Die Wurzeln der Familie liegen in Beckum. Eine Familienquelle nennt bereits für 1389 einen Everwin Everken; im Beckumer Stadtarchiv ist der Name seit dem 15. Jahrhundert sicher greifbar. Angehörige der Familie erscheinen als Kaufleute, Bäcker, Brauer, Ratsherren, Richter und Bürgermeister. Dr. jur. Johannes Everke gehörte im 17. Jahrhundert zu den prägenden Amtsträgern der Stadt. Stephan Everke, geboren 1732, war Bäcker, Wirt und zeitweise Bürgermeister. Sein Sohn Johann Caspar begründete später die Sendenhorster Linie.1
Johann Caspar Everke (1771–1843) zog 1802 anlässlich seiner Heirat mit Maria Anna Catharina Beumer von Beckum nach Sendenhorst. Am 7. April 1803 beantragte er das Bürgerrecht; als Beruf wurde Krämer angegeben. Er handelte mit holländischen Waren sowie Ellen- und Manufakturwaren, bezog Ware unter anderem aus Münster und Amsterdam und verkaufte sie im Ort und in der Umgebung. Durch seine erste Ehe kam das Haus Kirchstraße 20, später Kirchstraße 22, in seinen Besitz.1
Am 29. April 1806 zerstörte ein verheerender Brand große Teile Sendenhorsts. Auch das Everkesche Haus brannte nieder. Beckumer Verwandte ließen ein neues Fachwerkhaus zimmern, nach Sendenhorst bringen und Caspar Everke überlassen. Aus der allgemeinen Brandhilfe erhielt er mit 35 Talern den höchsten ausgezahlten Satz – ein Hinweis auf Größe und Wert seines verlorenen Besitzes.2
Das Anwesen gegenüber von Kirche und Rathaus blieb danach fast zwei Jahrhunderte Mittelpunkt der Sendenhorster Familie. Hier lagen Wohnhaus, Kontor, Brennerei, Kesselhaus, Tenne, Speicher und Stallungen dicht beieinander – ein vollständiger Ackerbürger- und Brennereibetrieb mitten in der Stadt.
Nach den Aufzeichnungen Paula Everkes gründete die Familie Beumer 1796 auf der späteren Everkeschen Hausstätte eine Korn-Dickmaischbrennerei. Caspar Everke übernahm das Anwesen 1805 und dürfte das Brennen, den Handel und den Ausschank fortgeführt haben. Ein Geschäftsbriefkopf der Firma J. H. Everke von 1913 nennt ebenfalls 1796 als Gründungsjahr und wirbt mit der Spezialität „Alter Münsterländer Korn – Vom alten Faß“.1
Die Firma J. H. Everke wurde 1837 unter dem Namen Johann Heinrich Everkes eingetragen. 1856 entstand im Haus eine Branntweinschenke; 1859 wurde die Einrichtung beziehungsweise Erweiterung der Brennerei mit Maischkeller angezeigt. Ein Bauantrag zeigt Tenne und Stallungen für acht Kühe. Das war typisch für eine landwirtschaftliche Brennerei: eigenes oder regionales Getreide wurde verarbeitet, die nahrhafte Schlempe anschließend an das Vieh verfüttert.3
| 1867 | Everke erscheint bei der amtlichen Revision der Dampfkessel. |
| 1869 | Die Firma hinterlegt 800 Taler Sicherheit für die an das Hauptsteueramt Münster zu zahlende Branntweinsteuer. |
| 1875 | Nachgewiesen sind drei Maischebottiche mit zusammen etwa 24,4 Hektolitern und drei Hefebottiche mit zusammen etwa 1,97 Hektolitern. |
| 1888/89 | Die Steuerliste nennt 54,13 Hektoliter festgesetzte Jahresmenge, 108.600 Liter Maischraum und einen Anteil von 5,2 Prozent am erfassten Sendenhorster Maischraum. |
Die Zahlen beschreiben unterschiedliche steuerliche Größen; sie dürfen nicht ohne Weiteres als tatsächliche Jahresproduktion miteinander verglichen werden.3
Die Feuerwehrtradition der Familie begann nicht erst 1885. Bereits 1857 war Johann Heinrich Everke für die städtische Feuerspritze verantwortlich. Später leitete er nach der Feuer-Lösch-Ordnung eine Abteilung, welche die Wasserbottiche füllen und zur Brandstelle bringen musste. Ihm unterstanden 15 Bedienungspersonen.4
Damit steht Johann Heinrich am Übergang vom verpflichtenden, obrigkeitlich geregelten Löschdienst zur organisierten Freiwilligen Feuerwehr. Sein Sohn Wilhelm gehörte 1885 zu deren Mitgründern; sein Enkel Heinz führte die Wehr von 1929 bis 1967 in das technische Zeitalter. Über mehr als ein Jahrhundert reicht so die nachweisbare Verbindung der Familie zum Sendenhorster Brandschutz.
