Sendenhorst gilt als flach. Das stimmt – und stimmt zugleich überhaupt nicht. Wer genauer hinsieht, entdeckt zwischen Äckern und Straßen kleine Höhenrücken, Geländekanten und Senken. Manche tragen seit Jahrhunderten Namen: Schafberg, Weißer Berg, Mühlenberg, Elmster Berg, Mittelsberg, Geist, Bült, Brock oder Kuhle.
Allein im Sendenhorster Gebiet liegen zwischen dem niedrigsten Punkt bei Feldmann mit 56,5 m und dem höchsten Punkt auf dem Schafberg mit 81,8 m immerhin 25,3 Höhenmeter. Die Ortslage Sendenhorst wird mit durchschnittlich 68,2 m über NN angegeben.
Unter der Stadt liegt zugleich eine geologische Besonderheit: Ein eiszeitlicher Sand- und Kieskörper zieht sich als Teil des Münsterländer Kiessandzuges durch Sendenhorst. Er beeinflusste Böden, Wasserhaushalt, Rohstoffgewinnung und wahrscheinlich auch die Wahl früher Siedlungs- und Hofplätze. Sendenhorsts Landschaft ist deshalb nicht nur Kulisse seiner Geschichte – sie gehört zu ihren Voraussetzungen.
Sendenhorst in Höhen
Höhenwerte schematisch dargestellt; die Abstände der Orte entsprechen nicht ihrer geografischen Entfernung.
Sendenhorst liegt in einer Landschaft geringer, aber durchaus bedeutender Höhenunterschiede. Für das Sendenhorster Gebiet nennt die Stadt eine mittlere Höhe von 68,2 m über NN. Der höchste Punkt ist der Schafberg mit 81,8 m, der niedrigste Punkt liegt bei Feldmann mit 56,5 m. Zwischen beiden liegen 25,3 Höhenmeter.
In einer Mittelgebirgslandschaft wäre das kaum bemerkenswert. Im Münsterland konnten jedoch bereits wenige Meter darüber entscheiden, ob ein Standort trocken oder vernässt war, ob ein Weg ganzjährig benutzt werden konnte und ob sich eine Fläche eher für Acker, Wiese oder Hofstelle eignete.
Der Schafberg ist mit 81,8 m die höchste amtlich ausgewiesene Erhebung Sendenhorsts. Er liegt südlich der Stadt in der Bauerschaft Jönsthövel, bei Silling, nahe dem Ahlener Damm.
Die Erhebung ist im Gelände nicht mit einem klassischen Berg zu vergleichen. Entscheidend ist ihre relative Höhe gegenüber der flachen Umgebung.
Nur ungefähr einen Kilometer entfernt liegt auf der anderen Seite des Ahlener Damms der Weiße Berg in der Bauerschaft Bracht. Für ihn wird eine Höhe von 78,3 m genannt.
Historisch begegnen in diesem Raum außerdem die Bezeichnungen Wittenberg und „Witte Poahl“. Zusammen mit Härderfeld und Steinkühlerfeld ergibt sich hier eine ganze historische Höhen- und Flurnamenlandschaft.
Der Mühlenberg gehört mit ungefähr 70 m zu den höchsten Stellen innerhalb der Kernstadt. Die erhöhte und freie Lage bot günstige Voraussetzungen für die Windmühle. Gleichzeitig wurde in diesem Bereich Sand gewonnen – daher begegnet auch die Bezeichnung Mühlenkuhle.
Nördlich Sendenhorsts Richtung Alverskirchen liegt der Elmster Berg, ehemals Elmenhorster Berg. Im heutigen Gelände ist er nur schwer als „Berg“ zu erkennen. Gerade das zeigt, wie genau frühere Generationen selbst geringe Reliefunterschiede wahrnahmen.
Auch Mittelsberg beziehungsweise Mittelberg erscheint in alten Wege- und Hofbeschreibungen. Eine Beschreibung von 1792 führt einen Weg durch das Steinkühler Feld über Sillings Holtkamp und Kuhkamp in Richtung Mittelsberg. Solche historischen Geländenamen können Erhebungen bewahren, die auf modernen Karten längst namenlos geworden sind.
Eine der wichtigsten geologischen Strukturen des Münsterlandes verläuft durch Sendenhorst: der Münsterländer Kiessandzug.
Seine Entstehung hängt mit der Saale-Kaltzeit vor mehr als 150.000 Jahren zusammen. Schmelzwässer transportierten große Mengen Sand, Kies und Gestein und lagerten sie in einem langgestreckten System ab.
