Vom Ende des Heiligen Römischen Reiches über Stadtbrand, Hungerjahre, Weberkrise, Revolution, Judenverfolgung und Kriege bis zu Schulen, Banken, Krankenhaus und wirtschaftlichem Aufbruch. Das 19. Jahrhundert war auch für Sendenhorst eine Zeit tiefgreifender Veränderungen. Es begann mit Zusammenbruch einer jahrhundertealten Ordnung und endete auf dem Weg in die Moderne. Dazwischen lagen Krieg, Feuer, Missernten, Armut, Krankheiten, & wirtschaftliche Krisen. Es entstanden neue Schulen, Verkehrsverbindungen, Kreditinstitute, soziale Einrichtungen und erste industrielle Arbeitsplätze.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gehörte Sendenhorst noch zum Heiligen Römischen Reich, seit der frühen Neuzeit auch Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation genannt. Die Stadt lag im Fürstbistum Münster, dessen Fürstbischöfe zugleich geistliche Oberhäupter und weltliche Landesherren waren.
Mit Napoleons Aufstieg geriet diese Ordnung ins Wanken. Bereits 1802 besetzten preußische Truppen das Fürstbistum Münster. Der Reichsdeputationshauptschluss von 1803 besiegelte die Säkularisation zahlreicher geistlicher Territorien und damit das Ende der weltlichen Herrschaft der münsterschen Fürstbischöfe.
1806 gründeten unter Napoleons Einfluss zunächst 16 deutsche Fürsten den Rheinbund und erklärten ihren Austritt aus dem Reich. Napoleon übernahm die Rolle des Protektors. Am 6. August 1806 legte Kaiser Franz II. die römisch-deutsche Kaiserwürde nieder und erklärte das Reichsband für erloschen. Damit endete das Heilige Römische Reich.
Franz war anschließend keineswegs ohne Kaiserkrone: Schon 1804 hatte er angesichts von Napoleons Machtentfaltung den erblichen Titel Kaiser von Österreich angenommen – als Franz I. Er trug also zeitweise zwei Kaisertitel zugleich: Als Franz II. war er der letzte römisch-deutsche Kaiser, als Franz I. der erste österreichische Kaiser. Nach der Niederlegung der römisch-deutschen Kaiserwürde 1806 blieb er Kaiser von Österreich und regierte bis zu seinem Tod 1835.
Für Sendenhorst bedeutete der Epochenbruch neue Herrschaftsverhältnisse, Grenzen, Verwaltungen, Gesetze, Steuern und militärische Verpflichtungen. Während in Europa die alte Reichsordnung zerbrach, wurde Sendenhorst im selben Jahr von einem schweren Stadtbrand getroffen.
Die kleine Landstadt lebte von Landwirtschaft, Handwerk, Handel, Leinenweberei, Bierbrauen und Branntweinherstellung. Viele Familien kombinierten mehrere Erwerbsquellen.
| Merkmal | Bestand 1805 |
|---|---|
| Einwohner | 1.294 |
| Leinweber | 55 |
| Braustellen | 12 |
| Branntwein-Brennstellen beziehungsweise Brennblasen | 3 |
| Jüdische Familien | 6 |
Der schwere Stadtbrand von 1806 zerstörte einen erheblichen Teil Sendenhorsts. Ein Brand bedeutete damals weit mehr als den Verlust von Wohnraum: In den Häusern lagen Vorräte und Handelswaren; dort standen Webstühle, Werkbänke und Geräte. Häufig ging mit dem Gebäude auch die wirtschaftliche Grundlage einer Familie verloren.
Der Wiederaufbau kostete Holz, Steine, Arbeitskraft und Geld. Für arme Haushalte war das eine besonders schwere Belastung. Der Brand traf die Stadt in einer Zeit wechselnder staatlicher Zuständigkeiten und kriegsbedingter Unsicherheit.
Nach Preußens Niederlage gegen Napoleon veränderten sich die Herrschaftsverhältnisse erneut. 1811 wurden Teile des nordwestlichen Münsterlandes unmittelbar in das französische Kaiserreich eingegliedert. Französische Verwaltungs- und Rechtsstrukturen gingen mit Steuern, militärischen Pflichten und Belastungen durch die Kriegswirtschaft einher. Die Kontinentalsperre gegen Großbritannien beeinträchtigte zudem Handelsbeziehungen und Absatzmöglichkeiten, insbesondere im Textilgewerbe.
