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Wie Sendenhorst & Albersloh zusammenkamen
Eine Geschichte, die auch ganz anders hätte ausgehen können

Seit dem 1. Januar 1975 bilden Sendenhorst und Albersloh eine gemeinsame Stadt. Heute erscheint diese Verbindung selbstverständlich. Wer jedoch auf die Jahre und Jahrzehnte davor schaut, entdeckt eine erstaunlich bewegte Geschichte. 

Inhalt

Sendenhorst bestand selbst einmal aus zwei Gemeinden

Stadt und Kirchspiel – die erste Vorgeschichte von 1975

Stadt und Kirchspiel. Das Kirchspiel gehörte zeitweise mit Enniger und Vorhelm zum Amt Vorhelm. Später bildeten Sendenhorst, Enniger und Vorhelm gemeinsam das Amt Sendenhorst. Albersloh gehörte dagegen zum Amt Wolbeck und zum Landkreis Münster.

Gleichzeitig bestanden längst alltägliche Verbindungen zwischen Albersloh und Sendenhorst. Kinder aus Albersloh gingen in Sendenhorst zur Schule. Dann kamen die Planungen für einen internationalen Großflughafen hinzu. Mit ihnen entstanden völlig neue Vorstellungen über Straßen, Siedlungsentwicklung und sogar über die kommunale Landkarte.

Albersloh orientierte sich dabei keineswegs von Anfang an ausschließlich nach Sendenhorst. Um 1970 und 1971 wurden Zusammenschlüsse mit Wolbeck, Rinkerode, Angelmodde und sogar eine große neue Kommune mit Hiltrup und Amelsbüren diskutiert.

Die gemeinsame Stadt Sendenhorst war deshalb nicht das von Anfang an feststehende Ziel. Sie war das Ergebnis eines mehrjährigen politischen Neuordnungsprozesses mit mehreren ernsthaft diskutierten Alternativen.

Wer die Vereinigung von Sendenhorst und Albersloh verstehen will, sollte nicht erst in den 1970er Jahren beginnen.

Historisch muss zwischen der eigentlichen Stadt Sendenhorst und dem Kirchspiel Sendenhorst unterschieden werden.

Zum Kirchspiel gehörten die sieben Bauerschaften Bracht, Brock, Elmenhorst, Hardt, Jönsthövel, Rinkhöven und Sandfort. Stadt und bäuerliches Umland gehörten wirtschaftlich, kirchlich und gesellschaftlich eng zusammen, waren kommunal aber lange zwei verschiedene Gemeinden.

1844 wurden Stadt und Kirchspiel gemeinsam im Amt Sendenhorst verwaltet. Bereits 1851 wurde dieses Amt wieder aufgelöst. Die Stadt wurde amtsfrei, das Kirchspiel kam zum Amt Vorhelm.

Damit verlief mehr als ein Jahrhundert lang eine kommunale Grenze zwischen der Stadt und ihrem unmittelbaren bäuerlichen Umland.

1955: Wieder gemeinsam verwaltet

1955 wurde das Amt Sendenhorst neu gebildet. Stadt und Kirchspiel gehörten damit wieder zu einem gemeinsamen Amtsverband, blieben zunächst aber zwei selbstständige Gemeinden.

Mit dem Wachstum Sendenhorsts wurde die alte Trennung zunehmend unpraktisch. Wohngebiete, Straßen, Versorgung und tägliches Leben hielten sich ohnehin nicht an die Gemeindegrenze.

1965: Die Gemeinsamkeiten waren längst sichtbar

Bereits die Sendenhorster Festschrift von 1965 beschreibt die engen wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen Stadt und Kirchspiel.

Viele Zukunftsaufgaben konnten sinnvoll nur gemeinsam gelöst werden. Wenige Jahre später wurde aus dieser praktischen Gemeinsamkeit auch eine kommunale Einheit.

1968: Stadt und Kirchspiel werden eins

Zum 1. Januar 1968 wurde das Kirchspiel Sendenhorst in die Stadt Sendenhorst eingegliedert.

Damit entstand im Wesentlichen die räumliche Gestalt des heutigen Ortsteils Sendenhorst.

Nur sieben Jahre vor der Verbindung mit Albersloh hatte Sendenhorst damit selbst einen kommunalen Zusammenschluss vollzogen.


 

Enniger, Vorhelm und das Amt Sendenhorst

Auch Sendenhorsts kommunale Orientierung änderte sich mehrfach

Die ältere Verwaltungsgeschichte verbindet Sendenhorst unmittelbar mit Enniger und Vorhelm.

Das Kirchspiel Sendenhorst gehörte seit 1851 zum Amt Vorhelm, dem auch Enniger und Vorhelm angehörten.

