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Borgmann
Weber, Zimmerleute, Bauern, Arzt, Postmeister und Künstler

Die Geschichte der Borgmann führt durch sehr unterschiedliche Lebenswelten: vom Leinenweber in der Stadt über die Kötter und Zimmerleute der Hardt bis zu den Hofbesitzern in Rinkhöven, dem Arzt Dr. Anton Borgmann und dem Postmeister Emil Borgmann. Die Akten erzählen von Häusern, Bränden und Wiederaufbau, von Arbeit und Schulden, von kommunalen Ämtern, medizinischen Auseinandersetzungen und der technischen Modernisierung des Postwesens. Dabei begegnen mehrere Linien desselben Namens. Ihre Lebenswege werden hier gemeinsam erzählt, ohne sie zu einer einzigen unbewiesenen Stammfolge zu verschmelzen.

Eine Sendenhorster Familien- und Stadtgeschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert

Frühe Spuren und die Weber in der Stadt

Bereits 1715 erscheint Maria Borgmann, Ehefrau des Peter Angelkotte, in einem Schuldbrief über 50 Reichstaler zugunsten der Sendenhorster Armenprovisoren. Das Dokument führt den Namen weit vor die bekannte Arztfamilie zurück.1

Eine genauer fassbare städtische Familie beginnt mit Johann Hermann Borgmann aus Telgte. Er heiratete die Witwe des Webers Johann Bernhard Westhues und beantragte 1795/96 die Aufnahme in die Sendenhorster Bürgerschaft. Das bisherige Haus lag im Bereich der späteren Mädchenschule. Nach dem Stadtbrand von 1806 trat Borgmann Grundstücksfläche für die Schule ab und errichtete 1807 in Bußmanns Garten ein neues Wohnhaus im Bereich der Neustraße. 1808 wurde das Grundstück mit 2.759 Quadratfuß vermessen.12

1810 war Johann Hermann Borgmann 51 Jahre alt und Weber; seine Ehefrau Elisabeth Kötter war 50 Jahre alt. Das Ehepaar war kinderlos. Im Haushalt lebte außerdem ein junger Webergeselle aus der Familie Westhues. An diesem kleinen Haus lässt sich die Sendenhorster Neuordnung nach dem Brand besonders gut ablesen: Schulbau, neue Grundstücksgrenzen und handwerklicher Alltag griffen unmittelbar ineinander.2

Die Hardter Borgmann – Kötter, Zimmerleute und ein abgebrannter Hof

In der Bauerschaft Hardt ist eine weitere Borgmann-Linie mit dem Brenkenkotten verbunden, der später unter Borgmann beziehungsweise Schmetkamp geführt wurde. 1801 erklärte Anna Maria Geilern vor dem Armenvorstand, sie wolle Wilhelm Borgmann heiraten und mit ihm den Kotten übernehmen. Johann Wilhelm Borgmann pachtete 1805 mehrere Ackerstücke aus dem Armenfonds, unter anderem im Südfeld, auf der Hardt, im Härder Feld und in Hagedorns Feldkamp. Dafür waren jährlich fünf Reichstaler zu entrichten.2

1810 wird Johann Wilhelm Borgmann als 45-jähriger Zimmermann beschrieben, verheiratet mit Anna Maria Geilern, 48 Jahre alt. Die Quellen nennen einen Kötter Borgmann als gesuchten Landhandwerker für Arbeiten an der Ostpforte; ein Zimmermann Borgmann wird auch mit dem Osttorhaus 1812/13 verbunden. Damit reicht die Familiengeschichte bis in den Wiederaufbau der Stadt nach 1806 hinein.12

Die Lage dieser Familie war nicht immer einfach. 1831 sollte Bernhard Heinrich Borgmann zur Landwehr eingezogen werden. Eine behördliche Stellungnahme schildert, dass er als Zimmermann mit seinem sehbehinderten Vater arbeitete, erst seit kurzer Zeit verheiratet war und einen guten, aber hoch verschuldeten Kotten besaß. Ohne seinen Tagelohn drohte der Familie Not.2

