Wie man früher wohnte, arbeitete, aß, wusch, spielte und feierte
Wasser kam aus der Pumpe, das Badewasser wurde auf dem Herd erhitzt, die Wäsche auf dem Waschbrett geschrubbt und Lebensmittel wurden in mitgebrachte Töpfe und Flaschen gefüllt. Kinder gingen zur Schule, halfen anschließend im Stall oder Garten und spielten danach auf Straßen, Wiesen und Höfen. Auf dem Land begann der Arbeitstag mitunter schon um vier Uhr morgens. Dieser Alltag liegt noch gar nicht so lange zurück – und vieles davon ist für Sendenhorst erstaunlich genau überliefert.
Für einen Hof im Kirchspiel ist der Tagesablauf ungewöhnlich genau überliefert. Er zeigt, wie eng der Alltag von Menschen und Tieren miteinander verbunden war.
Am Nachmittag ging es wieder hinaus. Zur Vesper wurden Marmeladenbrote und Roggenkaffee aufs Feld gebracht. Abends gab es häufig aufgewärmtes Mittagessen, Schwarzbrot und Speck, gelegentlich Mehlpfannkuchen. Danach warteten nochmals die Tiere und der Schweinetopf für den nächsten Tag.
Im Sommer wurde die Abendzeit gern auf einer Bank vor dem Haus verbracht, im Winter am Herdfeuer. Frauen flickten oder handarbeiteten, Männer erledigten kleine Reparaturen oder rauchten eine Pfeife. Es wurde erzählt und gesungen. Spätestens gegen 21 Uhr erlosch das letzte Licht.
Wohnen und Arbeiten waren viel weniger voneinander getrennt als heute. In einfachen Häusern gelangte man durch die Haustür unmittelbar in die Küche. Der Herd nahm einen zentralen Platz ein. Über eine Holzstiege ging es zur „Opkamer“, den Schlafräumen der Kinder. Eine „beste Stube“ wurde vielfach nur an Sonn- oder Feiertagen benutzt.
Hinter dem Wohnteil lagen häufig kleine Stallungen für Schweine, Ziegen oder Kaninchen. Dazu gehörte ein Garten. Die Grenzen zwischen Wohnhaus, Selbstversorgung und kleiner Landwirtschaft waren fließend.
Im Winter: Warm war oft nur ein Raum. Um einen Dauerbrandofen versammelte sich die Familie; Schlafzimmer und Flure konnten dagegen empfindlich kalt bleiben.
Im außergewöhnlich kalten Winter 1929 wurden in einem Sendenhorster Haushalt sogar die Betten ins beheizbare Wohnzimmer gestellt. Morgens fand die Körperpflege gern in der durch den Küchenherd wenigstens etwas erwärmten Küche statt.
Bevor die zentrale Wasserversorgung kam, wurde das Wasser aus Brunnen und Hauspumpen geholt. In einem Haus stand die Pumpe drei Stufen tiefer in der Spülküche. Im Winter 1929 fror die Brunnenleitung ein. Erst heißes Wasser brachte die Pumpe wieder zum „Snörcheln“.
Wasserspültoiletten waren noch keineswegs selbstverständlich. Das Plumpsklo lag häufig im Stallbereich oder unmittelbar über einer Jauchegrube. Mancherorts gab es sogar eine kleinere Kinderversion.
„Bennard, du mut den Tuarm umstoaten!“
So war das hier. Unter der Öffnung des Plumpsklos baute sich in der Jauchegrube mit der Zeit ein regelrechter „Tuarm“ auf. Wurde der zu hoch, musste er umgestoßen werden, damit wieder Platz entstand.
Die Gruben mussten anschließend entleert werden. Ihr Inhalt wurde unter anderem in Gärten ausgebracht. Es gab Menschen, die ihren Lebensunterhalt teilweise mit genau diesen Arbeiten verdienten.
Baden war mit Vorbereitung verbunden. Wasser musste auf dem Herd erhitzt, in eine Sitzbadewanne getragen und anschließend mit kaltem Wasser auf die richtige Temperatur gebracht werden. Ein eigenes Badezimmer war noch keineswegs selbstverständlich.
Das Badewasser wurde nicht nach jeder Person vollständig erneuert. Später erleichterte ein mit Briketts beheizter Waschkessel die Sache. Daneben konnte eine größere Zinkwanne stehen, in der man sich erstmals richtig ausstrecken konnte.