1955 schied das Kirchspiel Sendenhorst aus diesem Zusammenhang aus und kam in das neu gebildete Amt Sendenhorst.

Ende 1967 wurde das Amt Vorhelm aufgelöst. Enniger und Vorhelm wurden nun in das Amt Sendenhorst eingegliedert.

Von 1968 bis Ende 1974 bestand damit eine heute fast vergessene Verwaltungseinheit:

Sendenhorst · Enniger · Vorhelm

bildeten gemeinsam das Amt Sendenhorst.

Auch diese Ordnung hielt nur wenige Jahre.

1975 wurde das Amt aufgelöst: Vorhelm kam zu Ahlen, Enniger zu Ennigerloh und Sendenhorst wurde mit Albersloh verbunden.

Schon diese Vorgeschichte zeigt, wie beweglich kommunale Grenzen in dieser Zeit waren.


 

Albersloh gehörte in einen anderen Verwaltungsraum

Amt Wolbeck · Landkreis Münster

Albersloh besaß eine andere Verwaltungsgeschichte. Die Gemeinde gehörte zum Amt Wolbeck und zum Landkreis Münster.

Damit bestanden gewachsene politische und administrative Beziehungen in Richtung Wolbeck und Münster.

Die spätere Verbindung mit Sendenhorst überschritt deshalb nicht nur eine Gemeindegrenze. Sie überschritt zugleich die bisherige Kreisgrenze zwischen dem Münsteraner und dem Beckumer Raum.

Gerade deshalb wäre es falsch, aus heutiger Sicht anzunehmen, Sendenhorst sei für Albersloh schon lange die einzig denkbare kommunale Zukunft gewesen.

Tatsächlich suchte Albersloh Anfang der 1970er Jahre seine zukünftige Position in einer ganzen Reihe möglicher Konstellationen.


 

Im Alltag war die Grenze längst durchlässig

Schulen verbanden Albersloh und Sendenhorst schon vor 1975

Die Verwaltungskarte erzählt allerdings nur einen Teil der Geschichte. Während Albersloh politisch zum Wolbecker Raum gehörte, bestanden im Alltag längst deutliche Beziehungen nach Sendenhorst.

Die Realschule

1964 wurde in Sendenhorst die Realschule gegründet. Sie wurde auch von Schülerinnen und Schülern aus Albersloh besucht.

Mitte der 1970er Jahre besuchten 91 Schülerinnen und Schüler aus Albersloh die Realschule in Sendenhorst.

Der Hauptschulbus

Noch deutlicher wurde die Verbindung bei der Hauptschule.

Für die Albersloher Kinder musste Ende der 1960er Jahre eine dauerhafte Lösung gefunden werden.

Die Entscheidung fiel zugunsten Sendenhorsts.

Ab dem 1. August 1969 wurden die Albersloher Hauptschüler mit dem Schulbus nach Sendenhorst gefahren.

Damit überquerten Kinder aus Albersloh jeden Schultag eine Grenze, die politisch noch bestand.

Mitte der 1970er Jahre besuchten 116 Albersloher Schülerinnen und Schüler die Hauptschule in Sendenhorst.

1974 fuhr der Bus auch andersherum

Am 12. November 1974 wurde an der Albersloher Schule ein Schulkindergarten eingerichtet.

Ihn besuchten 11 Kinder aus Sendenhorst und 6 Kinder aus Albersloh.

Nun führte also auch der Schulweg von Sendenhorst nach Albersloh.

Solche Alltagsbeziehungen entschieden die Gebietsreform nicht. Sie zeigen aber, dass beide Orte längst miteinander verbunden waren.

Die Kreisgrenze wurde von Schulbussen täglich überquert, lange bevor die Politik sie beseitigte.


 

Dann kam der Großflughafen

Ein Projekt, das den gesamten Raum verändert hätte

Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre trat ein Projekt hinzu, das die Entwicklung des gesamten Raumes grundlegend hätte verändern können: die Planung eines internationalen Großflughafens „Westfalen“.

Im März 1970 wurden Planungen bekannt, die den Raum Albersloh – Sendenhorst – Drensteinfurt unmittelbar betrafen.

Die damaligen Planungen waren radikal. In frühen Varianten wäre Albersloh vom Flughafenprojekt selbst massiv betroffen gewesen; auch ganze Bauerschaften standen zur Disposition.

Ein Flughafen dieser Größenordnung hätte nicht nur Start- und Landebahnen benötigt. Er hätte neue Straßen, neue Verkehrsströme, Gewerbegebiete, Siedlungsflächen und völlig neue Entwicklungsachsen erzeugt.

Straßen für den Flughafen

Auch die Verkehrsplanung zeigt die Dimensionen.