1833 plante ein Borgmann aus der Hardt nach dem Brand seines Hauses einen Neubau in der Bauerschaft Bracht an der Straße nach Ahlen, wo ein großer Teil seiner Grundstücke lag. Für 1828 verzeichnet die Hofüberlieferung fünf Bewohner, vier Kühe, drei Rinder und zwei Schweine; 1834 erscheint Bernhard Heinrich Borgmann, 1847 Conrad Heinrich Borgmann. Im 20. Jahrhundert wurde die Stätte unter dem Namen Schmetkamp geführt.2

Ein neues Haus am Westgraben

1857 beantragte Bernhard Heinrich Borgmann aus der Hardt, am Westgraben ein Wohnhaus mit Feuerstelle zu errichten. Das Baugrundstück hatte er von der Witwe Linnemann erworben. Einen Brunnen mit Pumpe auf städtischem Grund durfte er hingegen nicht anlegen. 1863 ist das Gebäude als Mietshaus eines Borgmann aus dem Kirchspiel dokumentiert. Der Vorgang zeigt, wie sich Bewohner der Bauerschaften auch als Hauseigentümer am Rand der Stadt niederließen.12

Borgmann genannt Brüser – eine Hofgeschichte in Rinkhöven

Eine eigene Linie führt zum Hof Brüser in Rinkhöven. Nachdem Johann Hermann Brüser, dem der Hof 1843 übertragen worden war, unverheiratet starb, wurde die Nachfolge neu geregelt. Am 8. September 1845 übergab Johann Theodor Brüser den Betrieb seinem Schwiegersohn Adolph Borgmann, der Anna Catharina Brüser geheiratet hatte und den Hof bereits pachtete.2

Der Vertrag ist ein aufschlussreiches Zeugnis bäuerlicher Familienwirtschaft. Der Altbauer behielt zwei Pferde seiner Wahl, Einrichtungsgegenstände, die Obsternte und einen Eichbaum. Für sein Altenteil wurden 200 Taler festgesetzt; Maria Anna Brüser sollte 1.500 Taler Abfindung erhalten. Später erscheinen Theodor Hermann Borgmann genannt Brüser, August Borgmann, Heinrich Borgmann und Gottfried Borgmann genannt Brüser. Der Betrieb umfasste um 1895 knapp 39 Hektar und 1938 rund 40 Hektar.2

Dr. Anton Borgmann – Arzt und Bürger

Am 31. Mai 1875 zog Dr. Anton Borgmann aus Legden nach Sendenhorst. Die Familienchronik nennt ihn als 1834 geborenen Arzt und schildert seine berufliche Laufbahn. Er war zunächst mit Maria Brinkmann (1848–1880) verheiratet und heiratete 1881 Anna Clara Bernardina Bonse (1850–1934). Sein Sohn Emil stammte aus der ersten Ehe; Clara wurde dessen Stiefmutter.31

Anton Borgmann ließ sich in einer Zeit nieder, als die ärztliche Versorgung und das Krankenhauswesen Sendenhorsts im Wandel waren. Die Familienchronik dokumentiert auch seine Beschäftigung mit der Kneipp-Medizin und ein Kurangebot mit Wasseranwendungen. Damit gehörte die medizinische Nutzung des Hauses an der Nordstraße zu seiner Geschichte, lange bevor die Post dort einzog.3

Die Akten zeigen ihn außerdem als streitbaren Teilnehmer des öffentlichen Lebens. 1901 wandte er sich gemeinsam mit Dr. Roekohl gegen die Organisation der ärztlichen Aufsicht im St.-Josefs-Stift. Die Beschwerde führte zu einer behördlichen Untersuchung; schwerwiegende Vorwürfe wurden nicht bestätigt, organisatorische Mängel aber durchaus festgestellt. Ebenfalls 1901 beantragte Borgmann die Gemeinde- und Armenarztstelle, erhielt sie jedoch nicht. Am 15. August 1904 wurde er mit fünf Stimmen zum Beigeordneten gewählt.2