Der Zug lässt sich über ungefähr 80 Kilometer verfolgen und erreicht stellenweise etwa einen Kilometer Breite. Er besteht nicht nur aus oberflächlichem Sand, sondern aus einem teilweise mächtigen Körper aus Sanden und Kiesen.
Geologisch wichtig ist die Unterscheidung zwischen dem heute sichtbaren Geländerücken und der unterirdischen eiszeitlichen Rinne. Beide müssen nicht überall exakt übereinanderliegen. Der Kiessandzug ist daher zugleich Geländeform, Sedimentkörper und bedeutender Grundwasserleiter.
Besonders spannend wird der Kiessandzug innerhalb der Kernstadt. Der Sand liegt nicht irgendwo draußen in der Feldflur. Historische Sandgruben, Flurnamen und Geländeformen zeigen einen Sandstreifen, der sich durch Sendenhorst verfolgen lässt.
Besonders deutlich ist der Zusammenhang in der Hardt. Historische Berichte beschreiben dort einen langgestreckten Sandrücken, der auf die Stadt zuläuft. Durch den Sandabbau entstanden zahlreiche Gruben.
Weitere Sandkuhlen bestanden im Bereich des Mühlenberges und nördlich des Mühlenweges zwischen Spithöverstraße und Auf der Geist. Auch der Flurname Geist ist bemerkenswert: Er bezeichnet häufig höheres, sandiges und trockeneres Gelände.
Der historische Mittelpunkt Sendenhorsts liegt ebenfalls auf vergleichsweise günstigem Gelände. Die Kirche St. Martin steht auf einer lokalen Erhebung. Das Gefälle ist gering, aber im Straßenraum und beim Abfluss von Regenwasser noch erkennbar.
Für die Wahl eines frühen Siedlungsplatzes kamen mehrere Vorteile zusammen: ein relativ trockener Standort, Wasser in erreichbarer Nähe, Wege in die umliegenden Bauerschaften und landwirtschaftlich nutzbare Flächen.
Später verdichtete sich die Siedlung um Kirche und Kirchhof. Wall und Graben schufen eine befestigte Stadt. Damit überlagerte die vom Menschen geschaffene Topografie zunehmend das natürliche Relief.
Der Sandstreifen fällt gerade deshalb auf, weil weite Teile der Umgebung andere Böden besitzen. Sendenhorst liegt im Kern- beziehungsweise Kleimünsterland mit vielfach lehmigen und tonigen Böden.
Diese Unterschiede beeinflussten über Jahrhunderte die Nutzung. Nicht jede Wiese war freiwillig Wiese und nicht jeder Acker konnte problemlos bestellt werden. Boden und Wasser entschieden mit.
Die Hardt gehört zu den charakteristischsten Landschaftsräumen Sendenhorsts. Ihre teilweise wellige Geländeform steht mit den eiszeitlichen Sand- und Kiesablagerungen in Zusammenhang.
Der trockene Sandboden begünstigte andere Vegetations- und Nutzungsformen als die schweren Böden der Umgebung. Historische Beschreibungen nennen größere Kiefern- und Fichtenbestände sowie eine Birkenallee.
Später wurde Sand und Kies gewonnen. Die Rohstoffgewinnung veränderte das Relief dauerhaft. Gruben blieben zurück, Wasserflächen entstanden und aus einer Abbaulandschaft entwickelte sich das heutige Bild der Hardt-Teiche.
Dem trockenen Sandrücken stand eine wesentlich feuchtere Landschaft gegenüber. Vor Drainagen, tiefen Gräben, Kanalisation und regulierten Bachläufen blieb Wasser länger auf den Flächen stehen.
Alte Flurnamen bewahren diese Landschaft:
Im südlichen Stadtgebiet ist beispielsweise die Stadt-Börne überliefert – eine Wasserkuhle, aus der Vieh getränkt wurde.
Das historische Sendenhorst bestand daher nicht einfach aus trockenem Ackerland. Es war ein Mosaik aus Rücken, schweren Äckern, nassen Senken, Wiesen, Bächen, Tümpeln, Gräben und kleinen Waldflächen.
Auch eine flache Landschaft besitzt Wasserscheiden. Schon wenige Meter Höhenunterschied entscheiden darüber, wohin Regenwasser fließt.
Die wichtigste Entwässerungsachse im Sendenhorster Raum ist die Angel. Daneben prägen beziehungsweise prägten Helmbach, Voßbach, Nienholtbach, Ahrenhorster Bach, Landwehrgraben und zahlreiche kleinere Gräben die Landschaft.
Die Bäche folgen den tieferen Geländelinien. Dazwischen liegen flache Rücken. Hofstellen wurden möglichst außerhalb der nassesten Bereiche angelegt, während Wiesen häufig gerade die feuchteren Standorte einnahmen.