Im Generalverkehrsplan wurde unter anderem eine große Straßenverbindung mit dem Verlauf

Greven – Gelmer – Handorf – Kasewinkel – Wolbeck – Albersloh – Drensteinfurt – Großflughafen

untersucht.

In einer damaligen Planung war sogar von einer achtspurigen Autobahn die Rede.

Eine weitere Autobahn sollte vom Raum Münster-Süd über Hiltrup und Wolbeck in Richtung Gütersloh führen.

Plötzlich lag Albersloh nicht mehr am Rand des Münsteraner Raumes, sondern mitten in einem möglichen neuen Verkehrs- und Entwicklungsband.

Und damit stellte sich zwangsläufig die Frage:

Welche kommunale Struktur sollte zu diesem völlig neuen Raum passen?


 

Albersloh sucht seine kommunale Zukunft

Wolbeck · Alverskirchen · Rinkerode · Angelmodde · Hiltrup – und schließlich Sendenhorst

Die Jahre 1970 und 1971 zeigen besonders deutlich, wie offen die Zukunft Alberslohs war.

Dabei sollte man nicht den Eindruck erwecken, Albersloh habe nacheinander förmlich bei allen Nachbarn „angeklopft“. Viele Initiativen gingen ebenso von Wolbeck, vom Kreis oder von übergeordneten Planungen aus.

Fest steht aber: Albersloh wurde in mehreren unterschiedlichen kommunalen Zusammenschlüssen konkret mitgedacht und beteiligte sich selbst an entsprechenden Gesprächen.

1970: Wolbeck und Albersloh verhandeln konkret

Besonders weit gediehen waren zunächst die Gespräche zwischen Wolbeck und Albersloh.

Am 26. Oktober 1970 berichtete der Wolbecker Bürgermeister über Gespräche zu einem freiwilligen Zusammenschluss mit Albersloh.

Nach seiner Darstellung rechnete man sogar damit, in absehbarer Zeit zu einem konkreten Ergebnis zu kommen.

Das ist ein wichtiger Befund:

Nur gut vier Jahre vor der späteren Verbindung mit Sendenhorst wurde eine freiwillige Vereinigung von Wolbeck und Albersloh konkret verhandelt.

Auch Alverskirchen und Rinkerode waren im Gespräch

Gleichzeitig blieb die Suche offen.

Wolbeck wollte auch mit Alverskirchen und Rinkerode Gespräche über die Bildung einer größeren Gemeinde führen.

Bereits im September 1970 war beschlossen worden, die Gespräche mit Albersloh, Alverskirchen, Rinkerode und Hiltrup fortzuführen.

Damit entstand kein einzelner fester Plan, sondern ein ganzes Geflecht möglicher Zusammenschlüsse.

Ein Gutachter empfiehlt Wolbeck – Alverskirchen – Albersloh

Ende September 1970 kam noch eine weitere Variante hinzu.

Der Münchner Raumplaner Prof. Dr. Gottfried Müller empfahl in einem Gutachten zum Raumbedarf Münsters, Wolbeck nicht nach Münster einzugemeinden.

Stattdessen sollte Wolbeck nach dieser Empfehlung mit Alverskirchen und Albersloh fusionieren.

Auch dieses Modell wurde nicht verwirklicht. Es zeigt aber erneut, wie viele verschiedene Karten damals auf dem Tisch lagen.

Die Region wuchs sogar wirtschaftlich schon zusammen

Interessant ist ein Blick auf die wirtschaftliche Ebene.

1970 verschmolzen die Spar- und Darlehnskassen aus Albersloh, Wolbeck, Alverskirchen und Angelmodde zu einer größeren gemeinsamen Genossenschaftsbank.

Kommunale Grenzen bestanden also weiter, während wirtschaftliche Strukturen bereits über diese Grenzen hinweg zusammengeführt wurden.

Auch das erklärt, warum großräumige kommunale Zusammenschlüsse damals keineswegs abwegig erschienen.


 

Die „Flughafengemeinde“ – eine völlig andere Zukunft?

Amelsbüren · Hiltrup · Rinkerode · Albersloh · Wolbeck · Angelmodde

1971 erreichte die Neuordnungsdiskussion ihren Höhepunkt.

Flughafenplanung und kommunale Neuordnung liefen zeitlich nebeneinander. Wenn südöstlich von Münster tatsächlich ein internationaler Großflughafen entstehen sollte, erschien es manchen Planern und Kommunalpolitikern sinnvoll, auch die kommunalen Strukturen völlig neu zu ordnen.

26. Mai 1971: Neun Möglichkeiten

Am 26. Mai 1971 fand in Wolbeck eine Bürgerschaftsversammlung zur kommunalen Neugliederung statt.

Dort wurden neun verschiedene Möglichkeiten erörtert.