Nordstraße 248 – ein Haus mit langer Geschichte

Das spätere Borgmann-Haus trug die historische Hausnummer 248; die heutige Anschrift lautet Nordstraße 3. Seine Geschichte beginnt vor der Arztfamilie. Die Familienchronik verbindet den Wiederaufbau nach dem Stadtbrand von 1806 mit dem Bürgermeister Bernhard Joseph Langen und dem Baumeister Clemens August von Vagedes.3

1868 erwarb Dr. Johann Frey aus Ahlen das Anwesen für 4.000 Reichstaler. Dr. Anton Borgmann kam 1875 nach Sendenhorst und zahlte 1876 bereits 3.000 Reichstaler auf den Kaufpreis; 1878 folgte eine Zahlung an die Witwe Frey. Im selben Jahr wurde um ein Wegerecht vom Hinterhaus über das Grundstück des Metzgers Hansen gestritten. Der Hauskataster zeigt damit, wie eng Eigentum, Hofräume und Nachbarschaftsrechte miteinander verflochten waren.2

Das Haus blieb über Generationen Mittelpunkt der Familiengeschichte. Die Chronik verfolgt Umbauten, die Nutzung durch Post und Fernmeldewesen und die Rückkehr zur privaten Wohnnutzung nach dem Auszug der Bundespost 1980.3

Verbindung Bonse – Borgmann

Der Schlüssel zur späteren Postgeschichte liegt in der Ehe von Dr. Anton Borgmann mit Anna Clara Bernardina Bonse. Clara wurde am 12. Juni 1850 geboren und starb am 12. Januar 1934. Sie war die Schwester des langjährigen Sendenhorster Postverwalters Theodor Franz Gerhard Bonse.13

Emil Borgmann, geboren 1871 in Legden, war der Sohn Antons aus dessen erster Ehe mit Maria Brinkmann. In Clara Bonse hatte er eine Stiefmutter, deren Familie seit Generationen mit der Sendenhorster Post verbunden war. So entstand eine familiäre Brücke zwischen der alten Bonse-Posthalterei an der Südstraße und der späteren Postverwaltung im Borgmann-Haus.13

Emil bewarb sich 1909 um die Postverwalterstelle und berief sich nach der Familienchronik ausdrücklich auf die lange Posttradition seiner Stiefmutter. Dieser Vorgang zeigt: Der Wechsel von Bonse zu Borgmann war nicht bloß ein Wechsel des Gebäudes, sondern wurde innerhalb eines miteinander verbundenen Familienkreises vorbereitet.3

1911 – Die Post zieht in die Nordstraße

Der Umzug hatte zugleich einen handfesten technischen Grund. Bei einer Revision am 9. März 1911 stellte die Post fest, dass der vorhandene Fernsprech-Klappenschrank mit 20 Leitungen voll besetzt war. Für eine Erweiterung auf 50 Leitungen fehlte in den bisherigen Diensträumen der Platz. Die Verwaltung schlug deshalb vor, das Postamt in das Haus Dr. Borgmanns zu verlegen. Im Mai 1911 wurde ein Mietvertrag geschlossen. Anfang Oktober nahm die Post den Betrieb in der Nordstraße auf.23

Damit änderte sich auch die Bedeutung des Hauses: Neben der Arztpraxis lagen nun die Räume einer Behörde, die Briefe und Pakete, Telegraphie und das rasch wachsende Telefonnetz betreute. Der technische Fortschritt erhielt eine neue Adresse in der Stadt.

Eine kleine Episode verrät viel über das damalige Selbstverständnis Sendenhorsts. Weil Briefe fehlgeleitet wurden, sollte die Ortsbezeichnung im Poststempel präzisiert werden. Borgmann wehrte sich gegen den Zusatz „Kreis Beckum“ und verwies auf Sendenhorsts Ruf als Kornbrennerstadt. Genehmigt wurde schließlich „Sendenhorst, Bezirk Münster“.2

Emil Borgmann – Postmeister und Familienvater

Emil Borgmann wurde am 2. September 1871 in Legden geboren. Die Haus- und Familienchronik beschreibt seinen Weg in den Postdienst und seine Ehe mit Clara Elpers. Nach 44 Dienstjahren trat er 1937 in den Ruhestand. Im Hauskataster steht er 1935 als Postmeister und 1940 als Postmeister außer Dienst. Er starb am 20. Juli 1941.32

