der Brauerei zur Metallfabrik

In Räumen der früheren Brauerei Wieler entstand das Stanz- und Hammerwerk Alfes & Brückmann, später Nübell & Alfes Metallwarenfabrik.

An einem einzigen Standort lässt sich der technische Wandel geradezu ablesen:
Brauerei → Elektrizität → Metallindustrie.

Der erste Anlauf scheitert

Insgesamt entstanden während dieser ersten Industrialisierungswelle ungefähr 100 industrielle Arbeitsplätze. Für eine kleine Stadt war das beträchtlich.

Doch die Entwicklung blieb instabil. Die Weltwirtschaftskrise traf die jungen Betriebe schwer. Nach ungefähr drei Jahrzehnten war der erste Versuch einer dauerhaften Industrialisierung weitgehend beendet.

Sendenhorsts Industrialisierung verlief in Wellen:
erster Anlauf um 1900 → Krise → neuer Anlauf ab den 1930er-Jahren → dauerhafter Durchbruch nach 1945.

Maschinenbau – der zweite Anlauf

1936 – aus dem Meister wird Unternehmer

Eine direkte personelle Verbindung führt von der ersten in die zweite Industrialisierungsphase.

Karl Genschow hatte als Meister bei Ramesohl gearbeitet. Gemeinsam mit dem Kaufmann Konstantin Ledwig gründete er 1936 die Sendenhorster Maschinenfabrik GmbH.

Ramesohl → Meister Karl Genschow → eigene Maschinenfabrik.
Industrielles Wissen wurde von einem Betrieb zum nächsten weitergegeben.

Produziert wurden wiederum Maschinen und Geräte mit engem Bezug zur Landwirtschaft. 1947 beschäftigte sich sogar der Sendenhorster Stadtrat mit dem geplanten Ausbau einer Verzinkerei des Unternehmens.

Der genaue historische Fabrikstandort soll anhand von Stadtplan- und Hausstättenunterlagen noch betriebsscharf geklärt werden.

Industrie und Zwangsarbeit

Zur Geschichte der Maschinenfabrik gehört auch ihre Einbindung in die nationalsozialistische Kriegswirtschaft.

1942 wurden dem Betrieb zunächst zehn, später weitere sowjetische Zwangsarbeiterinnen zugewiesen. Nach den überlieferten Unterlagen mussten sie unter anderem Patronenhülsen herstellen.

Untergebracht wurden sie zeitweise in der Dünnewaldschen Fabrikhalle an der Ladestraße.

Forschungsstand Dünnewald: Name und Standort der Fabrikhalle sind belegt. Noch nicht ausreichend geklärt sind Produktionszweck, Unternehmensgeschichte und die genaue zeitliche Nutzung des Sendenhorster Betriebes.
Zur ausführlichen Geschichte von Nationalsozialismus und Zwangsarbeit →

Bütfering – Maschinen aus Sendenhorst für den Weltmarkt

Am 15. März 1946 gründeten die Brüder Franz und Anton Bütfering die Gebrüder Bütfering Maschinenfabrik.

Produziert wurden Holzbearbeitungsmaschinen, darunter Kettenfräsen, Spezialgehrungssägen und Furnierpressen. Später spezialisierte sich das Unternehmen insbesondere auf Breitbandschleifmaschinen.

Sendenhorster Werk: ab 1958
Standort: Alter Postweg
Lage: unmittelbar nördlich der Bahnstrecke Münster–Beckum
Absatz: später Maschinenexport in mehr als 100 Länder

Der Sendenhorster Handwerker des 18. Jahrhunderts produzierte vor allem für Stadt und Umland. Nun wurden Maschinen aus Sendenhorst auf dem Weltmarkt verkauft.

Kunststoff wird zur Leitindustrie

1962 – Irmgard und Günter Funke beginnen in der Garage

Die nächste industrielle Revolution begann ausgesprochen klein. Irmgard und Günter Funke gründeten 1962 in Sendenhorst einen Kunststoffbetrieb. Nach der Unternehmensüberlieferung begann die Produktion in der heimischen Garage.