Die Spannweite reichte von einer Eingemeindung Wolbecks nach Münster bis zu einer großen neuen Gemeinde südlich und südöstlich Münsters.

Albersloh tauchte dabei in mehreren Varianten auf.

Besonders weitreichend war eine Verbindung von:

Amelsbüren
Hiltrup
Rinkerode
Albersloh
Wolbeck
Angelmodde

Für dieses Gebilde wurde ein bemerkenswerter Begriff verwendet:

„Flughafengemeinde“

Sie sollte den neuen Entwicklungsraum zwischen Münster und dem geplanten internationalen Flughafen kommunal zusammenfassen.

27. Mai 1971: Albersloh, Wolbeck und Rinkerode beraten gemeinsam

Bereits einen Tag später wurde aus der allgemeinen Diskussion konkrete Kommunalpolitik.

Am 27. Mai 1971 kamen die Hauptausschüsse der Gemeinderäte von Wolbeck, Albersloh und Rinkerode zu einer gemeinsamen Sitzung zusammen.

Nach zweistündiger Beratung empfahlen die Hauptausschüsse den Zusammenschluss zu einer Großgemeinde.

Damit arbeitete Albersloh zu diesem Zeitpunkt ganz konkret an einer möglichen gemeinsamen kommunalen Zukunft mit Wolbeck und Rinkerode.

Was wollten die Wolbecker Bürger?

In Wolbeck wurden 300 Haushalte nach ihrer bevorzugten Lösung gefragt.

Die stärkste einzelne Variante war mit 33,4 Prozent:

Wolbeck + Angelmodde + Albersloh + Rinkerode

Nur 13,3 Prozent sprachen sich für eine Eingliederung Wolbecks nach Münster aus.

Auch aus Wolbecker Sicht war die heutige kommunale Landkarte also keineswegs selbstverständlich.

9. Juni 1971: Der Kreistag unterstützt die ganz große Lösung

Am 9. Juni 1971 befasste sich der Kreistag mit den Gebietsansprüchen Münsters.

Die dort vertretene Lösung war ausgesprochen groß:

Amelsbüren + Hiltrup + Rinkerode + Albersloh + Wolbeck + Angelmodde

sollten eine neue Gemeinde zwischen Münster und dem zukünftigen Großflughafen bilden.

rund 172 km² · rund 35.700 Einwohner

Damit war die „Flughafengemeinde“ mehr als eine beiläufige Idee. Eine entsprechende Großlösung wurde auch auf Kreisebene vertreten.

Ein gewaltiger Größenunterschied

Sendenhorst und Albersloh 1974:
rund 9.500 Einwohner
knapp 96 km²

Große „Flughafengemeinde“ 1971:
rund 35.700 Einwohner
rund 172 km²

Die geplante Großgemeinde wäre damit flächenmäßig fast 1,8-mal so groß wie Sendenhorst und Albersloh zusammen und hätte fast viermal so viele Einwohner gehabt.

Albersloh hätte innerhalb dieser Konstruktion eine völlig andere kommunale Rolle erhalten.

Hiltrup, Amelsbüren und die Hohe Ward

Hiltrup spielte innerhalb dieser Überlegungen eine besondere Rolle.

Der stark gewachsene Ort verfügte bereits über eine ausgeprägte Infrastruktur und lag zwischen Münster, der Hohen Ward und dem südlichen Planungsraum.

Auch Amelsbüren gehörte zu den großräumigen Überlegungen.

Der Raum Hiltrup – Hohe Ward – Wolbeck – Albersloh erschien damit zeitweise als zusammenhängender Entwicklungsraum.


 

Juni 1971: Jetzt wurde es konkret

Die Landeskommission sollte sich selbst ein Bild machen

Mitte Juni 1971 bereitete sich die Gemeinde Wolbeck auf einen wichtigen Termin vor.

Am 14. Juni 1971 beriet der Wolbecker Gemeinderat über die Vorschläge, die einer Kommission des Landesinnenministeriums bei deren Besuch am 22. Juni 1971 vorgelegt werden sollten.

Wolbecks Position war deutlich:

Wolbeck sollte nicht nach Münster eingemeindet werden.

Stattdessen sollte zunächst eine Großgemeinde aus Wolbeck, Angelmodde und Albersloh gebildet werden.

Falls es nicht zu einer größeren Verbindung mit Rinkerode und Hiltrup käme, sollte nach dem Wolbecker Vorschlag auch Rinkerode hinzukommen.

