Vom Webstuhl und Schmiedehammer zur Maschinen- und Kunststoffindustrie: Sendenhorst war lange vor der Industrialisierung keine reine Bauernstadt. Innerhalb der Stadtmauern lebten vor allem Handwerker, Weber, Händler und Tagelöhner. Aus dieser kleinteiligen Arbeitswelt entwickelte sich über mehr als drei Jahrhunderte ein moderner Gewerbe- und Industriestandort.
Die Entwicklung verlief nicht geradlinig: Handwerk → Heimarbeit → Gewerbe → erste Fabriken → Krise → Maschinenbau → Kunststoffindustrie → internationaler Industriestandort.
Wer an das alte Sendenhorst denkt, denkt schnell an Bauernhöfe, Äcker und Vieh. Für das landwirtschaftlich geprägte Kirchspiel ist dieses Bild durchaus richtig. Innerhalb der Stadtmauern sah die wirtschaftliche Wirklichkeit jedoch anders aus.
Bereits 1698 entfielen rund 67,9 Prozent der erfassten Erwerbstätigen auf das Handwerk. Unmittelbar betriebene Landwirtschaft spielte innerhalb der Stadt dagegen nur eine geringe Rolle.
Fast alles, was die Menschen zum Leben und Arbeiten benötigten, wurde vor Ort hergestellt, verarbeitet oder repariert. Der Schmied beschlug Pferde und reparierte Geräte. Stellmacher bauten Wagen und Räder, Böttcher Fässer, Tischler Möbel und Zimmerleute die Holzkonstruktionen der Häuser.
Auch 1749/50 blieb das Handwerk bestimmend. Von 242 männlichen Haushalten wurden 126 dem Handwerk zugerechnet – 52,1 Prozent. Weitere 70 Haushalte beziehungsweise 28,9 Prozent lebten hauptsächlich vom Tagelohn.
Das wichtigste Gewerbe war über lange Zeit die Leinenweberei. Sie verband die Landwirtschaft des Umlandes unmittelbar mit der Arbeit in der Stadt.
Auf den Feldern wurde Flachs angebaut. Nach mehreren arbeitsintensiven Verarbeitungsschritten entstanden Fasern und Garn. Gewebt wurde schließlich in zahlreichen Sendenhorster Häusern.
Zeitweise lebte im 18. Jahrhundert ungefähr jeder dritte Bürger von der Leinenweberei. Die Produktion fand nicht in einer Fabrik statt. Der Webstuhl stand im Haus. Trotzdem wurde längst für einen Markt produziert: einige Weber auf eigene Rechnung, andere gegen Lohn für Kaufleute.
Gerade die Weber bekamen früh die Schattenseite der Industrialisierung zu spüren. Nach den napoleonischen Kriegen gelangten wieder verstärkt preisgünstig produzierte Textilien auf die Märkte. Die traditionelle Heimweberei geriet unter Druck.
Für viele Familien bedeutete die industrielle Revolution deshalb zunächst nicht neue Fabrikarbeit, sondern den Verlust einer traditionellen Erwerbsgrundlage.
Die landwirtschaftliche Seite der Flachs- und Kulturlandschaft wird im Kapitel Äcker, Vieh & Kulturlandschaft weitergeführt.
Die große Zahl der Handwerker bedeutete keineswegs allgemeinen Wohlstand. Besonders deutlich wird das 1809. In einer statistischen Zusammenstellung erscheinen 235 Personen beziehungsweise rund 75 Prozent als reine Tagelöhner oder als Tagelöhner mit zusätzlichem Gewerbe.
Ein Mann konnte Weber, Schneider, Holzschuhmacher oder Schuhmacher sein und trotzdem zusätzliche Arbeit annehmen müssen. Die Grenze zwischen selbstständigem Meister, Gesellen, Heimarbeiter und Tagelöhner war fließend.
Der große Stadtbrand von 1806 war auch eine wirtschaftliche Katastrophe. Mit den Häusern verbrannten Werkstätten, Werkzeuge, Waren und Vorräte. Ein Handwerker konnte innerhalb weniger Stunden seine gesamte wirtschaftliche Existenz verlieren.
Gleichzeitig erzeugte der Wiederaufbau enorme Nachfrage nach Zimmerleuten, Maurern, Tischlern, Schmieden und anderen Bauhandwerkern.
Ein Meisterverzeichnis von 1849 macht aus den Statistiken konkrete Menschen.
Bei den Metzgern erscheint unter anderem Elias Stern. Damit wird auch jüdisches Gewerbeleben als selbstverständlicher Bestandteil der damaligen Sendenhorster Wirtschaft sichtbar.
Dazu kamen Spezialberufe: Franz Mahle war Uhrmacher, Wilhelm Schulte Hutmacher, A. Lütkenhaus Seiler. Wilhelm Ahagen arbeitete als Glaser, Tapezierer, Vergolder und Anstreicher.
Eine besondere Stellung nahmen die Schmiede ein. 1698 wurden sieben Schmiede gezählt, 1809 wiederum sieben und 1832 erneut sieben.