Wilhelm Everke (1862–1928) führte den landwirtschaftlichen Betrieb und die Brennerei seines Vaters weiter. Als etwa Zwanzigjähriger setzte er sich für den Aufbau einer Freiwilligen Feuerwehr ein. Bei der Gründungsversammlung im August 1885 führte er Protokoll und wurde zum Führer der ersten Steigergruppe bestimmt. Anlass für die Gründung waren zwei Brände im Sommer desselben Jahres.5
Von 1907 bis zu seinem Tod war Wilhelm Chef der Wehr und Oberbrandmeister. Er betrieb die Verbesserung der Ausrüstung und setzte sich dafür ein, Steigerturm und Spritzenhaus wieder zentral in der Stadt anzulegen, damit die Löschgeräte alle Stadtteile schneller erreichen konnten. Im Sommer 1928 wurden der neue Steigerturm und das Spritzenhaus eingeweiht. Nur wenige Monate später, am 7. Oktober 1928, starb Wilhelm Everke. Das neue Banner der Wehr wurde ausgerechnet bei seiner Beisetzung erstmals einem Toten vorangetragen.5
Wilhelm engagierte sich zugleich weit über Sendenhorst hinaus für das landwirtschaftliche Brennereiwesen. 1920 gründete er den Verband westfälischer Kornbrenner e. V. und vertrat besonders die Interessen kleiner und mittlerer landwirtschaftlicher Betriebe gegenüber Verbänden, Behörden und politischen Entscheidungsträgern bis nach Berlin.1
Wilhelms Ehefrau Paula, geborene Rehage, arbeitete sich nach der Heirat 1900 in Landwirtschaft und Brennerei ein. Nach Wilhelms Tod führte sie den Betrieb weiter und hielt ihn bis zur Übergabe an die nächste Generation zusammen. Weil sie über mehr als fünf Jahrzehnte eng mit dem Leben der Wehr verbunden war, wurde sie in Sendenhorst als „Mutter der Freiwilligen Feuerwehr“ bezeichnet.1
Karl Heinrich „Heinz“ Everke (1902–1975) absolvierte eine Banklehre, erhielt eine landwirtschaftliche Ausbildung und ließ sich anschließend zum Brenner ausbilden. Am 1. April 1925 trat er der Freiwilligen Feuerwehr bei; am 27. Februar 1929 übernahm er im Alter von 27 Jahren die Leitung. Er blieb bis zum 20. September 1967 Wehrführer und Hauptbrandmeister.6
Zu Beginn seiner Amtszeit gehörte die Handdruckspritze noch zur wichtigsten Ausrüstung. 1934 erhielt die Wehr ihre erste Motorspritze, 1946 die zweite und 1948 die dritte. Nach dem Krieg behalf man sich zunächst mit einem umgebauten, grün gestrichenen Sanitätskraftwagen; später kam der erste Gruppenwagen hinzu. Als Heinz 1967 ausschied, verfügte die Feuerwehr über ein neues Gerätehaus und vier Einsatzfahrzeuge.6
Sein Wirken reichte über die Stadt hinaus. Heinz gehörte dem Kreisvorstand der Freiwilligen Feuerwehren des Kreises Beckum an und war lange stellvertretender Kreisbrandmeister. Für seine Verdienste erhielt er Feuerwehr-Ehrenzeichen in Silber und Gold sowie 1967 das Feuerwehr-Ehrenzeichen der Sonderstufe in Silber. Gemeinsam standen Wilhelm und Heinz Everke damit von 1907 bis 1967 ununterbrochen an der Spitze der Sendenhorster Feuerwehr.6
Mit Vertrag vom 10. Februar 1943 übertrug Paula Everke den Erbhof und die Dampfkornbranntwein-Brennerei rückwirkend zum 31. Dezember 1942 auf Heinz. Kurz darauf wurde er Soldat. Seine Frau Erika, geborene Kleine, führte Landwirtschaft und Brennerei während seiner Abwesenheit weiter. Nach 1945 lag die Produktion wegen knapper Zuteilungen von Brenngetreide zunächst weitgehend still; die Landwirtschaft sicherte in dieser Zeit den Betrieb.1
Später erreichte die Brennerei eine neue Blüte. Nach Angaben der Familienchronik verfügte sie zuletzt über etwa 800 Hektoliter Jahresbrennrecht und war damit die zweitgrößte Brennerei Sendenhorsts. Heinz gehörte außerdem dem Vorstand des Bundesverbandes der Kornbranntwein-Brennereien an.