In einem Haushalt wurde nur etwa alle acht Wochen große Wäsche gemacht. Reisig wurde klein geschlagen, der Waschkessel angeheizt, die Kochwäsche mit einem „Persilknüppel“ bewegt und anschließend auf dem Waschbrett in Lauge gerieben.
Noch um 1930 brachten viele Familien die feuchte Wäsche zur Nordenbleiche. Dort kniete man auf Brettern, spülte Hemden, Laken, Hosen sowie Tisch- und Bettwäsche nochmals aus und legte alles auf der Wiese zum Bleichen und Trocknen aus.
Danach wurde gebügelt. Die schweren Bügeleisen erhitzte man auf dem Küchenherd. Herrenhemden besaßen häufig separate Kragen; besonders die gesteifte Hemdenbrust musste sorgfältig und faltenfrei sein.
Selbstversorgung bestimmte einen großen Teil des Speiseplans. Im Bauerngarten wuchsen Gemüse, Blumen und Heilkräuter. Dicke Bohnen mit Speck, Sauerkraut und andere Eintöpfe waren typische Alltagsgerichte.
Einmal wöchentlich wurde auf einem überlieferten Hof im großen Steinbackofen Brot gebacken. Gleichzeitig entstanden Knabbeln. Im Herbst wurden Pflaumen und Birnen für den Winter getrocknet.
Kohl wurde mit einer speziellen Schabe fein geschnitten, mit Salz in einen Holzbottich geschichtet und anschließend festgestampft – nach einer Erinnerung sogar mit sauberen Holzschuhen. Nach der Gärung entstand Suer-Moos, das Sauerkraut, das im Keller den Winter über als Vorrat bereitstand.
Auf einem gut dokumentierten Hof wurden jährlich vier Schweine für den Eigenbedarf geschlachtet. Aus Blut, Roggenschrot, Speck und weiteren Bestandteilen entstand Wurstebrot. Nach dem Schlachten freute man sich besonders auf das frisch gebratene Wurstebrot aus der großen Pfanne über dem Herdfeuer.
Lebensmittel wurden häufig nicht fertig verpackt gekauft. Für Senf nahm man ein Töpfchen mit, für Maggi eine Flasche. Zucker, Grieß, Sago oder Mehl lagen lose in Schubladen und wurden beim Verkauf abgewogen.
Auch Eier wurden anders transportiert: Eine mitgebrachte Tasche konnte mit Häcksel ausgepolstert werden. Zu Hause wurde das Häcksel aufgehoben und beim nächsten Einkauf wieder benutzt.
Eine geregelte Müllabfuhr gab es zunächst nicht. Nicht mehr benötigte Dinge kamen zur Grainkuhle. Küchen- und Gartenabfälle wurden jedoch meist auf dem eigenen Grundstück verwertet. Tüten, Flaschen und Behälter wurden aufgehoben und mehrfach benutzt.
Wegwerfen war verpönt – sparen und bewahren war normal.
Arbeit und Privatleben waren kaum voneinander getrennt. Auf Bauernhöfen bestimmten Jahreszeit, Wetter und Tiere den Tagesablauf. Mistfahren, Pflügen, Eggen, Säen, Hacken, Heuen und Ernten folgten aufeinander.
Bei der Getreideernte wurde zunächst mit der Sense „losgeschnitten“, anschließend mit pferdegezogenen Maschinen gemäht. Auch größere Kinder halfen beim Garbenbinden und Aufstellen.
Im Winter verlagerte sich die Arbeit. Holz wurde aus den Wallhecken geschlagen und zu Brennholz und Buschen, also gebündeltem Reisig, verarbeitet. Ein einzelner größerer Hof benötigte jährlich ungefähr 1.000 Buschen für Herd, Backofen und Schweinetopf.
Ein altes Sendenhorster Handwerkerinterview erzählt von einer Sattlerei. Dort entstanden Matratzen sowie Kutsch- und Zweispännergeschirre. Der Beruf hatte also längst nicht nur mit Reitsätteln zu tun.
Andere Arbeiten erscheinen heute fast museal: Eine transportable Kreissäge wurde von einem alten Dieselmotor angetrieben, der auf einem Holzkarren montiert war. Zum nächsten Arbeitsplatz zog ein Pferd die ganze Maschine.