Sie arbeiteten an der Schnittstelle nahezu aller Wirtschaftsbereiche. Bauern benötigten sie für Pferde, Wagen und Geräte; Handwerker benötigten Werkzeuge.
Ein anschauliches späteres Beispiel bietet die Schmiede Münstermann an der Weststraße. Aus der traditionellen Schmiede entwickelte sich ein landwirtschaftlicher Reparaturbetrieb, der schließlich aus der Innenstadt in das Industriegebiet verlegt wurde.
Nach 1815 verliefen wichtige Fernstraßen an Sendenhorst vorbei. Für Handel und Gewerbe wurde die Verkehrslage zunehmend zum Nachteil.
1850 finanzierte die Stadt deshalb eine Straßenverbindung zum Bahnhof Drensteinfurt. Seit 1875 entstanden weitere Chausseen zu den Nachbarorten.
Den entscheidenden Schritt brachte 1903 die Westfälische Landes-Eisenbahn. Kohle, Baustoffe, Maschinen, landwirtschaftliche Produkte und Fertigwaren konnten nun wesentlich leichter transportiert werden.
Weiter zur Geschichte der WLE – „Pängel-Anton“ →Das Elektrizitätswerk Wieler versorgte 1918 bereits 24 überwiegend handwerkliche Betriebe mit Kraftstrom. Nun konnten Elektromotoren Maschinen antreiben.
Industrialisierung bedeutete deshalb nicht nur neue Fabriken. Auch innerhalb der alten Werkstätten begann eine stille technische Revolution.
Kornbrennerei und Strontianitbergbau brachten im 19. Jahrhundert ebenfalls größere Betriebsformen, Lohnarbeit, Kapital und neue Technik nach Sendenhorst. Beide Themen besitzen jedoch eigene ausführliche Darstellungen.
Der Oelder Unternehmer Hermann Ramesohl errichtete 1898 einen Sendenhorster Zweigbetrieb seiner Zentrifugenfabrik.
Bereits 1899 berichtete Bürgermeister Hetkamp von guten Geschäften. Eine sicher belegte heutige Hausnummer des Betriebes liegt bislang nicht vor.
Einen wesentlich größeren Schritt bedeuteten die Stanz- und Emaillierwerke Sendenhorst. Im April 1910 wurde der Grundstein gelegt.
Die Lage zeigt bereits ein neues Muster: große Flächen außerhalb des alten Stadtkerns und unmittelbare Nähe zur Eisenbahn.
1918 übernahmen die Oelder Emaillierwerke Raestrup & Krone den Betrieb. Die Produktion endete jedoch wenig später. Der große Schornstein blieb noch bis 1936 stehen.
1921 begann die Schraubenfabrik Alfred Voß & Co. mit zunächst acht Beschäftigten.
Die historische Grundstücksnummer sollte nicht ohne weiteren Nachweis mit einer heutigen Hausnummer gleichgesetzt werden.
In Räumen der früheren Brauerei Wieler entstand das Stanz- und Hammerwerk Alfes & Brückmann, später Nübell & Alfes Metallwarenfabrik.
Insgesamt entstanden während dieser ersten Industrialisierungswelle ungefähr 100 industrielle Arbeitsplätze. Für eine kleine Stadt war das beträchtlich.
Doch die Entwicklung blieb instabil. Die Weltwirtschaftskrise traf die jungen Betriebe schwer. Nach ungefähr drei Jahrzehnten war der erste Versuch einer dauerhaften Industrialisierung weitgehend beendet.
Eine direkte personelle Verbindung führt von der ersten in die zweite Industrialisierungsphase.
Karl Genschow hatte als Meister bei Ramesohl gearbeitet. Gemeinsam mit dem Kaufmann Konstantin Ledwig gründete er 1936 die Sendenhorster Maschinenfabrik GmbH.
Produziert wurden wiederum Maschinen und Geräte mit engem Bezug zur Landwirtschaft. 1947 beschäftigte sich sogar der Sendenhorster Stadtrat mit dem geplanten Ausbau einer Verzinkerei des Unternehmens.
Der genaue historische Fabrikstandort soll anhand von Stadtplan- und Hausstättenunterlagen noch betriebsscharf geklärt werden.
Zur Geschichte der Maschinenfabrik gehört auch ihre Einbindung in die nationalsozialistische Kriegswirtschaft.
1942 wurden dem Betrieb zunächst zehn, später weitere sowjetische Zwangsarbeiterinnen zugewiesen. Nach den überlieferten Unterlagen mussten sie unter anderem Patronenhülsen herstellen.
Untergebracht wurden sie zeitweise in der Dünnewaldschen Fabrikhalle an der Ladestraße.
Am 15. März 1946 gründeten die Brüder Franz und Anton Bütfering die Gebrüder Bütfering Maschinenfabrik.
Produziert wurden Holzbearbeitungsmaschinen, darunter Kettenfräsen, Spezialgehrungssägen und Furnierpressen. Später spezialisierte sich das Unternehmen insbesondere auf Breitbandschleifmaschinen.