Damit war Albersloh innerhalb weniger Monate in mehreren konkreten Modellen vertreten:

Wolbeck + Albersloh
Wolbeck + Alverskirchen + Albersloh
Wolbeck + Albersloh + Rinkerode
Wolbeck + Angelmodde + Albersloh
Wolbeck + Angelmodde + Albersloh + Rinkerode
Amelsbüren + Hiltrup + Rinkerode + Albersloh + Wolbeck + Angelmodde

Das ist der entscheidende Hintergrund für die nun folgende Besichtigung vor Ort.


 

Die Busfahrt der Kommission

Bispingweg – rechts ab

Zu dieser Phase der Neuordnungsdiskussion gehört eine örtlich überlieferte Episode, die die abstrakten Planungen plötzlich sehr anschaulich werden lässt.

Im Zusammenhang mit der Besichtigung des Raumes wurde das Gebiet mit einer Kommission im Bus abgefahren.

Mit dabei war der Albersloher Bürgermeister Ewald Rüschenschmidt.

Die Fahrt führte auch zum Bispingweg.

Am Bispingweg: rechts ab.

Ein kleines Detail – und doch eine bemerkenswerte Szene.

Denn nun wurden aus den Linien auf den Planungskarten Straßen, Höfe, Bauerschaften und tatsächliche Entfernungen.

Wo verlief die Gemeindegrenze? Welche Straßen verbanden die Orte? Wohin orientierten sich die Bauerschaften? Welche Entfernungen mussten tatsächlich zurückgelegt werden?

Eine Grenze war auf einer Karte nur ein Strich. Im Bus sah man, was dieser Strich in der Landschaft bedeutete.

Die Neuordnung wurde nun buchstäblich abgefahren.

Gerade diese Szene verdient es, in Erinnerung zu bleiben. Über die zukünftige Zugehörigkeit Alberslohs wurde nicht nur in Düsseldorf, Münster oder den Rathäusern gesprochen.

Die möglichen neuen Räume wurden vor Ort betrachtet.

Hinweis: Die Busfahrt und das Rechtsabbiegen am Bispingweg sind örtlich überliefert. Für Juni 1971 ist der Besuch einer Kommission des Landesinnenministeriums belegt. Die genaue Zuordnung der überlieferten Busfahrt zu diesem Termin sowie weitere Einzelheiten sollen anhand der kommunalen Akten noch genauer dokumentiert werden.


 

Von der offenen Suche zur Verbindung mit Sendenhorst

Aus unterschiedlichen Vorstellungen wird ein Gebietsänderungsvertrag

Die großen Pläne von 1970 und 1971 wurden nicht Wirklichkeit.

Der Großflughafen wurde nicht gebaut. Gleichzeitig schritt die kommunale Neugliederung Nordrhein-Westfalens voran.

Nach und nach schieden verschiedene Alternativen aus.

Die Orte, die zeitweise gemeinsam in einer „Flughafengemeinde“ gedacht worden waren, gingen schließlich ganz unterschiedliche Wege.

Hiltrup kam zu Münster.
Amelsbüren kam zu Münster.
Angelmodde kam zu Münster.
Wolbeck kam zu Münster.
Rinkerode kam zu Drensteinfurt.
Albersloh wurde mit Sendenhorst verbunden.

Damit rückte eine Verbindung in den Mittelpunkt, für die es trotz der bisherigen unterschiedlichen Verwaltungszugehörigkeit bereits praktische Verbindungen gab.

Die Schulen sind dafür das deutlichste Beispiel.

Trotzdem sollte die spätere Einigung nicht rückwirkend so dargestellt werden, als sei sie von Anfang an selbstverständlich gewesen.

Die zeitgenössische Schrift „Sendenhorst – HEUTE 1975“ sagt ausdrücklich, dass die ursprünglichen Vorstellungen der Gemeinden verschieden und teilweise gegensätzlich gewesen waren.

Am Ende gelang dennoch eine Verständigung.

Beide Seiten schlossen einen Gebietsänderungsvertrag.

Die zeitgenössische Darstellung spricht ausdrücklich vom „einvernehmlichen Abschluß des Gebietsänderungsvertrages“.

Das ist für die historische Bewertung entscheidend:

Unterschiedliche Ausgangspositionen und eine spätere einvernehmliche Lösung widersprechen sich nicht.

Die endgültige Entscheidung über die neuen Grenzen lag allerdings nicht bei den Gemeinden allein.

Sie lag beim nordrhein-westfälischen Landtag.


 

9. Juli 1974: Das Münster/Hamm-Gesetz

Die rechtliche Entscheidung fällt

Die endgültige rechtliche Grundlage schuf das Gesetz zur Neugliederung der Gemeinden und Kreise des Neugliederungsraumes Münster/Hamm vom 9. Juli 1974.

Für Sendenhorst und Albersloh ist vor allem § 6 entscheidend.