Für den Warentransport nach Münster wurden große Planwagen mit zwei Pferden eingesetzt. Der Tag begann teilweise bereits gegen drei Uhr morgens. Rund vier Stunden dauerte die Fahrt. Danach mussten Waren geladen, nach Sendenhorst gebracht und an die einzelnen Besteller verteilt werden.
Kindheit bedeutete keineswegs nur Schule und Freizeit. Kinder holten Grünfutter, hackten Holz, fütterten Tiere, kochten Schweinefutter und halfen beim Melken oder bei der Ernte.
„Erst die Arbeit, dann das Spiel.“
Diese Haltung prägte viele Familien. Ein beginnendes Kinderschützenfest konnte durchaus unterbrochen werden, weil am späten Nachmittag noch Kühe gemolken werden mussten.
Im Winter begann der Schulweg oft vor Tagesanbruch. Die Straßenbeleuchtung war lückenhaft. Erst Richtung Stadtmitte standen die Laternen dichter.
In einer ersten Klasse saßen mehr als vierzig Kinder. In der Pause strömten sie zum Schulhof, aßen ihre Butterbrote und tranken an der Pumpe. Viele Kinder trugen noch Holzschuhe. Stoff- oder selbstgelegte Stroheinlagen sollten die Füße im Winter warmhalten.
Körperliche Strafen in der Schule waren gesellschaftlich akzeptiert. Stockschläge auf die ausgestreckten Fingerspitzen werden ebenso erinnert wie eine grundsätzlich stärkere Erwartung von Gehorsam.
Gespielt wurde dort, wo Platz war: auf Straßen, Höfen, Wiesen, an Wallhecken, auf Sägewerksgeländen oder zwischen Erntewagen.
Knickern, Kreisel, Drachensteigen, Fußball und selbstgebaute Spielsachen folgten oft einem jahreszeitlichen Rhythmus. Rund vierzig Knicker kosteten etwa zehn Pfennig – genug Geld, dass die Kugeln selbstverständlich bis zum nächsten Jahr aufgehoben wurden.
Zum Fußball brauchte es keinen Sportplatz. Zwei Steine konnten die Torpfosten ersetzen. Und selbst die Grainkuhle, eigentlich eine Müll- und Schuttablage, wurde zum Abenteuerspielplatz.
In Zeiten der Bewirtschaftung war Versorgung zusätzlich organisiert. Eine Erinnerung aus dem Ersten Weltkrieg schildert einen Schuljungen, der täglich mit einem Handwagen zu verschiedenen Bauern geschickt wurde, um Eier abzuholen.
Die Ausgabe erfolgte anschließend gegen Marken. Diese Marken mussten gesammelt und auf vorgedruckte Bögen geklebt werden.
Die Inflationszeit blieb als besonders harte Phase in Erinnerung: Waren waren knapp, Geld verlor an Wert und Handwerker mussten teilweise lange auf ihre Bezahlung warten.
Der Umgang mit Verletzungen war oft erheblich pragmatischer als heute. Ein Hundebiss konnte zu Hause mit Salbe und Pflaster versorgt werden. Nach schweren Arbeitsverletzungen wurde die Hand notdürftig verbunden und der Weg zum Arzt anschließend zu Fuß zurückgelegt.
Auch Schwangerschaft und Geburt gehörten zu den Themen, über die mit Kindern kaum gesprochen wurde. Geschlechtliche Aufklärung war in vielen Familien praktisch nicht vorhanden.
Zeitung und Radio waren längst nicht in jedem Haushalt vorhanden. Der Gemeindeausrufer fuhr deshalb mit Fahrrad und Glocke durch den Ort. An festgelegten Stellen wurden Bekanntmachungen verlesen.
Verkündet wurden beispielsweise Viehverkäufe, Fußballspiele, Filmveranstaltungen oder Sonderfahrten der Eisenbahn. Todesfälle wurden teilweise noch persönlich von Haus zu Haus angesagt.
Frühe Radios waren keine Geräte, die man einfach einschaltete. Für einen Detektorempfänger wurde sogar eine mehr als hundert Meter lange Antenne gespannt. Trotzdem blieb der Empfang schwach und erforderte Geduld und Geschick.
Viele Jungen bekamen die Haare zu Hause mit einer Handmaschine geschnitten – häufig ausgesprochen kurz. Beim Friseur dagegen wurde nicht nur geschnitten: Der Laden war zugleich Treffpunkt und Nachrichtenbörse.