1813 brach Napoleons Herrschaft in Deutschland zusammen. Die Nachwirkungen der Kriege waren im Umland weiter spürbar: 1814 hielten sich nach örtlicher Überlieferung Deserteure im Ketteler Horst verborgen, die Sendenhorster und Everswinkeler Landsturmmänner aufgreifen sollten.
Eine um 1900 vom Krieger- und Landwehrverein geschaffene Erinnerungstafel in St. Martinus bewahrt Namen örtlicher Teilnehmer der Feldzüge gegen Napoleon. Die Tafel führt unter der historischen Beschriftung „An den Freiheitskämpfen 1813 / 1815 nahmen teil:“ folgende Personen auf:
Bernhard Lorenbeck (Pfarrer), Hermann Bartmann (Unteroffizier), Franz Degenhardt (Unteroffizier), Theodor Röper (Unteroffizier), Heinrich Kellermann (Unteroffizier), Bernhard Feigler, Johann Heimann, Bernhard Kerckmann, Heinrich Mefus, Johann Rothkötter, Fritz Rothkötter, Bernhard Schnarrbaum, Theodor Kerkmann, Theodor Saerbeck, Bernhard Wiedehage, Gerhard Feiling und Hermann Holthausa.
Die Namen verbinden die europäische Kriegsgeschichte mit einzelnen Sendenhorster Familien. Hinter den Soldaten standen Angehörige, Arbeitsplätze und persönliche Lebenswege. Die Abwesenheit arbeitsfähiger Männer konnte für die Haushalte auch wirtschaftliche Folgen haben.
Kaum waren die napoleonischen Kriege vorüber, folgte eine neue Katastrophe. 1816 ging als das „Jahr ohne Sommer“ in die europäische Geschichte ein. Eine wesentliche Ursache war der gewaltige Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815. Vulkanische Aerosole in der Atmosphäre beeinflussten das Klima; in vielen Teilen Europas kam es zu Kälte, Niederschlägen und schlechten Ernten.
Die Sendenhorster Chronik berichtet für 1816 von anhaltend schlechtem Wetter, Kälte bis in den Juni und einer schlechten Ernte. Auch 1817 waren die Verhältnisse schwierig; Ernteprobleme und Viehverluste verschärften die Lage.
Die Landwirtschaft bildete das wirtschaftliche Fundament des Umlandes. Getreideknappheit ließ Lebensmittelpreise steigen. Besonders betroffen waren Menschen, die Lebensmittel kaufen mussten: Tagelöhner, Handwerker, Weber und ärmere Familien. Bauern konnten weniger verkaufen, Handwerker verloren Kundschaft, Händler setzten weniger Waren um. So verstärkten sich die Schwierigkeiten gegenseitig.
Ein staatliches Sozialversicherungssystem gab es nicht. Hilfe kam vor allem von Verwandten, Kirchengemeinden, kommunaler Armenfürsorge und privater Wohltätigkeit. Die Wetterkrise wurde damit zur sozialen Krise.
Nach dem Wiener Kongress wurde Sendenhorst Teil des Königreichs Preußen; 1816 erfolgte die Zuordnung zum Kreis Beckum. Kataster, Steuerwesen, Gerichte, Polizei und kommunale Aufsicht wurden zunehmend vereinheitlicht. Diese Entwicklung schuf langfristig stabilere Verwaltungsstrukturen, erforderte zunächst aber weitere Anpassungen.
1824 entstand eine regelmäßige Botenpost zwischen Warendorf, Sendenhorst und Hamm. Im selben Jahr wurde nach der Chronik eines der ersten Häuser außerhalb des alten Wallrings errichtet. 1826 hatte Sendenhorst 1.472 Einwohner.
Von einem sicheren Aufschwung konnte keine Rede sein. 1828 und 1829 wurden Eichen von einer schweren Raupenplage befallen; überliefert sind gesundheitliche Beschwerden und Viehverluste. 1829 folgten Unwetter, Überschwemmungen, ein nasser Herbst und erneutes Viehsterben.
Über Generationen hatten Sendenhorster Familien vom Spinnen und Weben gelebt. Die Heimarbeit war häufig mit kleiner Landwirtschaft verbunden. Die Industrialisierung veränderte jedoch die Absatzmärkte: Maschinell hergestellte Garne und Textilien wurden in großen Mengen und zu niedrigen Preisen angeboten, besonders die mechanisierte Baumwollindustrie setzte das traditionelle Leinengewerbe unter Druck.