Dort bestimmte der Gesetzgeber, dass die bisherige Stadt Sendenhorst und die bisherige Gemeinde Albersloh – mit Ausnahme bestimmter Flächen – zu einer neuen Gemeinde zusammengeschlossen werden.

Die neue Gemeinde erhielt den Namen Sendenhorst und die Bezeichnung „Stadt“.

Juristisch keine einfache „Eingemeindung“

Umgangssprachlich heißt es häufig, Albersloh sei 1975 „nach Sendenhorst eingemeindet“ worden.

Der Gesetzestext ist genauer.

Er spricht ausdrücklich von einem Zusammenschluss zu einer neuen Gemeinde.

Der Name Sendenhorst blieb bestehen. Rechtlich entstand zum 1. Januar 1975 jedoch eine neue Kommune.

Auch die Außengrenzen änderten sich

Nicht das gesamte bisherige Gemeindegebiet Alberslohs kam zur neuen Stadt Sendenhorst.

Bestimmte im Gesetz bezeichnete Flächen der bisherigen Gemeinde Albersloh wurden der Stadt Münster zugeschlagen.

Umgekehrt kamen einzelne Flurstücke aus der bisherigen Gemeinde Alverskirchen zur neuen Stadt Sendenhorst.

Das Amt Sendenhorst verschwindet

§ 6 regelte noch einen weiteren wichtigen Punkt:

Das Amt Sendenhorst wurde aufgelöst.

Rechtsnachfolgerin wurde die neue Stadt Sendenhorst.

Damit endete zugleich die kurze gemeinsame Amtsgeschichte von Sendenhorst, Enniger und Vorhelm.

Münster/Hamm-Gesetz – § 6


Zwei Gemeinden in Zahlen

Kurz vor dem Zusammenschluss

Im Oktober 1974 hatte Sendenhorst 6.198 Einwohner und eine Fläche von 52,17 km².

Albersloh hatte zum 1. November 1974 3.306 Einwohner bei einer Fläche von 43,79 km².

Zusammengerechnet waren das rund 9.500 Einwohner auf knapp 96 km².

Sendenhorst stellte ungefähr zwei Drittel der Bevölkerung, Albersloh etwa ein Drittel.

Flächenmäßig lagen beide Gemeinden wesentlich näher beieinander. Das Albersloher Gemeindegebiet entsprach fast 46 Prozent der zusammengezählten Fläche.

Albersloh war also keineswegs nur ein kleiner räumlicher Anhang, sondern eine große Flächengemeinde mit eigener Geschichte, eigenen Bauerschaften und eigener kommunaler Tradition.


 

„Sendenhorst – HEUTE 1975“

Wie die Beteiligten selbst auf die Neuordnung blickten

Für die Bewertung des Zusammenschlusses besitzen wir eine besonders wertvolle zeitgenössische Quelle: „Sendenhorst – HEUTE 1975“.

Die unmittelbar zur Entstehung der neuen Stadt erschienene Schrift dokumentiert beide Gemeinden mit ihrer Geschichte, ihren Einrichtungen, Kirchen, Schulen, Vereinen, Einwohnerzahlen und Zukunftsvorstellungen.

Besonders wichtig ist der Beitrag „Blick in die Zukunft“ von H. Schibill und E. Rüschenschmidt.

Die Gegensätze werden nicht verschwiegen

Die Autoren halten ausdrücklich fest, dass die ursprünglichen Absichten der beteiligten Gemeinden „verschieden“ und teilweise „gegensätzlich“ gewesen seien.

Sie stellen sogar die Frage, ob durch die Neuordnung optimale Verhältnisse geschaffen und dem Bürgerwillen ausreichend Rechnung getragen worden sei.

Das ist eine bemerkenswert offene zeitgenössische Einschätzung.

Gerade deshalb ist diese Quelle so wichtig.

Sie verhindert, dass wir fünfzig Jahre später so tun, als sei die Verbindung von Sendenhorst und Albersloh immer schon selbstverständlich gewesen.

Und trotzdem ein gemeinsamer Blick nach vorn

Schibill und Rüschenschmidt bleiben jedoch nicht bei den vorausgegangenen Gegensätzen stehen.

Sie akzeptieren die politische Entscheidung und richten den Blick auf die Aufgabe, für die Bürger beider Orte das Beste aus der neuen Situation zu machen.

Besonders wichtig ist ihr Hinweis auf die bereits bestehenden Kontakte zwischen Sendenhorst und Albersloh.

Diese hätten schließlich zum „einvernehmlichen Abschluß des Gebietsänderungsvertrages“ geführt.

Damit liefert die Quelle selbst die vielleicht beste Zusammenfassung der Vorgeschichte:

Unterschiedliche und teilweise gegensätzliche Ausgangspositionen – aber am Ende eine gemeinsame Vereinbarung und der Wille, die neue Stadt zum Erfolg zu führen.