Für Damenfrisuren spielte um 1930 die Brennschere noch eine wichtige Rolle. Mode wurde genau beobachtet – und konnte im kleinen Ort durchaus Anlass für Gespräche und Kommentare geben.
Kleidung wurde gepflegt, ausgebessert und möglichst lange getragen. Ein Sonntagsanzug war eben genau das: Kleidung für Sonntag und besondere Anlässe.
Auf dem Land wurde die Sonntagsruhe streng eingehalten. Nur das Vieh musste selbstverständlich auch sonntags versorgt werden.
Mit dem besten Pferd vor dem Kutschwagen, im Sonntagsgeschirr und im „Sonntagsstaat“ ging es zur Kirche. Danach trafen sich Männer am Stammtisch, tranken einen Klaren und aßen Töttchen. Frauen nutzten die Gelegenheit auch zum Gespräch und zum Einkauf notwendiger Haushaltswaren und Textilien.
Erntearbeiten am Sonntag waren nur ausnahmsweise vorgesehen. Drohte schlechtes Wetter, konnte die Arbeit auf dem Feld ausdrücklich erlaubt werden.
Auch an Werktagen gehörte die Gastwirtschaft zum sozialen Leben. Manche nannten die Zeit zwischen 17 und 18 Uhr die „wohlschmeckende Stunde“. Bier oder Korn, Gespräche, Neuigkeiten und Dönekkes gehörten zusammen.
Der Alltag war arbeitsreich – gerade deshalb waren Feste wichtig. Bei der Kirmes mussten Kinder oft mit ungefähr einer Mark auskommen. Pferde bewegten noch Karussells, Jahrmarktorgeln spielten und Steilwandfahrer sorgten für Sensationen.
Lambertus war ein großes Kinderfest. Eine geschmückte Pyramide stand auf dem Marktplatz, Musik spielte, und Hunderte Kinder zogen singend zum Festplatz.
Auf den Höfen war das Einbringen des letzten Erntewagens ein besonderes Ereignis: Harkemai. Gemeinsam ging es jubelnd zur Scheune, der Erntekranz wurde aufgehängt und später Erntedank gefeiert.
Die Einführung dieser Technik erfolgte nicht auf einen Schlag. Noch 1918 war das Stromnetz begrenzt und die Erzeugungskapazität knapp. Elektrisches Licht bedeutete zunächst keineswegs, dass gleichzeitig jeder Haushalt voller elektrischer Geräte stand.
Der Bau der zentralen Wasserversorgung war ein großer Einschnitt. In wenigen Monaten entstand ein Leitungsnetz vom Wasserwerk durch die Stadt. Der Wasserturm diente als Hochreservoir.
Bemerkenswert: Noch um 1950 besaß ein großer Teil der Bevölkerung kein eigenes Badezimmer. Deshalb wurden im unteren Bereich des Wasserturms öffentliche Brause- und Wannenbäder eingerichtet.
Damit begann langsam der Übergang zu einem Alltag, den wir heute als selbstverständlich empfinden: Wasserhahn statt Pumpe, Badezimmer statt Zinkwanne, Waschmaschine statt Waschbrett und Zentralheizung statt des einen warmen Ofens.
Vieles musste man selbst machen
Wasser pumpen, Kohle nachlegen, Feuer machen, den Tuarm umstoaten, Badewasser erhitzen, Wäsche kochen, Suer-Moos stampfen, Brot backen, Senf nachfüllen lassen, Holz hacken, Tiere versorgen, zu Fuß zur Schule gehen, draußen spielen und auf der Straße hören, was es Neues gab: Der Alltag war körperlich anstrengender und technisch einfacher. Gleichzeitig lagen Familie, Arbeit, Nachbarschaft, Versorgung und Freizeit viel dichter beieinander als heute.
„Senhorst – Ostport“ – umfangreiche Zeitzeugenerinnerungen an Kindheit und Alltag der 1920er- und 1930er-Jahre.
StadtLand: „Landwirtschaft im alten Sendenhorst“ – insbesondere der Tagesablauf auf dem Hof Borgmann gt. Brüser um 1930.
„Erinnerungen an das alte Sendenhorst“ – historisches Handwerkerinterview aus dem Heimatarchiv.
Heimatarchiv / Gewerbe- und Stadtakten – Elektrifizierung, Wasserversorgung, Handwerk und Versorgung.
Mündliche Familienüberlieferung – darunter die Erinnerung an das Plumpsklo: „Bennard, du mut den Tuarm umstoaten!“