Heimweber hatten meist kaum Rücklagen und wenig Einfluss auf Verkaufspreise. Sinkende Erlöse ließen sich nicht unbegrenzt durch längere Arbeitszeiten ausgleichen. Die Krise erfasste auch Händler, Fuhrleute, Zulieferer und Handwerker, deren Kundschaft an Kaufkraft verlor.
Eine schlechte Ernte, Krankheit oder der Verlust eines Erwerbszweigs konnte Familien in Not bringen. Die kommunale und kirchliche Armenfürsorge hatte nur begrenzte Mittel; Unterstützung hing oft von örtlicher Zuständigkeit und persönlichen Verhältnissen ab.
Historische Gerichtsakten nennen für 1828 zwei, für 1829 einen und für 1830 acht Diebstähle. Gestohlen wurden unter anderem Leinen, Gänse, Kleidung und Bargeld. Aus solchen Einzelzahlen lässt sich keine allgemeine Kriminalitätsentwicklung ableiten. Sie machen aber deutlich, wie wertvoll alltägliche Gegenstände für die Menschen waren.
1831 entstand ein neuer Katasterplan. 1834 wurden Ost-, West-, Nord- und Südstraße gepflastert. Um 1840 verschwanden die letzten Stadttorhäuser, zuletzt das Osttorhaus. Gebäude entstanden zunehmend außerhalb des alten Wallrings; die mittelalterliche Stadtgestalt begann sich sichtbar zu verändern.
Die Revolution von 1848 erfasste große Teile Europas. In den deutschen Staaten verbanden sich Forderungen nach Verfassungen, Bürgerrechten, politischer Mitbestimmung und nationaler Einheit mit sozialen und wirtschaftlichen Spannungen. Auch Sendenhorst blieb davon nicht unberührt.
Die Bürgergarde führte eine schwarz-rot-goldene Fahne, die Pfarrer Lorenbeck in der Kirche segnete. Bei den Wahlen zu den Nationalversammlungen waren 411 Männer in der Stadt und 212 im Kirchspiel wahlberechtigt. Die Wahl erfolgte über Wahlmänner und war noch kein allgemeines, gleiches Wahlrecht heutiger Prägung.
Die Bürgergarde zeigt, dass auch in einer münsterländischen Kleinstadt die politischen Veränderungen wahrgenommen wurden. Zugleich drückte ihre Gründung das Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung aus. Der Anspruch auf Freiheit stand jedoch in einem scharfen Gegensatz zu den zeitgleichen Übergriffen auf jüdische Mitbürger.
Die Revolution von 1848 brachte nicht nur Freiheitsforderungen hervor. In zahlreichen Orten richteten sich gesellschaftliche Spannungen gegen jüdische Einwohner. Auch in Sendenhorst kam es zu antijüdischen Übergriffen.
Die jüdische Gemeinde war seit Generationen Teil der Stadtgesellschaft. Jüdische Familien betrieben Handel, arbeiteten unter anderem als Kaufleute, Viehhändler und Metzger und verfügten über eine Synagoge und eine jüdische Schule. In den 1840er-Jahren erreichte die jüdische Bevölkerung mit ungefähr 70 bis 75 Personen ihren zahlenmäßigen Höhepunkt.
Die Feindseligkeiten begannen nicht erst 1848. Schon 1804 wandte sich der jüdische Einwohner Levi David an das Königlich-Preußische Gericht. Nachts wurden jüdische Häuser bedroht und mit Steinen beworfen; Gruppen versuchten, in Gebäude einzudringen. Nach wiederholten Beschwerden ordnete das Gericht nächtliche Patrouillen durch den Stadtpförtner und weitere Bürger an.
Auch die Behörden behandelten jüdische Einwohner nicht selbstverständlich gleich. 1837 versuchte Bürgermeister Brüning, die Niederlassung des jüdischen Sattlers Salomon Mastbaum mit judenfeindlicher Begründung zu verhindern. Eine höhere Behörde setzte sich darüber hinweg. Bei der Aufteilung der Ostheide in den 1830er-Jahren wurden jüdische Hausbesitzer ebenfalls benachteiligt.