Die Brennerei verkaufte nicht nur in Sendenhorst. In den 1930er Jahren exportierte Everke Korn, Liköre und sogar ein Whiskey-Imitat nach Übersee. Ein erhaltenes Etikett aus dem Jahr 1934 belegt ausdrücklich den Export in die USA. Nach dem Krieg präsentierte sich die Firma um 1950 auf einer Messe in Dortmund.7
Wie eng Familie, Landwirtschaft und Gewerbe verbunden waren, zeigen die Erinnerungen Senta Fronholts. Sie kam um 1950 als Köchin zu Everkes und kochte täglich für einen Haushalt von etwa 17 Personen: Großmutter, Eltern, sieben Kinder, Privatlehrerin, Kinder- und Hausmädchen, Brenner, Schweizer-Ehepaar und Köchin. Viele Lebensmittel kamen aus Landwirtschaft und großem Gemüsegarten.7
Bei Bedarf half das Hauspersonal beim Abfüllen: Flaschen wurden verkorkt, mit Gummihaut verschlossen, etikettiert, gesäubert und in Kisten gepackt. Über die Doppelkornflaschen kam ein Bastgeflecht. Der Brenner wohnte ebenso auf dem Anwesen wie weitere Beschäftigte. Das Everke-Haus war Wohnung, Arbeitsplatz und landwirtschaftlicher Hof zugleich.
Als auf dem Heuboden ein Feuer ausbrach, wurde das Zusammenspiel von Nachbarschaft und Feuerwehr unmittelbar sichtbar. Während bewegliche Gegenstände aus dem Wohnhaus in Sicherheit gebracht wurden, bildeten Nachbarn Eimerketten und die Feuerwehr bekämpfte den Brand. Das Übergreifen auf weitere Gebäude konnte verhindert werden; die Brennerei blieb betriebsfähig.1
Heinz Everke leitete Brennerei und Landwirtschaft bis zu seinem Tod am 7. August 1975. Danach übernahm sein Sohn Ekhart den Erbhof und den Betrieb. Anfang der 1980er Jahre sollte die Brennerei im Zuge der Stadtsanierung verlagert werden. Eine Fortführung an einem anderen Standort kam für die Familie nicht mehr in Betracht.
Am 1. Oktober 1982 wurde der Brennereibetrieb stillgelegt; die Brennrechte gingen an die Sendenhorster Brennerei Horstmann. 1983 wechselten die für die Sanierung benötigten Grundstücke den Eigentümer. 1983/84 verschwanden Brennerei, Schornstein und Wirtschaftsgebäude an der Neustraße. An ihrer Stelle entstanden Wohn- und Geschäftsbauten.1
Erhalten blieb das denkmalgeschützte Wohnhaus an der Kirchstraße mit seinem markanten Giebel. Es ist heute der sichtbare Rest eines innerstädtischen Wirtschaftskomplexes, in dem über Generationen Wohnen, Landwirtschaft, Handel, Brennerei und Ehrenamt zusammengehörten.
| 1796 | Überlieferter Beginn der Beumerschen Korn-Dickmaischbrennerei |
| 1802/03 | Caspar Everke kommt nach Sendenhorst und wird Bürger |
| 1806 | Das Haus brennt beim großen Stadtbrand nieder |
| 1837 | Eintragung der Firma J. H. Everke |
| 1856/59 | Branntweinschenke und Ausbau der Brennerei |
| 1857 | Heinrich Everke ist für die Feuerspritze verantwortlich |
| 1885 | Wilhelm ist Mitgründer der Freiwilligen Feuerwehr |
| 1907–1928 | Wilhelm Everke führt die Wehr |
| 1920 | Gründung des Verbandes westfälischer Kornbrenner |
| 1929–1967 | Heinz Everke führt die Wehr |
| 1934 | Erste Motorspritze; Exportetikett für die USA |
| 1942/43 | Übergabe von Erbhof und Brennerei an Heinz |
| 1946 | Brand auf dem Heuboden; Brennerei bleibt erhalten |
| 1975 | Tod von Heinz; Ekhart übernimmt |
| 1982 | Stilllegung der Brennerei |
| 1983/84 | Abbruch der Brennerei- und Wirtschaftsgebäude |
Ergänzende Seiten zu Brennereigeschichte, Feuerlöschwesen und den ausgewerteten Quellen.
Weitere Grundlagen: Hausstätten- und Familienunterlagen im Stadt- und Heimatarchiv Sendenhorst, HGF/Fascies-Bestand, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen sowie Bild- und Sammlungsbestände des Heimatvereins Sendenhorst.