Das entscheidende Produkt waren Kunststoffrohre für die Drainage. Bis dahin wurden landwirtschaftliche Flächen vielfach mit kurzen Tonrohren entwässert. Kunststoff ermöglichte lange und flexible Rohrsysteme.

Acker → Entwässerung → Drainage → Kunststoffrohr → Industrie.
Gründung: 1962
Gründer: Irmgard und Günter Funke
Standort: Osttor 84–88
Schwerpunkt: Kunststoffrohre, Drainage und Tiefbau

1967 kamen weitere Kunststoffprodukte und Maschinen hinzu. 1994 übernahmen die Söhne Hans-Günter und Norbert Funke die Unternehmensführung. Später wurde die Produktion nach Hamm-Uentrop verlagert.

1969 – Heinrich Laumann und acht Beschäftigte

Nur sieben Jahre nach Funke begann die zweite große Sendenhorster Kunststoffgeschichte.

Heinrich Laumann übernahm 1969 den kleinen Betrieb VEKAPLAST. Das Unternehmen beschäftigte damals etwa acht Menschen und stellte Rollläden und Bauprofile her.

Laumann setzte zunehmend auf Kunststoffprofile für Fenster. 1970 begann die entsprechende Profilproduktion.

Übernahme: 1969
Beschäftigte: etwa 8
Fensterprofile: ab 1970
neues Gelände: 1974 rund 115.000 m² an der Dieselstraße
heutiger Hauptsitz: Dieselstraße 8
VEKA brachte nicht erst den Kunststoff nach Sendenhorst.
Funke produzierte bereits seit 1962 Kunststoffrohre. Innerhalb weniger Jahre entstanden zwei unterschiedliche Schwerpunkte:

Funke → Rohre, Drainage und Tiefbau
VEKA → Fensterprofile und Bauwirtschaft

1970 – Sendenhorst ist zur Industriestadt geworden

Die Erwerbszahlen von 1970 machen den Strukturwandel messbar. Von insgesamt 2.295 Erwerbstätigen arbeiteten:

Land- und Forstwirtschaft
284 · 12,4 %
Produzierendes Gewerbe
1.028 · 44,8 %
Handel und Verkehr
301 · 13,1 %
Übrige Bereiche
682 · 29,7 %

Fast jeder zweite Erwerbstätige arbeitete inzwischen im produzierenden Gewerbe. Der jahrhundertelange Strukturwandel war damit statistisch deutlich sichtbar.

Wo wurde gearbeitet? – Industrie verändert den Stadtplan

Die Industrialisierung lässt sich in Sendenhorst nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich verfolgen.

Das alte Handwerk saß überwiegend im historischen Stadtkern. Werkstatt und Wohnhaus lagen häufig unmittelbar beieinander. Fabriken benötigten dagegen größere Grundstücke, Verkehrsanschlüsse und später eigene Gewerbe- und Industrieflächen.

1898
Ramesohl – vor dem Osttor
1910
Stanz- und Emaillierwerke – Hoetmarer Straße, nördlich der WLE
1921
Alfred Voß & Co. – Osttor 376, südlich der Beckumer Straße
1942
Dünnewaldsche Fabrikhalle – Ladestraße
ab 1958
Bütfering – Alter Postweg, an der Bahn
ab 1962
Funke – Osttor 84–88
ab 1974
VEKA – Dieselstraße / Industriegebiet
Auch auf dem Stadtplan wird der Strukturwandel sichtbar:
Werkstatt in der Innenstadt → Fabrik am Stadtrand → Betrieb an der Bahn → großflächiges Industriegebiet.

Das Handwerk verschwindet nicht

Trotz der neuen Fabriken verschwand das Handwerk keineswegs. Es veränderte sich.

Aus der Schmiede konnte ein Landmaschinen- oder Reparaturbetrieb werden. Tischler arbeiteten mit elektrisch betriebenen Maschinen. Maurer und Bauunternehmen verwendeten industriell produzierte Baustoffe. Installateure, Elektriker, Maler, Kfz-Betriebe und zahlreiche weitere Gewerke entwickelten sich.

Handwerk und Industrie lösten sich nicht einfach gegenseitig ab. Das Handwerk modernisierte sich parallel zur Industrie.