Im Revolutionsjahr eskalierten die Spannungen. Die Festschrift zum 25-jährigen Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr Sendenhorst von 1910 berichtet rückblickend von einer allgemeinen Judenverfolgung. Eigentum jüdischer Einwohner wurde beschädigt und zerstört. Zum Schutz vor weiteren Überfällen musste eine Wache im Rathaus eingerichtet werden.
Nach der überlieferten Darstellung gab es bei diesen Ausschreitungen keine Todesopfer. Das mindert die Schwere der Gewalttaten nicht.
Auch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts verschwanden die Vorurteile nicht. Zu Beginn der 1890er-Jahre fanden antisemitische Veranstaltungen in Sendenhorst statt. Überliefert sind Boykottaufrufe beziehungsweise Boykotte jüdischer Geschäfte.
Als Anlass werden Äußerungen eines Mitglieds der Familie Leffmann über die katholische Marienverehrung genannt. Einzelheiten und Resonanz sind in den Quellen nicht einheitlich überliefert. Die Vorgänge zeigen, wie religiöse Vorurteile, wirtschaftliche Konkurrenz und organisierter Antisemitismus ineinandergreifen konnten.
Die jüdische Gemeinde schrumpfte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Neben wirtschaftlichen Veränderungen und der Abwanderung in größere Städte belastete die gesellschaftliche Ausgrenzung das Leben. Nicht jeder Wegzug lässt sich allerdings unmittelbar auf antisemitische Übergriffe zurückführen.
1889 schloss sich die verkleinerte Gemeinde der jüdischen Gemeinde Drensteinfurt an. 1900 fand die letzte jüdische Beisetzung auf dem Friedhof an der Ostenpromenade statt. 1904 wurde die ehemalige Synagoge am Schlabberpohl abgebrochen; zwischen 1912 und 1914 endete das dauerhaft ansässige jüdische Gemeindeleben in Sendenhorst. Diese letzten Ereignisse reichen bereits in das 20. Jahrhundert.
Der jüdische Friedhof und eine Gedenkstele am früheren Synagogenstandort erinnern an die Gemeinde. Mehr dazu auf der Heimatvereinsseite „Jüdisches Leben“.
Der Aufstieg Sendenhorsts war nicht der Aufstieg aller seiner Einwohner. Die Judenverfolgung gehört deshalb in die Mitte der Sozial- und Gesellschaftsgeschichte des Krisenjahrhunderts.
Die Revolution von 1848/49 mündete auch in bewaffnete Auseinandersetzungen. 1849 wurde der badische Aufstand durch preußische Truppen niedergeschlagen; unter ihnen waren Sendenhorster.
Die Erinnerungstafel in St. Martinus führt die Gruppe unter einer historisch überlieferten Beschriftung auf, deren Wortlaut am Original noch einmal buchstabengetreu zu prüfen ist: „An deren Wiederkämpfung des Aufstandes in Baden nahmen ehrenvoll Anteil:“
Heinrich Brüning (Hauptmann im 13. Infanterieregiment, Inhaber des Ordens vom Zähringer Löwen I. Klasse), Anton Frey (Stabsarzt der Landwehr), Theodor Böcker (Premierleutnant der Landwehr), Anton Holtmann (Unteroffizier), Heinrich Bockholt (Unteroffizier), Anton Neuhaus (Unteroffizier), Bernhard Vocke (Unteroffizier), W. Austemann (Unteroffizier), Bernhard Lütkenhaus, Adolf Bücker, Johann Freye, Hermann Fels, Theodor Künne, Gerhard Bischof, Johann Linnemann, Anton Fischer, Stefan Leifert, Hermann Illing, Anton Lütkenhaus, Bernhard Kötter, Andreas Quante, Heinrich Linnemann, Anton Telges, Anton Leifert, Bernhard Wössmann, Wilhelm Panning, Heinrich Beumer, Gerhard Sievert, Theodor Brückert, Dietrich Westkemper und Heinrich Werring.
Die Namen bedürfen historischer Einordnung: Während die badischen Revolutionäre für eine demokratische Verfassung und politische Veränderungen kämpften, dienten diese Sendenhorster in Truppen, die den Aufstand niederschlugen. Die patriotische Sprache der späteren Tafel ist eine Quelle für die Erinnerungskultur des Kaiserreichs, keine heutige Wertung.