Sendenhorst – HEUTE 1975


1. Januar 1975: Die neue Stadt beginnt

Ein Gesetz schafft eine Kommune – Zusammenwachsen dauert länger

Mit dem Jahreswechsel trat die neue kommunale Ordnung in Kraft.

Nun gehörten Sendenhorst und Albersloh zu einer gemeinsamen Stadt.

Damit war die juristische Frage geklärt. Die gesellschaftliche Aufgabe begann erst.

Denn eine gemeinsame Stadt entsteht nicht automatisch dadurch, dass eine neue Grenze in einer Karte eingezeichnet wird.


 

Eine gemeinsame Stadt – zwei starke örtliche Identitäten

Zusammenwachsen bedeutete nicht Gleichwerden

Albersloh blieb Albersloh. Sendenhorst blieb Sendenhorst.

Vereine, Schützenwesen, Kirchen, Traditionen und persönliche Netzwerke bestanden weiter.

Gleichzeitig entstanden immer mehr gemeinsame Strukturen.

Politik und Verwaltung arbeiteten nun für beide Orte. Die Schulen hatten bereits vorher Verbindungen geschaffen. Neue gemeinsame Erfahrungen kamen hinzu.

Auch die katholische Kirche wuchs später zusammen

Ein gutes Beispiel bietet die katholische Kirche.

Heute gehören St. Martin in Sendenhorst und St. Ludgerus in Albersloh zur gemeinsamen Katholischen Kirchengemeinde St. Martinus und Ludgerus Sendenhorst.

Beide Kirchen bleiben örtliche Mittelpunkte. Beide Orte behalten ihre Traditionen. Gleichzeitig funktioniert die gemeinsame Organisation.

Gemeinsame Organisation und örtliche Identität schließen sich nicht aus.


 

2000: 25 Jahre – gefeiert auf der Alst

Ein gemeinsames Fest zwischen den beiden Orten

Zum 25-jährigen Bestehen im Jahr 2000 wurde die gemeinsame Stadt mit einer großen Zeltveranstaltung auf der Alst zwischen Sendenhorst und Albersloh gefeiert.

Veranstalter war Marcel Schumann.

Das Fest ist als große und ausgesprochen gelungene gemeinsame Veranstaltung in Erinnerung geblieben.

Einzelheiten zu Termin, Programm und Ablauf werden noch ergänzt.

Bemerkenswert ist schon der Ort: Gefeiert wurde weder mitten in Sendenhorst noch mitten in Albersloh, sondern zwischen beiden Orten.

Ob diese Symbolik ausdrücklich beabsichtigt war, muss offenbleiben. Rückblickend passt sie jedenfalls hervorragend.

25 Jahre nach dem Zusammenschluss traf man sich in der Mitte.

2025: 50 Jahre gemeinsame Stadt

Das Jubiläum in anderer Form

2025 jährte sich der Zusammenschluss zum 50. Mal.

Das Jubiläum wurde nicht noch einmal in Form eines vergleichbaren großen gemeinsamen Zeltfestes begangen.

Es gab jedoch Veranstaltungen, die das Miteinander und die gemeinsame Geschichte aufgriffen.

Dazu gehörte der Dondrekiel.

Eine besondere historische Symbolik entwickelte außerdem der gemeinsame Schnadegang der Heimatvereine Sendenhorst und Albersloh.

Gemeinsam die alte Grenze entlang

Am 11. Oktober 2025 wurde die frühere Gemeindegrenze gemeinsam begangen.

Ausgangspunkt war der Hof Heimann-Hahues.

Ein Schnadegang diente ursprünglich gerade dazu, Grenzen sichtbar und bekannt zu halten.

2025 bekam diese Tradition eine beinahe umgekehrte Bedeutung:

Die alte Grenze wurde nicht gegeneinander kontrolliert, sondern gemeinsam abgeschritten.

Auch das traditionelle Poaläsen durfte nicht fehlen. Bürgermeisterin Katrin Reuscher wurde auf Albersloher Gebiet dreimal auf dem Grenzpfahl „aufgetitscht“ und mit westfälischem Humor zur „Poalbürgerin von Albersloh“ gemacht.

Anschließend führte der Weg über die alte Landwehr und durch jenen Landschaftsraum, in dem fünf Jahrzehnte zuvor der internationale Großflughafen geplant worden war.

Damit trafen auf wenigen Kilometern mehrere Ebenen der Geschichte zusammen: alte Gemeindegrenze, Landwehr, Flughafenplanung, kommunale Neuordnung und fünfzig Jahre gemeinsame Stadt.

Zum Abschluss wurde der gemeinsame Schnadegang im Schnadebuch festgehalten.