Der Sendenhorster Handwerker des 18. Jahrhunderts produzierte vor allem für Stadt und Umland. Nun wurden Maschinen aus Sendenhorst auf dem Weltmarkt verkauft.
Die nächste industrielle Revolution begann ausgesprochen klein. Irmgard und Günter Funke gründeten 1962 in Sendenhorst einen Kunststoffbetrieb. Nach der Unternehmensüberlieferung begann die Produktion in der heimischen Garage.
Das entscheidende Produkt waren Kunststoffrohre für die Drainage. Bis dahin wurden landwirtschaftliche Flächen vielfach mit kurzen Tonrohren entwässert. Kunststoff ermöglichte lange und flexible Rohrsysteme.
1967 kamen weitere Kunststoffprodukte und Maschinen hinzu. 1994 übernahmen die Söhne Hans-Günter und Norbert Funke die Unternehmensführung. Später wurde die Produktion nach Hamm-Uentrop verlagert.
Nur sieben Jahre nach Funke begann die zweite große Sendenhorster Kunststoffgeschichte.
Heinrich Laumann übernahm 1969 den kleinen Betrieb VEKAPLAST. Das Unternehmen beschäftigte damals etwa acht Menschen und stellte Rollläden und Bauprofile her.
Laumann setzte zunehmend auf Kunststoffprofile für Fenster. 1970 begann die entsprechende Profilproduktion.
Die Erwerbszahlen von 1970 machen den Strukturwandel messbar. Von insgesamt 2.295 Erwerbstätigen arbeiteten:
Fast jeder zweite Erwerbstätige arbeitete inzwischen im produzierenden Gewerbe. Der jahrhundertelange Strukturwandel war damit statistisch deutlich sichtbar.
Die Industrialisierung lässt sich in Sendenhorst nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich verfolgen.
Das alte Handwerk saß überwiegend im historischen Stadtkern. Werkstatt und Wohnhaus lagen häufig unmittelbar beieinander. Fabriken benötigten dagegen größere Grundstücke, Verkehrsanschlüsse und später eigene Gewerbe- und Industrieflächen.
Trotz der neuen Fabriken verschwand das Handwerk keineswegs. Es veränderte sich.
Aus der Schmiede konnte ein Landmaschinen- oder Reparaturbetrieb werden. Tischler arbeiteten mit elektrisch betriebenen Maschinen. Maurer und Bauunternehmen verwendeten industriell produzierte Baustoffe. Installateure, Elektriker, Maler, Kfz-Betriebe und zahlreiche weitere Gewerke entwickelten sich.
Wirtschaftsgeschichte besteht nicht nur aus Firmen und Statistiken. Einige Menschen verkörpern einzelne Stufen der Entwicklung besonders anschaulich.
Zentrifugen und Landmaschinen werden industriell produziert und bereits international verkauft.
Aus industrieller Erfahrung und kaufmännischem Unternehmertum entsteht ein neuer Sendenhorster Maschinenbaubetrieb.
Holzbearbeitungs- und Schleifmaschinen aus dem Sendenhorster Werk gehen schließlich in mehr als 100 Länder.
Aus kleinen Anfängen entsteht mit Kunststoff-Drainagerohren ein moderner Industriebetrieb.
Aus einem Betrieb mit etwa acht Beschäftigten entwickelt sich ein international tätiges Unternehmen.
Weber, Schmiede, Bäcker, Schuhmacher, Tischler und viele andere bilden die wirtschaftliche Grundlage, auf der der spätere Wandel aufbaut.
Sendenhorst wurde nicht wie das Ruhrgebiet innerhalb weniger Jahrzehnte von Kohle, Stahl und riesigen Fabrikanlagen verändert. Die Entwicklung verlief kleinteiliger, später und in mehreren Anläufen.
Gerade deshalb ist sie interessant. Die moderne Industrie wuchs teilweise unmittelbar aus der alten Wirtschaftsstruktur heraus.
• Heimatverein Sendenhorst: Gewerbe- und Berufsstatistiken 1698, 1749/50, 1809, 1832 und 1863 sowie Meisterverzeichnis 1849.
• Heimatverein Sendenhorst: Wirtschaftsgeschichte, Chronik, Personendatenbank sowie Beiträge zur Sendenhorster Industriegeschichte.
• Stadt Sendenhorst: Stadtgeschichte und Kulturpfad „Ausgegraben – Leinen, Schnaps und Kunststoff“.
• Historische Angaben zu Ramesohl, Stanz- und Emaillierwerken, Alfred Voß & Co., Sendenhorster Maschinenfabrik und frühen Metallwarenbetrieben nach den ausgewerteten lokalen Quellen.
• Unternehmensgeschichtliche Angaben zu Bütfering, Funke und VEKA nach Unternehmens- und Fachquellen.
• Bei nicht abschließend geklärten Standorten – insbesondere Dünnewald und dem exakten Standort der Sendenhorster Maschinenfabrik – ist der jeweilige Forschungsstand im Text ausdrücklich kenntlich gemacht.