1864 kämpften Preußen und Österreich gegen Dänemark, 1866 Preußen gegen Österreich. Der Krieg gegen Frankreich 1870/71 führte zur Gründung des Deutschen Kaiserreiches. Zahlreiche Sendenhorster waren beteiligt; einige kehrten nicht zurück.
Unter der historischen Überschrift „Es fanden den Ehrentod:“ nennt die Tafel fünf Männer. Der Ausdruck „Ehrentod“ wird hier ausschließlich als Quellenwortlaut wiedergegeben.
| Name | Überlieferte Angaben |
|---|---|
| Kaspar Bonse | Infanterieregiment 53; gestorben am 4. April 1866 im Lazarett in Kiel |
| Th. Kottenstein | Infanterieregiment 13; gefallen am 14. Juli 1866 |
| Th. Schockemöller | Infanterieregiment 13; 1866 im Lazarett in Wesel gestorben |
| Bernhard Bücker | Infanterieregiment 29; gefallen am 18. August 1870 bei Gravelotte |
| Bernhard Diekmann | Kaiser-Alexander-Grenadierregiment; im Lazarett in Berlin gestorben |
Unter der Überschrift „An den Feldzügen 1864, 1866, 1870/71 nahmen ehrenvollen Anteil:“ nennt die Tafel folgende Männer:
| Name | Feldzüge |
|---|---|
| Johann Reinemann, Pfarrer | 1864 |
| Bernhard Klosterkamp, Unteroffizier | 1864, 1866, 1870/71 |
| Bernhard Hölscher | 1870/71 |
| Theodor Schmetkamp | 1864, 1866, 1870/71 |
| Karl Offers | 1866, 1870/71 |
| Bernhard Scharmann | 1866, 1870/71 |
| Theodor Brüggenkötter | 1870/71 |
| Bernhard Suermann | 1866 |
| Johann Kreimer | 1870/71 |
| Anton Suermann | 1866, 1870/71 |
| Hermann Ackfeld | 1866 |
| Stefan Niemann | 1866 |
| Hermann Wegmann | 1870/71 |
| Heinrich Knipping | 1864, 1866, 1870/71 |
| Theodor Kassenbrock | 1864, 1866, 1870/71 |
| Heinrich Beumer, Unteroffizier | 1870/71 |
| Heinrich Vennewald | 1864, 1866, 1870/71 |
| Freise (Vorname nicht genannt) | 1866, 1870/71 |
| Bernhard Everwin | 1870/71 |
| Bernhard Möllers | 1870/71 |
| Anton Hartmann | 1864, 1866 |
| Anton Horstmann | 1870/71 |
| Heinrich Silling | 1866 |
| Peter Rheul | 1870/71 |
| Bernhard Geissler | 1866, 1870/71 |
| Franz Menke | 1870/71 |
| Theodor Harbaum, Unteroffizier | 1864, 1866 |
| Klemens Klosterkamp | 1864, 1866 |
Mehrere Männer waren an zwei oder drei Feldzügen beteiligt. Die Namen sind zugleich ein wertvoller Ansatzpunkt für die Familienforschung. Die Tafel verbindet die Befreiungskriege, die Niederschlagung der Revolution und die Reichsgründungskriege in einer patriotisch geprägten Erinnerungskultur um 1900.
Quelle: Geschichten aus dem Archiv – Heimatverein Sendenhorst.
Die Volks- und Viehzählung von 1849 zeigt, wie eng das städtische Leben mit der Landwirtschaft verbunden blieb.
| Merkmal | Bestand 1849 |
|---|---|
| Einwohner | 1.655 |
| Familien | 343 |
| Wohnhäuser | 284 |
| Fabriken beziehungsweise Mühlen | 4 |
| Kühe | 486 |
| Schweine | 298 |
| Ziegen | 177 |
1851 erhielt Sendenhorst eine eigene städtische Verfassung und schied aus dem bisherigen Verwaltungsverbund aus; das Kirchspiel wurde dem Amt Vorhelm zugeordnet. Stadt und ländliches Umland entwickelten sich verwaltungsrechtlich unterschiedlich, blieben aber wirtschaftlich und gesellschaftlich eng verbunden. Zu den Bürgermeistern und kommunalen Amtsträgern besteht eine eigene Heimatvereinsübersicht.