Schnadegang Sendenhorst – Albersloh 2025


Es hätte ganz anders kommen können

Fünfzig Jahre später wirkt selbstverständlich, was damals offen war

Die Geschichte der kommunalen Grenzen rund um Sendenhorst ist keine gerade Linie.

Sendenhorst bestand selbst aus Stadt und Kirchspiel. Das Kirchspiel gehörte lange mit Enniger und Vorhelm zum Amt Vorhelm.

Später bildeten Sendenhorst, Enniger und Vorhelm gemeinsam das Amt Sendenhorst.

Albersloh gehörte dagegen zum Amt Wolbeck und zum Landkreis Münster.

Im Alltag fuhren Albersloher Kinder längst nach Sendenhorst zur Schule.

Gleichzeitig wurde 1970 über einen freiwilligen Zusammenschluss von Wolbeck und Albersloh verhandelt.

Ein Gutachter empfahl Wolbeck, Alverskirchen und Albersloh als gemeinsame Kommune.

Albersloh, Wolbeck und Rinkerode berieten gemeinsam über eine Großgemeinde.

Wolbeck wollte Angelmodde und Albersloh verbinden.

Die bei einer Wolbecker Befragung stärkste Variante verband Wolbeck, Angelmodde, Albersloh und Rinkerode.

Und schließlich wurde sogar eine 172 km² große „Flughafengemeinde“ mit Hiltrup, Amelsbüren, Rinkerode, Albersloh, Wolbeck und Angelmodde diskutiert.

Dazu kamen Großflughafen und Autobahnplanungen, die den gesamten Raum völlig verändert hätten.

Eine Kommission kam in die Region. Die örtlich überlieferte Busfahrt mit Ewald Rüschenschmidt und die Abzweigung am Bispingweg erinnern daran, wie konkret die Neuordnungsfrage geworden war.

Schließlich entwickelte sich eine andere Lösung.

Sendenhorst und Albersloh fanden zu einem Gebietsänderungsvertrag.

Der nordrhein-westfälische Landtag schuf mit dem Münster/Hamm-Gesetz die rechtliche Grundlage.

Zum 1. Januar 1975 wurden die bisherige Stadt Sendenhorst und die Gemeinde Albersloh zu einer neuen Stadt Sendenhorst zusammengeschlossen.

Die Zeitgenossen verschwiegen nicht, dass ihre ursprünglichen Vorstellungen verschieden und teilweise gegensätzlich gewesen waren.

Aber sie blickten nach vorn.

25 Jahre später wurde auf der Alst zwischen beiden Orten gemeinsam gefeiert.

50 Jahre später gingen Sendenhorster und Albersloher gemeinsam jene Grenze entlang, die ihre Gemeinden einst voneinander getrennt hatte.

Die alte Grenze ist noch da.

Man kann ihren Verlauf zeigen. Man kann erklären, warum sie dort verlief. Und man kann erzählen, welche völlig anderen Grenzen zeitweise geplant waren.

Aber die alte Grenze trennt die Menschen nicht mehr.

Sendenhorst ist Sendenhorst geblieben.
Albersloh ist Albersloh geblieben.

Und aus dem „und“ dazwischen ist längst gemeinsame Stadtgeschichte geworden.


Quellen und Hinweise

Grundlage dieser Darstellung sind insbesondere die zeitgenössische Schrift „Sendenhorst – HEUTE 1975“, die Verwaltungsgeschichte und Bestände des Kreisarchivs Warendorf, das Münster/Hamm-Gesetz vom 9. Juli 1974 sowie zeitgenössische Überlieferungen zur kommunalen Neuordnung im Raum Wolbeck.

Bei den Neuordnungsmodellen wird bewusst zwischen tatsächlich beschlossenen Regelungen, konkreten Verhandlungen und lediglich diskutierten Varianten unterschieden. Die sogenannte „Flughafengemeinde“ war eine ernsthaft diskutierte politische Neuordnungsvariante, aber keine bereits beschlossene zukünftige Gemeinde.

Die Episode der Kommissionsfahrt am Bispingweg ist örtlich überliefert. Die genaue Datierung und weitere Einzelheiten sollen anhand der erhaltenen kommunalen Akten noch weiter dokumentiert werden.

Die historischen Unterlagen der Stadt und des früheren Amtes Sendenhorst befinden sich im Kreisarchiv Warendorf. Teile der älteren Überlieferung der bis 1974 selbstständigen Gemeinde Albersloh befinden sich im Stadtarchiv Münster.

Sendenhorst – HEUTE 1975 Kreisarchiv Warendorf Münster/Hamm-Gesetz Wolbecker Chronik 1970 Wolbecker Chronik 1971


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