Eine genaue Kartierung der Wasserscheiden um Schafberg, Weißer Berg, Hardt, Elmenhorst und die Kernstadt könnte künftig zeigen, wie eng alte Wege, Hoflagen und Entwässerung mit dem Relief verbunden sind.
Nicht jede Erhebung Sendenhorsts wurde von Eis und Wasser geschaffen. Menschen veränderten das Gelände selbst.
Besonders in den nördlichen Bauerschaften Elmenhorst, Rinkhöven und Hardt lassen sich bei alten Hofstellen künstlich erhöhte Plätze erkennen. Solche Warften beziehungsweise Wurten boten Schutz vor feuchtem Untergrund und Oberflächenwasser.
Archäologisch sind solche Plätze besonders interessant: Unter einem heutigen Hof können sich ältere Hofgenerationen, Aufschüttungen, Gruben und weitere Siedlungsspuren erhalten haben.
Auch später wurde das Relief ständig verändert: Sandkuhlen wurden ausgebeutet und verfüllt, Stadtgräben zugeschüttet, Straßen erhöht, Bäche verlegt und Bauflächen eingeebnet.
Der Rodelberg nördlich der Kantstraße ist schließlich ein besonders sichtbares Beispiel einer vollständig künstlichen Erhebung jüngerer Zeit.
Lange bevor es genaue Höhenkarten gab, beschrieben die Menschen ihre Landschaft mit Namen. Viele Sendenhorster Flurnamen enthalten deshalb Informationen über Boden, Relief, Wasser und Vegetation.
Besonders häufig begegnen im Sendenhorster Quellenbestand Namen mit -busch, -holt, -loh, -hagen, -hagge, -hege und -hiege. Auch Bauerschaftsnamen wie Hardt, Elmenhorst und Bracht bewahren Hinweise auf ältere Landschaftszustände.
Zusammengenommen funktionieren die Flurnamen fast wie eine alte Boden-, Vegetations- und Höhenkarte: Sie verraten, wo es nass, trocken, sandig, bewaldet, erhöht oder eingesenkt war.
Eis und Schmelzwasser prägen den Raum. Sand und Kies des Münsterländer Kiessandzuges werden abgelagert.
Wälder breiten sich aus. Trockene Sandflächen, schwere Böden, Bachniederungen und feuchte Senken bilden ein Mosaik verschiedener Lebensräume.
Menschen nutzen bevorzugt günstige Geländepunkte. Die vorgeschichtlichen Fund- und Gräberplätze im Bereich Spithöverstraße und Martiniring zeigen, dass der Raum bereits lange vor der mittelalterlichen Stadt genutzt wurde.
Höfe liegen verstreut in der Landschaft. Trockener Untergrund, Wasserverfügbarkeit, Bodenqualität und Wege bestimmen ihre Lage mit.
Um Kirche und Kirchhof verdichtet sich die Siedlung. Aus dem günstigen Geländepunkt entwickelt sich die Stadt.
Kämpe, Wälder, Heide, Wiesen, Bäche, Hecken, Hofstellen und kleine Äcker bilden eine stark gegliederte Landschaft.
Drainage, Gewässerausbau, Flurbereinigung, Straßenbau, Bebauung und Sandabbau verändern Wasserhaushalt und Relief erheblich.
Auf den ersten Blick erscheint Sendenhorst als offene Agrarlandschaft. Doch unter ihr und in ihr liegen noch immer der eiszeitliche Kiessandzug, alte Sandkuhlen, historische Hofstellen, Bachniederungen und Hunderte sprechende Flurnamen.
Mehr zur Landschaft Sendenhorsts
Die Topografie berührt zahlreiche weitere Themen. Ausführlicher behandelt werden sie auf den vorhandenen Seiten des Heimatvereins:
Stadt Sendenhorst: Zahlen & Daten, Höhenangaben und Lage des Stadtgebietes. Heimatverein Sendenhorst: historische Straßen- und Flurnamenforschung, „Die Hügel von Sendenhorst“, Frühgeschichte, Gewässer, Kulturlandschaft, historische Presseberichte und Hofquellen. Ergänzend geologische Literatur zum Münsterländer Kiessandzug und zur Saale-Kaltzeit.
Forschungsstand: Einzelne kleinräumige Fragen – insbesondere der genaue Verlauf des oberflächennahen Sandstreifens durch die Kernstadt und einige historische Flurgrenzen – sollen durch historische Karten, Kataster, Bohrdaten und weitere Quellen noch genauer untersucht werden.