Die Menschen hinter dem Wandel

Wirtschaftsgeschichte besteht nicht nur aus Firmen und Statistiken. Einige Menschen verkörpern einzelne Stufen der Entwicklung besonders anschaulich.

Hermann Ramesohl
1898 · erste Fabrikindustrie

Zentrifugen und Landmaschinen werden industriell produziert und bereits international verkauft.

Karl Genschow & Konstantin Ledwig
1936 · Maschinenfabrik

Aus industrieller Erfahrung und kaufmännischem Unternehmertum entsteht ein neuer Sendenhorster Maschinenbaubetrieb.

Franz & Anton Bütfering
ab 1958 · Weltmarkt

Holzbearbeitungs- und Schleifmaschinen aus dem Sendenhorster Werk gehen schließlich in mehr als 100 Länder.

Irmgard & Günter Funke
1962 · Kunststoff

Aus kleinen Anfängen entsteht mit Kunststoff-Drainagerohren ein moderner Industriebetrieb.

Heinrich Laumann
1969 · VEKA

Aus einem Betrieb mit etwa acht Beschäftigten entwickelt sich ein international tätiges Unternehmen.

Die Handwerksmeister
17.–19. Jahrhundert

Weber, Schmiede, Bäcker, Schuhmacher, Tischler und viele andere bilden die wirtschaftliche Grundlage, auf der der spätere Wandel aufbaut.

Vom Holzschuh zum Kunststoffprofil

ZEITTAFEL · HANDWERK · GEWERBE · INDUSTRIE
1698
Rund 67,9 % der erfassten Erwerbstätigen gehören zum Handwerk; allein 66 Weber werden gezählt.
1749/50
126 von 242 männlichen Haushalten leben vom Handwerk; weitere 70 hauptsächlich vom Tagelohn.
1804
93 Webstühle stehen in 64 Sendenhorster Häusern.
1806
Der große Stadtbrand vernichtet neben Häusern zahlreiche Werkstätten und wirtschaftliche Existenzen.
1832
Noch 63 Weber; das Handwerk bleibt der wichtigste Erwerbsbereich.
1849
Ein Meisterverzeichnis macht zahlreiche Sendenhorster Handwerker namentlich greifbar.
1850
Straßenverbindung zum Bahnhof Drensteinfurt verbessert die Verkehrslage.
1863
42 Weber; zugleich 17 Maurer und 23 Steinhauer – die Berufsstruktur verändert sich.
1898
Hermann Ramesohl eröffnet vor dem Osttor einen industriellen Zweigbetrieb.
1903
Die WLE bindet Sendenhorst unmittelbar an das Eisenbahnnetz an.
1910
Stanz- und Emaillierwerke an der Hoetmarer Straße; rund 80 Beschäftigte.
1918
24 überwiegend handwerkliche Betriebe erhalten Kraftstrom.
1921
Alfred Voß & Co. produziert am Osttor Schrauben.
um 1930
Die erste Industrialisierungswelle bricht weitgehend zusammen.
1936
Karl Genschow und Konstantin Ledwig gründen die Sendenhorster Maschinenfabrik.
1946
Franz und Anton Bütfering gründen ihre Maschinenfabrik.
1958
Bütfering errichtet ein Werk am Alten Postweg in Sendenhorst.
1962
Irmgard und Günter Funke beginnen mit Kunststoff-Drainagerohren.
1969
Heinrich Laumann übernimmt VEKAPLAST mit etwa acht Beschäftigten.
1970
44,8 % der Erwerbstätigen arbeiten im produzierenden Gewerbe.
1974
VEKA erwirbt rund 115.000 m² an der Dieselstraße – großflächige Industrie prägt nun den Stadtrand.

Eine Industrialisierung auf Sendenhorster Art

Sendenhorst wurde nicht wie das Ruhrgebiet innerhalb weniger Jahrzehnte von Kohle, Stahl und riesigen Fabrikanlagen verändert. Die Entwicklung verlief kleinteiliger, später und in mehreren Anläufen.