Auch im Vereinsleben erscheint der Name: 1923 führte ein E. Borgmann den Kegelklub Eintracht, der sich samstags in der Wirtschaft Hullerum traf.2

Die Post blieb noch Jahrzehnte im Haus. Die Familienchronik beschreibt die Veränderungen in der Nachkriegszeit, zusätzliche Räume für Fernsprechtechnik und den Auszug der Bundespost 1980. Das ehemalige Posthaus wurde wieder überwiegend privat genutzt.3

Die jüngeren Generationen und der Künstler Theodor Borgmann

Zur jüngeren Familiengeschichte gehört Theodor Borgmann (1922–2002), der als Malermeister, Karikaturist und Künstler tätig war. Die Chronik schildert seine Ausbildung, sein Handwerk und seine künstlerische Arbeit. Mit seiner Ehefrau Maria, geborene Vollmer, führte er die Hausgeschichte in der nächsten Generation fort.3

Der Hauskataster nennt 1945 Klara Borgmann, Edith Borgmann und Theodor Borgmann sowie weitere Bewohner des Anwesens. Neben Familienmitgliedern wohnten dort unter anderem Angehörige der Familie Born und die Lehrerin Elisabeth Silling. 1950 erscheint die Witwe Klara Borgmann.2

Die Familienchronik berichtet von der Fassadenerneuerung 1984 und der späteren Übertragung des Hauses an Ulrich Borgmann im Jahr 2002. So reicht die dokumentierte Hausgeschichte vom Wiederaufbau nach 1806 bis in die Gegenwart der jüngeren Familiengenerationen.3

Weitere Borgmann im Sendenhorster Alltag

Der Name begegnet in vielen kleineren Quellen: 1830 zog Johann Heinrich Borgmann als Hollandgänger zum Grasmähen in die Niederlande und kehrte nach sechs Wochen krank zurück. 1832 arbeitete ein Johann Heinrich Borgmann an einem Sanddamm des Postweges nach Münster. 1929 wehrte sich die Provisionsreisende Bernhardine Borgmann gegen die Beschlagnahme eines von ihr vertriebenen Buches.2

Auch die Namen Borgmann genannt Brüser erscheinen in den Verlustlisten des Ersten Weltkriegs. Solche Einträge gehören zur örtlichen Geschichte, selbst wenn sie nicht jeder Person eine eindeutige Stelle in der Stammfolge zuweisen.2

Was die Borgmann-Geschichte über Sendenhorst erzählt

An der Familie Borgmann lässt sich der Wandel Sendenhorsts besonders anschaulich verfolgen. Die Weber und Zimmerleute stehen für das handwerkliche Leben der alten Stadt. Die Kötter der Hardt zeigen die Verbindung von Landwirtschaft, Tagelohn und Verschuldung. Die Hofbesitzer in Rinkhöven machen die Bedeutung von Heirat, Erbfolge und Altenteil sichtbar. Dr. Anton Borgmann führt mitten in die medizinischen und kommunalpolitischen Auseinandersetzungen der Jahrhundertwende. Emil Borgmann schließlich steht für den Übergang von der traditionellen Posthalterei zur technisch ausgestatteten Post- und Fernmeldeverwaltung.

Es ist nicht eine einzige Geschichte, sondern ein ganzes Stück Sendenhorster Stadtgeschichte unter einem gemeinsamen Namen.

Fußnoten und Quellen

Die hochgestellten Ziffern im Text führen zu den nummerierten Quellenangaben. Sammelbelege sind keine Einzelurkunden-Nachweise.

  1. HGF – Sendenhorster Haus- und Ahnenfolgen, Hauskataster und historische Materialsammlung. Die Zuordnung ist ein Sammelbeleg, soweit keine Einzelstelle genannt ist. ↩
  2. H. Petzm. – Historische Akten und Aufzeichnungen zur Geschichte Sendenhorsts; insbesondere Haus-, Verwaltungs- und Wirtschaftsgeschichte. ↩
  3. Ein Haus erzählt eine Geschichte – Nordstraße No. 248 – Familien- und Hauschronik Borgmann (2009). ↩

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