1853 wurde die alte romanische Pfarrkirche abgebrochen. Am 21. August 1855 legte Pfarrer Lorenbeck den Grundstein der neuen neugotischen Kirche. Die feierliche Weihe erfolgte am 15. November 1865 durch Bischof Johann Georg Müller. Der Neubau veränderte das Stadtbild dauerhaft und war Ausdruck langfristiger gemeinschaftlicher Anstrengungen.
Das Jahr 1866 brachte mehrere schwere Belastungen. Am 4. Juni verursachte ein Hagelunwetter in Stadt und Kirchspiel Schäden von geschätzt 100.000 Talern. Im August brach Keuchhusten aus; etwa 30 Kinder starben, besonders aus ärmeren Familien. Gleichzeitig führte Preußen Krieg gegen Österreich. Naturkatastrophe, Krankheit und militärische Unsicherheit trafen die Bevölkerung nahezu gleichzeitig.
Im selben Jahr wurde die Sparkasse der Stadt Sendenhorst und des Amtes Vorhelm gegründet. Sie bot neue Möglichkeiten, Ersparnisse sicher anzulegen, und wurde zu einem Baustein des modernen örtlichen Geld- und Kreditwesens.
Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches entstand ein deutscher Nationalstaat unter preußischer Führung. Die politische Einheit verbesserte langfristig die Voraussetzungen für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum. Doch Krankheiten blieben eine unmittelbare Gefahr: Die örtliche Chronik berichtet 1871 von Pocken und Ruhr; allein an Ruhr starben zwölf Kinder und sieben Erwachsene.
Im katholisch geprägten Münsterland traf der Konflikt zwischen dem preußischen Staat und der katholischen Kirche auf starken Widerstand. Der Staat beanspruchte mehr Einfluss auf kirchliche Ausbildung, Stellenbesetzungen und Organisation. In Sendenhorst war die Pfarrstelle zwischen 1880 und 1884 zeitweise nicht regulär besetzt. Der Kulturkampf zeigt, dass die Reichsgründung keineswegs gesellschaftliche Einigkeit bedeutete.
1872 entstand eine Mädchenschule an der Nordstraße, 1878 folgte eine neue siebenklassige Volksschule. Lesen, Schreiben und Rechnen wurden für immer mehr Berufe wichtig. Zwar hingen die Bildungschancen weiterhin stark von Herkunft, Geschlecht und Vermögen ab; der Ausbau der Schulen war dennoch ein bedeutender Modernisierungsschritt.
Um 1880 gewann der Abbau von Strontianit an Bedeutung. Das Mineral wurde unter anderem in der Zuckerindustrie benötigt. Nach örtlicher Überlieferung entstanden auf Sendenhorster Gebiet ungefähr 30 Strontianitgruben. Der Abbau schuf zusätzliche Arbeit, war körperlich schwer und hing von der Nachfrage nach einem einzelnen Rohstoff ab. Als technische Verfahren und Marktbedingungen sich änderten, verlor das Gewerbe wieder an Bedeutung – ein Beispiel für Aufstieg und Niedergang einer Rohstoffkonjunktur.
Nach den schweren Bränden von 1806 blieb der Feuerschutz ein zentrales Problem. Am 9. und 12. August 1885 kam es erneut zu Bränden, zunächst am Südgraben und dann in der Schmiede Arnskötter an der Südstraße. Aus der Erkenntnis, dass spontane Nachbarschaftshilfe nicht genügte, entwickelte sich die Freiwillige Feuerwehr Sendenhorst: ein Schritt hin zu dauerhafter organisierter Gefahrenabwehr.
Der aus Sendenhorst stammende Buchhändler Josef Spithöver hatte in Rom wirtschaftlichen Erfolg erlangt. Einen Teil seines Vermögens verwendete er für eine soziale Einrichtung in seiner Heimatstadt. Die Baupläne stammten von Wilhelm Rincklake. Am 16. September 1889 wurde das St.-Josef-Stift feierlich eingeweiht.
Wie notwendig bessere medizinische Versorgung war, zeigen die Sterbezahlen: Noch 1889 verzeichnete Sendenhorst 46 Sterbefälle, darunter 28 Kinder unter fünf Jahren. Hohe Kindersterblichkeit und begrenzte Behandlungsmöglichkeiten gehörten zum Alltag. Das Stift wurde zu einer dauerhaft prägenden Einrichtung.