Gerade deshalb ist sie interessant. Die moderne Industrie wuchs teilweise unmittelbar aus der alten Wirtschaftsstruktur heraus.

Die Landwirtschaft benötigte Schmiede – später benötigte sie Maschinen.
Aus handwerklicher Metallbearbeitung entwickelte sich Maschinenbau.
Die Landwirtschaft benötigte Entwässerung – Funke produzierte Kunststoffrohre.
Die Bauwirtschaft verlangte neue Werkstoffe – VEKA setzte auf Kunststoffprofile.
Die Eisenbahn erleichterte größere Warenströme.
Elektrizität brachte die Maschine in die Werkstatt.
So führt eine nachvollziehbare Linie durch mehr als 300 Jahre:

vom Weber zum Maschinenarbeiter,
vom Schmied zum Maschinenbauer,
vom Tonrohr zum Kunststoffrohr,
von der Werkstatt zur Fabrik,
von der Altstadt zum Industriegebiet,
vom lokalen Markt zum Weltmarkt.

Sendenhorst verlor dabei seine handwerklichen Wurzeln nicht – die moderne Wirtschaft baute in vieler Hinsicht auf ihnen auf.

Weiter durch die Wirtschaftsgeschichte

 

Quellen & weiterführende Hinweise

• Heimatverein Sendenhorst: Gewerbe- und Berufsstatistiken 1698, 1749/50, 1809, 1832 und 1863 sowie Meisterverzeichnis 1849.

• Heimatverein Sendenhorst: Wirtschaftsgeschichte, Chronik, Personendatenbank sowie Beiträge zur Sendenhorster Industriegeschichte.

• Stadt Sendenhorst: Stadtgeschichte und Kulturpfad „Ausgegraben – Leinen, Schnaps und Kunststoff“.

• Historische Angaben zu Ramesohl, Stanz- und Emaillierwerken, Alfred Voß & Co., Sendenhorster Maschinenfabrik und frühen Metallwarenbetrieben nach den ausgewerteten lokalen Quellen.

• Unternehmensgeschichtliche Angaben zu Bütfering, Funke und VEKA nach Unternehmens- und Fachquellen.

• Bei nicht abschließend geklärten Standorten – insbesondere Dünnewald und dem exakten Standort der Sendenhorster Maschinenfabrik – ist der jeweilige Forschungsstand im Text ausdrücklich kenntlich gemacht.

Kontakt

Heimatverein Sendenhorst e.V.
Weststraße 3

48324 Sendenhorst

Rufen Sie einfach an unter

+49 170.7372307
Kontaktformular.

Brauchtum im September im Münsterland
Alte Bräuche zwischen Sommer und Herbst.
🏮 Lambertus
17. September
Kinder zogen mit Lampions durch die Straßen und versammelten sich an geschmückten Lichtpyramiden. Dort wurde gesungen und gespielt. Um 1900 war der Brauch unter anderem in Münster, Altenberge, Greven, Coesfeld und Rheine verbreitet.
🌾 Michaelis
29. September
Michaelis markierte einen wichtigen Einschnitt im bäuerlichen Jahreslauf. Die Ernte sollte beendet sein und auf abgeernteten Flächen begann vielerorts die Hütefreiheit. Hirten erhielten ihren Lohn, teilweise wechselte auch das Gesinde den Dienstherrn.
🍎 Obsternte & Schlachtfest
In Sassenberg zogen Kinder singend von Haus zu Haus und baten um Obst. Aus Drensteinfurt ist zum Schlachtfest ein besonderer Apfelkranz-Brauch überliefert.
🌾 Stoppelhahn
Ende September / Anfang Oktober
So hieß im Münsterland vielfach das traditionelle Erntefest. Erntezeichen und das letzte Getreidefuder wurden zum Hof gebracht, anschließend wurde gemeinsam gefeiert.
Quelle: Dietmar Sauermann, Damals bei uns in Westfalen – Vom alten Brauch in Stadt und Land, Band 3.

Wetter

 

Antrag auf Mitgliedschaft im Heimatverein Sendenhorst e.V. für nur 1,- EUR / Monat

 
Druckversion | Sitemap
© Sendenhorst Heimatverein