1897 entstand die Spar- und Darlehnskasse. Sie ergänzte das örtliche Kreditwesen und stand in der genossenschaftlichen Tradition, die Landwirtschaft, Handwerk und kleineren Betrieben neue Finanzierungsmöglichkeiten eröffnete.
1898 errichtete die Oelder Zentrifugenfabrik Ramesohl am Osttor eine Filiale. Bis zum Ersten Weltkrieg arbeiteten dort etwa 15 Beschäftigte. Für die großen Industrieregionen war das eine kleine Zahl, für Sendenhorst aber ein Zeichen des technischen und wirtschaftlichen Wandels.
| Jahr | Einwohner |
|---|---|
| 1805 | 1.294 |
| 1826 | 1.472 |
| 1843 | 1.589 |
| 1849 | 1.655 |
| 1858 | 1.810 |
| 1868 | 1.922 |
| 1873 | 1.885 |
| 1900 | 1.995 |
Von 1805 bis 1900 stieg die Einwohnerzahl um rund 54 Prozent. Das Wachstum verlief nicht gleichmäßig: Krankheiten, wirtschaftliche Schwierigkeiten und Wanderungsbewegungen beeinflussten die Entwicklung.
Am 3. September 1900 erschien die erste Ausgabe der Sendenhorster Volkszeitung. Die Eisenbahn folgte 1903, die elektrische Straßenbeleuchtung 1907. Diese technischen Neuerungen gehören bereits zum 20. Jahrhundert, hatten ihre Voraussetzungen aber im langen Wandel des 19. Jahrhunderts.
Das 19. Jahrhundert begann für Sendenhorst mit Krieg, politischer Unsicherheit und einer schweren Brandkatastrophe. Es folgten Hungerjahre, wirtschaftliche Umbrüche, soziale Not, Revolution, antijüdische Gewalt, Naturkatastrophen, Seuchen und weitere Kriege.
Gleichzeitig entstanden Einrichtungen, die das Leben langfristig veränderten: Schulen erweiterten die Bildungsmöglichkeiten; Sparkasse und Spar- und Darlehnskasse stärkten das Kreditwesen; die Feuerwehr organisierte den Schutz vor Bränden; das St.-Josef-Stift verbesserte die medizinische Versorgung; neue Gewerbe und industrielle Betriebe eröffneten zusätzliche Erwerbschancen.
Der Fortschritt beseitigte soziale Unterschiede nicht. Die Judenverfolgung von 1848 und antisemitische Ausschreitungen und Boykotte der 1890er-Jahre zeigen, dass politische Freiheitsforderungen und wirtschaftliche Modernisierung nicht automatisch gesellschaftliche Gleichberechtigung bedeuteten.
Die Darstellung verbindet lokale Überlieferung mit der allgemeinen Geschichte Westfalens und Deutschlands. Einzelne Zahlen und Angaben sowie die Namenslisten der Erinnerungstafel sollten vor einer wissenschaftlich-kritischen Edition nochmals an den Originalquellen geprüft werden. Die Quellen sind hier als Nachweise und Vertiefung verlinkt.
Heinrich Petzmeyer: Sendenhorst – Geschichte einer Kleinstadt im Münsterland, 1993. Zur französischen und preußischen Zeit, sozialen Entwicklung, Revolution, Reichsgründung und zweiten Jahrhunderthälfte.
Hans-Günther Fascies: Stadt- und Heimatarchiv Sendenhorst, Chronikmaterial, Verwaltungs- und Gewerbeakten sowie historische Arbeitsunterlagen.
Heimatverein Sendenhorst: Geschichten aus dem Archiv – Erinnerungstafel und Kriegsteilnehmer.
Historische Kommission für Westfalen: Jürgen Gojny, Jüdische Gemeinde Sendenhorst, S. 631–641 ↗.
Heimatverein Sendenhorst: Originalakten zur jüdischen Bevölkerung · Jüdisches Leben · Historische Quellen und Literatur.
Weitere thematische Heimatvereinsseiten: Wirtschaftsgeschichte · Armut und soziale Verhältnisse · Bürgermeister und Amtsträger.
Redaktioneller Hinweis: Die Formulierungen der historischen Kriegstafel sind als zeitgebundene Quellensprache wiedergegeben. Die vollständige archivalische Prüfung der Originalakten – etwa zu Weberfamilien, Auswanderung, Revolution, antijüdischen Übergriffen und Strontianitgruben – bleibt eine Aufgabe vertiefender Forschung.